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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Brandsch, Rudolf

Volkstumspolitiker, Pädagoge

* 1880, 22.07.
Mediasch/Siebenbürgen

† 1953, 23.09.
Bukarest

Rudolf Brandsch gehört zu den bedeutendsten rumäniendeutschen und auslandsdeutschen Politikern der Zwischenkriegszeit, der für den Schutz der nationalen Minderheiten Europas die Schaffung von Landesverbänden und gemeinsamer internationaler Gremien initiiert hat und in diesen Organismen führend tätig war. Als Siebenbürger Sachse brachte er dafür die erforderliche Erfahrung ein, da die Sachsen im Kampf für die Aufrechterhaltung ihrer ethnischen Eigenart auf eine bewährte Tradition zurückblickten. Brandsch durchbrach zugleich die traditionelle sächsische Volkspolitik, die sich bis 1918 durch Abkapselung gegenüber anderen Volksgruppen auszeichnete. Er plädierte für eine Öffnung, für einen gemeinsamen Kampf mit anderen deutschen Volksgruppen und nationalen Minderheiten, vor allem mit den Deutschen des damaligen Ungarns. Für internationale Betätigung bot sich ihm nach dem Ersten Weltkrieg ein reiches Betätigungsfeld, da sich in Ostmittel- und Südosteuropa für fast 80 Millionen Menschen die Staatsbürgerschaft geändert hatte. In diesem Raum lebten über 30 Nationen und Nationalitäten, es gab hier kein Land, das nicht beachtliche nationale Minderheiten besaß. Den größten Anteil machten die Deutschen mit 8,3 Millionen in 13 Staaten und die Ukrainer mit 10 Millionen in fünf Staaten aus. Die neu entstandenen Staaten hatten zwar Minderheitenschutzverträge unterschreiben müssen, deren Überwachung dem Völkerbund übertragen worden war, hielten sich aber nur zum Teil daran.

Die nationalen Minderheiten schufen sich zwecks Durchsetzung von Minderheitenrechten und zur Stärkung ihrer Position neben nationalen auch internationale Gremien – den „Verband der Deutschen in Europa“ und den „Europäischen Nationalitätenkongreß“. Brandsch gehörte zu den Gründern beider Organismen und zu deren Führung.

Rudolf Brandsch hatte nach dem Abschluß des Mediascher Gymnasiums von 1898 bis 1903 Theologie und Philologie in Marburg, Klausenburg, Berlin und Jena studiert, war dann bis 1913 Lehrer in Großschenk und Hermannstadt und von 1910 bis 1918 zugleich Abgeordneter im ungarischen Parlament. 1913 trat er aus dem Schuldienst aus und wurde Berufspolitiker und dann Beamter. In seiner politischen Tätigkeit stützte er sich in Hermannstadt bis in die 1930er Jahre auf den sogenannten „Bürgerabend“, der von kleinbürgerlichen Gewerbetreibenden getragen wurde.

Als Politiker machte Brandsch erstmals 1910 auf sich aufmerksam, als er sich entgegen der offiziellen sächsischen Politik seiner Kollegen im ungarischen Parlament, welche sich nach einem „Versöhnungsabkommen“ mit der Regierung und aus taktischen Gründen ausschließlich auf die Verteidigung sächsischer Interessen beschränkten, zum Sprecher der Schwaben machte, die im Reichstag nicht vertreten waren, und sich für eine Zusammenarbeit aller Deutschen Ungarns aussprach. Gleichzeitig nahm er Verbindung zu rumänischen Abgeordneten auf. Er stieß mit dieser Haltung auf Ablehnung. Der ungarische Ministerpräsident nannte sein Plädoyer für eine gemeinsame ungarndeutsche Politik einen „unerhörten Dummen-August-Streich“. Er ließ sich jedoch nicht abschrecken und trug durch Besuche in ungarndeutschen Siedlungen dazu bei, daß sich die Donauschwaben politisch zu organisieren begannen und den Kampf gegen die bereits stark fortgeschrittene Magyarisierung aufnahmen. Er gründete den „Deutschen Bauernbund“ Ungarns und verhalf vielen schwäbischen Mittelschülern siebenbürgisch-deutsche Gymnasien zu besuchen.

