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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dedecius, Karl

Übersetzer, Herausgeber, Essayist

* 1921, 20.05.
Lodz/Polen

† (lebend)

Als Karl Dedecius im Jahre 1921 geboren wurde, lebten in seiner Heimatstadt Łódź 452.000 Einwohner. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte diese zentralpolnische Industriestadt einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Vor allem die boomende Textilindustrie benötigte viele zusätzliche Arbeitskräfte. Zuwanderer kamen daher auch aus dem preußischen und habsburgischen Machtbereich in die prosperierende polnische Stadt. Die Eltern von Karl Dedecius gehörten ebenfalls zu dieser Gruppe von Arbeitsimmigranten. Sein Vater stammte aus Böhmen und die Mutter aus dem Schwäbischen. Ihr Sohn wurde zweisprachig erzogen. Und es war nur folgerichtig, daß der 18jährige Dedecius sein Abitur an dem polnischen humanistischen Gymnasium „Stefan-Żeromski“ ablegte, das seinen Namen von dem 1925 gestorbenen polnischen Schriftsteller und Patrioten erhalten hatte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde Dedecius gezwungen, Soldat in der deutschen Wehrmacht zu werden. Viel später charakterisiert er diese Zeit in einem Brief an den gleichaltrigen polnischen Dichter Tadeusz Różewicz mit den Worten: „Und just 1939, als man uns für reif erklärte, just in dem Augenblick, als Ihnen und mir die ersten eigenen, freien Entscheidungen in Aussicht standen, wurden wir beide abrupt in die äußerste Unfreiheit geworfen. In zwei extreme Zwangssituationen. Ich war über Nacht potentieller Faschist und Sie mein potentielles Opfer … Eben waren wir noch im heißen Sand der Wieluner Ebene herumtollende Kinder gewesen, auf gleiche Weise vorbelastete Halbwüchsige, an gleichen Dingen des Lebens interessierte Pennäler – dann wurden wir übergangslos zu Feinden, die sich gegenseitig nach dem Leben zu trachten hatten.“

Anfang Februar 1943 geriet Dedecius in Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst nach sieben Jahren entlassen wurde. In dieser existenziellen Ausnahmesituation lernte er die russische Sprache und beschäftigte sich mit den Gedichten des russischen Dichters Michail Jurjewitsch Lermontow (1814–1841). Als er 1950 die Sowjetunion verlassen durfte, ging er nach Kranichfeld bei Weimar, wo ihn seine Braut erwartete. Schon 1951 konnte er als Oberassistent an der Theaterwissenschaftlichen Abteilung des Deutschen Theater-Instituts in Weimar arbeiten. Doch bereits im folgenden Jahr übersiedelte Dedecius in die Bundesrepublik. Von 1954 bis 1978 arbeitete er bei der Frankfurter Allianz-Versicherung, zuletzt im Rang eines Abteilungsdirektors. Materiell abgesichert, konnte Dedecius sich in seiner freien Zeit seinem großen Anliegen widmen, dem Übersetzen polnischer Texte ins Deutsche und der Vermittlung der von ihm noch selbst erfahrenen polnischen Kultur. 1959 war es endlich soweit: Sein erstes Buch, die „Lektion der Stille. Neue polnische Lyrik“ mit eigenen Nachdichtungen konnte erscheinen. Und seit diesem Auftakt veröffentlichte Dedecius kontinuierlich bis heute über 100 Übersetzungen von polnischen, russischen und serbokroatischen Dichtern, darunter Lyrik- und Prosaanthologien, Romane und Erzählungen und die von ihm so geschätzten Aphorismen. Aus seiner stupenden Kenntnis der polnischen Literatur- und Kulturgeschichte, die er sich nicht als Student in den Hörsälen der Universitäten angeeignet hatte, sondern die er im Selbststudium erworben hatte, aus diesem reichen Fundus also erwuchsen ganz selbstverständlich auch Aufsätze und Bücher zu den deutsch-polnischen Beziehungen und umfangreiche Gesamtdarstellungen. Dedecius war zu einem „Fährmann“ geworden, zwischen den beiden benachbarten, aber lange Zeit einander gänzlich fremden Kulturen, der deutschen und der polnischen.

