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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Brzoska, Emil

Theologe

* 1909, 06.04.
Ratiborhammer/Oberschlesien

† 1993, 15.04.
Braunfels/Lahn

Brzoska wurde am 6. April 1909 in Ratiborhammer, Kreis Ratibor, geboren, besuchte das Realgymnasium in der Kreisstadt, bestand 1929 die Reifeprüfung und studierte dann an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau Philosophie und Theologie. Auf die ihm am 28. Januar 1934 von Adolf Kardinal Bertram erteilte Priesterweihe folgten ein einjähriger Einsatz als Kaplan an der St. Hedwigskirche in Trebnitz und die Tätigkeit in Breslau: bei den Ursulinen und als Doktorand. Im Jahre 1938 wurde Brzoska aufgrund einer kirchenrechtlichen Dissertation zum Doktor der Theologie promoviert. 1937 hatte er das Amt eines Religionslehrers an einer Schule der Ursulinen in Ratibor übernommen und war damit wieder in seine engere Heimat zurückgekehrt, doch verlor er Ostern 1940 sein Amt, weil die Behörde im Zuge ihrer Bekämpfung des Christentums die Schließung der Lehranstalten der Ursulinen angeordnet hatte. Brzoska wurde Kuratus in Breslau und als solcher im März 1944 an die altberühmte Breslauer Kirche St. Maria auf dem Sande (Sandkirche) versetzt, die er während der Festungszeit mit der Gemeinde verlassen musste, aber nach dem Ende der Kampfhandlungen wieder betreute – unter durch die politische Umwälzung völlig veränderten Verhältnissen, wobei ihm zugute kam, dass er – in einem polnisch- und deutschsprachigen Ort aufgewachsen – zu den Utraquisten gehörte, also keine sprachliche Barriere zu den immer mehr in die Stadt kommenden Polen bestand. Irgendwann in den chaotischen Jahren ging auch die von Brzoska angefertigte juristische Dissertation verloren, und so blieb es bei einem Doktortitel.

Nach über zwei unter sowjetrussischer und polnischer Herrschaft verbrachten Jahren schlug auch Brzoska die Stunde des Verlassens der Heimat. Er kam nach Frankfurt a. M., also in die Diözese Limburg, wurde Studentenheim-Seelsorger und 1948 Vertriebenen-Seelsorger in allen Dekanaten dieser vom Krieg schwer getroffenen Großstadt. Mitte 1948 berief ihn der hessische Kultusminister als Dozent an das neuerrichtete Berufspädagogische Institut in Frankfurt, und 1950 ernannte er ihn zum Professor der Theologie an dieser Anstalt. Viele seiner Gedanken kreisten um Schlesien, um das Bistum Breslau und die Breslauer Universität, und so veranstaltete er Mitte Oktober 1950 in Frankfurt eine 950-Jahrfeier der Gründung des Bistums Breslau, die unter dem Protektorat des früheren Landeshauptmanns der Provinz Oberschlesien, Theophil Woschek, stand, als Festwoche sieben Tage währte, von Weihbischof Joseph Ferche (Köln, früher Breslau) besucht wurde und auch hochkarätige Vorträge beinhaltete. Bei einem Festakt in der Aula der Frankfurter Universität sprachen Brzoska und der ehemalige Oberpräsident von Oberschlesien und damalige Bundesvertriebenenminister Dr. Hans Lukaschek. Zwei Jahre später, 1952, fanden unter seiner führenden Mitwirkung, gleichfalls in Frankfurt a.M., die Feierlichkeiten „250 Jahre Universität Breslau“ statt, deren Schirmherrschaft Bundespräsident Theodor Heuss übernommen hatte. Brzoska konnte zusammenführen und organisieren. Seit 1950 sammelte er einen Kreis Breslauer Professoren um sich, um eine auf den Osten spezialisierte Universität zu schaffen, die keine Neugründung sein, sondern aus einer bereits bestehenden Hochschule hervorgehen sollte. Ein Kuratorium bildete sich und wurde von ihm geleitet, doch das Projekt scheiterte 1955 endgültig.

