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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dellingshausen, Eduard Freiherr von

Landespolitiker

* 1863, 19.03.
Reval/Estland

† 1939, 09.07.
Potsdam

Nach dem Besuch der Revaler Domschule studierte Dellingshausen in Dorpat, Berlin und München Physik, um in der Folgezeit die Güter seiner Familie in Estland zu bewirtschaften. Bald begann er dort eine aktive Rolle in der Landesselbstverwaltung zu spielen, die in den Ostseeprovinzen Rußlands auch noch in der späten Zarenzeit vom deutschen Adel getragen wurde. Gestützt auf das Vertrauen seiner Standesgenossen, nahm er in der langen und entscheidungsreichen Zeit von 1902-1918 als letzter Ritterschaftshauptmann die wichtigste landespolitische Position in Estland ein. Aus der beeindruckenden Reihe seiner sonstigen Funktionen sei hervorgehoben, daß er 1907-1912 Mitglied des neuen russischen Reichsrates war, eines Oberhauses, dessen Schaffung er angeregt hatte. Als führender Landespolitiker war Dellingshausen mit Erfolg bemüht, gegenüber der russischen Regierung die Sonderstellung Estlands und die nationalen Anliegen seiner Bevölkerung zu vertreten. In diesem Sinne setzte er sich für den estnischsprachigen Unterricht in den Volksschulen ein. Darüber hinaus suchte er die überkommene ständische Landesverfassung an die moderne Entwicklung anzupassen, indem er eine Beteiligung des estnischen Bauerntums an der Provinzialverwaltung vorsah. Entsprechende Reformprojekte scheiterten jedoch am Widerstand der St. Petersburger Bürokratie. Bei der Verfolgung seiner Politik hatte Dellingshausen immerhin noch in der Zeit des Ersten Weltkrieges gute Kontakte zu estnischen Politikern herstellen können.

Nachdem die Zarenherrschaft im Ergebnis der russischen Februarrevolution von 1917 gestürzt worden war, trug der Ritterschaftshauptmann zur Loslösung Estlands von Rußland bei. Während nun aber die Esten immer deutlicher einen eigenen Nationalstaat erstrebten, wirkte Dellingshausen auf die Schaffung eines Liv-, und Kurland umfassenden Gesamtstaates hin, in dem den Deutschbalten weiterhin entscheidender Einfluß zugekommen wäre und der mit Deutschland verbunden sein sollte. Die Tatsache, die deutschen Truppen 1917/18 über das schon vorher eroberte Kurland hinaus auch Liv- und Estland eingenommen hatten, konnte diese Lösung vorübergehend als realistisch erscheinen lassen. Der deutsche Zusammenbruch vom November 1918 erwies sie doch endgültig als Illusion. Dellingshausen verließ nun mit vielenanderen seine Heimat, um in Deutschland nur noch in baltischen Traditionsverbänden aktiv zu sein.

Im erfolgreichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus erfolgte dann die Etablierung der demokratischen Nationalstaaten Estland und Lettland. Obwohl diese Entwicklung als notwendig und von unseren Wertmaßstäben her als fortschrittlich erscheint, verdient der mit seinem Programm gescheiterte Dellingshausen auf jeden Fall unsere Achtung; bis zum Schluß seines unermüdlichen Wirkens in Estland stellte er sein Verantwortungsgefühl gegenüber allen, auch den nichtdeutschen Heimatgenossen unter Beweis, und die Lauterkeit seines Charakters steht außer jedem Zweifel.

Lit.: Eduard von Dellingshausen, Im Dienste der Heimat! Erinnerungen, Stuttgart 1930. – Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, hg. von Wilhelm Lenz, Köln-Wien 1970, S. 162. – Arved Freiherr von Taube, Von Brest-Litovsk bis Libau. Die baltisch-deutsche Führungsschicht und die Mächte in den Jahren 1918/19, in: Von den baltischen Provinzen zu den baltischen Staaten. Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Republiken Estland und Lettland 1918-1920, hg. von Jürgen von Hehn, Hans von Rimscha, Hellmuth Weiss, Marburg/Lahn 1977, S. 70-236. – derselbe, Eduard Freiherr von Dellingshausen – ein baltischer Staatsmann, in: Baltische Hefte 9 (1962/63), S. 129-148. – Carola L. Gottzmann, Petra Hörner, Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs, Berlin 2007, S. 355-356.

Norbert Angermann

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