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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Coelle, Ernst

Rittergutsbesitzer

* 1898, 04.05.
Dreilinden/Posen

† 1990, 19.11.
Konstabel/Südafrika

Als Sohn des Domänenpächters auf Dreilinden im Kreis Posen besuchte Ernst Coelle von 1907 an die Oberrealschule in der Provinzialhauptstadt. Im Februar 1915 verließ er die Unterprima als Kriegsfreiwilliger und trat im Februar in ein Dragonerregiment ein. Bereits 1916 wurde er zum Offizier befördert. Ab 1919 erlernte Ernst Coelle die Landwirtschaft und war anschließend als Verwalter tätig. Im Versailler Vertrag von 1919 verlor Deutschland die Provinz Posen und die dortigen Domänenpächter einige Jahre später trotz gültiger Pachtverträge ihre Höfe. Es gelang dem Vater, das gleich große Gut Widlitz im Kreis Graudenz zu kaufen, obwohl seit Inkrafttreten des Versailler Vertrages das Kulmer Land ebenfalls nicht mehr zu Deutschland gehörte und somit erhebliche Widerstände zu überwinden waren. Doch Vater und Sohn waren gute Landwirte, die es verstanden, auch mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden.

Nach dem Tode des Vaters übernahm Ernst Coelle die alleinige Bewirtschaftung des Gutes Widlitz. Durch seine fachlichen Kenntnisse, seine verbindliche Art im Umgang mit Menschen und sein freundliches Wesen erwarb er sich die Anerkennung sowohl seiner deutschen Nachbarn als auch die der polnischen Berufskollegen. Von 1931 bis 1935 gehörte er dem polnischen Kreistag in Graudenz an, war von 1939 bis 1945 im Aufsichtsrat der Zuckerfabrik Melno und außerdem Vorstandsmitglied der Molkereigenossenschaft Lessen. Als der polnische Starost ihn bat, das Amt eines Amtsvorstehers zu übernehmen, bürdete er sich zusätzlich diese Last auf. Die überwiegend aus Polen bestehende Jägervereinigung im Kreis Graudenz wählte ihn in den Vorstand und die polnische Armee übernahm den ehemals preußischen Dragoner als Reserveoffizier, vergaß ihn jedoch zu vereidigen. Der vielseitig orientierte Landwirt Ernst Coelle wurde auch außerhalb des Kreises Graudenz politisch tätig, gründete den Jungblock und gehörte später dem Hauptvorstand der Deutschen Vereinigung in Posen-Pommerellen an. Gleichzeitig war er Vorsitzender für Pommerellen.

Ernst Coelle beherrschte die polnische Sprache in Wort und Schrift. Das gab ihm die Möglichkeit, die Interessen seiner deutschen Landsleute gegenüber Behörden und anderen polnischen Instanzen zu vertreten. Als Hitler die Wiedereingliederung Danzigs in das Deutsche Reich forderte, befürchtete die Deutsche Vereinigung als Vertretung der deutschen Minderheit in den zum Korridorgebiet gewordenen Teilen Posens und Westpreußens übergangen zu werden und überdies, daß die Grenze zur Freien Stadt Danzig nicht mehr ohne Visum passierbar sein würde. Die Freie Stadt Danzig war mit dem polnischen Paß ohne Visum erreichbar und dadurch die Brücke nachDeutschland. Der Vorsitzende der Deutschen Vereinigung, Dr. Hans Kohnert, Bromberg (über diesen siehe OGT 1997, S. 137-140),reiste daraufhin mit Ernst Coelle nach Berlin in die Reichskanzlei, um die Sorgen an höchster Stelle vorzutragen. Hitlers Adjutant ließ den beiden mitteilen, daß Danzig nicht vom Korridor getrennt werden würde und Hitler eine Umsiedlung der zur Minderheit gewordenen Deutschen ins Reich ablehne.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Ernst Coelle bereits am 1. September 1939 von den eintreffenden Wehrmachtstruppen aufgefordert, sie als Dolmetscher zu begleiten. Er blieb Soldat, war lange Zeit Rittmeister und geriet 1945 als Major in französische Gefangenschaft. Zuletzt war der Offizier aus dem Ersten Weltkrieg Kommandeur einer Legion von Angehörigen der Turkvölker und bei seinen Soldaten hoch geachtet. Wo immer möglich, setzte sich der Frontsoldat für Polen in der Heimat ein. Parteiinstanzen mißfiel dies, sie wollten ihn aus der Wehrmacht entfernt wissen. Doch dies gelang nicht. Im Ersten Weltkrieg bereits mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, erhielt er im Zweiten Weltkrieg die Spange dazu, das EK I. Klasse und unter anderem das Deutsche Kreuz in Gold.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte der Gutsbesitzer aus Westpreußen zu den elf Unterzeichnern des Aufrufes zur Gründung der Landsmannschaft Westpreußen. Er selbst übernahm im Laufe der Jahre viele Ämter, war Landesobmann für Bayern, Heimatkreisvertreter für seine engere Heimat Graudenz-Land und mehrmals Mitglied des Bundesvorstandes. Mit dem heimatlichen Rittergut Widlitz war 1945 der Beruf verlorengegangen. Von 1948 bis 1967 arbeitete Ernst Coelle als Referent im Bundesdienst, das heißt bis fast zur Vollendung seines 70. Lebensjahres. Anschließend wählte ihn die Bundesversammlung seiner Landsmannschaft für die Zeit von 1967 bis 1972 zu ihrem Bundessprecher.

Jede Aufgabe, die Ernst Coelle übernahm, füllte er ganz aus. Preußische Pflichterfüllung war für ihn kein leeres Wort, sondern eine Selbstverständlichkeit. Er war freundlich und verbindlich, jedoch in der Verfolgung von einmal als richtig und notwendig erkannten Zielen unbeugsam. Als er 1972 aus gesundheitlichen Gründen aus der landsmannschaftlichen Arbeit ausschied, zog er sich zurück auf seinen Alterssitz, eine Nebenerwerbsstelle in Barendorf bei Lüneburg. Die Landsmannschaft Westpreußen wählte ihn zum Ehrenmitglied und zeichnete ihn mit der Westpreußen-Medaille aus.

Heimat und Familie bedeuteten Ernst Coelle sehr viel. Das war auch der Grund für den inzwischen 92 Jahre alten Mann, Ende September 1990 mit seiner ältesten Tochter nach Südafrika zu fliegen, um seinen Sohn zu besuchen und dessen Farm kennenzulernen. Dort angekommen ließen seine Kräfte nach, und er starb, wollte auch dort beerdigt werden, weil es eine Rückkehr nach Widlitz nicht gab.

Quellen: Private Korrespondenz mit dem Autor.

Lit.: Der Westpreuße Nr. 01/1949, Nr. 19/1967 und Nr. 23/1990. – Diest-Koerber, Meißner, Schuch: Die Stadt und der Landkreis Graudenz. Aus sieben Jahrhunderten deutscher Geschichte, Porz 1976. – Altpreußische Biographie, IV, 3. Lieferung, S. 1340/41.

Bild: Coelle als Rittmeister um 1941; Westpreußen-Archiv Münster i. W.

Hans-Jürgen Schuch

 

 

 

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