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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ferche, Joseph

Weihbischof

* 1888, 09.04.
Pschow, Kr. Rybnik/Ost-Oberschlesien

† 1965, 23.09.
Köln

Joseph Carl Ferche wurde am in Pschow, Kreis Rybnik, in Ost-Oberschlesien, im sprachlich gemischten deutsch-polnischen Grenzland, als ältestes Kind seiner Eltern geboren. Der Vater starb schon zwei Jahre später, und die Mutter heiratete einen Handelsschuldirektor. Dieser Ehe entsprossen 12 Kinder. Nach dem Besuch der Volksschule im Marienwallfahrtsort Pschow bezog Joseph Ferche das Königliche katholische Gymnasium in der damals mächtig aufstrebenden lndustriestadt Gleiwitz, legte dort die Reifeprüfung ab und studierte ab 1907 an der Universität Breslau Philosophie und Theologie. Er scheint sich besonders für Kirchengeschichte interessiert zu haben, wohnte im Konvikt und erlernte auch – wohl nicht ganz leicht – die ihm, dem Kind deutscher Eltern, nicht vertraute polnische Sprache, wurde also Zweisprachler, Utraquist. Die Bistumsleitung wollte möglichst viele Theologen zum Einsatz auch in den nicht deutsch-sprachigen Pfarrgemeinden befähigt sehen.

Am 22. Juni 1911 empfing Ferche, knapp 23-jährig, aus den Händen des Fürstbischofs von BresIau, Georg Kardinal Kopp, die Priesterweihe und kam dann als Kaplan in die vom Bergbau geprägte Gemeinde Schomberg bei Beuthen/Oberschlesien, in der er drei Jahre blieb. Im Herbst 1914 – der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen – trat er eine Kaplanstelle in der ostoberschlesischen Industriestadt Königshütte an. Zu seiner Pfarr­­gemeinde gehörten über 30.000 Katholiken, was für Ferche und die anderen Priester der Pfarrei sehr viel Arbeit bedeutete, aber wohl auch viel Freude bereitete, da im ganz überwiegend katholischen Oberschlesien das Leben mit und in der Kirche zum Selbstverständlichen gehörte und einen sehr hohen Stellenwert, besonders bei den Frauen, besaß. Die Kirche bot Trost und Hoffnung in aller Not und allem Elend und setzte sich auch ein gegen den generell in Bergbaugebieten oft bedrohlichen Alkoholmissbrauch („Branntweinpest“). Sie war Volkskirche, wie es sie hier und heute in der Bundesrepublik Deutschland nur noch in Restbeständen gibt.

Nach der deutschen Niederlage im Weltkrieg, den Abstimmungskämpfen um Oberschlesien und der Teilung des Gebietes verließen viele deutschgesinnte Geistliche die nun polnischen Orte, zu denen auch Königshütte gehörte, aus dem Ferche nach achtjähriger Tätigkeit schied. Er übernahm 1922 die niederschlesische Pfarrei Ohlau und 1927 die oberschlesische Pfarrei Cosel und kam dadurch aus einer Diasporagemeinde in eine fast zur Gänze katholische Stadt, in der er vier Jahre blieb. Im Laufe seines Wirkens an so verschiedenen Orten erwarb er sich den Ruf eines relativ modern orientierten, kontaktfreudigen, sehr die Liturgie betonenden und auch die Verwaltungsaufgaben gut bewältigenden Seelsorgers, was zum beruflichen Aufstieg führte.

Mit Wirkung vom 30. September 1931 ernannte der Oberhirte des Erzbistums Breslau, Adolf Kardinal Bertram, den über 20-jährige Erfahrung in der Gemeindeseelsorge verfügenden Joseph Ferche zu einem der jeweils etwa zehn „Residierenden Domherren“ an der Metropolitankirche zum hl. Johannes dem Täufer in Breslau und zwei Wochen später zu einem der „Geistlichen Räte“ des Generalvikariates. In der Folgezeit summierten sich die von Ferche bekleideten Ämter: kirchlicher Diözesanpräses der katholischen Meistervereine Schlesiens, Kurator der Marienschwestern und der Ursulinen, Diözesanförderer der „Katholischen Aktion“ (Teilnahme der Laien am Apostolat der Kirche), die Kardinal Bertram sehr am Herzen lag (Buch von Bertram: Im Geiste und Dienste der Katholischen Aktion, 1929). Zudem wurde er 1939 Kommissarius für das Teschener Land, in dem sich polnisches, tschechisches und (österreichisch-) deutsches Volkstum berührten (bzw. stritten).

