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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Carstenn, Edward

Historiker

* 1886, 01.07.
Elbing/Westpr.

† 1957, 19.05.
Wetter/Ruhr

Edward Carstenn besuchte in Elbing die Städtische Knabenschule, dann von 1896-1900 in Berlin das Gymnasium Zum Grauen Kloster und anschließend in Elbing die Oberrealschule. Nach bestandenem Abitur begann Edward Carstenn das Studium der Geschichte in Kiel, setzte es an der Albertina in Königsberg Pr. fort, wo er 1909 mit einer viel beachteten Dissertation über Elbings Verfassung zu Ausgang der polnischen Zeit promovierte. Ein Jahr später bestand er das Staatsexamen für die Fächer Geschichte, Erdkunde und Deutsch. Der junge Historiker wurde nacheinander Lehrer an den Lehrerseminaren in Wongrowitz und Bromberg. Anschließend wurde er Mittelschullehrer und ab 1923 für gut drei Jahre Direktor der Knabenmittelschule in Danzig-Neufahrwasser. Bei der Umstellung der Lehrerausbildung in Preußen 1926 erhielt der aus Elbing stammende Mittelschuldirektor in Danzig einen Ruf nach Elbing als Dozent für Geschichte und Methodik des Geschichtsunterrichts an die Pädagogische Akademie, seit 1928 als Professor. Bis auf eine kurze Unterbrechung 1932/33 blieb er auf diesem Lehrstuhl bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Während des Krieges war der Professor zeitweise Soldat. In der Vertreibung kehrte der Lehrerausbilder Professor Dr. Edward Carstenn an eine Schule als Lehrer zurück, diesmal an die Oberrealschule in Wetter an der Ruhr, bis er 1951 in den Ruhestand trat.

Der gebürtige Elbinger war mit seiner Vater- und Hochschulstadt so eng oder noch fester verbunden als es seine Eltern waren. Und er kannte die Stadtgeschichte sehr genau, wie er auch die Geschichte vor allem des westlichen Preußenlandes besonders intensiv studiert hatte. Zahlreiche Veröffentlichungen über den Deutschen Orden, die Stadt Danzig und besonders über Elbing und die Zugehörigkeit der großen preußischen Städte zur Hanse dokumentieren das. Anfang der 30er Jahre wurde er beauftragt, eine neue Stadtgeschichte zum Stadtjubiläum 1937 zu schreiben. Aus diesem Grund wurde an der Pädagogischen Akademie, die ab 1933 Hochschule für Lehrerbildung hieß, zu seiner Entlastung ein zweiter Historiker berufen: Professor Dr. Heinrich Wolfrum. Professor Dr. Carstenn war ein gründlicher Forscher. Das reichhaltige Stadtarchiv Elbing bot ihm die Möglichkeit, echte Quellenforschung zu betreiben, alte und oft schwer zu entziffernde Urkunden zu lesen und richtig zu verstehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in seinen Veröffentlichungen Ereignisse zu finden sind, die in anderen Veröffentlichungen fehlen, aber auch, wenn er gelegentlich Fachkollegen vorhielt, die Quellen und alten Akten zu wenig selber oder gar nicht studiert zu haben.

Den Auftrag seiner Heimatstadt erledigte der Historiker pünktlich. Zur 700-Jahrfeier der Stadt erschien 1937 sein Buch Geschichte der Hansestadt Elbing. Die kleine Auflage war sofort vergriffen und noch im selben Jahr erschien eine zweite und höhere Auflage im Elbinger Verlag von Leon Sauniers Buchhandlung Kurt Brunk. Er widmete das 539 Seiten und 45 Bildtafeln umfassende Werk dem früheren Elbinger Stadtrat und Archivar Ferdinand Neumann und dem Gymnasialdirektor Max Töppen, ein noch heute in deutschen und polnischen Fachkreisen hochgeschätzter Historiker und Ehrenbürger der Stadt. Neumann war 1869 und Töppen 1893 gestorben. Mit seiner sehr lebendig geschriebenen Stadtgeschichte, die ursprünglich zwei Bände umfassen sollte, was die damalige Papierbewirtschaftung verhinderte, ein umfangreiches Fußnoten-, Sach- und Personenregister umfasst, habilitierte sich der Elbinger Hochschulprofessor 1942 an der Universität Königsberg.

Den Verlust der Heimat konnte der Elbinger nicht verschmerzen. Die Geschichte der Stadt blieb auch in Westfalen Mittelpunkt seiner Forschungen und Überlegungen – allerdings ohne Stadtarchiv. Er veröffentlichte Aufsätze und hielt immer wieder Vorträge vor wissenschaftlichen Kreisen, Arbeitsgemeinschaften und auf Heimatveranstaltungen. Sehr wichtig war für ihn die Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft Westfalen und der deutsche Osten in der Fachstelle Ostdeutsches Volkstum des Westfälischen Heimatbundes. An den wichtigsten Heimattreffen der Westpreußen und seiner Elbinger Landsleute nahm er teil. Als 1951 in Herne ein Treffen für die Menschen aus den 1920 bei Deutschland verbliebenen sechs westpreußischen Kreisen und Restkreisen östlich der Weichsel, des 1922 gebildeten Regierungsbezirks Westpreußen, stattfand, wurde gleichzeitig der Gründung der Elbinger Hochschule vor 25 Jahren gedacht. Professor Dr. habil. Edward Carstenn hielt den Festvortrag. Ein in Elbing ausgebildeter Lehrer aus Ostpreußen, Hans Herrmann, sprach das eindrucksvolle Gebet der Heimatlosen von Ottfried Graf Finckenstein. Dann referierte der Professor. Mit seinem Thema Streiter für Preußens Selbständigkeit: Achatius von Zehmen aus Stuhm zog er in einem überfüllten großen Saal seine Zuhörer in seinen Bann. So ähnlich ist es wohl am 26. August 1937 gewesen, als er in Elbing im Saal der ehemaligen Ressours Humanitas (im Stadtgarten) über Elbings deutsche Sendung in Preußen sprach und einleitend begrüßt hatte: „Liebe alte Elbinger, die ihr von nah und fern herbei eiltet zum Jubelfest unserer Vaterstadt …“

