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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Döller, Anton

Gründer des Karpathenvereins

* 1831, 05.01.
Winniki

† 1912, 29.09.
Kesmark

Über die Kinder- und Jugendjahre des Galizischen Sprosses einer Offiziersfamilie weiß man so gut wie nichts. Sein Leben wird erst mit Beendigung seines Studiums greifbar: Wie in seiner Familie wohl üblich, trat Döller in die Armee ein, beteiligte sich am Feldzug 1848 und war 1849 Leutnant der k.u.k. Armee. Es folgten die Feldzüge 1859 und 1866. Nach dem Österreich-Ungarischen Ausgleich des Jahres 1867 kam er spä­testens 1872, nachdem er im Rang eines Majors seinen Dienst quittiert hatte, nach Kesmark. Hier fasste er bald im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Fuß. Durch seine Heirat mit Gisela Demiany wurde er Mitglied einer der angesehensten Familien der Stadt, war aber bereits nach zweieinhalb Jahren verwitweter Vater einer kleinen Tochter. 1877 ging er mit Marie von Kail eine weitere Verbindung ein, aus der eine zweite Tochter und ein Sohn hervorgingen. Der Sohn gleichen Namens sollte kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Budapest als Sekretär von Erzherzog Joseph August tätig sein. Das lässt tatsächlich auf freundschaftliche Beziehungen zwischen dessen Vater, Erzherzog Joseph Karl Ludwig von Österreich, und Anton Döller d.Ä. schließen, der mit dem Erzherzog in einem Regiment gedient hatte und immer wieder nach Tátrafüred gerufen wurde, wenn der Erzherzog sich dort aufhielt und wo sie gemeinsam so manche gemütliche Stunde verbracht haben sollen.

Anton Döller wurden von den zeitgenössischen Kesmarker Honoratioren als „Touristenapostel“, als „Pionier des ungarlän­dischen Fremdenverkehrs“ und als „Pfadfinder zur Erschlie­ßung der Hohen Tatra“, von manchen gar als „der gute alte Papa Döller“ verehrt.

Zusammen mit Ägidius Berzeviczy, Hugo Payer, Ferdinand Cserépy, Samuel Weber und Friedrich Scholcz hatte er am
4. Juli 1873 in Kesmark den Aufruf zur Gründung eines „Kar­pathenvereins“ erlassen – des Ungarischen Karpathen­vereins, der sich als Aufgabe u.a. die Erschließung der Hohen Tatra an die Fahnen heftete. Bereits am 10. August 1873 konnte sich in Tátrafüred der erste heimatliche Touristenverein mit 180 Mitgliedern und Sitz in Kesmark endgültig konstituieren. Döller war zunächst für drei Jahre der Kassierer, von 1876-1883 dann geschäftsführender Vizepräses des Vereins. Als Döller sich 1883 von der Leitung zurückzog, zählte dieser bereits an die 1500 Mitglieder und verfügte über ein Barvermögen von 8850 fl.

Döller träumte von der Zips als künftigem Touristen- und Industrie-Eldorado, aus Ungarn wollte er einen modernen, kulturell und wirtschaftlich blühenden Staat schaffen – und das als „Österreicher“, der weit über Kesmark hinaus voll integriert und auch jenseits der Landesgrenzen hoch angesehen war.

Im Rahmen seiner Tätigkeit für den Karpathenverein war er Mitbegründer eines Museums, dem er sogar anfänglich seine Wohnung als Depot für Musealgegenstände zur Verfügung stellte. Er unterstützte die Einrichtung von einer Bibliothek und von sechs Touristenhütten.

In Anerkennung seiner Tätigkeit für den Karpathenverein wurde bereits 1879 ein ca. 7.200 qm großer, viele Monate im Jahr mit Eis und Schnee bedeckter, „kreisförmiger“ See in der Tatra nach ihm „Döller-See“ benannt (ungarisch: Döller-tó; die polnische und die heute verwendete slowakische Bezeichnung „Okrúhle pleso“ sind erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts überliefert). Hinzu kamen der benachbarte „Döller-See-Turm“ sowie der „Döller-Turm (Döllerspitze)“, auch „Kleiner Solisko“.

1887 wurde Döller in den ungarischen Adelsstand erhoben und erhielt das Prädikat „de Póprádvölgyi“. Seinem Lieblingsthema Tourismusförderung widmete er sich nach wie vor. 1891 gründete er in Kesmark die Sektion Tátra des sich vom Kar­pathenverein abspaltenden „Ungarischen Touristenvereins“, der er bis 1902 als geschäftsführender Vizepräses vorstand. Um den Tourismus zu fördern, griff er immer wieder zur Feder, publizierte in den Zipser Blättern, der Karpathen-Post, der Kaschauer Zeitung und zahlreichen anderen Zeitungen. Aus seinen vielen Bekanntschaften mit die Stadt Kesmark aufsuchenden Fremden, die er in Ermangelung eines Führers selbst auf die Besonderheiten der Stadt aufmerksam machte, erwuchs letztlich gar eine kleine Broschüre, die Döller gratis an jedermann verteilte.