Seine Arbeit wurde schon bald von der Fachwelt gewürdigt: 1965 erhielt er den „InternationalenÜbersetzerpreis des Polnischen PEN-Clubs in Warschau“, 1967 wurde er Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und der „Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt“ wurde ihm als Anerkennung für seine bisherige Übertragungsleistung zuteil. Aber auch die völkerverbindende Leistung des Homme de lettres Karl Dedecius fand die gebührende Anerkennung durch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1990.

Es gelang Karl Dedecius schließlich, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß die bisher von ihm als einem Privatmann geleistete Arbeit nur in der Form einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung auch weiterhin die erwünschten Früchte würde tragen können. Deshalb engagierten sich 1979 Privatleute, der Bund, die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz und die Stadt Darmstadt bei der Gründung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Seit der Aufnahme seines Betriebes im folgenden Jahr bis Ende 1997 stand Dedecius dieser von ihm ins Leben gerufenen Einrichtung als Direktor vor. Dedecius und sein kleiner Kreis von Mitarbeitern betrieb dort keine Forschung im Elfenbeinturm. Es war ihm immer ein Anliegen, die Ergebnisse seiner Arbeit publik zu machen: Im Suhrkamp-Verlag wurde 1982 die auf 100 Bände berechnete Reihe „Polnische Bibliothek“ ins Leben gerufen. Darin wird polnische Literatur vom Mittelalter bis heute in Übersetzungen veröffentlicht. Aber auch die Vermittlung der deutschsprachigen Literatur in Polen wurde von Dedecius nicht aus den Augen verloren. Seit 1997 erscheinen deutsche Texte im Verlag „Wydawnictwo Literackie“ in Krakau.

Aus dem privaten und beruflichen Werdegang von Karl Dedecius war es ein folgerichtiger Schritt, daß sein privates Archiv im Collegium Polonicum, einer gemeinsam betriebenen Einrichtung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und der Universität Posen in Słubice, also der östlich der Oder gelegenen ehemaligen Dammvorstadt von Frankfurt an der Oder, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich sein soll.

Lit.: Polonica Dedeciana.Hg. von der Bibliophilen-Gesellschaft Thorn, Thorn 1986 (Bibliographie). – Suche die Meinung. Karl Dedecius, dem Übersetzer und Mittler zum 65. Geburtstag. Hg. von Elvira Grözinger und Andreas Lawaty, Wiesbaden 1986. – Gräfin Marion Dönhoff: Dedecius, der Fährmann. Der Gründer des Deutschen Polen-Instituts nimmt seinen Abschied, in: DIE ZEIT, Nr. 3, 1998, S. 6.

Werke: Deutsche und Polen. Botschaft der Bücher, München 1971. – Deutsche und Polen in ihren literarischen Beziehungen, Stuttgart 1973. – Überall ist Polen. Zur polnischen Literatur der Gegenwart, Frankfurt am Main 1974. – Polnische Profile, Frankfurt am Main 1975. – Zur Literatur und Kunst Polens, Frankfurt am Main 1981. – Polnische Poesie des zwanzigsten Jahrhunderts. Hg. von K. D., Frankfurt am Main 1982. – Vom Übersetzen. Theorie und Praxis, Frankfurt am Main 1986. – Von Polens Poeten, Frankfurt am Main 1988. – Lebenslauf aus Büchern und Blättern, Frankfurt am Main 1990. – Poetik der Polen. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 1992. – Polen und Deutsche in Europa. Tradition der Gemeinsamkeit und neue Wege, Jena/Erlangen 1992. – Wörterbuch des Friedens. Ein Brevier, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1993. – Ost West Basar, Zürich 1996. – Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hg. von K. D., Bd. 1–7, Zürich 1996–2000.

Bild: Archiv der Kulturpolitischen Korrespondenz.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Dedecius

Peter M. Wolfrum

 

 

 

 

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