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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ebner-Eschenbach, Marie von

Dichterin, Schriftstellerin

* 1830, 13.09.
Schloß Zdislawitz/Mähren

† 1916, 12.03.
Wien

lm Nachlaß der aus Zdislawitz bei Kremsier in Mähren gebürtigen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach fand sich das folgende Notat: „Unter hundert Menschen liebe ich nur einen, unter hundert Hunden neunundneunzig.“ Es scheint fast, als habe die Kreatur ihr diese so überschwenglich dargebrachte Liebe vergolten: Durch eine in unzähligen Lesebüchern verbreitete Tiergeschichte, durch die Erzählung von dem Jagdhund Krambambuli, dessen Name den Titel für eine ihrer „Dorf- und Schloßgeschichten“ von 1883 lieferte, ist Marie Ebner (wie sie sich gern unterzeichnete) unsterblich geworden. Es lohnt sich, dieses Dutzend Seiten makelloser Prosa wieder einmal zu lesen und Krambambulis auswegloses Hin- und Hergerissensein zwischen seinem alten und seinem neuen Herrn mitzuerleben und mitzulerleiden. Und man sollte es nicht bei dieser einen schmalen Kostprobe ihres Schaffens bewenden lassen. Respektable Romane liegen zur Lektüre bereit: Božena, die Geschichte einer mährischen Magd, der soziale Roman Das Gemeinde kind; Unsühnbar, der Passionsweg einer „Österreichischen Effi Bliest“ (R. Majut). Auch in der reichen Fülle ihres novellistischen Erzählens finden sich unvergängliche Kleinode; so die Humoreske Die Freiherren von Gemperlein und die scharfe Anklage gegen altfeudale Willkür und Gedankenlosigkeit mit dem scheinbar harmlos-liebenswürdigen Titel Er laßt die Hand küssen.

Marie von Ebner-Eschenbach entstammte väterlicherseits einem böhmischen, von Mutterseite einem sächsischen Adelsgeschlecht, vereinte also in sich slawisches und deutsches Erbe. Das Bekenntnis der von ihr mit Sympathie geschilderten Titelfigur der Erzählung Bertram Vogelweid war auch ihr eigenes: „Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die Deutschen. Ich bin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein Mutterland.” Mit achtzehn Jahren heiratete die Komtesse Dubsky ihren Vetter, den Naturwissenschaftler in militärischen Diensten Baron Moritz von Ebner-Eschenbach, und lebte, abgesehen von einem sechsjährigen Aufenthalt im mährischen Klosterbruck bei Znaim (1850 bis 1856), in Wien sowie, während der Sommermonate, auf ihrem elterlichen Schloß oder in St. Gilgen am Wolfgangsee. Nach vergeblichen Versuchen, als Dramatikerin zu reüssieren, begründete das Jahr 1880 mit der Veröffentlichung von Lotti, die Uhrmacherin in Julius Rodenbergs hochangesehener „Deutscher Rundschau“ ihr Renommee als Erzählerin. Mitten im ersten Weltkriege, während der mörderischen Isonzoschlachten, starb die Fünfundachtzigjährige in Wien, im gleichen Jahre und nahezu im gleichen Alter wie ihr Kaiser Franz Joseph. „Aus unserem Traume vom Fortschritt der Zivilisation sind wir nun wohl erwacht“, so schrieb sie am 5. Juni 1915, ein Dreivierteljahr vor ihrem Tode, in ihr Tagebuch.

Immer von neuem machte sie Mähren und Wien zum Schauplatz ihrer Werke. Ihrer Heimat setzte sie bereits in Božena (1876) ein Denkmal, und auch in Bertram Vogelweid (1896) beschrieb sie „Eine echt mährische Gegend“: „Der Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig schimmernde Felder und üppige Wiesen soweit das Auge reichte, Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute Scharen des mährischen Schwans, des Haustiers ohne Furcht und Tadel, der glorreichen Gans.“ Das Pathos des Anfangs geht über in gutmütige Ironie – gewiß nicht zum Schaden ihrer Kunst, die just mit den milde belächelten Bizarrerien des ungleichen Brüderpaares aus Wlastowitz, der Freiherren von Gemperlein (1879), einen ihrer Gipfelpunkte erreichte.

