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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Coudenhove-Kalergi, Richard

Publizist, Politiker

* 1894, 17.11.
Tokio

† 1972, 27.07.
Schruns/Vorarlberg

Die Ideen des böhmischen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi, der nach dem Ersten Weltkrieg die europäische Einigungsbewegung gründete, gewinnen heute neue Aktualität, seit das Verschwinden des „Eisernen Vorhangs“ eine gerechte Völkerordnung in ganz Europa zur konkreten politischen Aufgabe macht. 1894 wurde er als Sohn eines K. u. K.-Diplomaten und einer Japanerin in Tokio geboren. Als er zwei Jahre alt war, übersiedelte die Familie auf ihren Stammsitz Ronsperg im deutsch besiedelten Westböhmen (Egerland). Vom Vater zu unbedingter Toleranz erzogen, war ihm Europa von Kind auf der geistige Bezugsrahmen, das „Land seines Vaters“. Als Jugendlicher für den Dienst in der Habsburger-Monarchie vorbereitet, verlor er nach dem Krieg sein Vaterland – und fand es in Paneuropa wieder. Wenig bekannt ist, wie sehr der „Pionier Europas“ von seiner Heimat Böhmen und dem nationalen Streit zwischen Deutschen und Tschechen in seinem Denken geprägt und bestimmt wurde. Im Vorwort des Bischofteinitzer Heimatbuches schrieb Coudenhove-Kalergi 1967: „Ronsperg im Kreis Bischofteinitz war meine erste Heimat: von 1896 bis 1914. Der Eiserne Vorhang liegt heute zwischen mir und meiner böhmischen Heimat, die sich für mich in einen Traum verwandelt hat – vergoldet durch die Liebe. Europa istinzwischen mein Vaterland geworden. Aber in der Mitte dieses großen Vaterlandes lebt, unberührt von aller Politik, meine kleine Heimat im Böhmerwald.“

Bei der Formulierung seines Paneuropa-Planes spielte das Erleben der Nationalitätenkonflikte, die schließlich zur Zerstörung seines Vaterlandes, der Habsburger-Monarchie, geführt hatten, eine große Rolle. Coudenhoves erster paneuropäischer Artikel erschien im September 1921. Sein eigentliches Thema lautete bezeichnenderweise:Tschechen und Deutsche. Darin führte er aus: „Die tschechisch-deutsche Frage wurzelt in der europäischen; die deutsch-böhmische Frage ist nicht nur eine tschechische und deutsche, sondern vor allem eine europäische. Wird Europa, so wird alle Staatszugehörigkeit in diesem einigen Erdteil bald belanglos sein; wird es nicht, so muß die nationale Kohäsion schließlich sich gegen alle staatsrechtliche Adhäsion durchsetzen. Gelingt es nicht, die Tschechoslowakei fest in Europa zu begründen, so muß sie, früher oder später, zerfallen. Geographisch ist Böhmen das Herz Europas: geb Gott, daß es dereinst auch politisch dessen Herz werde.“

Die Ideen, mit denen sein Vater sich für die Reform der übernationalen Donaumonarchie eingesetzt hatte, übertrug der Sohn auf Europa. Denn in seinen Augen lag das Verhängnis der Friedensordnung von Versailles nicht so sehr in der Ungerechtigkeit gegenüber dem einen oder anderen europäischen Volk, sondern im Scheitern der europäischen Politik als Ganzem. „Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaate zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen“, schrieb er 1922 in seinem ersten Europa-Manifest, dem Artikel Paneuropa – ein Vorschlag.

Mit der Veröffentlichung seines Artikels hatte Coudenhove die europäischen Staatsmänner aufrütteln wollen. Doch das Echo blieb aus. So zog sich der junge Schriftsteller 1923 einige Wochen zurück, um sein Buch Pan-Europa zu verfassen. Dieses Werk gilt heute als eines der wichtigsten politischen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts und reichte aus, seinen Verfasser unsterblich zu machen. Es zeichnet ein luzides Bild der Lage, zeigt die Gefahren, beschreibt Alternativen und faßt in präzise formulierten Thesen alle wichtigen Argumente zugunsten der europäischen Einigung zusammen.

