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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dorn, Heinrich

Komponist, Dirigent, Musikschriftsteller

* 1804, 14.11.
Königsberg i.Pr.

† 1892, 10.01.
Berlin

Heinrich Dorns langes und erfülltes Leben erstreckte sich nahezu über das gesamte 19. Jahrhundert. Es begann im Jahre 1804, als Beethoven die Widmung seiner „Eroica“ an Napoleon zerriß, und endete 1892, als sich Arnold Schönberg zum Komponisten zu bilden begann. Der am 14. November 1804 in Königsberg geborene Heinrich Ludwig Egmont Dorn entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Sein musikalisches Talent wurde von der Mutter, die später als Musikpädagogin in Berlin wirkte, früh gefördert. Es folgte vielseitiger musikalischer Unterricht bei damals das Königsberger Musikleben bestimmenden Persönlichkeiten wie Muthreich, K. Kloß, C. Sämann und J. Müller. Zunächst absolvierte er ein von der Familie gewünschtes juristisches Studium in Königsberg, um dann auf eine Bildungsreise zu gehen, die ihn nach Leipzig, Dresden, wo er die Bekanntschaft Carl Maria von Webers machte, Prag, Wien und Berlin führte.

In Berlin wandte er sich der Musik zu und studierte bei L. Berger Klavier sowie bei Carl Friedrich Zelter und B. Klein Komposition. Er verkehrte im Hause Mendelssohn und trat in nähere Beziehung zu Spontini. Bald konnte er sich einen Namen machen, als Mitarbeiter der Berliner Allgemeinen Musikzeitung und auch als Komponist mit der Oper Rolands Knappen (nach eigenem Text), die 1826 ihre Uraufführung am Königsstädter Theater erlebte. Seine Kapellmeisterlaufbahn begann er dann als Musikdirektor in Königsberg. Anschließend war er in derselben Position 1829 bis 1832 am Hoftheater in Leipzig tätig. In Leipzig unterrichtete er Robert Schumann und Clara Wieck im Kontrapunkt und begegnete dort dem 16jährigen Richard Wagner im Hause des Verlegers F. Brockhaus. Dorn nahm sich des jungen Komponisten an und führte seine Ouvertüre B-Dur auf. Diese erste Aufführung eines Wagnerschen Werkes durch ein Orchester geriet zu einem Mißerfolg. Dorn schrieb darüber: „Es war etwas in der Komposition, was mir Achtung abgenötigt hatte, und ich tröstete den sichtlich betretenen Autor aus Überzeugung mit der Zukunft.“ Nach kurzer Tätigkeit am Hamburger Stadttheater ging Dorn 1832 nach Riga, wo er dem Musikleben durch die Gründung der „Rigaer Liedertafel“ und dem auf seine Initiative hin durchgeführten „Düna-Musikfest“ wesentliche Impulse gab. Dieses „Düna-Musikfest” im Jahre 1836, das erste Musikfest im Russischen Reich überhaupt, war Vorbild für weitere, aus denen sich die Sängerfeste in Riga und Tallinn herleiten. Sie sind zu einem wichtigen Bestandteil des heutigen estnischen und lettischen Kulturlebens geworden. Dem durch Dorn hervorgerufenen Aufschwung im Rigaer Musikleben wurde auch mit der Einrichtung einer weiteren Kapellmeisterstelle am Rigaer Theater entsprochen. Dorn gab seine 1. Kapellmeisterstelle auf, wegen Überlastung durch zahlreiche andere Ämter wie jene des Kantors am Dom und an St. Peter mit dem Titel und den Verpflichtungen eines „städtischen Musikdirektors“. Er empfahl dem damaligen Theater-Direktor Karl von Holtei als Nachfolger Richard Wagner, der dann 1837 berufen wurde. Wahrscheinlich ergaben sich in Riga aber Unstimmigkeiten zwischen Dorn und Wagner; so glossierte Dorn in R. Schumanns Musikzeitung, in welcher er wiederholt berichtete, ein Konzert Wagners im Rigaer Schwarzhäuptersaal am 19. März 1838. Dies war wohl der Beginn eines langen Kampfes in Dorns Schriften gegen den großen Zeitgenossen. Nach Wagners plötzlichem Weggang 1839 versah Dorn nochmals bis 1843 die Stelle des 1. Kapellmeisters am Rigaer Theater.

