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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bredow, Hans

„Vater des Deutschen Rundfunks“

* 1879, 26.11.
Schlawe/Pommern

† 1959, 09.01.
Wiesbaden

Hans Bredow ist in der deutschen Rundfunkgeschichte maßgeblich aufgetreten – er begann als Ingenieur der Funktechnik, wurde Direktor bei Telefunken, begründete den deutschen Schiffs- und Auslandsfunkverkehr und wurde der Vater des Deutschen Rundfunks.

Hans Karl August Friedrich Bredow ist als Sohn des preußischen Beamten Carl Bredow und seiner Frau Julie, geb. Fronhoefer, in der Kreisstadt Schlawe geboren. Die Pommern hatten im Regierungsbezirk Köslin in Schlawe einen Eisenbahnknoten, ein Amtsgericht, Bierbrauerei, Eisengießerei, Mahlmühle, eine evangelische Kirche, ein Warendepot der Reichsbank, die Garnison Husaren Nr. 5 und – im Jahre 1885 – 5.503 meist evangelische Einwohner. Der Knabe Hans wurde hier in der Stadt am Fluss Wipper in den ersten Jahren groß und interessierte sich bald für technische Prozesse. Seine Mutter ist früh verstorben. Mit dem 10-jährigen Sohn zog der Vater 1889 nach Schleswig und nahm dort eine neue Beamtenstelle in Rendsburg an. Diese Stadt an der Eider und am Nordseekanal hatte wie Schlawe ein Amtsgericht, etwas Industrie/ Handel und – im Jahre 1885 – 12.154 meist evangelische Einwohner, jedoch Hafenanlagen, drei Kirchen und mehr Militär (1 Infanteriebat. Nr. 85, 1 Trainbat. Nr. 4, 1 Pionierbat. Nr. 9 und 1 Abt. Feldartillerie Nr. 9). – Carl Bredow hatte eine „altpreußische Gesinnung“ und fand meist nur in der Arbeit Befriedigung. Sein Idol war Otto von Bismarck.

Als 17-Jähriger verließ Hans Bredow die Schule und machte in Hamburg eine Lehre als Elektrotechniker. Er legte sein Abitur in Rendsburg ab, studierte zuerst an der Universität in Kiel Elektrotechnik und später am Friedrichs-Polytechnikum in Köthen. Nach dem dreijährigen Studium wurde er 1903 Montage-Ingenieur bei der Firma AEG in Berlin und in Riga für den Bereich Starkstromanlagen. Am 1. Mai 1904 hat er eine neue Position bei der Projektabteilung der Telefunken übernommen. Sie ist eine Tochtergesellschaft der AEG und von Siemens & Halske. Diese neue Firma, Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH = Telefunken als Telegrammadresse, hat Bredow berühmt gemacht und zur Weltstellung verholfen.

Die Firma schickte ihn nach Ausbruch des russisch-japanischen Krieges 1904 zu Verhandlungen nach St. Petersburg zur russischen Admiralität. Er erhielt den Auftrag, für die russische Ostasienflotte eine moderne funktelegraphische Ausrüstung für Funkstationen zu schaffen. Bredow wurde in der Firma Telefunken zum Leiter der Verkehrsabteilung ernannt und musste die Entwicklung und den Vertrieb ankurbeln. Er hat später erzählt: „Wahrscheinlich haben mich die Kaufleute für einen guten Ingenieur und die Entwicklungstechniker für einen guten Kaufmann gehalten“. Und er hat gemeint: „Arbeit, Wille und Phantasie waren die Erfolge für meinen Weg.“

1906 hat der 26-jährige Bredow Telefunken den weitsichtigen Plan eines deutschen Weltfunknetzes vorgelegt. Für die deutschen Schiffe wurden Küstenstationen eingerichtet. Es gab große Aufträge der kaiserlichen Marine.

Wissenschaft und Technik wurden als Faktoren der Konkurrenz und im Kampf um die Vorherrschaft in der Welt genutzt. Auch Bredow war mit mehreren Plänen beteiligt, so hat er schon seit 1912 über die Idee eines „Rundfunks“ nachgedacht.

