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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bismarck, Otto Fürst von

Politiker

* 1815, 01.04.
Schönhausen/Elbe

† 1898, 30.07.
Friedrichsruh bei Hamburg

Otto von Bismarck entstammte einer alteingesessenen Adelsfamilie der Altmark. Einige seiner Vorfahren saßen im 14. Jahrhundert als Patrizier im Rat der Stadt Stendal. Im Jahre 1345 wurde sein bedeutendster Vorfahr, Klaus von Bismarck, wegen seiner Verdienste um die Wittelsbacher in der Mark Brandenburg vorn Wittelsbacher Markgrafen mit Schloß Burgstall belehnt. Dieser seiner märkischen Herkunft und der Geschichte seiner Vorfahren ist sich Otto von Bismarck stets bewußt geblieben. Auch der Reichsgründer und europäische Staatsmann ist nur auf dem Hintergrund seiner Verwurzelung in märkisch-preußischen Traditionen verstehbar. In der Tat hat sich Bismarck immer wieder voll Stolz auf die märkische Herkunft seiner Familie berufen, die dort schon vor den Hohenzollern, jener „schwäbischen Familie“, wie er einmal fast abfällig im Gespräch bemerkte, gesessen habe. Dennoch ist die deutsche Geschichtsschreibung nach der Reichsgründung zunächst bemüht gewesen, ganz im Sinne Droysens und Treitschkes den „nationalen Beruf“ Preußens und den „nationalen Geist“ der auswärtigen Politik Bismarcks „vom ersten Augenblick an“ (Ludwig Hahn, 1878) in seinem Lebensgange nachzuweisen:

Tatsächlich aber hat sich Bismarck vor der Reichsgründung meist nur zurückhaltend zur Frage der nationalen Einheit aller Deutschen geäußert. Auch während der allgemeinen nationalen Begeisterung in den Jahren 1848 bis 1850 bekannte er sich nur so weit zur deutschen Einheit, wie es mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung und für seine Wahl als Abgeordneter notwendig war. Als sich durch die Punktation von Olmütz Ende 1850 die Chance eröffnete, mit Österreich zu einer friedlichen Regelung der Deutschen Frage zu gelangen, setzte er sich entschieden dafür ein, diese Gelegenheit zu ergreifen und die Interessensphären beider Staaten durch die Mainlinie gegeneinander abzugrenzen.

Bis in die letzten Tage vor dem Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges von 1866 verfolgte Bismarck diese Linie seiner politischen Konzeption durch eine Fülle von Entwürfen zu einer Reform des Deutschen Bundes. Alle diese Reformvorschläge liefen gerade nicht auf das Ziel einer nationalen Einigung Deutschlands unter Zerschlagung des Deutschen Bundes hinaus, sondern lediglich auf eine Absicherung Preußens in Norddeutschland durch die Bildung einer Föderation, an der Preußen führend beteiligt gewesen wäre und die die Zustimmung Österreichs gefunden hätte. In diesen Zielen wußte er sich mit seinen Vorgängern im Amte des Außenministers bzw. mit seinen Vorgesetzten einig, ordnete sich also in die Kontinuität bisheriger preußischer Außenpolitik ein. Insofern stellte die 1867 zustande gekommene vorläufige Lösung der Deutschen Frage, die Gründung des preußisch dominierten Norddeutschen Bundes also, das eigentliche Ziel seiner bis dahin verfolgten Politik dar, nur daß er es vorgezogen hätte, dieses Ziel im Einvernehmen mit Österreich zu erreichen.

Daß er die Zielsetzung der Politik Preußens auf Norddeutschland beschränkte, erklärt sich wesentlich aus seinem preußisch geprägten, realistisch und maßvoll auf die „unmittelbar vorliegenden Dinge“ (Brief von Gottfried Kinkel vom 21. Juli 1869) gerichteten Verständnis von Politik. Allerdings sah er nicht voraus, daß dem Norddeutschen Bund eine derart kurze Lebenszeit beschieden sein würde, war vielmehr noch 1869 der Ansicht, daß die deutsche Einigung erst den „Nachkommen“ (Erlaß an Georg von Werthern vom 26. Februar 1869) vorbehalten sein würde.

