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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Borée, Karl Friedrich

Schriftsteller

* 1886, 29.01.
Görlitz/Niederschlesien

† 1964, 28.07.
Darmstadt

Karl Friedrich Borée vereinbarte sein zeitgeschichtliches Engagement (das erst 1948 einsetzte) mit sehr einseitig rationalistischer und scheinbar logisch schlüssiger Popularphilosophie. Überzeugt von der Notwendigkeit „analytischen Denkens“, opponierte er gegen alles politisch Emotionale und mystisch Verbrämte, befleißigte er sich einer unbestechlichen Objektivität des Untersuchens und fundierte die Urteile mit dem kategorischen Imperativ des guten Handelns: „Denn dazu sind wir Menschen, daß wir auch Gegebenheiten der Welt und unserer eigenen Natur korrigieren.“ August Scholtis charakterisierte seinen Freund als preußischen Protestanten. Unbedingt glaubte Borée an die Möglichkeit einer vollkommenen Welt im Sinne Leibnizens und Kants. Wie er in den Essays „Die halbvollendete Schöpfung“, der Skizzen- und Feuilleton-Sammlung „Federübungen“ und der Erzählung „Heilung“ (zus. 1948) ausführte, gelingt die Wiederherstellung der Seinsordnung durch Willen und Tat des einzelnen und der Gemeinschaft. In den Romanen „Ein Abschied“ (über die Verteidigung Königsbergs am Ende des Zweiten Weltkriegs; 1951) und „Frühling 45“ (über die letzten Kriegstage und die Nachkriegszeit in Berlin; 1954) werden Beispiele des Sichdurchsetzens und des glücklichen Auswegs gegeben. Die Beweisführung verknüpft sich zuweilen mit Kolportagehaftem (in früheren Jahren schrieb Borée überwiegend Unterhaltungsliteratur). Die einfache Formel, daß der Mensch sein Schicksal in der Hand habe, verursachte schließlich in dem (teils autobiographischen) Buch „Semiten und Antisemiten“ (1960) abwegige Erklärungen der Judenpogrome. Nicht zuletzt war ein Anspruch auf richterliche Befugnis im Spiel.

Borée berief sich auf seine integre Haltung gegenüber dem NS-Regime. Sein Roman „Das Quartier an der Mosel“ (1936), eine seltsam humorvolle Schilderung des Rückmarsches deutscher Truppen im Herbst 1918, wurde verboten. Daraufhin griff er auf jene harmlose Belletristik zurück, die ihm 1930 den Verkaufserfolg des Romans „Dor und der September“ eingebracht hatte. (Es ist der Roman der unerfüllten Liebe eines entlassenen Marineoffiziers und einer Studentin.) Die 1937 erschienene „Kurze Reise auf einen anderen Stern“ ist ein Liebesroman aus einem Winterkurort. Der Roman eines Ehekonflikts, „Maria Nehls“ (1939), spielt in einem italienischen Künstlerkreis. Die „Geschichte eines Unbekannten“ (1938) trägt sich im Rußland der Jahre 1917-27 zu und vermittelt das übliche Bild der kommunistischen Revolution.

Erstmals in der „Halbvollendeten Schöpfung“ sind philosophische Kalküle ausgesprochen. „Immer wird es Menschen geben, die das Letzte hinter dem Erfahrbaren suchen, weil es nicht befriedigt, daß das Letzte der menschlichen Erkenntnis überlassen sein soll. Sie vermögen von dieser allzu irdischen Speise nicht zu leben. Wie, umgekehrt, es auch immer solche geben wird, die sich bei dem Unerklärtennicht beruhigen und es als das unverzichtbare Recht des Menschen in Anspruch nehmen, mit seinem Geiste auch den hintersten Grund der Welt zu durchleuchten.“

Obwohl in Görlitz geboren, war Borée unbeeinflußt von der Aura des Jakob Boehme. Nirgendwo treten theosophische Erwägungen auf. Die Romane über Königsberg und Berlin, in denen sich die Mächtigkeit des Chaos am sinnfälligsten äußert, sind vordergründige Exempel menschlichen Versagens und menschlicher Bewährung. Nachgewiesen wird das Selbstverschulden des Unheils durch die Mehrheit, die sich dem Regime und den Befehlen fügt, während die im Widerstand befindliche Minderheit als durchsetzungsfähig und im geschichtlichen Sinne als erfolgreich hingestellt wird. Das Tragische wird durch den Maßstab der Verantwortlichkeit veräußerlicht: „Charakter ist ein Produkt von Naturanlage und Formung. Anlage ist ein Mitgegebenes; durch den Faktor der Formung, der zu einem großen Teil in unseren Willen gelegt ist, sind wir für das Ergebnis, eben diesen Charakter, zu einem hohen Prozentsatz verantwortlich. Schon die versäumte Formung, die mangelhafte Selbsterziehung oder Selbstbeherrschung, ist Schuld.“

Daraus erfolgten die Schuldfeststellungen gleichermaßen bei Antisemiten und Juden. „Es gibt bestimmte Eigenschaften sowohl von guter als von unguter Qualität, die den Juden zwar nicht durchaus vorbehalten sind, die aber bei ihnen besonders häufig auftreten – wie ja auch ihre Körperlichkeit spezifische Züge auf weist, die dem nichtjüdischen Menschen kaum je zu eigen sind.“ „Man kann nicht sagen: So und so ist der Jude, so und so ist der Italiener, die Eigenschaften wechseln, aber es kehren bestimmte Züge wieder, die dieGattung markieren.– Unter dem Spitznamen PC lief er um, eine stadtbekannte Figur, und gefiel sich mit selbstironisierendem Lächeln in dieser Rolle. Er konnte selber mit Vergnügen erzählen, was ihm eines Nachts passiert war, in einer weit vorgerückten Nacht und einem weit vorgerückten Zustande der Alkoholisierung …“ Eine derart „analytische“ Methode erwies sich als ebenso unzulänglich wie der Emotionalismus des Wolfgang Schwarz.

In der Kurzgeschichte „Verworrenes Quartier“ (1958) heißt es: „Ich dachte über den verworrenen Tag nach, über Glück und Pech und dachte an die Toten, neben denen ich im Kriege gewacht und geschlafen hatte: das Grauen war nur eine überhebliche Voreingenommenheit.“

Borée lebte bis zum 18. Lebensjahr in Görlitz, war bis 1914 Student und Assistent an der juristischen Fakultät Berlin. Nach Teilnahme am Ersten Weltkrieg („Ich bin niemals mit Lust Soldat gewesen, obwohl ich offenbar dazu taugte.“), ließ er sich als Jurist in Königsberg nieder. Die in Berlin gegründete Anwaltspraxis gab er 1934 auf und wurde freier Schriftsteller. 1952 übernahm er das Sekretariat der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (dort gest.). Er zählte sich nicht zu den Schlesiern, publizierte aber in der Vierteljahresschrift „Schlesien“.

Quelle: Arno Lubos, Geschichte der Literatur Schlesiens, III. Band, Bergstadtverl. Wilh. Gottl. Korn, München (jetzt Sigmaringen) 1974, S. 373-374.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Friedrich_Bor%C3%A9e

Arno Lubos

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