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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ebell, Paul Heinrich

Bildender Künstler, Kunstpädagoge

* 1908, 05.10.
Berlin

† 1998, 04.11.
Bad Waldsee

Als der gebürtige Berliner Paul Heinrich Ebell, Schöpfer Freier und Angewandter Kunst, anlässlich seines 75. Geburtstages die Bürgermedaille der Stadt Bad Waldsee erhielt, begrüßte das Lokalblatt dies Ereignis mit einer Würdigung unter dem Titel „Exote aus Schlesien“. Und ferner hieß es im Artikel des Berichterstatters, eines ehemaligen Schülers Ebells: „Kurz nach dem Krieg war er nach Waldsee gekommen als Lehrer ans Progymnasium. Etwas exotisch mutete er uns damals an; er sprach anders als wir. Das Land, von dem er oft erzählte, hatte noch keiner von uns gesehen … Seine Liebe zur Heimat, die er wegen des Krieges hatte verlassen müssen, schlug überall durch in seinem Deutschunterricht, im Erdkundeunterricht und auch im Kunstunterricht. Einige Waldseer Jahrgänge verdanken Paul Heinrich Ebell überdurchschnittliches Wissen, gemessen am oberschwäbischen Bildungsstand, über das Land zwischen Stettin und Breslau.“

Als Kind übersiedelte Paul Heinrich mit seiner Familie nach Schlesien, wo er bis zu seiner Einberufung zum Kriegsdienst (1940) lebte, ausgenommen den Semestern an den Hochschulen in Berlin und Leipzig. Den entscheidenden Einfluss auf seine künstlerische Laufbahn hatte allerdings das Studium an der Kunstakademie zu Breslau unter den berühmten Malern Otto Mueller, Georg Muche, Oskar Schlemmer. Sein künstlerisches Studium wurde an der dortigen Universität wissenschaftlich ergänzt.

Zu Beginn des Krieges wurde er auch Soldat. Doch wegen seiner angegriffenen Gesundheit wurde er von der Ostfront ins Allgäu verlegt, um sich zu erholen. Nach dem Krieg ließ er sich in Bad Waldsee nieder. Hier baute er sich ein neues Leben auf und begann beim Punkt Null sein künstlerisches Schaffen. Seine gesamte Habe und alles, was er bisher an Kunst geschaffen hatte, war im Krieg verloren gegangen. Mit ihren Wäldern, Hügeln und Mooren – so der Künstler – erinnerte ihn die Landschaft seiner neuen Heimat stets an Schlesien.

Mit dem Erlös aus der freien Malerei oder gar der Skulptur konnte man in den Nachkriegsjahren seinen Lebensunterhalt kaum bestreiten. Auf dem Gebiet der Angewandten Kunst erhielt Ebell zunächst mehrere Aufträge. Er gestaltete die Eingangshalle des Elisabethbades zu Bad Waldsee. Hier nimmt die Glasbetonwand durch die großen, kontrastierenden, leuchtenden Farbflächen, deren Betoneinfassungen expressionistische Handschrift aufweisen, den Besucher sogleich gefangen. Diese vier mal zehn Meter große Komposition,Heilkräfte und Natur betitelt, erläuterte der Künstler wie folgt:„Dargestellt ist eine Erdzone mit Schichtungen, Höhlen, Meeren, Wasserader, Kristallen und Heilpflanzen. Darüber wölbt sich eine hohe und breite Himmelsszene mit einer Regen- und Sonnenwand. Die Erde und ihre geheimen Schätze, die Feuchte des Himmels, sein Licht und seine Wärme sind die Heilkräfte, die uns geschenkt werden.“

Eine Glaswand entwarf er auch für die Kapelle des Kreiskrankenhausses Bad Waldsee, wo er sich mit seiner künstlerischen Gesstaltung bis zur Grenze der Abstraktion begibt. Ferner schuf er auch das große Glasbild für die Volksschule in Reute/Kr. Ravensburg, das den Titel trägt Erde, Luft und Wasser. Dargestellt sind Tiere, die den Kindern in dieser ländlichen Gegend wohlbekannt sind: Eule, Fische, Schmetterlinge, Schnecken. Kunst am Bau von Ebell gibt es auch in der Johannes-Kirche zu Dillenbach und im großen Sitzungssaal des Rathauses zu Friedrichshafen. Stets bleibt er der Natur in seinen Werken treu.

