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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ehlers, Margarete

Mundartdicherin

* 1888, 03.05.
Hollumtz/ Holummnica/ Slowakei

† 1967, 17.02.
Mannheim

Margarete Faix wurde in Hollumtz bei Pudlein in der Oberzips (heute Slowakei) geboren, wo ihr Vater Michael Faix seit 1882 die evangelische Pfarrstelle innehatte. Mehrere ältere Geschwister verstarben noch als kleine Kinder an Tuberkulose, infiziert von ihrem erkrankten Großvater. Nach dessen Tod wuchs Margarete (Margit) mit ihren beiden Brüdern Oskar und Bela im Pfarrhaus auf, wo das Geld knapp war. Zur Finanzierung der Ausbildung seiner Kinder gab ihr Vater den Söhnen reicher südungarischer Gutsbesitzer privaten Nachhilfeunterricht, damit diese am Schuljahresende in Kesmark doch noch ihre Prüfungen bestanden. Mit Sicherheit genoss auch die junge Margarete durch den Unterricht ihres Vaters eine höhere Bildung als ihre Spielkameraden.

1904 wechselte Michael Faix auf die Pfarrstelle nach Großschlagendorf (etwa 5 km von Poprad entfernt), die Familie zog in ein größeres schöneres Pfarrhaus. Margarete besuchte die dritte und vierte Klasse der Bürgerschule in Rosenau als Zögling in einem Mädchenpensionat und weilte auch jährlich einige Zeit in Budapest, wo sie sich für das dortige Theaterwesen begeisterte.

Daheim in Großschlagendorf hatte ihr Vater einen Jugendverein gegründet, der häufig Theatervorstellungen veranstaltete. Margarete sammelte hier die ersten Erfahrungen für ihre spätere Tätigkeit und lernte ihren zukünftigen Mann kennen, den aus Zeben/ Sabinov stammenden Lehrer Emil Ehlers, der den Chor des Jugendvereins leitete.

Am 8. November 1913 schlossen sie den Bund fürs Leben, und da Emil Ehlers im Ersten Weltkrieg eingezogen war, bekam sie ihren ältesten Sohn Friedrich nicht in der Lehrerwohnung in der „kleinen Schul“, sondern bei ihren Eltern im Pfarrhaus, auch ihr zweiter Sohn Tibor kam 1917 vielleicht im Pfarrhaus zur Welt, denn die Dienstwohnung des Lehrers bezog die kleine Familie erst wieder nach Kriegsende. Zu den beiden Söhnen gesellte sich noch eine Tochter Gertrud. Margaretes Bruder Oskar, der in Budapest Medizin studiert hatte, starb einige Zeit nach dem Krieg an einer tuberkulösen Bauchfellentzündung, ihr Bruder Bela war Ingenieur geworden und nach Ungarn emigriert − er lebte in Budapest, und da er aus politischen Gründen nicht mehr in seine Heimat zurückkehren konnte, trafen sich Eltern und Schwester mit ihm meist in Ortschaften kurz hinter der nunmehrigen ungarischen Grenze.

Wie ihr Vater, war auch Margaretes Ehemann Emil sehr in der Jugendarbeit engagiert. Der Lehrer ließ die Jugendlichen in den Wintermonaten kleine hochdeutsche Theaterstücke, meist Schwänke, aufführen. Diese Stücke spielten oft in einer fremden Lebenswelt. Margarete befand sie für gestelzt, die Darsteller wirkten auf sie tollpatschig und unbeholfen, und so kam ihr der Gedanke, selbst Stücke in Zipser Mundart zu verfassen. Phantasie und das Talent zum Schreiben soll sie von ihrer Mutter Emma geb. Szalagyi, selbst eine Pfarrerstochter, in die Wiege gelegt bekommen haben − und so wurde sie eine Bahnbrecherin für die Zipser Heimatdichtung, die Sprache in ihren Stücken zur Quelle mundartlicher Sprachforschung.

