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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dietzenschmidt (Schmidt, Anton Franz)

Dichter, Dramatiker

* 1893, 21.12.
Teplitz-Schönau/Böhmen

† 1955, 17.01.
Eßlingen/Neckar

Er war einer der großen Dramatiker der deutschen Literatur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Als Anton Franz Schmidt geboren, nannte er sich als Dichter nur Dietzenschmidt. Er schrieb zwar auch Gedichte und veröffentlichte Erzählungen, bekannt aber wurde der seit dem Ersten Weltkrieg in Berlin Lebende bis 1933 als Dramatiker, an denen eigentlich sonst die sudetendeutsche Literatur sehr arm ist.

1919 erhielt Dietzenschmidt den Kleist-Preis, 1928 bekam er den Tschechoslowakischen Staatspreis für Deutsche Dichtung. Ein Jahr später wählte ihn die Deutsche Gesellschaft (Akademie) der Wissenschaften und Künste in Prag zu ihrem Mitglied. Nach seinem Tode widmete ihm das Königsteiner Institut für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas. Sudetendeutsche Abteilung in Königstein seine erste Publikation: DIETZEN-SCHMIDT. Eine Selbstbiographie aus dem Nachlaß des Dichters mit einer Einführung und Proben aus seinen Dichtungen. Johannes Tschech stellte der Selbstbiographie des Autors eine Einführung voraus.

Manche von Dietzenschmidts Stücken wie die Kleine Sklavin über den Mädchenhandel sind heute noch aktuell. Dieser Erfolgstück wurde 1919 in Berlin uraufgeführt und ging über Dutzende von Bühnen in Deutschland. Es wurde über 200-mal gespielt. Auch andere Werke erlebten zahlreiche Aufführungen, ehe 1933 Dietzenschmidt auf die „Unerwünschten-Liste“ der Nazis gesetzt wurde und er Deutschland verlassen musste.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und seiner Rüchkehr nach Böhmen verstummte der Dichter. Als das Sudetenland 1938 an das Deutsche Reich angegliedert wurde, denunzierte der neue Gauleiter und Reichsstatthalter Konrad Henlein Dietzenschmidt bei Goebbels. Dieser wollte aber nicht „der Laufbursche des Turnlehrers aus Asch“ sein, sondern warnte den Dichter und riet ihm „auszuweichen und unterzutauchen“. Im Städtchen Bonndorf im Hochschwarzwald überlebte Dietzenschmidt den Krieg.

Am 17. Januar 1955 starb er während eines Besuches in Esslingen. Er war auch nach dem Krieg stumm geblieben. Ihm war, als „sei sein Ich auf dem Golgotha-Wege der Völker Europas und mit dem Kreuzzug seines sudetendeutschen Volkes verschollen. Er fühlte sich als ein mit den Millionen Europas und den Hunderttausenden seines sudetendeutschen Volkes Verstorbener …“

Sein Landsmann Josef Mühlberger sagte in Esslingen am Grab über ihn: „Vor zwei Jahrzehnten verstummte er. Dieses Schweigen ehrt ihn, den Ehrlichen, Aufrechten, und ihn ehrt, daß die Zeit nach 1933 ihn so tief erschütterte, daß er wie eine zersprungene Glocke nicht mehr klang. Er, der Dichter des tiefsten und höchsten Menschlichen, war auf den Tod verwundet worden. Das Wort in sich verschüttet wissen, das ist für den Dichter ein Tod vor dem Tode. Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor seinen letzten stummen Lebensjahren, die in sein Ende münden.“

Als sich 1993 der Geburtstag von Dietzenschmidt zum 100. Male jährte, wurde ein bescheidener Anfang zu Dietzenschmidts Wiederentdeckung gemacht. Dr. Daniel Langhans, der in seiner Dissertation über den Reichsbund der deutschen katholischen Jugend in der Tschechoslowakei auch Dietzenschmidt behandelte, hat mit dem Arbeitskreis Sudetendeutscher Studenten beim Sudetendeutschen Tag in Nürnberg das Stegreifspiel vom Narren Tuvielgut aufgeführt. Auch ein Sohn des Dichters war damals anwesend.

