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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Buchal, Hermann

Musikpädagoge, Komponist

* 1884, 17.01.
Patschkau, Neisse

† 1961, 30.08.
Jena

Zusammen mit Gerhard Strecke und Richard Wetz gründete Hermann Buchal wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg die Schlesische Tonkünstlergilde und wurde neben dem Initiator Strecke zu einer Schlüsselfigur bei dem fast unbegreiflichen Aufschwung, den das schlesische Musikleben in den beiden Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen erlebte. Zwei Jahre nach dem Versailler Friedensschluß, die er als freischaffender Musiker in seiner oberschlesischen Heimat verbracht hatte, erhielt er einen Ruf als Lehrer an das Schlesische Konservatorium in Breslau, der Musikstadt Schlesiens, wurde drei Jahre später Direktor dieser damals bedeutendsten musikalischen Ausbildungsstätte des Landes und wirkte an ihr als Lehrender bis zur Vertreibung nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945. Seine pädagogische Tätigkeit konnte er schon ein Jahr später in Jena fortsetzen, wurde 1950 von der Universität Jena zum Professor ernannt und beendete seine Lehrtätigkeit im Jahre 1952, um sich dann ganz dem Komponieren zu widmen.

Hermann Buchal wurde als der jüngste Sohn unter neun Kindern dem Buch- und Papierhändler Gustav Buchal und dessen Ehefrau Martha im Jahre 1884 in Patschkau, einer kleinen Stadt in der Nähe von Neisse, geboren. Seine früh zutage tretende musikalische Begabung dürfte er vor allem dem künstlerisch vielseitig veranlagten Vater verdankt haben, der auch dem Abiturienten des Gymnasiums seiner Vaterstadt kein Hindernis in den Weg legte, als dieser den Wunsch zum Musikstudium äußerte. Wenn sich auch in dem kleinen Städtchen, das gern „das schlesische Rothenburg“ genannt wurde, kein anspruchsvolles Musikleben entfalten konnte, erhielt Hermann Buchal in seiner Kindheit und Jugendzeit doch vor allem auf dem Gebiet der Kirchenmusik durch das Wirken tüchtiger Musiker in seiner Heimatstadt vielfältige und, wie sich später zeigen sollte, tiefgehende Anregungen, besonders durch den Chorrektor Paul Speer. So war seine Bewerbung zum Studium am Königlich Akademischen Institut für Kirchenmusik in Berlin erfolgreich; im Jahre 1906 siedelte er in diese Stadt über, damals eine Musikstadt von Weltrang. Dieses Institut bildete in einem relativ kurzen, aber wegen der kleinen Zahl der Studierenden intensiven Studium neben Kirchenmusikern auch die Seminarmusiklehrer und seit kurzem die Musiklehrer für die höheren Lehranstalten aus. Mit welchem Erfolg dies geschah, zeigt der große Aufschwung, den die Schulmusik auf allen Ebenen in den folgenden beiden Jahrzehnten nahm. Gleichzeitig war das aber auch den hervorragenden Lehrern zu verdanken, die Buchal dort vorfand. Direktor war zu seiner Zeit Robert Radecke, in Theorie verdankte Buchal Arthur Egidi seine handwerkliche Grundlegung, der Bülow-Schüler Franz von Hennig wirkte als Klavierpädagoge. Den tiefsten Eindruck auf Buchal machte der Lehrer für katholische Kirchenmusik, Carl Thiel – Schlesier wie Radecke –, der den Studierenden für die Ideale des Cäcilianismus durch das Vorbild seiner eigenen Kompositionen wie als Dirigent in der Aufführungspraxis zu begeistern verstand. Die Leistungen Buchals im Institut verschafften ihm Eingang in die Meisterklasse für Komposition von Prof. Friedrich Gernsheim an der Königlichen Akademie der Künste, wo er auf Staatskosten Unterricht erhielt. Nebenbei gewann er erste praktische Erfahrungen als Kirchenmusiker in Berlin. Sein Lehrer Carl Thiel sorgte 1908 dafür, daß als Opus 1 die Komposition „Angelus“ für drei Solo-Frauenstimmen und vierstimmigen gemischten Chor a. c. im Druck erschienen. Später sollte er mit diesem seinem Lehrer und dem Seminarlehrer und bedeutenden Volksliedsammler Georg Amft zusammen im Gesamtvorstand des Allgemeinen Cäcilienvereins die stilistische Entwicklung der katholischen Kirchenmusik beeinflussen.