Der Priester und Professor arbeitete gern am Schreibtisch, studierte und schrieb und publizierte, wobei ihm half, dass er über große stilistische Talente verfügteund seine Texte nicht umständlich kompliziert und verklausuliert erschienen. Ernstes wissenschaftliches Forschen und appetitlich-leserfreundliche Aufbereitung fanden sich zusammen. Einiges war – seiner Professur entsprechend – auf das Berufsschulwesen bezogen, viel mehr aber auf Schlesien,besonders auf Oberschlesien, und sehr viel auf den religiösen Bereich. Immer wieder verband der bewusste Oberschlesier thematisch Religion und Oberschlesien, Katholisches und Oberschlesisches miteinander, dabei Realitäten widerspiegelnd und ihnen zeitgemäßen Ausdruck gebend. Von seiner Kennerschaft zeugten hier u.a. die Broschüren Die geistige Gestalt Oberschlesiens und ihre Stellung innerhalb der deutschen Kulturlandschaften, Das christliche Oberschlesien, Das deutsche Antlitz Oberschlesiens und Oberschlesien im politischen Kraftfeld der Geschichte, dazu eine Vielzahl von Aufsätzen und Artikeln.

Eines der wichtigen Ergebnisse seiner eifrig betriebenen historischen Forschungen, die ihn auch in die Vatikanische Bibliothek und das Archiv des Vatikans führten, war die quellenbasierte Feststellung, dass die Diözese Breslau nicht erst 1821 – wie zuvor angenommen und bis jetzt vor allem in Polen vertreten – sondern bereits 1641/1645 aus der Zugehörigkeit zum Erzbistum Gnesen entlassen und exemt, unmittelbar dem Hl. Stuhl in Rom unterstellt, wurde.

Mit sehr großem Interesse beobachtete Brzoska die Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse in Ostdeutschland, besonders in Schlesien. Der Vatikan lässt sich jeweils lange Zeit bis zur kirchlich-diözesanen Anpassung an neue politische Verhältnisse und verhielt sich auch so bezüglich der vom polnischen Staat übernommenen deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße. Als sich die Anzeichen mehrten, dass eine Neugestaltung nahte, die Regierung Brandt/ Scheel dann die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze gegen ganz erhebliche Widerstände durchsetzte und der Vatikan daraufhin im Jahre 1972 die Ausgliederung der Ostgebiete aus dem Verband der deutschen Diözesen und die Neuformierung zu polnischen Bistümern verfügte, konnte er seine juristischen und speziell kirchenrechtlichen Fähigkeiten in hervorragender Weise einsetzen. Für die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Breslauer Diözesanangehörigen wurde 1972 ein Apostolischer Visitator ernannt, Hubert Thienel, und 1974 ein Konsistorium errichtet, eine Art Domkapitel. Brzoska erarbeitete die juristischen Grundlagen, war der am besten versierte Sachkenner und übernahm das Amt des Konsistorialdekans, das er bis 1989, bis kurz vor seinem 80. Geburtstag, innehatte und gut undwürdig ausfüllte. Er hat versucht, vom deutschgeprägten Bistum Breslau so viel wie möglich, so lange wie möglich zu retten.

Auf überzogene, harsche Angriffe gegen den Breslauer Erzbischof Adolf Bertram wegen seines Verhaltens zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft reagierte Brzoska 1981 mit einem den toten Kardinal vehement verteidigenden Buch.

