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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Döblin, Alfred

Schriftsteller, Arzt

* 1878, 10.08.
Stettin/Pommern

† 1957, 28.06.
Emmendingen bei Freiburg/Br.

Alfred Döblin erblickte in Stettin das Licht der Welt. Sein Vater, 1846 geboren, war als Kind aus Posen dorthin gekommen. Obwohl er musisch begabt war, musste er Schneidermeister werden. Als das Konfektionsgeschäft schlecht ging, richtete er eine Zuschneidestube mit einer Reihe von Angestellten ein. Seine eigentliche Vorliebe galt aber der Musik. Er erlernte mehrere Instrumente und lehrte am Ende, vor allem seine Söhne, sogar das Klavierspielen. Döblins Mutter war eine geborene Jessel – was für Stettin nicht unwesentlich war, denn ihr Cousin Leon Jessel (1871 in Stettin geboren, 1942 als Jude von den Deutschen ermordet) war ein recht bekannter Operettenkomponist, der seine musikalische Ausbildung in Stettin genossenhatte. Von ihm stammt u.a. die viel gespielte Operette Schwarzwaldmädel; international bekannt wurde er allerdings durch die Operette Parade der Zinnsoldaten. An der Stettiner Oper sang auch eine Jessel, eine Tante Alfred Döblins.

Döblins Vater verließ die Familie 1888, die Mutter schlug sich von nun an alleine mit ihren fünf Kindern durchs Leben. Sie zog mit den Kindern nach Berlin, wo sie in ärmlichen Verhältnissen im Osten der Stadt, in der Nähe des Alexanderplatzes, lebten. Alfred Döblin musste das Stettiner Realgymnasium verlassen und geriet fast auf die schiefe Bahn. 1891 durfte er wieder die höhere Schule besuchen – als der einzige in der Familie –; er hatte zwei Klassen zu wiederholen, so dass er erst mit 22 Jahren das Abitur ablegte. Als er die Schule endlich verließ, spuckte er wortwörtlich auf sie, wie er später bekannte. Er hatte nur in Englisch und Singen ein Gut auf dem Zeugnis. Trotzdem gelang es ihm, in Berlin und Freiburg ein erfolgreiches Medizinstudium zu absolvieren. Er spezialisierte sich auf Neurologie und Psychiatrie (1905 schrieb er die Dissertation„Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose“). Nach mehreren Jahren Arbeit in verschiedenen Krankenhäusern (darunter als Assistenzarzt in den Irrenanstalten Prüll bei Regensburg und in Berlin-Buch) eröffnete er 1911 eine Kassenpraxis in Berlin. 1914 meldete er sich freiwillig zur Armee und wurde Militärarzt. Nach Kriegsende nahm er seine Praxis wieder auf, bis er 1933 als Jude und links gesinnter Intellektueller, der mittlerweile großes Ansehen als Dichter und Essayist genoss, Deutschland verlassen musste. Er ging über die Schweiz nach Paris. Dort erhielt er 1936 die französische Staatsbürgerschaft. 1939/40 arbeitete er für das französische Informationsministerium unter Jean Giraudoux. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich gelang es ihm, mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn Stefan, über Spanien und Portugal in die USA zu fliehen. Die vielen Hindernisse, die es zu überwinden galt, beschreibt er eindrucksvoll in seinem Buch Schicksalsreise. In den Staaten lebte er nach einem einjährigen Vertrag mit der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer von Arbeitslosenunterstützung und Spenden. 1945 kehrte er nach Europa zurück. In Deutschland arbeitete er im Auftrag der französischen Militärregierung als Gutachter für die Zensurstelle, außerdem gab er die ZeitschriftDas goldene Tor heraus (sie erschien bis Anfang 1951). Nach seiner Emeritierung ohne Pensionsanspruch engagierte er sich für die Gründung der „Akademie der Wissenschaften und Literatur“ in Mainz. Im Oktober 1949 wurde er zum Vizepräsidenten der „Klasse für Literatur“ gewählt. 1953 ging er verbittert über die deutschen Verhältnisse nach Paris zurück. Er fände in Deutschland keine Luft zum Atmen, schrieb er. Vier Jahre später verstarb er in Emmendingen bei Freiburg.