Über das Werk Dietzenschmidts können wir uns gut informieren, auch wenn eine Gesamtdarstellung fehlt. Bereits 1933 hat Dr. Johannes Tschech im Verlag Ed. Schlusche in Lobnig in Nordmähren ein Büchlein Dietzenschmidt, ein Dramatiker der Gegenwart über ihn geschrieben. Josef Mühlberger, der ihm 1955 die Grabrede hielt, würdigt ihn in seiner 1981 erschienenen Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1900-1939. Auch Jürgen Serke hat ihn in sein Buch Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft aufgenommen. In der 1959 posthum erschienenen Selbstbiographie ist aus Dietzenschmidts Nachlass auch eine Erste Hilfeleistung für den geplagten Rezensenten und Referenten abgedruckt, in welcher der Autor seine Werke selbst kurz charakterisiert. Wir finden in dem Bändchen auch die Grabrede Mühlbergers, Erinnerungen von Heinrich Schubert Der Dichter und die Jugend, und eine kleine Auswahl aus seinen Dichtungen.

„Dietzenschmidt ist zuerst und immer Dramatiker“, so sagt Johannes Tschech von ihm, dennoch sollten seine Gedichte und seine Prosa nicht vergessen werden, in denen auch seine sudetendeutsche Heimat ersteht.

„Ruft das Bild sie noch zurück/ jene frohen Elbetage?“ so beginnt der Dichter sein Gedicht auf ein Bild Elblandschaft. Andere Titel sind Pietà, Das Bild des Mädchens, Gebet in der Großstadt. Seine Novellen und Legenden, die 1918 unter dem Titel König Tod veröffentlicht wurden, schrieb er im Winter 1913/14 als 20-Jähriger. „Wurden oft im Rundfunk und auf den Vortragsabenden gelesen und hatten gute Presse. Dennoch ließ der Verfasser sie bislang nicht wieder neu auflegen“, schreibt Dietzenschmidt selbst darüber.

Berühmt machten ihn aber seine Dramen: Schon als 19-Jähriger verfasste er Jeruschalayims Königin, die 1918 im Druck erschien. Heldin des Stückes ist Schelome Alexandra, die Tante der berühmten Salome. Auch in der Vertreibung der Hagar gestaltete Dietzenschmidt einen biblischen Stoff. 1917 entstand seine Tragikomödie gegen den Mädchenhandel Kleine Sklavin, geschrieben, wie der Dichter sagt, „aus verzweifeltem Zorn über die Blindheit der menschlichen Gesellschaft gegenüber damaligen sozialen und moralischen Mißständen“. Seit 1919 wurde das Stück in Übersetzungen auch im Ausland gespielt, in tschechischer Sprache auch in Prag. Das Stück wurde als „abschließende Meisterleistung des Realismus“ geschätzt und war auch ein Stummfilmerfolg der frühen zwanziger Jahre. Es folgten Legendenspiele wie Christofer und Die St. Jakobsfahrt, Die Nächte des Bruder Vitalis und Regiswindis. Christofer wurde in Königsberg in Ostpreußen uraufgeführt. Die St. Jakobsfahrt lief nach der Uraufführung in Schwerin und Bonn über 150 deutsche Bühnen. Über das Stück Verfolgung. Ein Abdruck in sieben Stationen sagt der Autor, es sei „das gestraffteste seiner Werke in seinem in zehn Gestalten sich personifizierenden Schicksal, von einem einzigen schnell verwandlungsfähigen Schauspieler darzustellen“.