In Köln, der nächsten Stätte seines Wirkens, wohin er als Nachfolger Konradin Kreutzers als Theater-Kapellmeister berufen worden war, zeigten sich seine Impulse für das rheinische Musikleben ähnlich bedeutungsvoll wie in Riga. Er leitete dort die Konzerte des „Städtischen Singevereins” und der „Musikalischen Gesellschaft“ sowie die „Niederrheinischen Musikfeste” (1844 die erste Aufführung der Beethovenschen Missa solemnis in Deutschland), außerde, gründete er ein „Institut für Pianofortespiel“, später „Rheinisch Musikschule”, aus welcher dann unter seinem Nachfolger F. K das Kölner Konservatorium hervorging

1849 wurde Dorn zusammen mit W. Taubert als Nachfolger seines Landsmannes Otto Nicolai zum Königlichen Kapellmeister an die Berliner Oper berufen. Seine Zeit an der Hofoper, besonders unter der Intendanz von B. v. Hülsen ab 1851, wird als eine Hochblüte der Hofoper bezeichnet. Dorns kapellmeisterliche Leistungen verbanden sich mit einem erstklassigen Ensemble und einem hervorragenden Orchester zu maßstabsetzenden Darbietungen. Gesagt werden muß jedoch, daß Dorns rückwärtsgewandte Musikanschauung auch mit dazu beitrug, daß die Berliner Hofoper nicht jenen Platz einzuehmen vermochte, den sie im Sinne eines fortschrittlich-künstlerischen Wirkens als erstrangiges Opernhaus hätte einnehmen können. So sei angemerkt, daß die Königliche Oper zu Berlin zwischen 1850 und 1918 nur drei Uraufführungen riskierte. Zwar brachte Dorn 1856 Wagners Tannhäuser in Berlin „vorbildlich“ heraus, jedoch war dem die Uraufführung von Dorns Nibelungen 1854 in Weimar unter Liszts Leitung wohl als Vorleistung vorausgangen. DornsNibelungen wurden dann in Berlin 22mal gegeben, aber es war hier in der Folge Anlaß zu weiterer Feindschaft Wagner gegeben, der diesen gewaltigen Stoff in seiner Tetralogie auf gültige Weise meisterte.

Daß Dorn 1869 überraschend pensioniert wurde, lag wohl an seiner rückwärtsgewandten Musikanschauung, aber auch am Aufkommen der „Wagnerianer“, wenngleich die Meistersinger 1870 in Berlin immer noch einen Theaterskandal hervor riefen. Dorn, bis in sein hohes Alter in gesundheitlicher Frische lebend, war bis zu seinem Tod am 10.1.1892 in Berlin als Lehrer, Musikschriftsteller und Komponist tätig. Den Schwerpunkt seines kompositorischen Schaffens (weitgehend gedruckt), das etwa 150 Opus-Zahlen umfaßt, bildeten Opern, Lieder und Chorwerke. Sein Schaffen wird als Kapellmeistermusik in gutem und schlechtem Sinne bezeichnet. Hierzu wäre zu sagen, daß derartige Musik, „ex officio“ komponiert, dem Wunsche des damaligen Publikums durchaus entsprach, da dieses noch in enger Beziehung – in Zeit und Ort – zu seinem Kapellmeister und Komponisten stand. Interessant ist Dorns umfangreiches musikschriftstellerisches Schaffen, wobei seine siebenbändige Autobiographie Aus meinem Leben (Berlin 1870-1886) eine reiche Fundgrube zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts darstellt.

Genannt seien noch seine Söhne Alexander (1833 Riga-1901 Berlin) und Otto (1848 Köln-1931 Berlin), die ebenfalls als Komponisten und Musikpädagogen tätig waren, sowie Doms Stiefbruder, der Dirigent und Komponist Louis Alexander Schindelmeisser (1811 Königsberg-1864 Darmstadt), der glühende Wagnerianer, der den ersten musikalischen Unterricht bei seinem Stiefbruder Heinrich erhalten hatte.

Lit.: Willi Kahl u. Dietrich Sasse: Heinrich Dorn. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 3, Sp. 690ff (m. Werkverz.) u. D. Sasse: Berlin,dass. Bd. l, Sp. 712. Rigaer Theater u. Tonkünstlerlexikon, hrsg. Moritz Rudolph, Riga 1890, Repr. Hann.-Döhren 1975, S. 46f. – Helmut Grohe: Heinrich Dorn, ein „Kollege“ Richard Wagners. In: ZfM, Jg. 109 Juli 1939, S. 706ff. – Werner Schwarz, Franz Kessler u. Helmut Scheunchen in: Musikgeschichte Pommerns, Westpreußens, Ostpreußens und der baltischen Lande, Dülmen 1990, S. 34,120,152. – Elmar Arro: Richard Wagners Rigaer Wanderjahre. In: Musik des Ostens III, Kassel 1965, S. l24ff. – Werner Schwarz: Aus Heinrich Dorns Rigaer Zeit, Unveröffentlichte Briefe an Robert Schumann 1839-1842. In: Musik des Ostens III, Kassel 1965, S. l69ff. – Ferdinand Kolberg: Erinnerungen der Rigaer Liedertafel, Riga, S. 3 ff, 103 – Reinhold Sietz: Heinrich Dorn. In: Rheinische Musiker, 3. Folge, Heft 58, Köln 1964.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Dorn_%28Komponist%29

Helmut Scheunchen

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