Döblin begann bereits im Gymnasium zu schreiben. Den ersten Erfolg errang er aber relativ spät: mit dem ErzählbandDie Ermordung einer Butterblume von 1912. Die Titelgeschichte gehört bis heute zu dem festen Kanon der Döblinlektüre. Sie lässt sich einerseits als expressionistische Erzählung lesen, andererseits als eine scharfsinnige Analyse psychopathischen Störungen eines kleinen sadistisch gesinnten Geschäftsmannes, der zwischen Größenwahn und tiefen Schuldgefühlen hin und her schwankt. Das Ganze ist in einer kühnen Bilderwelt mit versteckten sexuellen Konnotationen situiert. Danach folgte der Roman Die drei Sprünge des Wang-lun (1915), mit dem es Döblin gelang, sich einen Namen zu machen. Die Handlung des Romans spielt in China, aber es geht Döblin um etwas Allgemeines: kann man sich als „wahrhaft Schwacher“, als völlig Zurückgezogener behaupten? Es stellt sich heraus, dass, wie man sich auch verwirklichen will, stets die Außenwelt eingreift und man Partei ergreifen muss. Man muss sein Schicksal, das zumeist ein tragisches ist, aktiv bestehen. Döblin greift hier auf mystisch-religiöse Vorstellungen zurück, die ihn als Schriftsteller immer wieder fesseln sollen. Sein Berater war zu jener Zeit kein Geringerer als Martin Buber. Der Roman zeichnet sich durch eine völlig neue Darstellung von Massenszenen aus. Und bereits hier finden wir eine Technik vor, die man später Kinostil genannt hat, die viele nur in Berlin Alexanderplatz, dem heute berühmtesten Roman von Döblin, vorzufinden meinen. Es gibt nichts Langatmiges, die Szenen überschlagen sich oft, nichts Weiches, sondern hart und abgehackt nebeneinander Stehendes.„Wir wollen keine Verschönerung, keinen Schmuck, keinen Stil, sondern Härte, Kälte und Feuer, Weichheit, Transzendentales und Erschütterndes, ohne Packpapier“, schrieb er während seiner Mitarbeit an der expressionistischen ZeitschriftDer Sturm.

Als nächste Romane veröffentlichte Döblin Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine (1918), Wallenstein (1920) und den Science-Fiction-RomanBerge, Meere und Giganten (1924), der zu den besten deutschsprachigen Werken in dieser Gattung gehört. Im Herbst 1924 begab er sich auf eine Reise nach Polen, nachdem er „pogromartige Vorgänge, im Osten der Stadt Berlin“ erlebt hatte. Aus diesem Grund luden „Vertreter des Berliner Zionismus eine Anzahl Männer jüdischer Herkunft [darunter auch Alfred Döblin, K.S.]zu Zusammenkünften ein, in denen über jene Vorgänge, ihren Hintergrund und über die Ziele des Zionismus gesprochen wurde. Im Anschluß an diese Diskussion kam dann einer in meine Wohnung und wollte mich zu einer Fahrt nach Palästina anregen, was mir fremd war. Die Anregung wirkte in anderer Weise auf mich. Ich sagte zwar nicht zu, nach Palästina zu gehen, aber ich fand, ich müßte mich einmal über die Juden orientieren. Ich fand, ich kannte eigentlich Juden nicht. Ich konnte meine Bekannten, die sich Juden nannten, nicht Juden nennen. Sie waren es dem Glauben nach nicht, ihrer Sprache nach nicht, sie waren vielleicht Reste eines untergegangenen Volkes, die längst in die neue Umgebung eingegangen waren. ich fragte also mich und fragte andere: Wo gibt es Juden? Man sagte mir: in Polen. Ich bin darauf nach Polen gefahren“. Hier lernt Döblin tatsächlich ein vielfältiges Judentum kennen, dessen Leben er meisterhaft in seiner Reise in Polen beschrieb. In Wilna kommt er beim Nachdenken über die Begegnungen mit Juden zu der Erkenntnis:„Welch imposantes Volk, das jüdische. Ich habe es nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute wären die Juden, die Händler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die flinken Intellektuellen, die zahllosen unsicheren unglücklichen feinen Menschen. Ich sehe jetzt: das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erhält“.Reise in Polen ist ein Buch, das noch heute lesenswert ist, denn man lernt nicht nur die sogenannten Ostjuden aus nächster Nähe kennen, sondern auch das Polen der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit seinen vielen Minderheiten. Der Bericht ist flüssig geschrieben, so dass man ihn zu den Meisterleistungen der Reiseliteratur zählen kann. Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass Döblin erzähltechnisch vieles vorwegnimmt, was wir in seinem Hauptwerk Berlin Alexanderplatz wiederfinden.