Für Mariens siebente Herrlichkeit, einem 1924 in Mariazell von Wiener Burgschauspielern uraufgeführten Mysterienspiel, dankte der spätere Papst Pius XII. dem Dichter persönlich. Ein Erfolg waren auch die Erfolgskomödie Vom lieben Augustin und die Hinterhauslegende, die der Intendant des Berliner Staatstheaters unter dem Titel Mord im Hinterhaus uraufführte. Es ist nach Absicht des Autors „ein soziales und religiöses Kampfstück mit einem ganzen Bündel ineinander verwobener Handlungen. Die Hauptträger sind ein junger Nazi-Antisemit, der zum triebhaften Mörder wird, und ein alter, weiser Talmud-Jude, der für Gott und die Seele des jungen Verirrten kämpft.“ Die Quittung erhielt Dietzenschmidt 1933, aber auch für die christlichen Legendenspiele und das Wirken in der katholischen werktätigen Jugend: Aufführungsverbot sämtlicher Werke. Als letztes Stück vor Hitlers Machtergreifung konnte noch 1932 in Ulm (und in Aussig) die Judas-Tragödie Der Verräter Gottes aufgeführt werden. Zwei weitere Werke sind nicht unter seinem Namen erschienen: Das Rüpelspiel vom dummen Teufel Poltrioh wurde für die sudetendeutsche katholische werktätige Jugend geschrieben und von ihr auf ihren Werkwochen uraufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgte unter dem Pseudonym Peter Thomas Bundschuh, um es von Dietzenschmidts oft schwierigen und problematischen Werken der Erwachsenen-Bühne scharf abzugrenzen. Das Stegreifspiel vom Narren Tuvielgut wurde gleich dem vorigen für die sudetendeutsche katholische werktätige Jugend gedichtet und auf ihren Schulungswochen im Sudetenland aufgeführt. Aus dem selben Grunde, der für den Poltrioh galt, erschien es unter dem Decknamen Peter Thomas Bundschuh, der ein Bekenntnis sein sollte zu Dietzenschmidts Lieblingsaposteln Peter und Thomas und zu seinen erzgebirgischen Vorfahren, die aus dem Bundschuhgebiet Schwabens im 12. Jahrhundert nach Böhmen ausgewandert waren.

Wenn gesagt wurde, Dietzenschmidt verdiene eine Neuentdeckung, so gilt das nicht nur für seine Werke, sondern auch für die Person des Dichters. Sein ruheloses Herz war das eines gezeichneten Gottesknechtes. Körperlich heimgesucht seit den Folgen einer Operation in seiner Jugend, war er ein zartfühlender und gütiger Mensch, auch als das Leben ihm Ruhm und Ehre brachte. Am Vorabend der Operation hatte er zum Glauben zurückgefunden und ihn stets praktiziert.

Dietzenschmidt war ein religiöser Dichter, der oft verkannt wurde, vor allem in der Behandlung von Schuld und Sühne und der Darstellung erotischer Themen. Der Streit um das Stück Die Nächte des Bruder Vitalis ist hier ein Paradebeispiel, ein Stück, gegen das vor allem der Breslauer Kardinal Bertram lange Jahre Einwände hatte. Wichtig war für Dietzenschmidt die Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Berliner Sozial-Apostel Dr. Carl Sonnenschein, bedeutsam ist auch seine Mitarbeit bei den Gemeinschaftswochen des Reichsbundes der deutschen katholischen Jugend im Sudetenland.

Noch gibt es Augenzeugen dieser Wochen, die ihre Erinnerungen an den Dichter mitteilen sollten.

Lit.: Johannes Tschech (Hrsg.), Dietzenschmidt. Eine Selbstbiographie aus dem Nachlaß des Dichters mit einer Einführung und Proben aus seinen Dichtungen, Königstein 1959. – Josef Mühlberger, Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1910-1939, München 1981. – Jürgen Serke, Böhmische Dörfer, Wanderungen durch eine vergessene literarische Landschaft, Wien 1987.

Bild: Ostdeutsche Gedenktage 1980.

Rudolf Grulich

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