Coudenhove blieb bei der Theorie nicht stehen. Zugleich rief er zum Beitritt zur Paneuropa-Union als der Sammlungsbewegung aller Europäer auf. Die Idee fand wohlwollende Aufnahme in intellektuellen Kreisen, zog allerdings das Mißtrauen der pazifistischen Bewegung auf sich, die den Gedanken einer in Großräume gegliederten Welt verwarf.

In dieser Situation berief Coudenhove 1926 den ersten Paneuropa-Kongreß der Geschichte mit 2000 Teilnehmern aus 24 Nationen nach Wien ein. Der Zeitpunkt war gut gewählt: Insbesondere seit dem Abschluß des Vertrages von Locarno 1925 hatte sich die politische Zusammenarbeit in Europa verbessert, alle Verständigungsideen wurden von einer Welle des Interesses getragen. Europa-Literatur und auch Europa-Verbände hatten Konjunktur. 1926/27 war die Initiative eines einzelnen Mannes zu einem stattlichen, europaweit organisierten Verband geworden. Europas angesehenster Staatsmann, der französische Außenminister Aristide Briand, übernahm das Ehrenpräsidium. Ihn forderte Coudenhove wiederholt und immer dringender auf, endlich Paneuropa auf die Tagesordnung der staatlichen Politik zu setzen. 1929 war es endlich soweit: Briand schlug in einer Rede vor dem Völkerbund die Schaffung von „einer Art föderativem Band“ zwischen den europäischen Nationen vor. Es war dies der glanzvolle Höhepunkt der proeuropäischen Kampagne der Zwischenkriegszeit und zugleich ihr Schlußpunkt: denn England lehnte den Plan gänzlich ab, in Deutschland starb unmittelbar danach Stresemann, der als einziger zumindest vorsichtiges Interesse gezeigt hatte, und auch die französische Politik verfolgte die Initiative angesichts der allgemeinen Entwicklung nur mit halbem Herzen. 1930 wurde das Briand-Memorandum am Vorabend des zweiten Paneuropa-Kongresses, der zu seiner Unterstützung nach Berlin einberufen worden war, veröffentlicht. Doch es kam zu spät: seit dem Börsenkrach hatte die Politik der vorsichtigen Öffnung auf allen Seiten ihr Ende gefunden.

„Stalin bereitet den Bürgerkrieg vor – Hitler den Völkerkrieg“, warnte Coudenhove auf dem dritten Paneuropa-Kongreß in Basel 1932. Sofort nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Paneuropa-Literatur verboten, die deutsche Paneuropa-Union aufgelöst. Die Unterstützung durch die deutsche Industrie fiel aus. Zugleich verlor Coudenhove viele der einstigen linksintellektuellen Mitstreiter, die ihre Hoffnungen im Kampf gegen Hitler auf die Sowjetunion richteten, während der Paneuropa-Präsident seine Ablehnung des Kommunismus nicht widerrief, sondern verschärfte. Mit dem Einmarsch Hitlers in Wien kam im März 1938 das Ende seiner Aktivitäten. Die ersten zwei Jahre fand Coudenhove Zuflucht in der Schweiz. In festem Glauben an den Sieg der Alliierten floh er dann, im Juni 1940, aus Europa in die Vereinigten Staaten.

In Amerika konnte Coudenhove seine Arbeit zunächst nicht fortsetzen – im isolationistischen Klima der Jahre 1940/41 stieß der missionarische Vorkämpfer eines einigen Europa auf taube Ohren. Zugleich engagierte er sich an der Seite Otto von Habsburgs für die Bildung einer parteiübergreifenden österreichischen Exilregierung: ein Versuch, der an der Absage der überwiegend großdeutsch orientierten Sozialisten scheiterte.

Durch diese Parteinahme für Österreich und seine unveränderte antisowjetische Einstellung zog sich Coudenhove die Gegnerschaft des Benesch-Exils und aller „fellow traveller“ der Kommunisten zu. Bei der Vorbereitung des fünften Paneuropa-Kongresses in New York 1943 bekam er den Einfluß dieses Lagers zu spüren. Dessen ungeachtet entwickelte er in diesen Jahren eine Strategie, die nach dem Kriege die europäische Einigungsbewegung wesentlich prägen sollte: die Idee der Konstituante, einer „Europäischen Verfassunggebenden Versammlung“.

