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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ewers, Gustav von

Historiker

* 1779, 22.07.
Ameluxen/Westfalen

† 1830, 20./08.11.
Dorpat/Estland

„Zur Hälfte bin ich dem Blute nach Livländer und bin es mit Stolz […] aber ich will auch weder dem Ostpreußen noch dem Westfalen in mir untreu sein“. Dieses Bekenntnis hat uns Agnes von Harnack von ihrem Vater, Adolf von Harnack, überliefert. Wenn der große Theologe und Dogmengeschichtler von seinen westfälischen Wurzeln sprach, meinte er seinen Großvater von der mütterlichen Seite: „Als Knabe hat mein Großvater die Gänse gehütet, wie er mit Genugtuung erzählte; aber durch außerordentliche Gaben hervorragend, nahm ihn der Dorfpfarrer in die Schule und setzte es durch, daß er in Göttingen Geschichte und Politik studieren konnte.“

Harnacks westfälischer Großvater, Gustav von Ewers, den er freilich nie kennen gelernt hat, war ein Bauernjunge aus dem Corveyer Land. In den evangelischen Kirchenbüchern seiner Heimatgemeinde Amelunxen ist sein Taufdatum unter dem Namen Johann Philipp mit dem 22. Juli 1779 vermerkt. Ein häufig genanntes konkurrierendes Geburtsdatum, der 4. Juli 1781, scheint nicht zuzutreffen. Über die ‚Vereinigte Stadt- und Klosterschule‘ zu Holzminden, wo der Siebzehnjährige sich unter den Schülern des Jahres 1796 verzeichnet findet, kam der begabte Bauernsohn drei Jahre darauf an die Universität Göttingen. Der Matrikeleintrag vom 2. April 1779 vermerkt erstmals den dritten Vornamen Gustav, den er von da an durchgehend benutzte. Wohl wegen seiner ständigen materiellen Notlage beschränkte sich Ewers in Göttingen anfangs auf das Studium der Theologie und der klassischen Philologie, wobei er sich dem Kirchenhistoriker Gottlieb Jakob Planck anschloß. In die Zeit seines Theologiestudiums fiel, durch Planck oder den bekannten Göttinger Buchhändler und Verleger Ruprecht angeregt, die erste große wissenschaftliche Leistung des damals Zweiundzwanzigjährigen: Die Übersetzung von Frederik Münters „Handbuch der christlichen Dogmengeschichte“ aus dem Dänischen, eine Sprache, die sich Ewers innerhalb kürzester Zeit angeeignet hatte. Bis zum Jahre 1806 sollte es dauern, bis das dreibändige Werk mit über 1200 Druckseiten vollendet war. Es blieb die einzige theologische Veröffentlichung von Ewers, der von der damals in Göttingen betriebenen rationalistischen Theologie enttäuscht und angeregt durch Studienfreunde zu den Rechts- und Staatswissenschaften überwechselte. Hier kam er bald schon unter den Einfluß der beiden Historiker Heeren und Schlözer. Vor allem die Begegnung mit August Ludwig Schlözer sollte seinem Leben die entscheidende Richtung geben und ihn in das Land führen, das ihm zur zweiten Heimat wurde und das er bis zu seinem Lebensende nicht mehr verlassen sollte.

Es war das Russische Kaiserreich, das unter dem seit 1801 regierenden Zaren Alexander I. einen tiefgreifenden Reformprozeß eingeleitet hatte. Nicht nur, daß Rußland seitdem durch Ministerien regiert wurde, auch das Bildungswesen des Landes erfuhr eine grundlegende Modernisierung und Neugestaltung. Kernstück dieser Reform unter dem kaiserlichen „Ministerium für Volksaufklärung“ war die Gründung von sechs Universitäten, darunter derjenigen für die baltische Provinz Livland in Dorpat.