Seit 1914 hat der Erste Weltkrieg mit 10 Millionen Toten die Entwicklung vorangebracht und die einseitige militärische Nutzung der Technik der Waffen und Kampfmittel hochgeschraubt. 1914 hatte die deutsche Marine mehr als 380 Funkstationen. Es gab Telegrafeneinheiten beim Heer und bei den Fliegern. Am 1. Oktober 1917 entstand die Nachrichtentruppe; sie zählte am Ende des Ersten Weltkrieges über 190.000 Mann, darunter war auch der Kriegsfreiwillige Hans Bredow. Er hatte seit 1917 an der Westfront mit Alexander Meißner Versuche mit Röhrensendern und Rundfunkkopplungsempfängern unternommen. Sie hatten auch Sprechprogramme mit Musik eingesetzt. Bredow erhielt Orden und Ehrungen – sogar einen Spezialpass Nr. 1201 des Kaisers Wilhelm II. –, aber er wurde nie Offizier. Auch in der Novemberrevolution 1818 bekam Bredow vom Oberbefehlshaber der Regierungstruppen in Berlin, Gustav Noske (SPD), einen Ausweis vom 18. Januar 1919, der ihn zum Waffentragen berechtigte.

Der Begriff „Rundfunk“ ist gemeinsam von Hans Bredow – er war nun Ministerialdirektor im Reichspostministerium – und dem Telegrapheninspektor Thurn im Jahr 1919 mehrfach propagiert worden. Seit dem 1. Februar 1919 erhielt Bredow als Reichsbeamter seine Anweisungen direkt von seinem Minister. Am 16. November hielt Bredow in der Urania in Berlin vor Pressevertretern einen Vortrag über die zukünftige Nutzung der drahtlosen Telegraphie. Er sprach nun vom Rundfunk als einem „Rundfunk für alle“ – und erhoffte seinen Siegeszug.

Am 29. Oktober 1923 eröffnete in Berlin die Radiostunde auf Welle 400 um 20.00 Uhr ein Programm im Dachgeschoss des Vox-Hauses in der Potsdamer Straße 4. Die Schallplatte Deutschland, Deutschland über alles machte den Sendeschluss.

Bredow war seit 1. Juni 1925 der Leiter der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH (RRG). Als Wahrzeichen seiner Karriere stand der Berliner Funkturm (errichtet 1924/26), und 1917 wurde Nauen zu einer Großstation für den Weltfunkverkehr ausgebaut diese Vorschläge Bredows gingen weiter mit der Einrichtung eines Reichsfunknetzes und einem starken Anstieg der Rundfunkhörer, 1924 gab es in Deutschland 100.000 Hörer, 1932 stieg die Zahl auf 3.980.852. Bredow wurde 1926 zum Reichs-Rundfunk-Kommissar ernannt, damit war er für die gesamte Überwachung des deutschen Rundfunks verantwortlich. Bredow hat sich immer gegen alle Widerstände von Funkverbänden, Industriellen und Politikern für einen öffentlichen Unterhaltungsrundfunk ausgesprochen. Er wollte die „Freude guter Musik und unterhaltender und bildender Vorträge“ allen zu Gehör bringen.

Die Nachricht von der Ernennung von Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler hat Bredow tief erschüttert. Er war Demokrat und trat nach 1919 der Deutschen Volkspartei bei. Er reichte sofort seinen Rücktritt vom Amt ein, der dann am 15. Februar wirksam wurde. Seine engsten Mitarbeiter wurden verhaftet. Bredow hat sofort in einem Telegramm an Reichspräsident Paul von Hindenburg und Adolf Hitler um deren Freilassung gebeten. Er hat im Fall einer Ablehnung gefordert, deren Schicksal in der Haft zu teilen. Deswegen wurde auch Bredow verhaftet und kam in das Gefängnis Berlin-Moabit in Untersuchungshaft. Dort blieb er 16 Monate. Am 5. November 1934 begann ein Schauprozess gegen ihn wegen „Korruption“. Die NS-Presse wütete gegen ihn, allmählich beruhigte sich ihr Ton. Am Ende des Prozesses hatte das Gericht 80 Tage verhandelt und 1.600 Aktenbände aus den Rundfunkhäusern studiert, selbst die Vorschüsse für Angestellte und jede Benzinquittung überprüft, um die Korruption und Misswirtschaft nachzuweisen.

Am 13. Juni 1935 wurde Bredow zu einer Gesamtstrafe von 6 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark verurteilt – doch die Freiheitsstrafe wurde durch die Untersuchungshaft als „verbüßt“ erklärt. 1937 wurde ihm ein „Tätigkeitsverbot“ auferlegt. Seit 1939 war Bredow im Ruhestand. Die Nazis haben es nicht gewagt, seine Pension als Beamter zu verändern. Die Rundfunkmitarbeiter Bredows waren zuerst im KZ Oranienburg, drei wurden von SA-Leuten schwer misshandelt und starben.

