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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Borowski, Ludwig Ernst von

Erzbischof

* 1740, 17.06.
Königsberg i.Pr.

† 1831, 10.11.
Königsberg i.Pr.

Walther Hubatsch hat Borowski „eine der urtümlichsten Charaktergestalten der altpreußischen Kirchengeschichte“ genannt und sich damit dem Urteil des Leiters der preußischen Kultussektion, Ludwig Nicolovius (1767-1839), angeschlossen, der, gleichfalls aus Königsberg stammend, notierte: „Wir können alle uns sagen: Seinesgleichen sehen wir nicht wieder“. Der hohe und einflußreiche Ministerialbeamte, der rund drei Jahrzehnte lang die Reformen des preußischen Kirchenwesens maßgeblich bestimmt hatte, spricht von Borowski allerdings auch als von einer „merkwürdigen Erscheinung, nicht nur vom Könige, auch von Gott gezeichnet“. Worauf Nicolovius mit solchem Votum abzielen wollte, mag ein Blick in den Lebensgang dieses Mannes verdeutlichen, der als einziger leitender protestantischer Geistlicher in Deutschland den Titel eines Erzbischofsgetragen hat.

Borowskis Vater, dessen einst wohlhabende polnische Familie um des Glaubens willen nach Ostpreußen eingewandert sein soll, wirkte als Hofküster an der Königsberger Schloßkirche. Schon mit 15 Jahren begann Ernst Ludwig an der Universität seiner Heimatstadt mit einem Studium, das ganz im Zeichen Kants stand. Als einer der ersten Schüler und Biographen („Darstellung des Lebens und Charakters I. Kants“, Königsberg 1804) des großen Philosophen wußte Borowski auch später noch an Kant zu rühmen, daß er die Theologen gelehrt habe, der „falschen, windigten, viel prahlenden und nichts fruchtenden Aufklärung auszuweichen“. Trotzdem wird Wendlands Urteil über Borowskis Verhältnis zu Kant alles in allem richtig sein: „Für sein inneres Leben ist das kritische System jedenfalls von keiner Bedeutung gewesen. Die Bibel ist ihm stets eine größere Autorität gewesen als Kant. Und er hat letzten Endes den Wert der Kantischen Philosophie danach beurteilt, ob Kant mit den Wahrheiten des Christentums übereinstimmt.“

Noch nicht 18 Jahre alt, wurde Borowski von Kant als Hauslehrer an den General von Knobloch empfohlen, wirkte dann ab 1762 als Feldprediger und Erzpriester von Schaaken und wurde schließlich 1782 an die Neuroßgärter Kirche in Königsberg berufen. Mit diesem Ruf verbunden war die Ernennung zum Kirchen-, Schul- und Konsistorialrat.