Mit diesem Werk schafft Döblin den deutschen Großstadtroman und fügt sich damit in eine Entwicklung ein, die mit John Don Passos’ Manhattan Transfer einen Höhepunkt erfahren hatte. Berlin Alexanderplatz hebt sich durch die Erzähldynamik, durch eine raffinierte Art, immer wieder auf bestimmte Motive zurückzukommen, durch die Verbindung von Straßenlärm, Stadtgewimmel und Informationsübermaß mit biblisch-apokalyptischen Bildern von den bisher bekannten Großstadtromanen und Romanen überhaupt ab. Berlin Alexanderplatz wurde ein Bestseller. 1931 wurde er mit Heinrich George in der Hauptrolle als Franz Biberkopf verfilmt. Gegenwärtig wird immer wieder die Fernsehfolge von Rainer Werner Fassbinder gezeigt. Es liegen auch Hörspielversionen vor. Die älteste stammt aus dem Jahre 1930, in der Heinrich George die Rolle des Biberkopfs spricht. Im jetzt erhältlichen Hörbuch (drei CD-ROM) liest Ben Becker den Roman. Es handelt sich allerdings um eine gekürzte Fassung.

Der endlich erfolgreiche, mittlerweile über fünfzig Jahre alte Romanschriftsteller Döblin mußte Deutschland nach dem Reichstagsbrand 1933 verlassen. Er war stets gegen die rechtsradikalen Kräfte eingetreten. Als Heinrich Mann gezwungen wurde, vom Vorsitz der Sektion für Dichtkunst innerhalb der Preußischen Akademie zurückzutreten, weil er zusammen mit Käthe Kollwitz denDringenden Appell unterschrieben hatte, in dem zur Bildung einer Einheitsfront von SPD und KPD gegen die NSdAP aufgerufen worden war, gelang es Döblin, den Sektionsmitgliedern eine Erklärung des Bedauerns abzuringen. Aber am Ende nahmen national gesinnte Autoren die Führung in der Sektion ein, und sogar Gottfried Benn engagierte sich für das neue Regime, wenngleich für nur kurze Zeit. Er trat an die Stelle von Heinrich Mann. Döblin trat im März 1933 aus der Akademie aus, als er sich bereits im Ausland befand.

In den ersten Jahren der Emigration beschäftigte er sich intensiv mit dem Schicksal des Judentums. Aus dieser Zeit stammen u.a. die Schriften Jüdische Erneuerung (1933) undFlucht und Sammlung des Judenvolkes (1935). Hier schrieb er u.a.: „Man hat die Juden, unter dem Vorwand, sie zu emanzipieren und in die europäischen Staaten aufzunehmen, um ihre alte Nationalität betrogen. Die Juden, in der schweren Zwangslage ihrer Landlosigkeit, wurden veranlaßt, sich ganz von ihrer alten Gemeinschaft zu trennen, und nachdem sie alles aufgegeben haben, was Menschen zu Menschen macht, nach zwei, drei Generationen widerruft man alles, dreht ihnen eine Nase, und sie stehen da gerupft wie Tölpel von einem Gauner, mehr als gerupft, ausgeleert und ausgeblutet, und der Henker freut sich: sie sind in eine Falle geraten“. Döblin wurde in der Freilandbewegung aktiv und in London in den Vorstand der „Liga für jüdische Kolonisation“gewählt. Doch nach dem Tod von Nathan Birnbaum im April 1937 zog er sich aus diesem Engagement zurück, zumal er sich selber in einer religiösen Krise befand. Am Ende sollte er zum Katholizismus übertreten, was er mit Rücksicht auf die aktuelle Situation längere Zeit geheim hielt. Dies bedeutete allerdings nicht, dass er sich von der Territorialismusidee völlig lossagte.