Die Beziehungen Brandschs zu führenden rumänischen Politikern machten sich nach 1918 bezahlt, als Siebenbürgen mit Rumänien vereinigt wurde. Ebenso sahen die Banater- und Sathmarschwaben, die Bukowina-, Bessarabien- und Dobrudscha-Deutschen und natürlich die Sachsen, die nun alle zu Rumänien gehörten, in ihm den berufenen Politiker, diese deutschen Volksgruppen, zwischen denen es bisher kaum Verbindungen gegeben hatte, als rumäniendeutsche Minderheit zu organisieren. Bereits 1919 stellten ihre Vertreter unter der Leitung von Brandsch ein gemeinsames Wahl- und Volksprogramm auf und beteiligten sich erfolgreich an den Parlamentswahlen. Unter seinem Vorsitz konstituierte sich 1921 der „Verband der Deutschen Großrumäniens“, der als Dachorganisation die Tätigkeit der politischen Organisationen, der sogenannten Volksräte oder Volksgemeinschaften der verschiedenen rumäniendeutschen Provinzen, koordinierte. Brandsch war bis 1931 Vorsitzender dieses Verbandes. Gleichzeitig leitete er anfangs auch die sogenannte „Deutsche Partei“ im Parlament. Da es über die Parlamentspolitik zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der deutschen Fraktion kam und dabei sich die Linie von Hans Otto Roth durchsetzte, wurde dieser 1922 zum Sprecher der rumäniendeutschen Parlamentarier. Brandsch verblieb aber weiterhin im Parlament. Die persönliche Rivalität zwischen diesen beiden Männer wirkte sich indes äußerst negativ auf ihr Wirken aus.

Bis Anfang der 1930er Jahre entfaltete Brandsch auf internationalem Parkett eine umfangreiche Tätigkeit als Nationalitätenpolitiker. Gemeinsam mit dem Baltendeutschen Ewald Amende lud er im Jahre 1922 Spitzenvertreter deutscher Minderheiten aus 14 Ländern zu einer Besprechung nach Wien ein. Auf dieser Zusammenkunft wurden gemeinsame Grundsätze für eine Minderheitenpolitik ausgearbeitet und der „Verband der deutschen Volksgruppen in Europa“ gegründet. Ihrem Initiator Brandsch vertraute man das Amt als Vorsitzenden an. Es bahnte sich nun eine enge Zusammenarbeit zwischen den deutschen Minderheiten an, deren Vertreter sich jährlich auf Tagungen trafen. Als ihr Organ erschien seit 1927 in Wien „Nation und Staat. Deutsche Zeitschrift für das europäische Minderheitenproblem“, herausgegeben von einem Kollegium, bestehend aus Brandsch, dem Baltendeutschen Paul Schiemann, dem Ungarndeutschen Jakob Bleyer und dem Nordschleswiger Johannes Schmidt-Wooder. Brandsch gehörte bis 1933 dem Redaktionskollegium an und veröffentlichte in der Zeitschrift wesentliche Beiträge zur Minderheitenpolitik. Als Presseorgan für seine politische Arbeit in Rumänien und die des „Verbandes der Deutschen in Großrumänien“ gab er von 1921 bis 1927 die monatlich erscheinenden „Deutschen politischen Hefte Großrumäniens“ heraus.

Brandsch hatte auch wesentlichen Anteil an der Gründung des „Nationalitätenkongresses“ (1925), der sich als Sprachorgan aller nationalen Minderheiten Europas verstand. In ihm dominierten die deutschen Vertreter. Brandsch spielte bei der Vorbereitung und Gestaltung der Kongresse eine beachtliche Rolle, dies aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Präsidium des Gremiums und als Vorsitzender des Verbandes der deutschen Volksgruppen Europas. Sein Bestreben war insbesondere die Schaffung von Minderheitenministerien und von Minderheitenschutzgesetzen in den europäischen Staaten. Er selbst wurde 1931 in Rumänien in die Regierung von Nicolae Iorga als Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen berufen, mußte aber aus diesem Grunde zugleich den Vorsitz des Verbandes der Deutschen in Rumänien und des Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa abgeben, den nun Hans Otto Roth übernahm. Es war Brandsch leider nicht vergönnt, eine wesentliche Änderung der rumänischen Nationalitätenpolitik zu bewirken oder gar ein Minderheitengesetz zu schaffen. Mehr noch, er wurde sowohl von nationalistischen rumänischen Politikern als auch von den unzufriedenen nationalen Minderheiten Rumäniens, vor allem seitens der Ungarn, unter Beschuß genommen. Seine eigenen Landsleute warfen ihm Regierungsopportunismus und einen zu geringen Einsatz hinsichtlich sächsischer Angelegenheiten vor. Dabei übersah man, daß er beauftragt worden war, sich um alle nationalen Minderheiten zu kümmern und nach Lösungen suchen sollte, um zwischen diesen und dem rumänischen Staatsvolk ein besseres Zusammenleben herzustellen. Brandsch war enttäuscht, als beim Regierungswechsel gerade die nationalzaranistischen Politiker Iuliu Maniu und Vaida-Voevod, auf die er so vertrauensvoll gesetzt hatte, ihn 1932 entließen. Er wurde auch sächsischerseits fallengelassen und 1933 nicht mehr als Kandidat fürs Parlament nominiert. Es war ein unverdienter Ausschluß von der weiteren Mitgestaltung des politischen, öffentlichen Lebens, zumal damals die nationalsozialistische Erneuerungsbewegung immer mehr an Boden gewann. Zu dieser nahm er allerdings eine schwankende Haltung ein: Während er anfangs die „Schreier“ dieser Bewegung ablehnte, unterstützte er, als es zu deren Spaltung kam, 1935 die Gründung der radikalen nationalsozialistischen „Deutschen Volkspartei“. Er dürfte dies als Reaktion gegen die etablierte Volksführung der „Volksgemeinschaft“ getan haben, die ihn ausgeschlossen hatte. Dank seiner guten Beziehungen zu rumänischen Politikern erhielt er einen Posten als Verwaltungsinspektor im Innenministerium, den er bis 1944 behalten konnte.

