Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bucher, Lothar

Diplomat, Politiker, Publizist

* 1817, 25.10.
Neustettin/Pommern

† 1892, 12.10.
Glion am Genfer See

Im Bismarck-Viertel in Berlin-Steglitz (östlich der Wannseebahn) erinnert ein Straßenname an Lothar Bucher, der, heute fast vergessen, jahrzehntelang als die rechte Hand Bismarcks galt. In Neustettin geboren, wo sein Vater Rektor am Gymnasium war, legte er 1835 in Köslin das Abitur ab, studierte Jura in Berlin und begann nach dem Examen seine berufliche Laufbahn am 1. Oktober 1838 als Auskultator in Köslin. Seit dem Studium verband ihn eine lebenslange Freundschaft mit Rudolf von Gneist, dem nur wenig älteren einflußreichen Staats- und Verwaltungsrechtler. 1843 nach Stolp versetzt, wurde er 1847 im dortigen Stadtparlament Mitglied der liberalen Fraktion, galt als Adelsfeind und kam als Abgeordneter der konstituierenden preußischen Nationalversammlung 1848 nach Berlin. Er hielt die konstitutionelle Monarchie für die allein mögliche Staatsform und setzte sich für das Zweikammersystem, das allgemeine Wahlrecht und die freie Gestaltung der Gemeindeverfassung ein. „Wir werden in dem Volk einen treuen Hüter haben, wenn das Volk an uns einen treuen Hüter seiner Rechte hat.“ In einer Rede vor der Nationalversammlung vom 7. September 1848 äußerte er Gedanken, die ihn in die Nähe der radikalen Demokraten Johann Jacoby und Benedikt Waldeck rückten. Zwei Monate später rief er zur Steuerverweigerung auf, als äußersten Schritt notfalls mit bewaffnetem Widerstand, „zur deutscher Freiheit“. Die preußische Regierung führte darauf einen Prozeß gegen 42 Steuerverweigerer, von denen Bucher als einziger zu Ämterverlust und Festungshaft verurteilt wurde. Bismarck bezeichnete ihn als „wütenden Republikaner“, dem er seinen Degen „so gerne in den Leib gerannt hätte“. Bucher floh nach England, wurde Londoner Korrespondent der liberalen „Nationalzeitung“, lieferte zwischen 1850 und 1862 nahezu 3000 Beiträge ,die auch das Interesse Friedrich Wilhelms IV. und Bismarcks fanden. In der 1855 veröffentlichten Schrift „Der Parlamentarismus, wie er ist“, übte er deutliche Kritik am englischen Parlamentssystem: „Es ist Fiktion, daß das wahlberechtigte Siebentel der erwachsenen Männer das Volk vorstellt, daß der Wille der Majorität der Wille des Ganzen ist.“ Unter dem Eindruck des Krimkriegs, des italienischen Einigungsprozesses und des ausgreifenden Bonapartismus orientierte sich Bucher zum deutschen Nationalstaat, und Marx bezeichnete ihn schon 1856 als den „preußischen Minister in spe“ (Marx an Engels, 18.1.1856. MEW 29, S. 7). Nach der politischen Amnestie, die Wilhelm I. aus Anlaß seiner Krönung gewährte, kehrte Bucher Ende März 1861 nach Berlin zurück, blieb, trotz mancher Spannungen, bis Ende 1862 bei der „Nationalzeitung“ tätig. Als Begleiter Lassalles – mit diesem seit Sommer 1861 bekannt – fuhr er zur Industrieausstellung nach London, wo er mit Marx zusammentraf. Lassalle bestimmte Bucher zu seinem Nachlaßverwalter.

Am 1. Dezember 1864 wurde Bucher in den preußischen Staatsdienst eingestellt, zunächst als Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt. Es verwundert nicht, wenn Bismarck später berichtete, daß er es sich „sauer genug“ werden lassen mußte, Buchers Einstellung bei Wilhelm I. zu bewirken, der ihn als homo suspectus ansah. Während Bismarck selbst unbekümmert ob der Bucherschen Vergangenheit blieb, war sie doch die Achillesferse und das bleibende Hindernis für die Karriere zu einer herausragenden Spitzenstellung.

