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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Drost, Willi

Kunsthistoriker

* 1892, 10.09.
Danzig

† 1964, 10.11.
Bonn

Der aus einer westpreußischen Kaufmannsfamilie stammende Willi Otto Ludwig Drost besuchte in seiner Vaterstadt Danzig das berühmte städtische Gymnasium, das gerade 350 Jährte bestand, als er es 1908 verließ, um in Leipzig Musik und Malerei zu studieren. Obwohl er im Konservatorium zur Dirigentenklasse gehörte (Komposition bei Max Reger, Klavier bei Pembaur), erkannte er doch, daß sein Ziel die Kunstwissenschaft sei. Am Fürstlichen Gymnasium in Schleiz legte er nun das Abitur ab und studierte in Leipzig Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Sprachen. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine akademische Ausbildung, als er von 1916 bis 1918 als Soldat an der Front stand. 1919 promovierte er und erhielt im selben Jahr als Auszeichnung ein Stipendium der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, ergänzte seine Studien in Marburg mit Germanistik und Französisch und bestand das Staatsexamen. Schon ein Jahr später war er wissenschaftlicher Assistent am Kunstgeschichtlichen Institut in Leipzig, darauf in Köln. Er habilitierte sich 1926 in Köngisberg. 1928 folgte ein Studienjahr in Rom, wo er 1929 von der Bibliotheca Hertziana mit Vorlesungen betraut wurde. 1930 erfolgte seine Ernennung zum Museumskustos am Stadt- und Provinzialmuseum in Danzig. Die dortige Technische Hochschule berief ihn 1932 zum a. o. und 1937 zumo.ö. Professor für Kunstgeschichte. Im selben Jahr wurde er Museumsdirektor. Daneben betreute er die Kunst forschende Gesellschaft und den Kunstverein. Seit 1934 bekleidete er auch das Amt des Denkmalspflegers für Werke der bildenden Kunst der Freien Stadt Danzig und war von 1939 bis 1945 Museumspfleger für ganz Westpreußen.

Drost erlebte 1945 die Zerstörung Danzigs. Es gelang ihm zwar, sich der Verschleppung durch die Flucht zu entziehen, doch wurde er 1946 von den Polen ausgewiesen. Er ging mit seiner Familie nach Schweden. Dabei vermochte er sogar einen großen Schatz an Fotos und Manuskripten des Denkmalamtes zu bergen und mitzuführen. Bald siedelte er nach Schleswig-Holstein, nach Kappeln an der Schlei, über. Die Universität Hamburg übertrug ihm einen Forschungsauftrag, dem 1947 ein Lehrauftrag der Universität Tübingen folgte. Er zog zunächst nach Rottenburg/Neckar und dann nach Tübingen um. Nach schwerer Erkrankung wurde er dort 1950 Honorarprofessor. Neben den Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen, die er abhielt, übernahm er häufig Vorträge im In- und Ausland und erhielt Staatseinladungen an die Universitäten Uppsala und Stockholm. Selbst als Emeritus war er noch immer lehrend und forschend tätig und mit mehreren wissenschaftlichen Themen befaßt. Da riß ihn auf einer Vortragsreise nach Bonn der Herztod mitten aus seinem Wirken.

Sein Schwergewicht als Kunsthistoriker fand Drost in der Strukturforschung, der seine eigentliche Lebensarbeit galt. Er legte seine Erkenntnisse – auf die deutsche, europäische und orientalische Kunst angewandt – in seinen 15 Büchern und 27 Aufsätzen sowie mehreren nicht abgeschlossenen Nachlaßmanuskripten nieder. Sein erstes umfangreiches Buch Die Barockmalerei in den germanischen Ländern (1926) ist heute noch ein Standardwerk. Ebenso bedeutend ist sein BuchDanziger Malerei vom Mittelalter bis zum Ende des Barock. Ein Beitrag zur Begründung der Strukturforschung in der Kunstgeschichte (1938). Hervorzuheben sind ferner: Über Wesensdeutung von Landschaftsbildern(1921), Goethe als Zeichner (1932), Adam Elsheimer und sein Kreis (1933), Ornamente aus Danziger Kirchen (1949), Adam Elmsheimer als Zeichner, Goudts Nachahmung und das Weiterleben bei Rembrandt (1955). Drost kam zu überraschenden Nachweisen durchgehender Zusammenhänge in der Grundstruktur des Einzelwerkes und der Stilepochen und zu einer neuen Interpretation der Gegenstandsdarstellung im Kunstwerk, die das Weltbild des Künstlers als den eigentlichen Gegenstand des Kunstwerks exakt zu analysieren lehrt. Weitsichtig und bedeutsam war seine mit drei Mitarbeitern aufgenommene Inventarisierung der Danziger Bau- und Kunstdenkmäler. An Ort und Stelle wurde vermessen, beschrieben, dadiert und in allen Einzelheiten fotografiert. Drost gelang es, das meiste dieses in vielen Jahren Arbeit zusammengetragenen Materials einschließlich von etwa 300 Großfotos zu retten und in Tübingen zu einem beachtlichen vierbändigen Werk von insgesamt mehr als 1000 Druckseiten zu verarbeiten: St. Johann in Danzig (1957), St. Katharinen (1958), St. Nikolai und andere Kirchen (1959) und Die Marienkirche in Danzig (1963). Diese Bände waren eine Fundgrube für den polnischen Wiederaufbau.

Drost wurden mehrere Ehrungen zuteil, unter anderem der Kulturpreis der Freien Stadt Danzig (in Verbindung mit der Patenstadt Düsseldorf) und der Georg-Dehio-Preis der Künstlergilde Eßlingen (1964). Der Wissenschaftler war ein geistvoller Denker, eine gewinnende Persönlichkeit mit sprühendem Temperament, von großer Aufgeschlossenheit und wohltuender Menschlichkeit, der glänzende Lehrerfolge erzielte. Von bleibender Bedeutung sind die Methode und die Erkenntnisse der von ihm entwickelten Strukturforschung sowie die Publikationen über die Danziger Bau- und Kunstdenkmäler vor ihrer Zerstörung anhand der geretteten Ergebnisse der von ihm betriebenen Detailforschung.

Lit.: Kürschners Dt. Gelehrtenkalender. – C. v. Lorck: Grundstrukturen. 1926. (3. Aufl. 1965). – Altpreußische Biographie, S. 893 f. – Hans B. Meyer: In memoriam Prof. Dr. Willi Drost. In: Westpreußen-Jahrbuch 1966, Bd. 16. – Wolfgang Drost, Danziger Denkmalpflege im Bannkreis des Nationalsozialismus – Die Bedeutung Willi Drosts als Denkmalpfleger und Kunsthistoriker, in: Gerhard Eimer/ Ernst Gierlich (Hrsg.), Kunsthistoriker und Denkmalpfleger des Ostens. Der Beitrag zur Entwicklung des Faches im 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 2007, S. 171-192.

Bild: Nach einem Gemälde von Eduard Bischoff. Aus: Westpreußen-Jahrbuch 1966 Bd. 16.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Drost

Hugo Rasmus

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