In den Jahren 1919 bis 1925 verfasste Margarete mehrere Ein-akter, die das Dorfleben zum Inhalt haben. Die Darsteller fanden sich und ihre Lebensumstände darin wieder, die Dorfjugend führte diese Theaterstücke mit großem Erfolg auf − in jedem Winterhalbjahr gab es die Premiere eines neuen Stückes im Rathaussaal. Zu den weiteren Aufführungen der Stücke reisten die Zuschauer aus den umliegenden Orten bis aus Poprad und Kesmark an, mit Pferdefuhrwerken, später sogar den ersten Autos.

Margarete Ehlers schrieb die Texte zu ihren Stücken nur von Hand. Sie wurden aber weiter abgeschrieben, damit sie auch in anderen Orten der Zips aufgeführt werden konnten. Dazu wurde das jeweilige Textheft an andere Gemeinden ausgeliehen, und die Darsteller schrieben ihre Rollentexte daraus ab. Es bildete sich sogar eine Margarete-Ehlers-Gruppe, die mit den Aufführungen durch das Land bis nach Schlesien reiste.

Die Stücke von Margarete Ehlers griffen Stoffe aus dem Volksleben der Zipser auf, wobei menschliches Fehlverhalten − auch in zwischenmenschlichen Beziehungen − auf ernste oder ironische Weise angeprangert werden konnte. Die dahinter steckende erzieherische Absicht zeigt sich besonders deutlich in ihrem einzigen Problemstück Zu Brandenburgers. Am 15. April 1923 in Großschlagendorf uraufgeführt, wurden darin in drei Aufzügen die Folgen des Alkoholismus thematisiert. Der Zipser Dichter und Literat Friedrich Lám verglich diese schonungslos menschliche Schwächen aufdeckende Perle der Zipser Dichtkunst mit der naturalistischen Zustandsmalerei in Gerhart Hauptmanns sozialem Drama Vor Sonnenaufgang. Auf Dorfbühnen und beim Publikum am beliebtesten war indes das im Jahr darauf fertiggestellte Stück ‘s Tranklchen. Z Zëpser Stëckl ën ejn Ofzug, in dem Margarete Ehlers den Volks- und Aberglauben der Dorfbewohner ironisiert und liebevoll verspottet.

1926 trat Emil Ehlers eine Lehrerstelle an der evangelischen Volksschule in Preßburg an und die Familie war künftig nur noch in den Sommerferien in der Tatra, der bisherige landschaftliche und kulturelle Hintergrund war damit nicht mehr gegeben. Zunächst verfasste Margarete Ehlers weiterhin einige moralisierende Erzählungen mit Stoffen aus dem Zipser Volksleben für den Preßburger Evangelischen Kreuzkalender, das städtische Publikum konnte sie damit aber nicht recht erreichen. Dieses war damit zufrieden, sich über die möglichst ins Lächerliche gezogene Landbevölkerung lustig zu machen − das Gegenteil von Margarete Ehlers Ambitionen. Sie verlor neben ihren anderen Aufgaben als Lehrersgattin in der Laurenzer Torgasse von Preßburg vollends die Lust am Schreiben, als ihr dadurch das Stück Zu Brandenburgers große Unannehmlichkeiten bereitete, wie sie selbst Lám mitteilte, mit dem sie in Briefkontakt stand. Gleichwohl war sie sehr an einer Publikation ihrer Stücke interessiert. Der Präses des Zipser Bundes in Amerika, Gustav Adolf Weiß, hatte ihr − voller Begeisterung über die Aufführung von Herrn Professor, die er bei einem Besuch in der Heimat gesehen hatte − spontan seine Hilfe und Vermittlung für eine Drucklegung angeboten. Sie wandte sich daraufhin zweimal an Weiß, erhielt aber keine Antwort, was sie ebenfalls sehr verstimmte. Die wohlwollende Beurteilung ihrer Werke in der Zipser Heimat durch Lám ließ sie erneut auf die Druckkostenübernahme eines amerikanischen Zipser Millionärs hoffen.

