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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Emin Pascha, Mehmed (Eduard Schnitzer)

Arzt, Geograph, Ethnologe, Forschungsreisender

* 1840, 28.03.
Oppeln/Oberschlesien

† 1892, 23.10.
Kinena/Afrika

Emin (= der Getreue) Pascha, der oberschlesische Arzt Dr. med. Eduard Schnitzer, war um 1890 weltweit der diskutierteste Deutsche. Die internationale Presse war voll seines Schicksals in Afrika, und es erschienen derart viele Bücher über ihn, daß heute keine Bibliothek eine vollständige Sammlung besitzt. Wenn die Kulturwelt 1992 des 100. Jahrestages seiner Ermordung gedenkt, wird sie sich fragen lassen müssen, warum sie den geistigen Vater des heute größten afrikanischen Staates, der Republik Sudan, völlig vergessen hat.

Der Oberschlesier wurde am 28. März 1840 in Oppeln als Sohn des Kaufmanns Ludwig Schnitzer und seiner Frau Pauline geborener Schweitzer geboren. Die Familie war jüdischer Konfession. Als er zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Neiße, wo der Vater schon 1845 starb. Seine begüterte Witwe schloß bereits 1846 eine zweite Ehe mit einem evangelischen Kaufmann. Im gleichen Jahr wurden beide Kinder evangelisch getauft und erhielten die Namen Eduard und Melanie. Der Stiefvater sorgte vorbildlich für beide, deren Begabung ihn erfreute. Eduard durchlief das Katholische Gymnasium als einer der Besten und blieb seiner Schule dankbar verbunden, der er noch als Student „eine vollständige wohlgeordnete Sammlung aller schlesischen Mollusken“ nebst „mehreren anderen Naturalien“ schenkte. Das Studium (Breslau, Berlin, Königsberg, Berlin) führte bereits im neunten Semester (1863) zur Promotion ohne folgendes Staatsexamen.

Im November 1864 verließ Schnitzer Berlin. Da sich ein in Aussicht genommener Dienst als Militärarzt im mexikanischen Expeditionskorps des Erzherzogs Maximilian von Österreich zerschlug, nahm Emin türkische Dienste an und lernte als Begleiter Hakki-Paschas große Teile des Osmanischen Reiches, selbst noch den Njemen, kennen. Nach einem kurzen Besuch in der Heimat ging er 1875 über Triest nach Kairo und trat in den Dienst des ägyptisch verwalteten Sudans. Er gelangte in die südlichste Provinz (Hatt el-Estiwa) nach Lado und verhandelte bereits 1876 erfolgreich mit König Mtesa von Uganda. 1878 wurde er zum Gouverneur, 1887 zum Pascha in dieser Provinz ernannt, die er bis zum Albert-See ausweitete; sie übertraf an Umfang das damalige Deutsche Reich. Begünstigt von einer ungewöhnlichen Sprachbegabung und tiefer naturwissenschaftlicher Bildung, setzte er eine neue politische Gliederung seiner Provinz in zehn Distrikte durch und erstrebte eine gewisse wirtschaftliche Autarkie und eine geographische Erforschung seines riesigen Gebietes; diese spiegelt sich in überzeugenden wissenschaftlichen Berichten und kartographischen Darstellungen in der führenden Zeitschrift, „Petermanns Geographischen Mitteilungen“ (Gotha) sowie in den meisten geographischen Organen Europas. Vorbildlich war sein Kampf gegen die Sklaverei. Er führte den Anbau von Indigo, Kaffee, Zuckerrohr, Tabak, Reis, Zitrone, Mais und der Weinrebe ein und erwirtschaftete zum Erstaunen der Zentrale in Kairo erstmals Überschüsse. All das gefährdete der Aufstand des Mahdi, 1881 bis 1898, der in sich islamischen Glaubenseifer und den Haß der enttäuschten Sklavenjäger vereinigte. Die Mahdisten schnitten Emin Pascha schließlich völlig von der Außenwelt ab, konnten aber sein Gebiet nie vollständig erobern. Vier Expeditionen galten zwischen 1885 und 1890 dem Versuch seiner Befreiung. 1887 bis 1889 „befreite“ dann Henry Morton Stanley den Deutschen nicht ohne Gewalt, nachdem dieser sich nicht für britische, belgische und andere Ziele einspannen lassen wollte. Emin wurde regelrecht ein Opfer Stanleys, da dieser seinem Protektor, dem Sklavenjäger Tippu Tip, die vorher vertraglich vereinbarte beträchtliche Entlohnung versagte, der nun zu Unrecht annahm, Emin sei mit seinem Vertragspartner verbunden und billige dessen Betrug. Emin trat in deutsche Dienste und erweiterte Deutsch Ostafrika beträchtlich nach Westen, wurde aber bei dem Versuch eines territorialen Brückenschlags nach Kamerun im Kongo-Regenwald am 23. Oktober 1892 ermordet.

Emin war bedeutend als Geograph, Forschungsreisender, als landeskundlicher Forscher im Herzen Afrikas, als Kartograph, als Sammler (führender afrikanischer Ornithologe) und nicht zuletzt als Arzt, richtete er doch das erste Krankenhaus in den zentralafrikanischen Tropen ein, in dem er selbst operierte als ein Vorläufer Albert Schweitzers. Als Sklavenbefreier und politisch strategischer Kopf verdanken wir ihm den erstmaligen Plan der Vereinigung aller Stammesgebiete der tüchtigen Sudan-Afrikaner zu einer Provinz. Das seit 1956, seit der Verselbständigung der Republik Sudan, dort bestehende andauernde Elend beruht auch auf der fehlenden Auswertung der Erfahrungen Emins. Seine Stärken waren größer als seine Schwächen, seine Pläne eilten seiner Zeit weit voraus.

Quellen und Lit.: Eine eigene Emin Pascha-Sammlung, meine akademische Antrittsvorlesung: Emin Pascha – die Lösung einer alten Streitfrage, Bonn 1963. – Hanno Beck: Große Reisende. Entdecker und Erforscher unserer Welt. München 1971, S. 271-282, m. Anm. S. 408f. – Ders.: Emin Pascha (1840-1892). Geograph im Herzen Afrikas. In: Praxis Geographie 18. Heft, März 1989, S. 42-43. – Rudolf Kraft: Emin Pascha. Darmstadt 1976. – Patricia Clough: Emin Pascha, Herr von Äquatoria. Ein exzentrischer deutscher Arzt und der Wettlauf um Afrika, München 2010. – Christian Kirchen: Emin Pascha. Arzt – Abenteurer – Afrikaforscher, Paderborn 2014.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Schnitzer

Hanno Beck

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