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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Brandenburg, Erich

Historiker

* 1868, 31.07.
Stralsund/Pommern

† 1946, 22.01.
Leipzig

Von der über Jahrhunderte gewachsenen politischen Tradition der Hansestadt Stralsund geprägt und aus einem Ratsgeschlecht gebürtig, sein Vater war Bürgermeister, studierte Brandenburg nach dem Besuch des Gymnasiums seiner Vaterstadt auf väterlichen Wunsch seit 1886 Rechtswissenschaft in Leipzig, Heidelberg und Göttingen, ehe er sich 1888 in Berlin ganz der Geschichte zuwendete. Auf Anregung von Reinhold Koser und Max Lenz, der ihn vor allem prägte, promovierte er 1890 über König Sigmund und Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg. 1892 folgte die Staatsprüfung für das Höhere Lehramt. Unter dem Einfluß von Lenz wandte sich Brandenburg der Reformationsgeschichte zu. Er begann mit umfangreichen Archivstudien in Weimar, Marburg und Dresden für eine Biographie des albertinischen Wettiners Moritz von Sachsen. 1894 habilitierte er sich in Leipzig mit der Arbeit Die Gefangennahme Herzog Heinrichs von Braunschweig durch den Schmalkaldischen Bund. Zu den Gutachtern zählten Karl Lamprecht und Erich Marcks.

Im Herbst 1894 begann mit der Vorlesung “Die Geschichte des15. Jahrhunderts” die langjährige akademische Wirksamkeit Brandenburgs in Leipzig. 1899 zum außeretatmäßigen und 1902 zum etatmäßigen a.o. Professor ernannt, erhielt er 1904 das Ordinariat für neuere Geschichte in der Nachfolge von Marcks. Nach dem Dekanat 1917/18 übernahm er 1919/20 als Rektor die Verantwortung für die gesamte Universität. Zum 450. Geburtstag Martin Luthers im Jahre 1933 verlieh die Leipziger Theologische Fakultät dem “Erforscher der Reformation und neueren Geschichte” und dem “Meister der historischen Darstellung” den D. theol. Nach seiner Emeritierung zum Ende des Wintersemesters 1934/35 sah die Wissenschaftsverwaltung keine Schwierigkeiten, Brandenburg noch bis zum Februar 1938 mit der Vertretung des eigenen Lehrstuhls zu betrauen. Der Tod beendete die Bemühungen der Universität von Anfang Oktober 1945, den 77jährigen durch die Betrauung mit Lehrveranstaltungen und mit der  stellvertretenden Leitung des Historischen Instituts wirtschaftlich zu unterstützen.

1898 hatte Brandenburg den ersten Band einer (leider nicht vollendeten) Biographie über Moritz von Sachsen veröffentlicht. Er wandte sich damit nicht nur einer der umstrittensten Personen des 16. Jahrhundert zu; er entwickelte vielmehr an diesem Fürsten auch sein methodisches Verständnis von Geschichte, seinen bewußt “realistisch-politischen Stil der Geschichtsschreibung” (H. Oncken). Quellenbewußte Einzelforschung diente dazu, aus dem Handeln des Herzogs das Werden seines Charakters zu entwickeln und so seine Bedeutung für das Reich und für Sachsen zu erarbeiten. In enger Verbindung mit der Biographie übernahm Brandenburg 1896 im Auftrag der Königlich sächsischen Kommission für Geschichte die Edition der Politischen Korrespondenz der Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen, von der unter seiner Verantwortung 1900 Band 1 (bis 1543) und 1904 Band 2 (1544/46) erschienen.

Zum Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit Brandenburgs entwickelte sich jedoch die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus bis 1914. Die zweibändige Darstellung Die Reichsgründung (1916,21923) verfolgt die Entwicklung des deutschen Einheitsbewußtseins seit den Freiheitskriegen über die vergeblichen Bemühungen 1848 und die zielbewußte Politik Preußens unter Bismarck bis zur eigentlichen Reichsgründung. Mit Brandenburg kam eine neue Generation zu Wort, die jene Jahre nicht mehr selbst miterlebt hatte, die aber weniger an einer Neubewertung interessiert war, als an einer Vertiefung und Befestigung des schon durch Heinrich von Sybel oder Max Lenz gestalteten Geschichtsbildes. Dieses geschah zuletzt unter dem Druck der politischen Erfahrungen von 1913/14, ohne die Politikfähigkeit der eigenen, durch Quellenkritik und klare Deutung geprägten Aussagen zu vernachlässigen. Brandenburg suchte bewußt das politische Engagement des Historikers und zählte darin noch zur “nationalliberalen Historikerschule”.