Während der Emigration verfasste er den wenig geglückten Gegenwarts- und FamilienromanPardon wird nicht gegeben, die TrilogieAmazonas(der ursprüngliche Titel lautete Das Land ohne Tod), und die Trilogie November 1918. Eine deutsche Revolution, die zu den bedeutendsten Werken innerhalb der Emigrationsliteratur zählt. Nach dem Krieg schrieb Döblin den Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende. Es ist zu bedauern, dass er ihn nicht sofort nach Fertigstellung herausgab, denn dieser hätte die Heimkehrerromane von Böll und anderen in den Schatten gestellt. Aber auch 1956, als er endlich im Ostberliner Verlag Rütten & Loening erschien (ein Jahr später kam eine Lizenzausgabe in der Bundesrepublik heraus), fand er insgesamt Anerkennung. Die Forschung monierte allerdings, dass Döblin „Weltkrieg und Familienkrieg“ gleichsetze, worauf Helmuth Kiesel erwiderte, beide würden sich darin gleichen, dass „beide durch ein und denselben Eskapismus ermöglicht oder begünstigt wurden“. Außerdem ginge es Döblin auch um die persönliche Schuldfrage, nicht nur um die deutsche insgesamt.

Zu Döblin als Lehrer haben sich Autoren wie Günter Grass oder Arno Schmidt bekannt. Grass stiftete aus Dankbarkeit und in Erinnerung an ihn den Döblinpreis. Auf Initiative der Germanisten und Polonisten der Stettiner Universität wurde am 11.10.2003 mit Unterstützung der Stadt Stettin und des deutschen Honorarkonsuls in der ulica Panieńska, einst Frauenstraße, eine Alfred-Döblin-Gedenktafel an einem Gebäude angebracht, in dem Döblin als vierjähriges Kind zusammen mit seiner Familie gewohnt hatte. Den Akt der Enthüllung nahm Döblins Sohn, Claude, vor. Zum 50. Todestag fanden in Deutschland zahlreiche Gedenkfeiern statt. Döblin, einer der großen deutschen Schriftsteller, ist mit einem Wort nicht gänzlich vergessen.

Werke: Alle wichtigen Schriften Döblins liegen heute im Rahmen der Ausgewählten Werke in Einzelbänden (33 Bände) des Walter-Verlags (weitergeführt vom Patmos-Verlag) Solothurn/Düsseldorf vor. Die meisten von ihnen sind auch als Taschenbuch (vor allem in dtv) erhältlich.

Lit.: Arnim Arnold, Alfred Döblin, Berlin 1996. – Jochen Mayer (Hrsg.), Alfred Döblin 1878-1978. Eine Ausstellung des deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum, Marbach a.N., Stuttgart 1978. – Klaus Müller-Salget, Alfred Döblin. Werk und Entwicklung, Bonn 21988. – Matthias Prangel, Alfred Döblin, Stuttgart2 1987. – Gabriele Sander, Alfred Döblin, Stuttgart 2001. – Karol Sauerland (Hrsg.): Alfred Döblin – Judentum und Katholizismus, Literarische Landschaften, Bd. 12. Hrsg. von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Berlin 2010.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_D%C3%B6blin

Bild: Internationale Arnold Döblin Gesellschaft.

Karol Sauerland

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