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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Erlichshausen, Konrad von

Hochmeister des Deutschen Ordens

* 1390/95
Ellrichshausen, Crailsheim

† 1449, 07.07.
Marienburg/Westpr.

Konrad von Erlichshausen stammt aus dem fränkisch-schwäbischen Geschlecht der Erlichshausens oder (nach den süddeutschen bzw. späteren Überlieferungen) der Ellrichshausens, das um 1400 in die Reichsministerialität aufgestiegen war und Reichsgut besaß. Konrads Vater, ebenfalls Konrad mit Namen (gestorben 1423/1424), war Richter im Landgericht der Grafschaft Graisbach gewesen, seine Mutter Katharina stammte aus dem Geschlecht der von Seckendorf, einem bedeutenden Geschlecht in den süddeutschen Niederlassungen des Deutschen Ordens. Konrads Bruder Heinrich (gestorben 1481) war der Vater Ludwigs, der der Nachfolger Konrads im Amt des Hochmeisters des Deutschen Ordens wurde.

Konrad trat zuerst in einen Ordenskonvent des Deutschen Ordens in der Ballei Franken oder Preußen ein und wird zum ersten Mal in Preußen als Kumpan (1415-1418), eine Art Adjutant, des Hochmeisters Michael Küchmeister erwähnt. In den Jahren 1418 bis 1421 und 1423 bis 1425 übernahm er die Vogtei zu Grebin und seit 1420 auch die zu Roggenhausen. Im Rahmen einer personellen Neuordnung diente er zwischen 1425 und 1432 als Komtur zu Ragnit mit Tilsit und Labiau, bis er am 11. November 1432 als Großkomtur in den Kreis der Obersten Gebietiger berufen und zum engsten Ratgeber des Hochmeisters aufstieg. In der Zeit von 1434 bis 1436 bekleidete er das Amt des Obersten Marschalls und Komturs von Königsberg, wurde aber im Oktober 1436 wohl auf Grund innerer Differenzen auf die unbedeutende Komturei Kulm-Althaus versetzt. 1438 erhielt er jedoch auch die Komturei Thorn. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre wurde er nicht mehr als militärischer Führer des Ordens eingesetzt und gehörte in den Jahren von 1436 bis 1440 auch nicht mehr dem “inneren” Kreis der Ordensführung an.

Im Februar 1440 wirkte Konrad gemeinsam mit dem Großkomtur Wilhelm von Helfenstein und anderen Gebietigern angesichts der landsmannschaftlichen Unruhen der oberdeutschen Konvente von Brandenburg, Königsberg und Balga wegen der Bevorzugung von Niederdeutschen bei personellen Besetzungen durch Hochmeister Paul von Rusdorf an dessen Absetzung mit. Nach der Resignation Paul von Rusdorfs am 2. Januar 1442 wurde Konrad am 1. März 1440 wieder Oberster Marschall und übernahm die Führung der Reformpartei im Orden; ihm ist es wohl zuzuschreiben, daß die Parteiung in den Konventen rasch beigelegt wurde. Als Komtur von Kulm und Thorn, dem wichtigsten Gebiet der adlig-ständischen Opposition Preußens, kam er mit den innenpolitischen Problemen in Berührung, die für ihn nach seiner Wahl zum Hochmeister am 12. April 1441 zu einem der beherrschenden Themen wurden.

Die Amtszeit seines Vorgängers Paul von Rusdorf war geprägt gewesen von kriegerischen Konfrontationen mit Polen und Litauen, dem beginnenden Aufbegehren der Stände gegen den Orden sowie den seit den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts in Preußen herrschenden schweren Auseinandersetzungen zwischen landsmannschaftlichen Gruppen unter den Ordensrittern. Seine ausgehende Regierung war durch ordensinterne Auseinandersetzungen, gekennzeichnet, so mit dem Deutschmeister Eberhard von Saunsheim, der den Frieden von Brest (1435) ablehnte und Paul öffentlich der Mißregierung anklagte. Im Rahmen dieser Kontroversen versuchten Eberhard und andere Ordensritter mit Hilfe der gefälschten Ordensstatuten des Hochmeisters Werner von Orselen, die Stellung des Deutschmeisters auf Kosten des Hochmeisters zu stärken. Auf die Anerkennung dieser Statuten mußte Konrad sich später einlassen, versuchte diese jedoch ordensintern und mit der Hilfe der Kurie zu umgehen. 1438 erhielt der Deutschmeister Unterstützung durch den livländischen Meister des Ordens, der sich mit Paul überworfen hatte. Diese Konflikte im Ordensinneren konnten zwar bis zur Resignation Pauls beigelegt werden, gestalteten die Ausgangssituation für die Regierung Konrads von Erlichshausen aber schwierig.

Die friedliche und zurückhaltende Politik des Ordens unter Konrad gegenüber Polen-Litauen war bestimmt von den Vereinbarungen des Friedens von Brest. Selbst die zwar unionsinternen, aber grenzübergreifenden Streitigkeiten um die Besetzung des polnischen Throns ab 1446, bei denen der Hochmeister um Parteinahme und Intervention gebeten worden war, und die Verbreitung des Gerüchts, er habe sich vom Brester Frieden entbinden lassen, änderten daran nichts. Erst als der neue polnische König Kasimir und unversöhnliche Kreise in Polen die Verstetigung des Brester Friedens hinauszögerten und den dort festgelegten Verpflichtungen nicht nachkamen, schienen die ausgleichenden Bemühungen des Hochmeisters gescheitert. Die Gefahr für den Orden lag vor allem darin, daß diese polnischen Kreise Anschluß an die ständische Bewegung in Preußen suchten und die Stände in ihrer Opposition gegen die Ordensherrschaft ermunterten.