Eine andere Seite seines Wesens, die Verwurzelung seiner politischen Entwürfe in religiösen Überzeugungen, wird leider auch heute nicht gebührend gewürdigt, und doch war sein lutherisches Christentum für sein politisches Handeln nicht minder bedeutsam als seine preußische Herkunft. Nach einem seiner größten diplomatischen Erfolge, der außenpolitischen Isolierung Dänemarks im Kriege von 1864, schrieb er demütig: „Gott wolle uns ferner in Gnaden leiten und uns nicht der eignen Blindheit überlassen. Das lernt sich in diesem Gewerbe recht, daß man so klug sein kann wie die Klugen dieser Welt und doch jederzeit in die nächste Minute geht wie ein Kind ins Dunkle“ (Brief an seine Gattin vom 20. Juli 1864). Aus solch christlicher Haltung heraus erwuchs ihm die Demut, die ihn befähigte, im politischen Bereich Maß zu halten.

Nach der Reichsgründung erwies sich Bismarck bald als Staatsmann von europäischem Rang. Auch von der erweiterten Machtbasis Preußen-Deutschlands aus wußte er Maß zu halten, blieb nationalem Überschwang unzugänglich und errang dadurch das Vertrauen der übrigen europäischen Staatsmänner. In Gefahr geriet das Deutsche Reich erst unter seinen Nachfolgern, die Bismarcks Tugenden vermissen ließen. Ihnen fehlte das Bewußtsein, daß die Reichsgründung nur „mühsam unter dem bedrohenden … Gewehranschlag des übrigen Europa“ (Ansprache Bismarcks an die Studenten der deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen vom 1. April 1895) erkämpft worden war. Stattdessen sahen sie die Reichsgründung als geradezu selbstverständliches Ergebnis der Geschichte an, ja nur als „Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik“ (Max Weber, 1895). Erst die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben wieder vor Augen geführt, welche Leistung die Gründung und Erhaltung des Deutschen Reiches durch Bismarck gewesen ist. Die preußischen Tugenden des Maßhaltens, der nüchternen Realpolitik hatten neben einer ungewöhnlich günstigen außenpolitischen Konstellation die Gründung des Reiches überhaupt erst ermöglicht. Nur diese Tugenden auch hätten den Bestand eines Reiches, das, in der Mitte Europas gelegen, stets gefährdet blieb, auf Dauer sichern können. Jene Tugenden Bismarcks, die ihn dieses Werk vollbringen ließen, vermögen auch heute noch dem deutschen Volke bei seinem mühevollen Unterfangen, einst „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“, Wegweiser zu sein.

Lit.: Einen gerafften Überblick vermitteln die Kurzbiographien von Wilhelm Mommsen (Otto von Bismarck in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg, 1966 (= rowohlts monographien, hg. v. Kurt Kusenberg, Bd. 122) und Andreas Hillgruber (Otto von Bismarck: Gründer der europäischen Großmacht Deutsches Reich, Göttingen, Zürich, Frankfurt a. M., 1978 (= Persönlichkeit und Geschichte, hg. v. Günther Franz, Bd. 101/102). Über den derzeitigen (1989) Forschungsstand informiert die Biographie von Lothar Gall (Bismarck: Der weiße Revolutionär, Frankfurt a. M., Berlin, Wien, 1983). Auskunft über Literatur zu einzelnen Themen gibt die Bibliographie von Karl Erich Born (Bismarck-Bibliographie: Quellen und Literatur zur Geschichte Bismarcks und seiner Zeit, bearbeitet von Willy Hertel unter Mitarbeit von Hansjoachim Henning, Köln, Berlin, 1966) Grundlegend zu Bismarcks Religiosität ist die Arbeit von Arnold Oskar Meyer (Bismarcks Glaube: Nach neuen Quellen aus dem Familienarchiv, 2. Aufl., München, 1933). Die Beschränkung der politischen Ziele Bismarcks auf den norddeutschen Raum ist vom Verfasser in einem Aufsatz ausführlicher dargelegt („Bismarcks Bemühungen um eine Reform des Deutschen Bundes 1849-1866“, in: Preußen, Europa und das Reich, hg. v. Oswald Hauser, Köln, Wien, 1987, S. 199-221 (Neue Forschungen zur brandenburg-preußischen Geschichte, im Auftrage der Preußischen Historischen Kommission in Zusammenarbeit mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz hg. v. Oswald Hauser, Bd. 7). Weitere Literatur: Rudolf Augstein: Otto von Bismarck, Frankfurt/Main. – Bernd Heidenreich, Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Bismarck und die Deutschen. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2005.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Bismarck

Andreas Kaernbach

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