Ursprünglich im Jahre 1632 als Academia Gustaviana von Gustav II. Adolf nach dem Vorbild Upsallas als zweite Universität des Königreichs Schweden gegründet, hatte die alte Dorpater Universität in den Wirren der Nordischen Kriege 1710 endgültig ihr Ende gefunden. Nunmehr als russische Staatsuniversität, wenngleich mit weitgehenden Autonomierechten und deutscher Unterrichtssprache (bis 1895), wiederbegründet, standen ihr ein frei gewählter Rektor und ein staatlicher Kurator vor. Anfang 1803 suchte Johann Friedrich von Ungern-Sternberg, der als erster Vizekurator der Dorpater Universität inzwischen ins Ministerium übergewechselt war, den Kontakt zu Christoph Meiners, einem von Ewers Göttinger Professoren, mit dem Ziel, für die neuen russischen Bildungsanstalten „tüchtige Subjekte in allen Teilen der Wissenschaft“, die Theologie freilich ausgenommen, zu gewinnen. Noch im Sommer desselben Jahres folgte der junge Ewers als einer der vielen deutschen Universitätsabsolventen mit ungewisser Zukunft – in Deutschland verschwanden zur gleichen Zeit im Zuge der territorialen Neugestaltung die Hälfte aller Landesuniversitäten – dem verlockenden Ruf nach Rußland.

Bevor jedoch die erhoffte akademische Karriere im Zarenreich Wirklichkeit werden konnte, mußte auch Ewers, wie nicht wenige damals, sich zunächst mit einer Hauslehrerstelle begnügen. Er fand sie durch eine Empfehlung Schlözers beim livländischen Landrat Otto Magnus von Richter auf dessen Gut Waimel, wo er auch seine spätere Frau, Dorothea von Maydell kennenlernte, die ihm nach der Heirat 1811 einen Sohn und vier Töchter gebar. Der Göttinger Absolvent nutzte die Jahre in Waimel, um durch wissenschaftliche Veröffentlichungen auf sich aufmerksam zu machen. Daneben unternahm er Reisen und hielt sich 1808/09 für ein Jahr in Moskau auf, wo er mit Nikolaj Karamzin in engem Kontakt stand, seine Russischkenntnisse verbesserte und auf eine dortige Professur hoffte. Neben dem Abschluß der Übersetzungsarbeit an der Münterschen Dogmengeschichte entstand noch in Waimel 1808 die erste geschichtswissenschaftliche Studie unter dem Titel: „Vom Ursprung des Russischen Staates“. Daneben mischte sich Ewers mit mehreren Streitschriften zur damals aktuellen Frage der Bauernbefreiung in den politischen Tageskampf seiner neuen Heimat ein („Die Provisorische Verfassung des Bauernstandes in Estland“, 1806).

Endlich erfolgte im Jahr 1809 die Berufung als Professor für Geographie, Statistik und Geschichte Rußlands in Dorpat; im selben Jahr wurde er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg. Nachdem er 1816 einen Ruf an die Berliner Universität abgelehnt hatte, wechselte Ewers 1826 auf den Lehrstuhl des „Positiven Staats- und Völkerrechts und der Politik“ an seiner Dorpater Heimatuniversität. Im selben Jahr wurde er Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften und der Universitäten von Moskau und St. Petersburg. Als ‚Wirklicher Russischer Staatsrat‘ war er seit 1827 innerhalb des russischen Dienstadelssystems Angehöriger der 4. Rangklasse und damit im Besitz des erblichen Adels (die Immatrikulation bei der estländischen Ritterschaft erfolgte erst 1860 für seinen Sohn, den kaiserlich-russischen Diplomaten Otto von Ewers).

Der Schwerpunkt von Ewers wissenschaftlicher Arbeit in Dorpat lag auf dem Gebiet der älteren politischen und Rechtsgeschichte Rußlands und den Anfängen der russischen Staatlichkeit im 9. und 10. Jahrhundert. Einer zweibändigen Studie „Kritische Vorarbeiten zur Geschichte der Russen“ von 1814 (1825 von Michail Pogodin ins Russische übersetzt) sowie einem wohl für den Lehrgebrauch gedachten Handbuch zur russischen Geschichte (1816) folgte schließlich im Jahre 1826 das kapitale Werk „Das älteste Recht der Russen in seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt“. Mit letzterem hat Ewers auf die russische Geschichtswissenschaft der folgenden Jahrzehnte einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt und ist zum Pionier der historischen Rechtsschule in Rußland und zu einem der Väter der russischen Rechtsgeschichte geworden.