Der Amtsantritt Konrads zeichnete sich durch Auseinandersetzungen und Parteiungen innerhalb des Deutschen Ordens aus. Durch die Interventionen des Deutschmeisters, aber auch des Statthalters von Livland war die Autorität des Hochmeisters beschädigt worden. Konrads Hauptanliegen galt aus diesem Grund dem inneren Ausgleich und der Befriedung des Ordens. Es gelang ihm, die landsmannschaftlichen Konflikte im Orden und das Zerwürfnis zwischen den Ordenszweigen in Preußen, Livland und in den deutschen Balleien zu beenden.

Die finanzielle Situation des Ordens hatte sich nach der Niederlage von Tannenberg grundlegend geändert, da die Gelder überwiegend in Preußen selbst aufgebracht und den Repräsentanten des Landes abgerungen werden mußten. Die Vertreter der Stände und des einheimischen Adels wuchsen nun rasch zu nahezu das ganze Land Preußen repräsentierenden Ständen zusammen und forderten um so mehr Mitverantwortung, je stärker sie seitens des Hochmeisters zu Leistungen in Anspruch genommen wurden. Dabei wurden die Gegensätze zwischen Herrschaft und Ständevertretern dadurch vermehrt, daß der Orden seinen Getreidehandel forcierte und durch Exportvorschriften gegenüber dem Handel städtische Kaufleute begünstigte. Die Repräsentanten wandten sich auch deshalb gegen den Orden, weil dieser die Besitzrechte der Inhaber von Freigütern verschlechterte und solche Güter in Bauernhöfe umwandelte, um die in einer Zeit zunehmenden Söldner-Einsatzes disfunktionalen Kriegsdienst- durch Geldzinsverpflichtungen zu ersetzen. Am 13. März 1440 schlossen sich Ritterschaft und Städte als Opposition der Stände im “Preußischen Bund vor Gewalt” unter Führung Hans von Baysens zur Verwirklichung eines ständischen Widerstandsrechts zusammen. Der bereits seit der Wende des 14. zum 15. Jahrhunderts schwelende Konflikt zwischen dem Orden und den Ständen trat mit der Gründung des Preußischen Bundes in die entscheidende Phase.

Die Forderungen dieses Bundes, die auf eine Anwendung des Widerstandsrechts, eine Beteiligung an der Herrschaft und vor allem auf die Einrichtung eines obersten Gerichts, das aus Vertretern der Landesherren und der Stände zusammengesetzt sein sollte, zielten, konnte Konrad abwehren. Seine Bemühungen galten der Vermittlung zwischen dem herkömmlichen Status des Deutschen Ordens als Landesherr und den berechtigten Ansprüchen der preußischen Stände, deren Mitarbeit er als herrschaftserhaltend für die Zukunft betrachtete, ohne diese Ansprüche jedoch verfassungsmäßig festzuschreiben, da ein wirkliches Entgegenkommen den Zusammenhalt des Ordens gefährdet hätte. Einer Mitwirkung von Laien bei der Regierung eines geistlichen Territoriums standen aber auch kirchenrechtliche Hindernisse im Weg.

Die Landwirtschaft in Preußen wurde durch Krieg der Hanse mit den Holländern derart in Mitleidenschaft gezogen, daß der Hochmeister den durch die Handelsverbote der Hanse schwer geschädigten Adel gegen die Städte ausspielen und sich den unentbehrlichen Pfundzoll von den einzelnen Landgebieten bewilligen lassen konnte; darüber hinaus zwang er mit der Drohung, das kaiserliche Hofgericht anzurufen, auch die Städte dazu. Seine Bemühungen, den preußischen Bund aufzulösen, blieben letztlich erfolglos, obwohl er auch die Universalgewalten Kaiser und Papst gegen ihn einzusetzen versuchte. Am Ende war der Konflikt zwischen den Ständen und dem Orden unausweichlich und die Lage des Ordens trotz der Anstrengungen Konrads zum Schluß seiner Regierung gefährdeter als zu ihrem Beginn. Nachdem ein vor Kaiser Friedrich III. 1452/1453 geführtes Schiedsgericht und ein seitens des Ordens herbeigeführtes päpstliches Urteil die Unrechtmäßigkeit des Preußischen Bundes festgestellt hatte, löste sich dieser keineswegs auf. Vielmehr kündigte er dem Orden den Gehorsam auf und unterwarf sich König Kasimir von Polen. Die Folge war ein dreizehnjähriger Krieg, an dessen Schluß der Thorner Frieden von 1466 stand. Konrad von Erlichshausen starb am 17 Jahre früher auf dem traditionellen Herbstumzug durch das Kulmer Land an einem Schlaganfall; als letzter der elf Hochmeister ist er in der St. Annenkapelle in Marienburg beigesetzt worden.

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Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_von_Erlichshausen

Carl August Lückerath

 

 

 

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