Nachdem Rumänien am 23. August 1944 das Waffenbündnis mit Deutschland kündigte, mit den Alliierten einen Waffenstillstand abschloß und dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, setzte die Verfolgung der Deutschen in Rumänien ein. Brandsch versuchte nun mit anderen Männern wie Hans Otto Roth, anstelle der geflohenen nationalsozialistischen Volksgruppenführung eine neue, demokratische Vertretung der Rumäniendeutschen aufzubauen. Eine solche wurde den Deutschen jedoch nicht zugestanden, sie wurden als angebliche Faschisten und Hitleristen diskriminiert. Gleichwohl versuchten Brandsch und andere Rumäniendeutsche vor allem durch Fürsprachen beim Ministerpräsidenten Nicolae Rădescu, die von den Sowjets angeordnete Deportation der arbeitsfähigen rumäniendeutschen Männer und Frauen zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion zu verhindern, was leider nicht gelang.

Als am Ende des Krieges als Folge von Flucht, Deportation, Kriegsgefangenschaft sich von den 250.000 Sachsen etwa 90.000 außerhalb des Landes befanden, war Brandsch der Ansicht, daß es für sie keine Zukunft mehr in Siebenbürgen gebe, und er plädierte für eine Umsiedlung nach Deutschland.

Nach 1944 hatte Brandsch keine Anstellung und auch kein Einkommen, eine Staatsrente wurde ihm nicht gewährt. Mehr noch, im Zuge der kommunistischen Verfolgung und Repressalien wurde er als bürgerlicher Politiker erstmals 1948 und dann wieder 1952 verhaftet, in Verwaltungsgewahrsam genommen und ohne Prozeß gefangen gehalten. Am 23. September 1953 ist er im Gefängnis in Bukarest verstorben, wobei die Familienangehörigen erst nach Monaten über seinen Tod verständigt wurden. Dasselbe Schicksal hatte auch Hans Otto Roth am 1. April desselben Jahres ereilt.

Werke: Rudolf Brandsch: Das Deutschtum Ungarns, seine Verteilung und Bedeutung. Wien 1908. – Gegen Volksschädigung, politische Torheit und Verleumdung. o. J. (um 1933). – Die magyarische Frage. Bukarest 1940. – Umfangreiche publizistische und herausgeberische Tätigkeit.

Lit.: Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongreß 1925 bis 1938, Marburg 2000. – Eduard Eisenburger: Rudolf Brandsch. Zeit- und Lebensbild eines Siebenbürger Sachsen, Klausenburg 1983. – Karl Kessler: Rudolf Brandsch. Ein südostdeutscher Volksmann, München 1969. – Wolfgang Miege: Das Dritte Reich und die Deutsche Volksgruppe in Rumänien 1933-1938. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Volksgruppenpolitik, Frankfurt/M. 1972. – Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest. Statistisch-Biographisches Handbuch der deutschen Parlamentarier in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945. Kopenhagen 1991, Bd. II, S. 561-580, 614-615.

Bild: Zeichnung von Harald Meschendörfer

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Brandsch

Michael Kroner

 

 

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