1865 wurde er Legationsrat in der politischen Abteilung. Im gleichen Jahr erschien anonym seine Schrift „Preußens altes Recht auf Schleswig-Holstein“. Bismarck betraute ihn fortan mit wichtigen Aufgaben: Die letzte Redaktion des Verfassungsentwurfs des Norddeutschen Bundes; eine Mission nach Spanien, incognito, April/Mai und Juni 1870, vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. Auf dem Berliner Kongreß 1878 sowie im Verkehr mit der Presse galt er als „Wirklicher Geheimer Oberoffiziosus“. Wichtige Protokolle kamen aus seiner Feder. Seine hervorragenden Kenntnisse, seine überzeugenden Analysen brachten ihm Anerkennung seiner Fähigkeiten ein, die ihm zugleich aber die persönliche Wertschätzung derer verbauten, die sich ihm unterlegen fühlten. Bucher blieb bescheiden und zurückhaltend – Bismarck nannte ihn einen „reinen Staatsmönch“ –, mußte sich aber vielfach zurückgesetzt fühlen und reichte deshalb 1882 sein Abschiedsgesuch ein, das 1886 genehmigt wurde. Nach dem Sturze Bismarcks arbeitete er seit Mai 1890 mit an „Erinnerung und Gedanke“, den Memoiren Bismarcks, an denen er mehr als nur stimulierenden Anteil hatte. Wie schon in den Jahrzehnten zuvor in Varzin, war er auch in Friedrichsruh wieder integrierender Bestandteil der Bismarckschen Familie.

Bucher, Junggeselle geblieben, starb im Oktober 1892 in einem Hotel bei Montreux. Er hat keine Erinnerungen hinterlassen. Bismarck stellte ihm ein Zeugnis aus, das zugleich auch Aussage über den Aussagenden ist. Im Gespräch mit Hans Blum, dem Sohn des 1848 in Wien standrechtlich erschossenen Robert Blum, sagte er: „Ja, ich habe viel an ihm verloren. Lothar Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, ein treuer Freund, manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut, gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Viel zu gut war er für gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir die diplomatische Häckselmaschine Abeken.“ Und kurz darauf gegenüber einem anderen Gesprächspartner: „Er war mein treuester Freund und ein vollendeter Gentleman. Er machte es wie das Edelwild; als er den Tod kommen fühlte, sonderte er sich ab vom Rudel.“

Das Wirken Buchers ist nicht – und entsprechendes gilt von dem Bismarcks – in ein ideologisches System zu bringen. Sein bewegtes Leben ist wiederholt Gegenstand der Ideologie-Kritik geworden. Mit entsprechenden Maßstäben wurde er schon von Franz Mehring gewertet, und neuerdings hieß es, wieder ähnlich, Bucher habe im Prozeß der Reichseinigung den geraden Weg der Theorie verlassen und sich auf die abschüssige Bahn des Pragmatismus begeben. Gegenüber solch aufgesetzter parteiideologischer Perspektive ist die Stellungnahme Theodor Fontanes von einer Abgeklärtheit, die gerade das Humanum deutlich werden läßt, das man bei den Ideologie-Kritikern vermißt. Unter dem Eindruck der Todesnachricht schrieb er, der zur gleichen Zeit wie Bucher in London gewesen war, an Georg Friedlaender: „Auch Lothar Bucher ist nun hinüber, in der Schweiz, fast wie ein Verbannter. Eigentlich war er ein Verbannter sein Lebelang, er ist einsam durch die große Welt gegangen, immer in Berührung mit den Klügsten und Besten, aber nur in Berührung, Intimität hat er nicht gekannt. Sein Leben läßt sich nicht ohne Wehmuth betrachten.“

Ein solches, den Streit und die Grabenkämpfe des 19. Jahrhunderts überwölbendes Urteil dürfte dem persönlichen Schicksal und der politischen Problematik Lothar Buchers ungleich eher gerecht werden als ein durch ideologische Kategorien vorgegebenes und verzerrtes.

Lit.: Heinrich v. Poschinger: Ein Achtundvierziger. Lothar Buchers Leben und Werke. 3 Bde. Berlin 1890-1894. – Carl Zaddach: Lothar Bucher bis zum Ende seines Londoner Exils (1817-1861). In: Heidelberger Abhandlungen z. Mittleren u. Neueren Geschichte, Heft 47, Heidelberg 1915. – Bernhard Dammermann: Lothar Bucher in England, seine Entwicklung vom Achtundvierziger zum Gehilfen Bismarcks. In: Archiv f. Politik u. Geschichte 8, 1927, S. 186—230. – Rudolf Ibbeken: Lothar Bucher. In: Pommern des 19. u. 20. Jhs., Bd. 2, Stettin 1936, S. 172-197. – Fritz Gebauer: Lothar Bucher – Vom Steuerverweigerer zum Mitarbeiter Bismarcks. Berlin-Ost 1988. – Christoph Studt: Lothar Bucher (1817-1892). Ein politisches Leben zwischen Revolution und Staatsdienst. Göttingen 1992.

Bild: Nach einer Zeichnung Anton von Werners, Bildarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Bucher

Ekkhard Verchau

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.