Zu überregionaler Bedeutung gelangte Borowski ab 1807, als König Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise in Königsberg residierten. In der Zeit größter nationaler Not bedeuteten Borowskis Predigten dem Königspaar „ein wahres Labsal“. Nach der Besetzung Königsbergs durch die Franzosen predigte er beispielsweise im Anschluß an 2. Chron. 20,12 über den Gedanken „Wie gut wir uns befinden würden bei dem Entschlusse: Wir wissen nicht, was wir thun sollen, aber unsere Augen sehen nach dir.“ Besonders eng gestaltete sich das Verhältnis Borowskis zur Königin, die ihn an ihren privaten religiösen Betrachtungen teilnehmen ließ. Der König hat später gegenüber dem Potsdamer Oberhofprediger Eylert bezeugt, was Borowski ihm damals bedeutet hatte: „Das Unglück der Zeit, welches mich, mein Haus und Land getroffen, übertünchte er nicht mit einschläfernden Entschuldigungen; er deckte es vielmehr in seinen wahren Grundursachen freimütig auf, legte diese mir klar vor Augen und schonte mich nicht. – Die ernste, oft schneidende Freimütigkeit entfernte mich nicht; zog mich vielmehr, da sie sichtbar der Ausfluß der reinsten Teilnahme, ich muß sagen, einer gewissen frommen, zärtlichen Besorgnis war, um so inniger zu dem originellen, herrlichen Mann hin, und sein Umgang wurde mir unentbehrlich.“ Noch fester wurden die Beziehungen des Königs zu seinem Seelsorger nach dem Tod der Königin Luise, die 34jährig am 19.7.1810 starb. Borowski hat ihr am 19.8.1810 in der Neuroßgärter Kirche eine große Gedenkpredigt gehalten und dieser das Wort Jes. 55,8-9 „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ zugrunde gelegt. 1815 wurde Borowski im Alter von 75 Jahren zum Oberhofprediger, 1816 zum Bischof und 1829 schließlich zum Erzbischof berufen. 1831 erhielt der inzwischen 91 Jahre alte Geistliche schließlich noch als erster seines Standes seit 1701 den Schwarzen Adlerorden verliehen. Seine Heimatstadt ehrte Borowski, „der Not und Überwindung der Franzosenzeit in Ostpreußen verkörperte“ (Hubatsch), durch ein Denkmal vor der Neuroßgärter Kirche, das im Juni 1907 enthüllt wurde. In einer Zeit politisch-gesellschaftlicher Umstürze und tiefgreifender theologischer Auseinandersetzungen verkörperte Borowski Kontinuität und Offenheit für neue Entwicklungen zugleich. Entscheidend durch ein klares Luthertum geprägt, gehörte Borowski zu jenen, die, ohne ihr eigentlich zugerechnet zu werden, der Erweckungsbewegung die Wege ebneten. Rückblickend urteilte er 1822: „Etwa vor drei oder vier Jahrzehnten war so manches im Gange, dessen Beseitigung wir wünschen mußten. Wir hörten oder lasen Naturpredigten, Vorträge zur Empfehlung der Einimpfung, ökonomische usw. Auch dies ist vorüber. (…) Die Mehrzahl unserer Gemeinden hält sich (jetzt) an das Jesuswort: Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Das besondere Interesse Borowskis galt liturgischen Fragen. An der Gesangbuchreform, die Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ wieder in das ostpreußische Gesangbuch brachte, war er ebenso beteiligt wie an den Auseinandersetzungen um die Einführung einer unierten Agende in Preußen. Für die Verbreitung der Bibel wirkte Borowski noch in hohem Alter – ab 1814 – als Präsident der Bibelgesellschaft. An der litauischen Bibelübersetzung, der sog. „Cönigsberger Bibel“, hatte er wesentlichen Anteil. Auch die damals zur Blüte kommende Missionsarbeit förderte der Bischof ab 1822, der sich im übrigen intensiv mit der Verbesserung der kirchlichen und schulischen Verhältnisse in Ostpreußen beschäftigte, besonders mit dem Verhältnis von Universitätstheologie und kirchlichem Leben: „So wirkte er erbaulich seelsorgerisch und suchte die Eigenschaften zu fördern, die in Notzeiten am meisten erforderlich sind: Gottergebung und Standfestigkeit, Pflege des Gemeinschaftsgedankens und der Opferbereitschaft für den Nächsten.“ (Hubatsch)

Lit.: Hermann Häring: Art.: Borowski, E.L. v., in: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche 3, Leipzig 1897, S. 329-332 (Lit.); Walther Hubatsch: i Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens I, Göttingen 1968 (Reg.); Alfred Uckeley: Königsberger patriotische Predigten aus den Jahren 1806 bis 1816 des Erzbischofs der evangelischen Kirche D. Ludwig Ernst von Borowski = Schriften der Synodalkommission f. ostpreußische Kirchengeschichte 17, Königsberg 1914; Walter Wendland: Ludwig Ernst von Borowski, Erzbischof der evangelischen Kirche in Preußen – ebd. 9, Königsberg 1910; Ders.: Die Religiosität und die kirchenpolitischen Grundsätze Friedrich Wilhelms des Dritten und ihre Bedeutung für die Geschichte der kirchlichen Restauration = Studien z. Geschichte des neueren Protestantismus 5, Gießen 1909 (Reg.). – Borowski „Ausgewählte Predigten und Reden“ gab sein Enkel K.L. Volkmann 1833 in Königsberg heraus; am Schluß des Bandes findet sich ein Verzeichnis der gedruckten Schriften Borowskis.

Bild: Wulf D. Wagner, Heinrich Lange: Das Königsberger Schloss. Eine Bau und Kulturgeschichte. Schnell & Steiner, Regensburg 2011, S. 155.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Ernst_von_Borowski

Peter Maser

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