Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Conradi, Karl Friedrich Freiherr von

Schulstifter

* 1742, 25.06.
Danzig

† 1798, 12.09.
Danzig

Freiherr Karl Friedrich von Conradi war der letzte Vertreter eines alteingesessenen Danziger Patriziergeschlechts, das in der Geschichte der Stadt oft eine bedeutende Rolle gespielt hat. Sein eigenes Leben ist nahezu völlig unbekannt und gewann offenbar erst Bedeutung durch die Abfassung seines Testaments im Jahre 1794. Schon kurze Zeit nach seinem Tode wurde zu Michaelis 1801 das „Von Conradi’sche Provinzial-Schul- und Erziehungs-Institut“ in Jenkau, etwa 10 Kilometer südwestlich der Stadt, an der Straße von Danzig nach Berent, auf der Danziger Höhe in landschaftlich reizvoller Lage eröffnet. Als Conradinum ist es auch in die pädagogische Literatur eingegangen und hat in der deutschen Bildungsgeschichte und in der mit Schulen gut ausgestatteten Stadt Danzig eine besondere Bedeutung gehabt. Nach dem Kriege haben die Polen in demerhalten gebliebenen Schulgebäude in Danzig-Langfuhr eine staatliche Schiffbau-Schule eingerichtet und erheben den Anspruch, mit dieser die Tradition des Conradinums fortzuführen.

Die Familie Conrad oder Conradi ist im Weichselland weit verbreitet und in Danzig schon 1472 mit der Geburt eines Andreas Conrad nachweisbar, der in Leipzig studierte und Kaufmann wurde wie seine Nachkommen auch. Erst der Urgroßvater unseres Schulstifters, Israel (1634-1715), nannte sich Conradi und wurde in Danzig ein bekannter Arzt und Naturforscher, der Bücher in lateinischer Sprache veröffentlichte. Der Großvater Gottfried Conradi (1667-1733) brachte es bis zum Major der Stadtgarnison und Kommandanten der Danziger Festung Weichselmünde und wurde von der Krone Polen 1730 in den erblichen Adelsstand erhoben. Dessen Sohn Eduard Friedrich von Conradi (1713-1799) wirkte als Schöffe, Ratsherrund derjenige Bürgermeister von Danzig, dem 1793 dieschwierige Aufgabe der Überleitung der selbständigen Stadt unter der Oberhoheit des Königs von Polen an den preußischen König zufiel. Er wurde 1776 von Kaiser Joseph II. geadelt und von König Friedrich Wilhelm III. in den erblichen Freiherrnstand erhoben. 1741 heiratete er in erster Ehe Anna Elisabeth, die Tochter und spätere einzige Erbin des Danziger Ratsherrn und Bürgermeisters von Schwartzwald.

Dieser Ehe entstammte Karl Friedrich von Conradi. Über sein Leben wissen wir nur, daß er in Danzig die Schule besuchte, ein Studium aufnahm und auf Reisen war. Der Danziger Weltreisende Johann Reinhold Forster berichtete später, daß er 1767 gemeinsam mit Conradi eine Reise in England von London über Bath und Bristol nach Oxford unternommen habe. Weiteres ist unbekannt. Er erhielt den Titel eines königlich polnischen Kammerherrn, „was in seinen Verhältnissen nicht schwer war“, bemerkt Neumann dazu. Der Grund für diese Spärlichkeit der Nachrichten über sein Leben kann wohl nur in einer außerordentlich zurückhaltenden Lebensführung oder in dem ihm von seinen Biographen nachgesagten Hang zur Schwermütigkeit und zur körperlichen Anfälligkeit gesehen werden. Auch ein Bildnis von ihm ist nicht bekannt. Nach dem Tode seiner Mutter 1786 erbte Karl Friedrich von Conradi als einziger Nachfahre den überaus umfangreichen von Schwartzwaldschen Güterkomplex, und nun werden die Nachrichten über sein Leben und sein Denken ausführlicher.

In seinem Testament vom 28. November 1794 schrieb Conradi: „Die Leibesschwäche, womit ich seit einiger Zeit befallen bin, veranlaßt mich, meinen längst verfaßten Vorsatz, durch Errichtung einer testamentarischen Disposition zur Ausführung zu bringen. … Den Plan zu der vorgedachten Erziehungs- und Schul-Anstalt kann ich hier nur im Allgemeinen entwerfen und ich behalte mir die weitläufigere Ausführung vor.“ Als Begründung für diesen Plan gibt er an, daß sein Familienname wahrscheinlich aussterbe und durch das Einbringen seiner sämtlichen Güter in die Stiftung „in Andenken erhalten werden“ könne. Das Fehlen „weitläufigerer“ Ausführungen in seinem Testament, die Conradi auch später nicht nachgetragen hat, und die historischen Umstände im Weichselland (1793 wurde Danzig preußisch, von 1807 bis 1814 war es ein Freistaat von Napoleons Gnaden) führten dazu, daß seine Stiftung einen außerordentlich wechselhaften Lauf durch die Geschichte nehmen mußte.