Auch nach dem Abschied von seinem Amte wirkte Brzoska intensiv für die Erinnerung an das Erzbistum Breslau. So überarbeitete er das im Jahre 1950 von Johannes Kaps zusammengestellte ergreifende und absolut empfehlenswerte Buch Vom Sterben schlesischer Priester 1945/46 und erweiterte die vom einstigen Breslauer Kirchengeschichtler Franz Xaver Seppelt verfasste Broschüre Das Bistum Breslau im Wandel der Jahrhunderte. In Unser Oberschlesien, der Zeitschrift der Landsmannschaft der Oberschlesier, veröffentlichte er, über Jahrzehnte hinweg, viele Aufsätze und Artikel, die nicht selten mit Anmerkungen versehen waren; er verband wissenschaftliche Solidität mit dem Bestreben nach Breitenwirkung. Zu erwähnen sind seine Texte zu hohen christlichen Feiertagen, die ebendort erschienen.

Brzoska sah die „Oberschlesische Heimat als Gabe und Aufgabe“, liebte und lobte die Treue und den Bekenntnismut seiner engeren Landsleute und bekundete seine eigene Treue zu Land und Leuten durch die Mitgliedschaft im Rat der Oberschlesier, durch einen Beitrag zur Herbert Czaja, dem Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier, 1984 gewidmeten Festschrift „Frieden durch Menschenrechte“ und durch seine Mitarbeit am Buch über seine Heimatstadt Ratibor und das Land an der oberen Oder.

Für seine großen Leistungen wurden ihm viele Ehrungen zuteil. 1963 wurde er Päpstlicher Ehrenkämmerer, 1965 Ehren- und Konventualkaplan des souveränen Malteser-Ritter-Ordens, 1978 Ehrenprälat des Papstes; die Landsmannschaft der Oberschlesier zeichnete ihn mit der Silbernen und der Goldenen Ehrennadel und der Apostolische Visitator Breslau mit der St.-Hedwigs-Medaille aus (1984). 1989 erhielt er den Titel „Apostolischer Protonotar“. Bei der Dankansprache nach dem Erhalt des Hauptpreises des Oberschlesischen Kulturpreises, der ihm 1984 vom Bundesland Nordrhein-Westfalen verliehen wurde, sagte er am Ende: „Wir haben die heimatliche Erde verloren. Wir verlieren aber nicht die heimatliche Kultur. Wir haben die Aufgabe und die Pflicht, sie in die gesamtdeutsche Kultur einzubringen und als unseren Beitrag mit dem unverwechselbaren Siegel ihrer Herkunft und geistigen Quellgründe in die gesamtdeutsche Kulturnation organisch zu integrieren. Die Kultur ist die Seele und Innenkraft der deutschen Staatsnation, die als Einheit in Frieden und Freiheit mitten im Herzen Europas völkerverbindend weiterbestehen soll und wird.“

Am 15. April 1993 starb Professor Dr. Emil Brzoska in Braunfels an der Lahn, seinem letzten Wohnort, nach 84 Lebensjahren, nach 59 Priesterjahren. Der Gedenkgottesdienst fand im
Frankfurter Dom statt und wurde von Altabt Dr. Adalbert Kurzeja OSB von Maria Laach, seinem Landsmann aus Ratiborhammer, zelebriert.

Aus der Feder des Theologen, Kirchenrechtlers, Staatskirchenrechtlers, Historikers und Pädagogen Brzoska stammen circa 25 selbständige Schriften und etwa 250-300 Aufsätze und Artikel.