Sein Eintreten für die Tourismusförderung wurde von vielen Vereinen und Institutionen im In- und Ausland gewürdigt und honoriert: 1875 ernannte ihn der Galizische Tátraverein, 1889 der Siebenbürgische Karpathenverein, 1894 schließlich auch der Ungarischen Karpathenverein zum Ehrenmitglied. 1901 zog die Lehrer-Sektion des Ungarischen Touristen-Vereins nach und wählte den pensionierten Major Anton von Döller in Kesmark in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Hebung der vaterländischen Touristik ebenfalls zu ihrem Ehrenmitglied.

Neben diesen Tätigkeiten fand der wirtschaftlich-kulturell vielseitig interessierte Döller auch die Zeit, an der Wiege mehrerer Kesmarker Schulen zu stehen. Er wurde Freund und Gönner der 1880 als erste ihrer Art in Ungarn gegründeten Kes­marker Webeschule, der Bürger- und der 1892 gegründeten Handelsschule und setzte sich für die römisch-katholische Schule ein. Für sein soziales Engagement stehen die durch ihn angeregte Rot-Kreuz-Filiale von Kesmark und Umgebung, sowie die Königin-Elisabeth-Armenstiftung.

Neben der wirtschaftlichen Nutzung der Tatra für den Tourismus sah Döller nur noch in der Schaffung einer heimatlichen Fabrikindustrie ein probates Mittel, um in einer Zeit des kleingewerblichen Niederganges in der Zips dem vollen wirtschaftlichen Verfall abzuhelfen. Als Mitglied des Betriebsrates mehrerer örtlicher Unternehmen wie der Textilfabrik und der Bleiche, entwickelte er Pläne zur Hebung der Industrie, hielt daneben jedoch auch das Althergebrachte oftmals für bewah­rens­wert. Der von ihm gegründete Fischereiverein etwa sorgte weiterhin für die traditionelle Pflege der Fischzucht.

Als Döller nach seinem Ableben am 29. September 1912 in einem von der Stadt Kesmark gestellten Ehrengrab seine letzte Ruhe fand, waren viele seiner Visionen bereits Wirklichkeit: Durch das Poppertal fuhr die Eisenbahn, und so mancher Fabrikschlot rauchte. Vor allem aber hatte Döllers Motto „Kultur, Licht, Sonne“ immer mehr Anhänger gefunden. Zahlreiche Bade­orte und Sommerfrischen bevölkerten die Hohe Tatra, inzwischen eine ergiebige Einnahmequelle, zu der die elektrische Bahn führte. Sommers wie winters herrschte bis hinauf zu den Schutzhäusern reges Leben, denn Abertausende von Touristen wanderten durch die wildromantischen Tatra-Täler und stürmten die Hochgebirgsgipfel – ein Bild, das nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn auch systembedingt in anderer Form, weiterhin Bestand haben sollte.

Lit.: Art. „Zum 80. Geburtstage des Majors Anton von Döller“ in der Karpathen-Post vom 12. Januar 1911. – Art. „Major Anton v. Döller †“ in der Karpathen-Post vom 3. Oktober 1912. – Art. „Döller, Anton“, in: Slovenský biografický slovník – Slowakisches biographisches Lexikon. Bd. I. Martin 1986, S. 490 [mit weiterführender slowakischer und ungarischer Literatur]. – Nora Baráthová, Art. „Döller, Anton“, in: Osobnosti Kežmarku. 1206-2009, Kežmarok 2009, S. 76. – Nora Baráthová, Art. „Anton Döller“, in: Osobnosti dejín Kežmar-ku. Historický cintorín. Kežmarok 2005, S. 27-29 [in slowak. und dt. Sprache]. – Ivan Bohuš, Art. „Kto bol kto vo Vysocjých Tatrách – Anton Döller“, in: Vysoké Tatry 11,2 (1972) S. 27. – Karl Bruckner, Anton Döller. 1831-1912, in: Jahrbuch des Ungarischen Karpathen-vereins XI (1913) S. 178-184 [in der ungarischen Ausgabe des Jahrbuches in ungarischer Sprache]. – Ernst Hochberger, Die Namen der Hohen Tatra in vier Sprachen. Herkunft und Bedeutung, Karlsruhe 2007. – Anton Klipp, Die Hohe Tatra und der Karpathenverein. Karlsruhe 2006.

Bild: Archiv der Autorin.

Heike Drechsler-Meel

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