Daraus wurde allerdings nichts. Vielleicht war der Einfluss des amerikanischen Präses Weiß doch geringer, als von ihm eingeschätzt, vielleicht wurden andere vom Zipser Bund in Amerika finanzierte kulturelle Projekte in der Heimat als (vorerst) wichtiger erachtet − wahrscheinlich ist auch, dass die Angelegenheit durch den angegriffenen Gesundheitszustand von Weiß, der 1933 nach langer Krankheit verstarb, in den Hintergrund gedrängt wurde. Das hatte zur Folge, dass die Ehlers’schen Stücke − eine maßgebende Bereicherung der deutschsprachigen Regionalliteratur und Mundartdichtung in der Zips in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts − durch Flucht und Vertreibung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren gingen.

Margarete Ehlers und ihre Familie gelangten 1946 nach Hockenheim, wo sie versuchte, ‘s Tranklchen aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Sie verstarb am 17. Februar 1967 in Mannheim. Der rekonstruierte Text von 1946 ist bis heute das einzige komplett erhaltene Stück von ihr, publiziert im Karpatenjahrbuch 1970, alle anderen Bühnenstücke gelten als verschollen.

Lit.: Karpathen-Post vom 21.4.1923, Feuilleton, S. 1-2. – Viktor Aschen­brenner, Die Oberzips, in: Die Deutschen in der Slowakei und in Karpathorussland, hrsg. von Eduard Winter, 3. Aufl. Münster/ Westfalen 1928 (Deutschtum und Ausland 1), S. 73-82. – Julius Greb, Zipser Volkskunde. Kesmark-Reichenberg 1932, S. 211-215. – Aurel Emeritzy, Bleiben die Texte der Ehlersschen Volksstücke unauffindbar?, in: Karpatenjahrbuch 1968, 19. Jg. (erschienen 1967), S. 83-96. – Ders., Zwei Briefe von Margarete Ehlers an Friedrich Lam, in: Karpatenjahrbuch 1969, 20. Jg. (erschienen 1968) S. 95-97. – Ders., ‘s Tranklchen. Z Zëpser Stëckl ën ejn Ofzug, von Margarete Ehlers, in: Karpatenjahrbuch 1970, 21. Jg. (erschienen 1969), S. 169-183. – Rainer Rudolf/ Eduard Ulreich, Art. „Ehlers (geb. Faix) Margarete“, in: Karpatendeutsches Biographisches Lexikon, Stuttgart 1988, S. 72. – Viera Glosíková, Art. „Ehlers, Margarete“, in: Handbuch der deutschsprachigen Schriftsteller in der Slowakei (17.-20. Jahrhundert), Wien 1995, S. 41f. – Adalbert Wanhoff, Gedanken an Margarete Ehlers. Zum 30. Todestag der Zipser Heimatdichterin, in: Karpatenjahrbuch 1997, 48. Jg. (erschienen 1996), S. 202-204. – Julius Alexy, Großschlagendorf. Geschichte einer deutschen Gemeinde am Fuße der Hohen Tatra. Stuttgart 2001, S. 215-218. – Friedrich Ehlers, Art. „Michael Faix, Senior“, in: Arbeiter in Gottes Weinberg. Lebensbilder deutscher evangelischer Pfarrer in und aus der Slowakei im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 71-73. – Ingrid Puchalová, „Margarete Ehlers, geb. Faix“, in: Frauenporträts. Lebensbilder und Texte deutschschreibender Autorinnen aus dem Gebiet der heutigen Slowakei, Košice 2014 (Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Šafarikianae 66), S. 208-223.

Bild: Aufnahme von A. Matz.

Heike Drechsler-Meel

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