Auf dem Gebiet der Freien Kunst sprach ihn besonders das Aquarell mit seinen fließenden, bewegten Formen an und die verschiedensten Techniken der Durckkgrafik. Seine Holzschnitte mit den kantigen Formen und dem Schwarz-weiß-Kontrast befinden sich am Gegenpol zum Aquarell. Von hier gibt es auch eine Brücke zu den Arbeiten am Bau. „Von den Holschnitten habe ich das Gerüst für die Glasfenster gewonnen“, bekennt der Künstler. Die schwarzen Stege des Hochdrucks entsprechen auch den Beton- und Bleieinfassungen, und hier wie dort begegnet man einer eindrucksvollen Einfachheit, freilich die Materialgerechtigkeit berücksichtigend. Am schwersten lassen sich die in Ölfarbe entstandenen Gemälde in Ebells Werk einordnen. Doch sei an die dicken reliefartig eingesetzten Elemente der Glaswand erinnert und an Ebells dynamische Gesaltungskraft.

Natürlich haben auch seine Schicksalsschläge, der Krieg und die verlorene Heimat, den Künstler und sein Schaffen beeinflusst. Aber es gibt nur eine kurze makabre Phase in seinem Schaffen. Sein Werk ist von Licht gekennzeichnet, und seine Motive holte er sich auf seinen Studienreisen in der weiten Welt – in Europa und in den USA.

Nach den sonnigen, produktiven und erfolgreichen Jahrzehnten, in denen die Öffentlichkeit in zahlreichen Ausstellungen mit den Arbeiten Ebells konfrontiert wurde, folgten bittere, leidvolle Jahre. Der Künstler erlitt eine rechtsseitige Lähmung, und der Arm und die Finger, die sonst so schöne Werke geschaffen hatten, waren nicht mehr zu gebrauchen.

Die Redakteurin Sabine Ziegler schrieb hierüber in der Zeitschrift Kurland der Städtischen Kurverwaltung Bad Waldsee (1998): „Paul Heinrich Ebell sitzt im Rollstuhl und malt. Er ist rechtsseitig gelähmt. Sein rechter Arm baumelt neben seinem Arbeitstisch, aber seine Augen sind hellwach. Mit zittriger Hand signiert er schlussendlich das fertige Aquarell. Es sollte sein letztes Bild sein.“ Die Überschrift eines Ausstellungsberichtes in der Lokalpresse unterstreicht das in großen Buchstaben plakativ: „Seit seinem Schlaganfall malt er mit der Linken“.

Anlässlich seines 90. Geburtstages erschien eine Mappe mit 10 Holzschnitten des Künstlers, darüber hinaus 13 weitere Blätter in einer Auflage von 10 bzw. 30 Stück. Die handsignierte Mappe kostete 5.000,- DM, das einzelne Blatt 200,- DM. Der Erlös dieser Paul-Heinrich-Ebell-Stiftung kam der Förderung junger Künstlerinnen und Künstler zugute.

Seinen 90. Geburtstag feierte Paul Heinrich Ebell am 5. Oktober 1998. In zahlreichen Ausstellungen konnte man sein gesamtes Werk der vornehmlich letzten Jahrzehnte bewundern: im Ulmer Museum Tuschzeichnungen, Gemälde und Aquarelle, in Bad Waldsee in der Kreissparkasse und der Kleinen Galerie Ölgemälde und Holzschnitte und in der Galerie Schloss Mochental Aquarelle. Die Vernissagen hat der Jubilar noch miterlebt, doch das Ende der Ausstellungen nicht mehr. Er starb, fernab von seiner Geburtsstadt Berlin, in Bad Waldsee am 4. November 1998.

Lit.: „Paul Heinrich Ebell: Kartengrüße für Freunde“. Ausstellungskatalog Kleine Galerie Bad Waldsee 1980. Dort 50 Seiten mit einer Liste zahlreicher Publikationen über den Künstler und sein Werk.

Bild: Kulturstiftung.

Günther Ott

 

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