Schon in seinem ersten Buch von 1808 hatte er die Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Schlözer in der so genannten Normannen- oder Warägerfrage gesucht. Im Unterschied zu den Vertretern der traditionellen Normannentheorie wollte Ewers das in Südrußland beheimatete turkotatarische Volk der Chazaren als den Gründer des ersten ostslawischen Staates, der ,Kiever Rus‘, erkennen. Im Gegensatz zu Schlözer, der noch ganz im Aufklärungszeitalter wurzelte, repräsentierte Ewers in seinem Verständnis von Recht und Geschichte eine neue, dem aufkommenden Geist der Romantik nahe Generation. Mit Friedrich Karl von Savigny, mit dem er dasselbe Geburtsjahr teilte, sah er das Recht nicht als abstrakt-rationalistisches Regelwerk auf der Grundlage einer naturrechtlichen Doktrin, sondern als ein aus der frühesten Geschichte natürlich gewachsenes mit Sprache und Sitte des Volkes eng verbundenes Element. Anders als die staatszentrierte Aufklärungshistorie eines Schlözer und Karamzin leitete er die Entwicklung staatlicher Gemeinwesen aus den sozialen „Basiskollektiven“ Familie, Sippe und Stamm ab. Durch diesen Ansatz ist Ewers zum Vater der später besonders von Solov’ev und Kavelin ausgeformten Theorie des „rodovoj byt’“ geworden, einer patriarchalisch, vorstaatlichen Sippenverfassung, aus der heraus die Staatlichkeit Rußlands erwachsen sei.

Neben seinem wissenschaftlichen Werk bleibt Ewers Name, auch hier seinem großen Enkel vorangehend, mit seiner Wirkung als Bildungs- und Wissenschaftsadministrator verbunden. Nicht weniger als dreizehn mal in Folge wählte ihn die Dorpater Universität seit 1818 zu ihrem Rektor. Zusammen mit dem Kurator des Dorpater Lehrbezirks, Fürst Carl von Lieven, dem späteren Minister für Volksaufklärung, betrieb er die personelle Erneuerung der Hochschule, vor allem der theologischen Fakultät im Geiste des nach den napoleonischen Kriegen wiedererwachten Pietismus orthodox-lutherischer Prägung. Daneben widmete er sich mit der Herausgabe des „Ersten Schulbuchs für die deutsche Jugend im Lehrbezirk der kaiserlichen Universität Dorpat“ (1824) auch den Aufgaben der allgemeinen Volksbildung. In diesen Jahren, so sagte sein Enkel, Adolf von Harnack – von 1869 bis 1872 selber Student an der Alma Mater Dorpatiensis – über ihn, sei er „der Grundstein und die Seele der Universität geworden“. Erst einundfünfzigjährig ist Gustav von Ewers am 20. November 1830 (gemäß dem damals in Rußland gültigen julianischen Kalender war es der 8. November) gestorben. Sein Heimatdorf im Corveyer Land bewahrt bis heute sein Andenken durch eine Straßenbenennung anläßlich seines 150. Todestages im Jahre 1980.

Lit.: Evers, Iogann-Filipp-Gustav, in: Russkij biografičeskij slovar, Bd. 24 (1911), S. 174f. – L. Stieda, Ewers, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 48 (Nachträge bis 1899), Leipzig 1904, S. 454-456. – Robert Stupperich, Gustav Ewers, in: Westfälische Lebensbilder. Im Auftrag der Historischen Kommission Westfalens hrsg. von Robert Stupperich, Münster 1975, S. 78-96. – Birgit Steinmann, Gustav Ewers, ein Pionier der deutschen Wissenschaften an der Universität Dorpat im zaristischen Rußland, in: Spurensuche. Aus Vergangenheit und Gegenwart des Dorfes Amelunxen. Geschichte und Geschichten zusammengestellt aus Anlaß der 1150-Jahr-Feier, Amelunxen 1999, S. 142-148. – Agnes von Zahn-Harnack, Adolf von Harnack, Berlin 1951. – Klaus-Detlev Grothusen, Die Historische Rechtsschule Rußlands, Gießen 1962. – Stefan Wolle, Der Beitrag deutscher Historiker zur Erforschung der altrussischen Geschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1801-1815), Diss. beim Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin (Ost) 1984. – Ders.: Die wissenschaftliche Korrespondenz zwischen Gustav Ewers (1781-1830) und Philipp Krug (1764-1844), in: Jahrbuch für Geschichte der sozialistischen Länder Europas, Bd. 28 (1984), S. 307-331, Bd. 29 (1985), S. 283-316, Bd. 32 (1988), S. 269-299, Bd. 33 (1989), S. 255-310.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Ewers

Manfred Zeidler

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