1921 beauftragte das Auswärtige Amt Brandenburg damit, die deutsche Außenpolitik von der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges aktenmäßig darzustellen. Das Werk Von Bismarck zum Weltkriege (1924;21925, 1927 englisch, 1936 japanisch; Neubearbeitung 1939, Nachdruck Darmstadt 1967) verstand sich als “erster Versuch”, eine “Darstellung der Tatsachen” nach den Akten “ohne Rücksicht auf Parteigefühle” zu geben, und als “Einleitung einer wirklich sachlichen Aussprache” (S.Vf). Wenn Brandenburg die deutsche Politik auch sehr kritisch behandelt und ihr unter anderem Kurzsichtigkeit, Planlosigkeit, “plötzliches Zufahren” und Mangel an Vorsicht vorhält, so habe diese doch zu keiner Zeit “den Krieg gewollt oder auf ihn hingearbeitet”. Der damit deutlich ausgesprochene Versuch, den Schuldvorwurf in Artikel 231 des Versailler Vertrages zu widerlegen, ließ trotz aller kühlen Sachlichkeit und begrifflichen Schärfe die schwer faßbare Mischung aggressiver und defensiver Aspekte in der deutschen Politik außer acht, wie er auch die inneren Probleme des Kaiserreiches nicht erfaßte.

Sah Brandenburg lange Zeit seinen politischen Ort in der Nationalliberalen Partei, der er seit 1904 angehörte, so engagierte er sich im Kriege in der 1917 gegründeten Vaterlandspartei, einer nationalistischen Sammlungsbewegung, die alle Friedensbemühungen ablehnte und ultimativ für einen Annexions- und Siegfrieden eintrat. Der Zusammenbruch des Bismarck-Reiches und die Revolution von 1918 bewirkten bei Brandenburg eine deutliche Veränderung seiner politischen Grundanschauungen. Trat er 1917 noch eindeutig für die Monarchie ein (50 Jahre Nationalliberale Partei 1867-1917), so kam für ihn 1919 “als Staatsform des neuen Reiches und der Einzelstaaten nur die Republik in Frage” (Wie gestalten wir unsere künftige Verfassung. 1919). Als Aufgabe nach der Revolution nicht nur für den Historiker, sondern für jeden “politisch interessierten Menschen” sah er es an, zur materialistischen Geschichtsauffassung Stellung zu beziehen, was Brandenburg bewußt und programmatisch in seiner Rektoratsrede am 31. Oktober 1919 tat (erweiterte Fassung: Die materialistische Geschichtsauffassung. 1920).

Eher ungewohnt für einen Historiker sind die genealogischen Arbeiten, denen sich Brandenburg seit 1934 verstärkt widmete: Es erschienen Die Ahnentafel Friedrichs des Großen. 1934; Die Nachkommen Karls des Großen 1.-14. Generation. 1935; Die Ahnentafel der Kaiserin Maria Theresia. 1937; Die Ahnen Augusts des Starken 1.-13. Generation. 1938; Die Ahnen Karl Augusts von Sachsen-Weimar. 1943.

Weiteres Werk: Europa und die Welt (Europa-Bibliothek, hrsg. v. E. Brandenburg, E. Rothacker, F. Stieve, J. Tönnies), Hamburg 1937.

Lit.: Neue Deutsche Biographie, Bd. 2, S. 517. — H. Oncken: Erich Brandenburg zum 70. Geburtstag. In: Forschungen und Fortschritte 14 (1938), S. 259 f. — W. Goetz, in: Jahrbuch der bayerischen Akademie der Wissenschaften 1949. München 1950, S. 105 f. — G. Wartenberg: Zur Geschichte der Edition der “Politischen Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen.” In: Jahrbuch für Regionalgeschichte 14 (1987), S. 26-34). (Bibliographie liegt bisher nicht vor.)

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Brandenburg

Bild: Erich Brandenburg im Jahre 1935; Universitätsarchiv Leipzig.

Günther Wartenberg

 

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