Werke: Selbständige Schriften: Die Breslauer Diözesansynoden bis zur Reformation, ihre Geschichte und ihr Recht, Breslau 1939 (Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte 38). – Hrsg.: Neunhundertfünfzig Jahre Bistum Breslau, Königstein/ Ts. (1951). – Die geistige Gestalt Oberschlesiens und ihre Stellung innerhalb der deutschen Kulturlandschaften, Frankfurt a.M. 1953 (Beiträge z. Geschichte, Kultur u. Wirtschaft Oberschlesiens 1). – Oberschlesien im politischen Kraftfeld der Geschichte, Bonn 1962. – Das deutsche Antlitz Oberschlesiens, Bonn 1963. – Das christliche Oberschlesien, o.O.u.J. (1964). – Bischöfe der katholischen Kirche aus Oberschlesien, Augsburg 1965. – Glaube und Heimat. Der Mensch in der Geborgenheit Gottes, Wiesbaden 1967. – Apostolischer Visitator der Breslauer Diözesanen in der Bundesrepublik Deutschland. Inhalt und Grenzen seines Amtes, Köln-Düsseldorf 1973. – Ein Tedeum für Kardinal Bertram, Köln 1981. – Barbaraverehrung und Bergbau mit Berücksichtigung des oberschlesischen Industriegebietes. Heiligenkult und Wirtschaft, Dülmen 1982. – Johannes Kaps, Vom Sterben schlesischer Priester 1945/46. 3. verbess. Aufl. von Emil Brzoska, Köln 1990. – (Mit Franz Xaver Seppelt) Das BistumBreslau im Wandel der Jahrhunderte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Überarb. u. erw. Neuausg., Münster (1993) (Schriftenreihe der Apostolischen Visitatur Breslau 4). Aufsätze: Wissenschaft und Bildung in Schlesien bis zur Reformation, in: Beiträge zur schlesischen Kirchengeschichte. Gedenkschrift für Kurt Engelbert, hrsg. von Bernhard Stasiewski, Köln, Wien 1969, S. 36-75. – Die Errichtung des Bistums Oppeln im Jahre 1972, in: Oberschlesisches Jahrbuch 1, 1985, S. 158-175. – Die deutschen Bistümer östlich der Oder und Neiße und die polnischen Diözesen jenseits der Curzon-Linie. Ein historischer und rechtlicher Vergleich, ebd. 2, 1986, S. 124-153.

Lit.: Alois M. Kosler, Wir Oberschlesier sagen Dank. Prälat Prof. Dr. theol. Emil Brzoska feiert seinen 70. Geburtstag, in: Unser Oberschlesien 29, 1979, Nr. 8 v. 20. April. – Leben im Dienst der Kirche, Wissenschaft und Heimat. Gedenkwort zum 75. Geburtstag (von Brzoska) 1984, hrsg. von Irmgard Jung, Wiesbaden 1984. – Jung, Prof. Dr. Emil Brzoska. 50 Jahre Priester des Herrn, Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 11, 1984, S. 29-30. – Werner Marschall, Laudatio für Prälat Emil Brzoska. Zur Verleihung des Oberschlesischen Kulturpreises am 10. November 1984, in: Mitteilungen des Beuthener Geschichts- und Museumsvereins 45/47, 1983/1985, S. 159-162. –Ders., (Nachruf auf) Emil Brzoska, in: Oberschlesisches Jahrbuch 9, 1993, S. 328-331. – Herbert Groß, Bedeutende Oberschlesier, Dülmen 1995, hier: Emil Brzoska, S. 354-358. – Hans-Ludwig Abmeier, Professor Dr. Emil Brzoska (1909-1993). (Nekrolog), in: Mitteilungen des Beuthener Geschichts- u. Museumsvereins 51, 1997, S. 221-227. – Werner Marschall, Prälat Prof. Dr. Emil Brzoska – Zum 10. Jahrestag seines Todes, in: Schlesien in Kirche und Welt 30, 2003, S. 36-37. – Ders., Emil Brzoska (1909-1993), in: Schlesische Kirche in Lebensbildern. Bd. 7, hrsg. von Michael Hirschfeld, Johannes Gröger u. Werner Marschall. Münster 2006, S. 22-27. – Hans-Ludwig Abmeier, Priester und Professor. Prälat Dr. Brzoska vor 100 Jahren geboren, in: Neuer Glogauer Anzeiger 56, 2009, Nr. 5. – Ders., Emil Brzoska – eine markante Persönlichkeit des schlesischen Klerus, in: Schlesien in Kirche u. Welt 36, 2009, Nr. 2, S. 14-15.

Bild: Archiv Visitatur Breslau, Münster/ W.

Hans-Ludwig Abmeier

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