Nach Wien und Mödling führt uns eine der spätesten ihrer Erzählungen, die „Wiener Geschichte“ Der Herr Hofrat, verfaßt im Jahre 1912; und wenn irgendwo, so erweist sich an ihr, daß sie auch schon eine Zeitzeugin unseres, des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen ist. „Wenn ich von irgendeinem Bahnhof in die Stadt fahre“, so läßt sie die Titelfigur wie einen postmodernen Alternativen räsonieren, „frage ich mich: Geht es wirklich meinem alten, noblen Wien oder einer amerikanischen Yankee-Niederlassung entgegen? Krasse Riesenplakate schreien mich an. Wo mich früher nette, kleine Vorstadthäuser erfreuten, aus denen es förmlich sprach: ,Sieh uns nur an, in uns wohnen Behagen und Zufriedenheit’, wendet mein Blick sich jetzt angeekelt ab von turmhohen Wohnungetümen, ordinär aufgeputzt oder herausfordend nackt.“

Auch der Herr Hofrat ist ein Schatz unserer Prosa und hätte nicht weniger Anrecht auf Unsterblichkeit wie ihr eingangs angesprochener Krambambuli. Das gleiche gilt für ihre Memoiren: Meine Kinderjahre (1906) und Meine Erinnerungen an Grillparzer (1916). „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: – alle dummen Männer“, so einer ihrer Aphorismen, die sie 1880 zu einem Büchlein zusammenstellte. Die Frauen dürfte sie mit dieser Feststellung auf ihrer Seite haben; und welcher Mann wollte sich jetzt noch die Blöße geben, ihr feind zu sein?

Werke: Unsühnbar. Krit. hrsg. u. gedeutet von Burkhard Bittrich. (= M. v. Ebner-Eschenbach. Kritische Texte und Deutungen. Hrsg. v. K. K. Polheim. Bd. 1.) Bonn 1978. – Božena. Krit. hrsg. u. gedeutet von Kurt Binneberg. (= M. v. Ebner-Eschenbach. Kritische Texte .. Hrsg. v. K. K. Polheim. Bd. 2.) Bonn 1980. – Das Gemeindekind. Krit. hrsg. u. gedeutet von Rainer Baasner. (= M. v. Ebner-Eschenbach. Kritische Texte und Deutungen. Hrsg. v. K. K. Polheim. Bd. 3.) Bonn 1983. – Tagebücher I,1862-1869. Krit. hrsg. u. komm. v. Karl Konrad Polheim unter Mitwirkung von Rainer Baasner. (= M. v. Ebner-Eschenbach. Kritische Texte und Deutungen. Hrsg. v. K. K. Polheim. Tagebücher I.) Tübingen 1989. – Werke. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Johannes Klein. Bd. l: Das Gemeindekind. Novellen. Aphorismen. München 1978; Bd. 2: Kleine Romane. München 1978; Bd. 3: Erzählungen. Autobiographische Schriften. München 1978. – Meistererzählungen. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Albert Bettex. (= Manesse-Bücherei.) Zürich 1953. – Aphorismen. (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 8455.) – Die Freiherren von Gemperlein. (= Reclams Universalbliothek. Nr. 7477.) – Das Gemeindekind. (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 8056[3].) – Krambambuli. (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 7887.)

Lit.: (in knappster Auswahl): Mechtild Alkemade: Die Lebens- und Weltanschauung der Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach. (= Deutsche Quellen und Studien. Hrsg. v. W. Kosch. Bd. 15.) Graz und Würzburg 1935. – Anton Bettelheim: Marie von Ebner-Eschenbach. Biographische Blätter. Berlin 1900. – Ders.: Marie von Ebner-Eschenbachs Wirken und Vermächtnis. Berlin 1920. – Burkhard Bittrich: Biedermeier und Realismus in Österreich. In: Handbuch der deutschen Erzählung. Hrsg. v. K. K. Polheim. Düsseldorf 1981, S. 356-381,597-600. – Rudolf Latzke: Marie von Ebner-Eschenbach und Ferdinand von Saar. In: Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Hrsg. von J.W. Nagl, J. Zeidler, E. Castle. Bd. 3: Von 1848-1890. Wien (o.J.), S. 1036-1091. – Rudolf Majut: Geschichte des deutschen Romans vom Biedermeier bis zur Gegenwart. In: Deutsche Philologie im Aufriß. Hrsg. von W. Stammler. Bd. 2. Berlin und Bielefeld 1954, Sp. 2197-2478. – Karl Konrad Polheim: Marie von Ebner-Eschenbach. Ein Bonner Symposion zu ihrem 75. Todesjahr. Peter Lang, Bern u. a. 1994. – Edith Toegel: Marie von Ebner-Eschenbach. Leben und Werk. Peter Lang, New York u. a. 1997. – Marianne Henn: Marie von Ebner-Eschenbach. Wehrhahn, Hannover 2010.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_von_Ebner-Eschenbach

Bild: Nach einem Gemälde der Gräfin Maria Kolovrat aus dem Jahre 1849.

Burkhard Bittrich

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