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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Browne, George Graf von

General

* 1698, 15.06.
Grafschaft Limerick/Irland

† 1792, 18.09.
Riga

Die baltischen Ostseeprovinzen waren in der russischen Zeit, nach dem Nordischen Krieg (1700-1721), weiterhin militärisches Aufmarschgebiet: nach Westen gegen Preußen, Polen und Kurland, nach Norden gegen Schweden. Was für die russischen Gouvernements im allgemeinen galt, findet besonders in Liv- und Estland seine Bestätigung. Alle livländischen und estländischen Generalgouverneure waren verdiente und erfahrene Soldaten. Ein Mitarbeiter der Zarin Katharina, der Livländer Jakob Johann Graf von Sievers, betonte in einem Schreiben aus dem Jahre 1776, die Kaiserin habe im Jahre 1775 für ihre neugeschaffenen 23 Gouvernements die Auswahl der Gouverneure unter den pensionierten Militärs vorgenommen. In Livland war Graf George Browne einer der engsten und treuesten Mitarbeiter der Kaiserin. Von 1762 bis 1792 war er livländischer, seit 1775 auch estländischer Generalgouverneur. Schon unter dem Zaren Peter III. wurde er zum Generalgouverneur von Livland ernannt. Über die baltische Politik hinaus war Browne auch Berater Katharinas II. für alle Fragen, die das westliche Ausland betrafen, denn über Riga gelangten zahlreiche Menschen und Informationen aus dem Westen ins Russische Reich. Das Baltikum war die Brücke zwischen West und Ost. Mit zahlreichen militärischen, handelspolitischen, finanz- und agrarpolitischen Problemen trat Katharina II. an Browne heran. Der Briefwechsel zwischen der Kaiserin und Browne bezeugt dies.

Browne gehörte zu den sogenannten „wilden Gänsen“, jener Gruppe von katholischen Glaubensflüchtlingen aus Irland und Schottland, die sich seit Ende des 17. Jahrhunderts über Europa verbreiteten. Die Grafen Browne finden sich im 18. Jahrhundert in österreichischen, preußischen und in russischen militärischen und diplomatischen Diensten, wie etwa auch die ihnen verwandte Familie der Lacy und die Gordon und Keith.

George Graf Browne wurde in der irischen Grafschaft Limerick, einer dänischen Gründung aus dem 9. Jahrhundert, als Sohn des George Browne a.d.H. Camas, aus einem normannischen Adelsgeschlecht, und der Honora de Lacy geboren. Er war 1731 in ein russisches Garderegiment durch Vermittlung seines Landsmannes Keith eingetreten. 1739 geriet er im russisch-türkischen Krieg in Gefangenschaft und wurde als Sklave verkauft. Doch Browne konnte mit Hilfe des französischen Gesandten in der Türkei fliehen. Er brachte einen türkischen Feldzugplan mit zurück und wurde dafür zum Generalmajor befördert. Browne hat dann unter seinem Onkel, dem General und livländischen Generalgouverneur Graf Peter de Lacy, gefochten und sich weitere militärische Lorbeeren erworben. Nach Livland war er durch diesen Onkel und schließlichen Schwiegervater gelangt. 1740 heiratete Browne seine Cousine Helena Lacy, die 1761 starb. Mit dem Geld seiner zweiten Frau, Eleonora Freiin von Mengden, verwitwete von Vietinghoff, die zur deutschbaltischen Aristokratie gehörte, kaufte er in Livland das Gut Segewold. Er wurde schließlich sowohl in die livländische, als auch in die estländische und kurländische Ritterschaft aufgenommen.