Besonders gerne kam der Historiker in den 50er Jahren zu Seminaren der Westpreußischen Jugend, um über die heimatliche Geschichte und ihre Feinheiten zu referieren. Obwohl seine Kräfte bereits nachließen, im Kreis der jungen Landsleute blühte er jedes Mal auf. Seine Vorträge, wo immer er sie auch hielt, waren stets sorgfältig erarbeitet, von Hand auf DIN A5- Hochformatpapier mit steiler Schrift gut leserlich geschrieben. Seine Aufsätze erschienen u.a. in den Elbinger Nachrichten, in DER WESTPREUSSE, im Westpreußen-Jahrbuch und in den Ostdeutschen Monatsheften. Für die Elbinger Hefte, deren Mitherausgeber er war, verfasste er eine kleine Elbinger Geschichte und für Bernhard Heisters Elbinger Heimatbriefe Nr. 9 schrieb er eine Elbingisch-Preußische Geschichtstafel. Für die 1951 gegründete und von Professor Dr. Alfons Perlick in Dortmund geleitete und sehr aktive Fachstelle Ostdeutsches Volkstum des Westfälischen Heimatbundes konnte er wertvolle Beiträge leisten. So wurde auch das Elbinger Heft Nr. 17Elbing, die Hanse und Westfalen von Edward Carstenn unter einem leicht erweiterten Titel 1955 ein zweites Mal aufgelegt. Für Elbings Stadthistoriker Carstenn war es stets selbstverständlich, die Landesgeschichte nicht außer Acht zu lassen. Er stellte z.B. fest: „Elbings Hansezeit ohne Kulm und Thorn zu betrachten, die beiden wichtigsten Vermittler in das Weichsel-Warthe-Gebiet, ist ausgeschlossen.“ Ein anderes Forschungsfeld war für Carstenn die Geschichte des Deutschen Ordens.

Edward Carstenn muss man gekannt haben, um den Menschen und seine inneren Werte, seine auch gegen Widerstände stets feste Haltung zu verstehen und zu beschreiben. Daher soll an dieser Stelle nicht vergessen werden, was Dr. Fritz Pudor 1956 zum 70. Geburtstag des Wissenschaftlers geschrieben hat: „Dazu kam seine besondere Freude an der Natur, am Wandern, an der blühenden Kunst und am Theater. Wer mit Edward Carstenn irgendwann einmal zusammen traf oder mit ihm lange Zeit hindurch in gemeinsamen geistigen und wissenschaftlichen Bestrebungen verbunden war, oder sich sogar seiner Freundschaft erfreuen durfte, kann davon berichten, dass er jederzeit den Eindruck einer fest in sich gefügten Persönlichkeit erhalten hat und dass sich für ihn ein wechselseitiges Geben und Nehmen eröffnete. So war es vor Jahrzehnten und so ist es auch heute noch. Wer Edward Carstenn näher kennt, der weiß, dass er jederzeit für seine Freunde, aber auch für seine wissenschaftlichen Auffassungen, eingetreten ist und dabei menschlich besonders bemerkenswerte Eigenschaften entwickelt hat, ja dass er dabei immer wieder die heute leider so ganz in Vergessenheit geratene Bürgertugend der Zivilcourage zu bewähren versteht. Bei einem in vielen Wissenschaften bewanderten Gelehrten kommen gerade diese menschlichen Charakterzüge als ein besonderes Zeichen seines Wesens hinzu. Wer Edward Carstenn nur als Redner oder aus seinen Schriften kennt, muß alles das entbehren, was darüber hinaus den Wert seiner Persönlichkeit ausmacht, auch wenn er das schon in seinen Vorträgen und schriftlichen Ausführungen zu spüren vermag.“

Lit.: Ernst Wermke, in: Bibliographie zur Geschichte von Ost- und Westpreußen. – Fritz Grause, Carstenn, Edward, in: Altpreußische Biographie, Bd. 3, S. 880. – Fritz Pudor, Edward Carstenn 70 Jahre, in: Westpreußen-Jahrbuch, Bd. 6, 1956. – Kürschners Gelehrtenkalender 1954. – Nachrufe in: Elbinger Nachrichten 140/1957 und Der Westpreuße 17/18, 1957. – Zehn Jahre ostdeutsche Forschungsstelle Dortmund/Münster, 1962. – Hans-Jürgen Schuch, Edward Carstenn, Fünfzig Jahre nach seinem Tod, in: Elbinger Nachrichten 05/2007. – Korrespondenz und Aufzeichnungen des Verfassers.

Bild: Privatarchiv des Autors.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Carstenn

Hans-Jürgen Schuch

 

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