Als Coudenhove-Kalergi 1946 aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurückkehrte, stellte er fest, daß nach zwei schrecklichen Weltkriegen endlich die Bereitschaft für einen europäischen Neubeginn erwacht war. In dieser Situation besann er sich auf das im Exil entwickelte Vorhaben einer „Europäischen Konstituante“. Nachdem die Alliierten es versäumt hatten, ein Parlament als Grundstein der neuen Ordnung im westlichen Europa einzuberufen, holte er dies in privater Initiative nach: so entstand die Europäische Parlamentarier-Union (EPU). Auf ihrem Kongreß in Gstaad 1947 forderte die EPU die Einberufung einer europäischen Parlamentarischen Versammlung; eine Forderung, die von der Europäischen Bewegung auf dem Haager Kongreß 1948 übernommmen wurde.

Die Kampagne der Europäischen Parlamentarier-Union war erfolgreich: Sie erreichte, daß der 1949 gegründete Europa-Rat nicht nur aus einem Ministerrat bestand, sondern ihm als zweites Organ eine Beratende Parlamentarische Versammlung zur Seite gestelltwurde. Damit hatte die Geschichte des europäischen Parlamentarismus begonnen.

1950 wurde Richard Coudenhove-Kalergi der erste Karlspreis der Stadt Aachen verliehen. 1966 folgte dieser Auszeichnung der Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft. In seinen Memoiren schrieb Coudenhove dazu: „Der Sudetendeutsche Karlspreis wurde mir verliehen, weil ich seit Jahrzehnten für die Verständigung und Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen eingetreten war. Durch diese Ehrung wurde ich Ehrenmitglied der großen Gemeinschaft der Sudetendeutschen, die 3 Millionen Bürger der Bundesrepublik umfaßt und einen großen Einfluß ausübt auf die deutsche Politik, Wirtschaft und Kultur. Durch sie bin ich nun eine Art Ehrenbürger der deutschen Nation.“ Im Sommer 1972 starb der Schöpfer der Paneuropa-Idee im österreichischen Schruns. Sein Grab bei Saanen im Berner Oberland liegt eingebettet in das herrliche Panorama der Alpen, des Daches Europas.

Lit.: Richard Coudenhove-Kalergi: Pan-Europa, Wien 1923. – Richard Coudenhove-Kalergi: Ein Leben für Europa, Köln-Berlin 1966. – Rolf Italiaander, Richard N. Coudenhove-Kalergi, Begründer der Paneuropa-Bewegung, Freudenstadt 1969. – Wilfried Loth: Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration 1939-1957, Göttingen 1990. – Jerzy Lukaszewski: Richard Coudenhove-Kalergi et Paneurope (1894-1972), in: Annuaire Europeen/European Yearbook 28 (1980). – Martin Posselt: Die Paneuropa-Idee des Grafen Coudenhove-Kalergi, in: Annals of the Lothian Foundation l (1991). – Martin Posselt: Richard Coudenhove-Kalergi und die Europäische Parlamentarier-Union. Die parlamentarische Bewegung für eine „Europäische Konstituante“ (1946-1952), phil. Diss. Graz 1987 (erscheint als Veröffentlichung des Collegium Carolinum, München, in Vorbereitung). – Claus Schöndube. Ein Leben für Europa: Richard Graf Coudenhove-Kalergi, in: Persönlichkeiten der Europäischen Integration, hrsg. v. Thomas Jansen und Dieter Mahncke, Bonn 1981. – Unser Heimatkreis Bischofteinitz mit den deutschen Siedlungen im Bezirk Taus, hrsg. v. „Heimatkreis Bischofteinitz“, Selbstverlag 1967.

Bild: Coudenhove-Kalergi im Jahre 1969; Bildarchiv des Süddeutschen Verlages München.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Nikolaus_Coudenhove-Kalergi

Martin Posselt

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