Von Mai bis September 1945 war Hans Bredow Regierungspräsident von Hessen-Nassau mit Sitz in Wiesbaden. Er erwarb sich große Verdienste um den Wiederaufbau des Landes. Von 1949 bis 1951 war er Vorsitzender des Verwaltungsrates des Hessischen Rundfunks. Am 1. Dezember 1945 bestellte ihn die amerikanische Militärregierung im Rahmen ihrer Aufsicht über die deutsche Industrie zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Buderus-Eisenwerke; er blieb es bis 1953. Außerdem war er Mitglied im Aufsichtsrat der Philipp Holzmann-AG. Sein Herz aber war immer dem Rundfunk verbunden. Schon 1946 hat er Vorschläge für eine Neuordnung des Rundfunks gemacht und 1947 eine Denkschrift für den Entwurf eines Rundfunkgesetzes verfasst.

Bredow hatte auch ein Rundfunk-Archiv eingerichtet, dem er sich ganz widmete. Seine Sammlung ist später in das Deutsche Rundfunkarchiv übernommen worden.

Verheiratet war Hans Bredow mit Elsie, geb. Hermann. Die Ehe blieb kinderlos. Sie wohnten in Wiesbaden in der Lanzstraße 23.

Den Pommern wird „Sturheit“ nachgesagt – Bredow hat in seinem Leben mit Beharrlichkeit, Hartnäckigkeit, auch gegen Widerstände, seinen Weg gefunden.

Im Alter von 79 Jahren ist er in Wiesbaden an einem Schlaganfall gestorben. Sein Grab befindet sich in Rendsburg auf dem Neuwerker Friedhof. Der Grabstein ehrt ihn mit der Abbildung seines Kopfes und mit dem Titel „Vater des Deutschen Rundfunks“.

Die Gedanken von Hans Bredow gingen auch im Alter zurück nach Hinterpommern. Er erinnerte sich z. B. an die Studentenzeit, auch als „Alter Herr“ des Corps Albingia Dresden/ Aachen und des Corps Teutonia Berlin an die Sitzungen.

An Ehrungen erhielt er: 1954 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Er war Inhaber der Heinrich-Hertz-Medaille in Bronze, der Preußischen Medaille für Verdienste um Künste und Wissenschaft in Silber, der Leibniz-Medaille der Akademie der Wissenschaften in Gold und des Preußischen Roten-Adler-Ordens.

Er war u. a. Ehrendoktor der Technischen Hochschule Danzig, Ehrensenator der Technischen Hochschulen Dresden und Stuttgart und Ehrenbürger der Technischen Hochschulen Berlin und Karlsruhe und, seit 1928, der Stadt Rendsburg. Das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg wurde nach ihm benannt.

Werke (Auswahl): Weihnachtsansprache an das amerikanische Volk, 1924. – Vier Jahre deutscher Rundfunk, Berlin o. J. [1927]. – Aus meinem Archiv. Problem des Rundfunks, Heidelberg 1950. Vergleichende Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, Heidelberg 1951. – Im Banne der Ätherwellen, Bd. 1: Der Daseinskampf des deutschen Funks, Stuttgart 1954; Bd. 2: Funk im Ersten Weltkriege. Entstehung des Rundfunks, Stuttgart 1956.

Lit. (Auswahl): Rundfunk in Deutschland. Hrsg. von Hans Bausch, Bd. 1: Winfried B. Lerg, Rundfunk in der Weimarer Republik, München 1980, Bd. 3: Hans Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945. Teil 1 und 2, München 1980. – Materialien zur Rundfunkgeschichte. Eigenpublikationen des Rundfunks und Fachperiodika 1923-1992. Ein Bestandsverzeichnis, hrsg. vom Deutschen Rundfunkarchiv. – Historisches Archiv der ARD, Frankfurt am Main 1992. Bearbeitet von Elke Niebauer. – Hans Bausch, Der Rundfunk im politischen Kräftespiel der Weimarer Republik 1923-1933, Tübingen 1956 (mit einer Einleitung von Hans Bredow). – Willi A. Boelcke, Die Macht des Radios. Weltpolitik und Auslandsrundfunk 1924-1976, Frankfurt am Main 1977. – Eugen Nesper, Ein Leben für den Funk, München 1950.

Film:Jürgen Corleis, Hans Bredow – Leistung und Legende, Sender Freies Berlin 1976 (Dokumentarfilm, Länge 30 Minuten).

Klaus Scheel

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