Zunächst heiratete Conradis Vater 1790 mit 77 Jahren in zweiter Ehe Renate Wilhelmine von Gralath, Tochter des bekannten Danziger Bürgermeisters Daniel Gralath. Als Conradi 1798 erst 56jährig starb, focht sein Vater das Testament an, so daß von den vorgesehenen elf Gütern nur noch sechs für die Stiftung übrig blieben, zusätzlich allerdings Häuser in Danzig und ein beachtliches Barvermögen. Die Schwierigkeiten setzten sich fort, da von den beiden „Testaments-Executoren“ der eine die Erfüllung seiner Aufgabe ablehnte, der andere aber, sein Freund, der Geheime Kriegsrat Carl Friedrich von Beyer, Danzig inzwischen verlassen hatte und Präsident der Regierung von Neuostpreußen im weit entfernten Płock geworden war. Dennoch übernahm dieser die schwierigen juristischen Verhandlungen mit dem Vater, mit der Stadt und mit der Provinzialregierung und auch die weitere Ausgestaltung der nur im Grundsatz von Conradi getroffenen Bestimmungen über die Einrichtung des „Von Conradischen Schul- und Erziehungs-Instituts“. Schon zu Michaelis 1801 konnten die Absichten Conradis im Einvernehmen mit der Königlich preußischen Regierung in Danzig verwirklicht werden: Die beiden Landschulen in Nassenhuben und Bankau und das Institut in Jenkau, verbunden mit einem Alumnat (Internat mit einigen Freiplätzen) nahmen ihren Betrieb auf. Für Jenkau konnte als erster Direktor der später in der Pädagogik sehr bekannt gewordene Reinhold Bernhard Jachmann, der dritte Prediger und Rektor der gelehrten Schule in Marienburg, gewonnen werden.

In die beiden Landschulen, Nassenhuben in der Danziger Niederung, Bankau auf der Höhe, sollten „alle Kinder aus meinen Gütern männlichen und weiblichen Geschlechts und die Kinder aus angrenzenden Dörfern“ Zutritt haben, hieß es im Testament. Daneben stand die Provinzialschule in Jenkau, „welche zur Ausbildung der in denen von mir fundirten Landschulen, und in anderen Schulen in den ersten Vorkenntnissen unterrichteten Jünglinge männlichen Geschlechts dergestalt bestimmt ist, daß der größere Theil zu erfahrenen Landwirthen, zu Schullehrern und zu Handwerkern vorbereitet, ausgezeichnete Genies aber im Studiren so weit geführet werden, daß sie entweder auf die Academie oder auf ein Gymnasium geschickt werden können.“

Karl Friedrich Freiherr von Conradi wurde am 19. Juli 1798 in der Oberpfarrkirche St. Marien in einer Gruft unter der Aller-Heiligen-Kapelle (der ehemaligen Bibliothek) beerdigt und sein Grab im Steinbuch unter der Nr. 272 verzeichnet. Die Grabplatte im Boden des südöstlichen Teils der Kirche mit Inschrift und Wappen ist bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben.

Über den weiteren Weg des Conradinums, der von zahlreichen erhalten gebliebenen Schulprogrammen anschaulich geschildert wird, seien nur kurz folgende Abschnitte mitgeteilt:

1. 1801 – 1814 gelehrte Schule (sechsklassiges Gymnasium) in Jenkau bei Danzig.

2. 1819 – 1843 Schullehrer-Seminar mit Erziehungsanstalt zur Ausbildung der Lehrer.

3. 1843 – 1879 Höhere Bürgerschule (Sieben Klassen) mit Lateinunterricht.

4. 1879 – 1900 Realprogymnasium (zunächst sieben, ab 1892 sechs Klassen) mit Lateinunterricht.

5. 1900 – 1913 Realschule (ohne Latein) und Aufbau eines Progymnasiums in Langfuhr. Feierliche Einweihung des neuen Conradinums in der Kruse-Straße in Danzig-Langfuhr am 17. Oktober 1900 in Anwesenheit des Oberpräsidenten der Provinz Westpreußen, Gustav von Goßler, der übrigens vor seiner Berufung nach Danzig 1891 preußischer Kultusminister gewesen war.

6. 1913 – 1945 Ausbau zur Oberrealschule mit dreiklassigem Progymnasium, dreiklassiger Vorschule und Alumnat.

Lit.: Otto L. F. Neumann: Darstellung der von Conradi’schen Stiftung von ihrem Entstehen bis zur fünfzigjährigen Stiftungsfeier des Provinzial-Instituts am 12. Juli 1852 von O. E. F. Neumann Instituts-Director. Zweite Auflage. Vermehrt durch …, Danzig, Th. Anguth, 1868. – Ernst Bonstedt: Von Conradisches Provinzial-Schul- und Erziehungs-Institut. Bericht über das mit einem Alumnat verbundene Realprogymnasium zu Jenkau bei Danzig für das Schuljahr von Ostern 1892 bis Ostern 1893 erstattet von dem Direktor Dr. Ernst Bonstedt. Danzig 1893. – Ernst Bonstedt: Das von Conradische Schul- und Erziehungs-Institut und seine bisherigen Schulformen. In: Von Conradisches Provinzial-Schul- und Erziehungs-Institut Bericht … von Ostern 1893 bis Ostern 1894 erstattet von dem … Danzig 1894. – Weichbrodt, Dorothea: Patrizier, Bürger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig in Stamm- und Namentafeln vom 14. bis 18. Jahrhundert. Klausdorf 1986. – Lingenberg, Heinz: Danzig als Schulstadt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In: Zur Bildungs- und Schulgeschichte Preußens. Hrsg. von U. Arnold. Lüneburg 1988. – Bahr, Rudi: Das Conradinum. Eine Stiftung des Freiherrn von Conradi anno 1794. Kulturwerk Danzig Schriftenreihe II, Heft 8, Düsseldorf 1995. – Rundbriefe der Vereinigung ehemaliger Conradiner. Z. B. Nr. 82 vom Herbst 1996.

Bild: Grabstätte Conradis in St. Marien zu Danzig, Grabplatte; Aufnahme des Verfassers.

Hans-Jürgen Kämpfert

 

 

 

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.