Browne hatte nach dem schwedisch-russischen Krieg 1743 schon vier Jahre in Livland verbracht. 1747 zog er mit den in Livland stehenden russischen Truppen aufgrund eines englisch-russischen Vertrages vom Jahre 1746 an den Rhein. Dort verbrachte er mehrere Jahre. Von 1749 bis 1756 befehligte er dann in Livland russische Truppen, und im Siebenjährigen Krieg stand Browne längere Zeit in Kurland, das damals noch polnisches Lehnsherzogtum war. Nach einer Verwundung bei Zorndorf (1758) bekam Browne von der Kaiserin Elisabeth das Gut Smilten in Livland geschenkt, und bald darauf erwarb er das Gut Penau in Kurland. Er erwarb im Laufe seines Lebens noch weitere Güter in den Ostseeprovinzen. Er war nach seiner Verwundung mehrere Jahre aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Er hatte seit jener Zeit eine Silberplatte in seinem Schädel; das wurde in Folge als ein Grund für seinen auffälligen Jähzorn angegeben. 1760 kehrte er zur Armee zurück. 1762 war er in St. Petersburg. Browne sollte den Oberbefehl des russischen Heeres gegen Dänemark übernehmen, was er aber verweigerte. Dennoch ernannte ihn Peter III. zum Generalgouverneur von Livland. Browne gehörte zu jenen Männern, die den Regierungswechsel von Peter III. zu Katharina II. politisch überlebten. Er wurde nun Berater der Kaiserin in den unterschiedlichsten Fragen. So etwa machte sich im Türkenkrieg 1768-1774 ein Mangel an russischen Ärzten in der Armee bemerkbar. Katharina II. forderte von Browne, er solle Ärzte in seinem Gouvernement ausfindig machen. Wenn aber in Livland keine zu finden wären, solle man versuchen, sie in Königsberg und ganz Ostpreußen zu bekommen. Diese Ärzte sollten eingestellt werden nach den Kontrakten der bereits in der russischen Armee dienenden Ärzte. Mit solchen und ähnlichen Anliegen trat die Kaiserin immer wieder an den Generalgouverneur heran. Im September 1770 wurde bekannt, daß in Polen die Pest ausgebrochen war. Der livländische Generalgouverneur wurde angewiesen, Quarantänestationen einzurichten und festzustellen, wo an der Grenze die Pest ausgebrochen war. Vor allen Dingen sei auf die Grenztruppen zu achten, mahnte die Kaiserin ihren Generalgouverneur.

Browne wurde durch seine Tätigkeit in Liv- und Estland, aber auch durch seine zweite Frau in den deutschbaltischen ritterschaftlichen Kreis integriert. Mehrere deutschbaltische Familien zählen Browne zu ihrem direkten Vorfahren.

Das Leben und die Person des Grafen Browne verdeutlichen in herausragender Weise, daß die Deutschbalten international eingestellt waren, gesamteuropäisch dachten, ein Erbe, das gerade die Esten und Letten übernommen haben. Die Präsidentin der 1989 in Estland gegründeten „Gesellschaft für deutschbaltische Kultur in Estland“, Frau Dr. Sirje Kivimäe, schreibt im Februar 1991 in der Zeitschrift „Baltische Briefe“: „Die Gesellschaft beschränkt sich jedoch nicht nur auf rein deutschbaltische Aktivitäten. Was die Deutschbalten selbst, genauer gesagt, die ehemalige deutschsprachige Oberschicht im Baltikum anbetrifft, so waren sie ja für Eindrücke und Einflüsse von außen immer offen und flexibel, ein Charakteristikum, das unseres Erachtens auch für Esten typisch ist.“

Freilich war es gerade die vom 20. Jahrhundert viel geschmähte europäische Aristokratie, die einen internationalen gesamt-europäischen Gedanken tradierte, enges nationalistisches Denken ausschließend. Graf Georg Browne hat aber auch die großen russischen Verwaltungsreformen im 18. Jahrhundert, die große Gouvernementsreform von 1775, die auf baltischen Vorbildern beruhte und im Jahre 1783 in der sogenannten Statthalterschaft nun wiederum auf Liv- und Estland übertragen werden sollte, vorbereitet und mitgetragen. Browne hat für die baltischen Provinzen, darüber hinaus aber auch für ganz Rußland die Grundlagen dieser großen Verwaltungsreformen gelegt, die weiter in der Geschichte des Russischen Reiches fortwirkten. Browne hat sich im übrigen durch seine Bemühungen um die Verbesserung der Lage der Bauern große Verdienste erworben, weiterhin ließ er Schulen und Krankenhäuser in den Ostseeprovinzen erbauen. Browne gehört mit zu den großen Gestaltern des Russischen Reiches im 18. Jahrhundert und stellt zugleich ein Beispiel der so bedeutsamen Brückenfunktion zwischen West- und Osteuropa dar. Am 18. September 1792 starb Browne in Riga, beigesetzt wurde er in der Kirche seines kurländischen Gutes Schönberg.

Lit.: Nordische Miscellaneen 18/19 (hrsg. von A. Hupel) 1791, S. 70. – Michael Graf Boren: Leben des Reichsgrafen Georg von Browne, General-Gouverneur von Liefland und Esthland. Riga 1795. – Graf Georg Browne. Donesenie grafa Ju. Ju Brouna o krest janskich volenijach v pribaltijskich guhernijach. In: Archiv knjazaja Voroncova. Moskwa 1882. Bd. 25, S. 469-471. – Friedrich Bienemann: Die Statthalterschaft in Liv- und Estland (1783-1796). Ein Capitel aus der Regierungspraxis Katharinas II. Leipzig 1886. – Hubertus Neuschäffer: Katharina II. und die baltischen Provinzen. Hannover 1975, S. 217-230ff.

Bild: Bildarchiv Photo Marburg.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Browne

Hubertus Neuschäffer

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