Nach Abschluß der Meisterschule erhielt er einen Ruf als Dozent für Klavier, Orgel, Theorie und Komposition an das Konservatorium in Beuthen O/S. Damit wechselte Buchal wieder in seine Heimat trotz aller Warnungen seiner Lehrer, die seinen Weggang von Berlin für die weitere künstlerische Entwicklung als einen Abbruch seiner Laufbahn bezeichneten und darauf verwiesen, daß es unendlich schwer sein würde, später in Berlin wieder Fuß zu fassen. Das ist Buchal auch nicht mehr gelungen. Der Kriegsdienst beendete im Jahre 1915 seine Lehrtätigkeit in Beuthen O/S, denn nach seiner Rückkehr mußte er sich als freischaffender Künstler seinen Lebensunterhalt verdienen. Die Wende brachte im Jahre 1921 seine Berufung nach Breslau. Als er dort die Leitung des Schlesischen Konservatoriums übernommen hatte, berief er Gerhard Strecke zum Leiter des Privatmusiklehrerseminars dieser Anstalt. Zusammen mit Heinrich Haberstrohm und vor allem dem aller neuen Musik besonders aufgeschlossenen Ernst August Voelkel hatte sich ein künstlerisch hervorragender aktiver Kreis gefunden, der durch sein pädagogisches Wirken, seine kompositorischen Leistungen und sein Einwirken auf die musikalische Öffentlichkeit zum Kernstück eines eigenständigen und selbstbewußten schlesischen Musiklebens wurde. Die Gründung und das Wirken der „Schlesischen Tonkünstlergilde“ waren lediglich ein äußeres Zeichen für diese Entwicklung. Daran änderte auch wenig, daß Buchal infolge der nationalsozialistischen Kulturpolitik seines Direktorpostens beim Schlesischen Konservatorium enthoben, dieses aufgelöst und in der Nachfolge die Schlesische Landesmusikschule gegründet wurde, an der er immerhin seine Lehrtätigkeit fortsetzen und um so mehr als Pianist konzertieren konnte. Von seinem kompositorischen Werk ist durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen vieles verschollen oder vernichtet. Mindestens 36 mit Opuszahlen bezeichnete Werke von insgesamt 103 sind z. Z. nicht mehr nachzuweisen. Glücklicherweise konnte der inzwischen mehr als Sechzigjährige in Jena, besonders nach der Emeritierung, noch reife Kompositionen schaffen, die von einer ungebrochenen Vitalität zeugen. Vier Bereiche stehen auch in diesen Jahren wieder im Vordergrund seiner kompositorischen Arbeit, die kennzeichnend für sein gesamtes Lebenswerk sind: das Sinfonische, die Klaviermusik, die Kammermusik, die Vokalmusik.

Bei einem Schlesier ungewöhnlich ist die ständige Auseinandersetzung mit der großen sinfonischen Form. Zwei Jugendsinfonien ohne Opuszahlen, dazu die 2., 3. und 4. Sinfonie sind verloren; die 1., 5. bis 7. sind erhalten, davon entstanden die beiden letzten nach dem Kriege und erlebten in Jena ihre Uraufführung. Das Klavier war sein ureigenstes Instrument. Zwischen seinem Opus 11, dem Klavierkonzert Es-Dur und dem Opus 102, der Sonate für Violoncello und Klavier, liegen eine große Zahl von heute wenig beachteten künstlerisch hochwertigen Kompositionen für Klavier solo oder in kammermusikalischer Besetzung vor, die allerdings dem Klavierspieler technisch viel abverlangen; denn Buchal war selbst ein Pianist von hohen Graden. Er trat konzertierend auf und bildete auch Schüler heran, die sich noch nach seinem Tode in Konzertsaal und Rundfunk erfolgreich für seine Werke einsetzten. Die beiden Klavierkonzerte stehen in etwa am Anfang und am Ende seines kompositorischen Werkes, die 4 Klaviersonaten reichen vom op. 19 bis zum op. 95. Seine Sonaten für Violine, Viola, Violoncello mit Klavier, das Klaviertrio in a-Moll (ein früheres ging verloren), das Klavierquintett, besonders die kostbare Sonate für Englischhorn und Klavier, stellen einen Schatz von Kammermusik dar, der gehoben zu werden verdient.

Die Klavierliedkomposition, ca. 150 Lieder, begleitet sein Schaffen vom op. 7 bis zu seinem letzten op. 103. Als letztes sei jener Teil des Schaffens genannt, in dem sich Wesen und Charakter Buchais am tiefsten ausweisen: die große Zahl geistlicher Kompositionen, die der tieffromme Katholik vor allem für den Gottesdienst schuf. Von Kindheit an hat er die Musik im Dienste Gottes erlebt und selbst, trotz aller Bedrängnisse zunächst durch das nationalsozialistische, später durch das kommunistische Regime, als Chorleiter und Organist praktiziert. Seine zahlreichen Motetten, seine Messen, seine Litanei, seine Chöre für verschiedene Anlässe des Kirchenjahres und die Liedsätze zu Kirchenliedern beweisen das. Aber auch die Themen seiner Kantaten und Oratorien, der Weihnachtskantate nach Texten von O. J. Bierbaum, der Kantate „Der Gottsucher“ nach Angelus Silesius, „Der Wanderer“ nach Worten von Carl Hauptmann, des Oratoriums „Maria“, das den Rosenkranz vertont, und „Das Ewige Wort“ nach dem Johannes-Evangelium zeigen nicht nur seine Verwurzelung in der großen Dichtung seiner schlesischen Heimat, sondern jene Bindung an den Gottesglauben, der sein gesamtes musikalisches Werk stützt und trägt und der seinen am Schluß vieler Partituren angebrachten Vermerk „Omnia Ad Majorem Dei Gloriam“ zur wesentlichen und glaubwürdigen Aussage macht.

Lit.: Joseph Thamm: Hermann Buchal; Leben und Schaffen, in Pankalla-Speer (Hrsg.): Zeitgenössische Schlesische Komponisten, Bd. l, Dülmen o. J. mit vollständigem Werkverzeichnis und ausführlichen Literaturangaben. MGG (Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart) Bd. 15 Supplement Art. Hermann Buchal (Speer), Bärenreiter Verlag Kassel; Rieman Musiklexikon, Personenteil A-K, Mainz 1959

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