Es war eine sehr alte Tradition des Bistums Breslau, zum Weihbischof der großen Diözese jeweils einen Oberschlesier zu ernennen. Nach dem im Mai 1940 erfolgten Tode des im ost-oberschlesischen Kreis Pless geborenen Weihbischofs Valentin Wojciech wurde der aus dem Nachbarkreis Rybnik gebürtige Joseph Ferche sein Nachfolger und erhielt am 29. September von Kardinal Bertram die Bischofsweihe – ein Jahr nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nun zählte er zu den engsten Mitarbeitern Bertrams und widmete sich primär seiner Hauptaufgabe: der Spendung des Sakramentes der Firmung, auch in den abgelegensten Gebieten des Bistums. Als er 1942 im Olsagebiet firmte „und dabei einige polnische und tschechische Worte zu den Katholiken sprach, die nicht deutsch verstanden, wurde er von der Geheimen Staatspolizei grob und drohend vernommen und ihm ein Redeverbot für ganz Deutschland auferlegt“ (Engelbert), das jedoch nach kirchlichen Protesten aufgehoben wurde.

Anfangs 1945 zeigten sich die Furien des Krieges immer mehr im bis dato relativ gut durch die schwere Zeit gekommenen Schlesien, und die sowjetrussischen Truppen rückten vor; die Front kam näher; den „Luftschutzkeller“ Schlesien gab es nicht mehr. Viele Einwohner Breslaus und viele nach dort Geflohene verließen die Stadt, die – obwohl unbefestigt – zur „Festung“ erklärt wurde. Der alte und kranke Kardinal Bertram zog sich zurück in sein sudetenländisches Schloss Johannesberg. Ferche blieb in der verbissen und aussichtslos kämpfenden, aber erhebliche Kräfte der gefürchteten „Roten Armee“ bindenden Stadt. Angesichts der großen Not wagte er einen mutigen Schritt: Er begab sich am 4. Mai 1945 mit einem Domkapitular, mit dem evangelischen Stadtdekan Joachim Konrad und einem zweiten evangelischen Geistlichen zum deutschen Stadtkommandanten und bat ihn, die Stadt den Russen zu übergeben. Eine lebensgefährliche Aktion, die mit der Erschießung „wegen Landesverrats“ hätte enden können, aber zur Kapitulation Breslaus am 5. Mai beitrug. Der gute Hirte bestand die Bewährungsprobe!

Das Ende der Kampfhandlungen war nicht gleichzeitig die Be­endigung der großen Not der Bevölkerung Breslaus. Die Sieger nahmen Rache: Plünderungen, Verhaftungen, Verschlep­pun­gen, Vergewaltigungen, dann Zurückdrängen alles Deutschen und Vertreibung der Bevölkerung aus der deutschen Stadt und der Deutschen generell aus Schlesien. Ferche bemühte sich, nach Kräften zu helfen und seine geistlichen Aufgaben wahrzunehmen. Als Kardinal Bertram 86-jährig in Johannesberg gestorben war, gelang es ihm, sich auf schwierigen Wegen in wirrer Zeit nach dort durchzuschlagen und das Requiem zu halten. Nach Breslau zurückgekehrt musste er sich bemühen, aus den Resten deutscher jurisdiktioneller Ansprüche und der neuen polnischen Jurisdiktion und Verhaltensweise das Beste für die Gläubigen zu machen, wobei ihm seine Kenntnis des Polnischen sehr zugute kam. Er durchreiste „oft unter schwierigsten und gefahrvollen Umständen Dörfer und Städte der Erzdiözese und auch der Grafschaft Glatz. Er firmte, predigte und tröstete die drangsalierten Gläubigen. Manchmal kam er schon zu spät, wenn die Bewohner bereits gewaltsam vertrieben worden waren.“ (Engelbert)

Dann traf es auch ihn: Am 15. September 1946 musste Weihbischof Ferche auf polnische Anweisung Schlesien verlassen – Vollzug der anscheinend von Warschau gekommenen und von einem polnischen „Mitbruder“ initiierten Ausweisungsanordnung innerhalb von 24 Stunden.

Die Fahrt in den Westen vollzog sich per Viehwaggon. „Die Bilanz der ersten Wochen nach der Vertreibung ergab ein entmutigendes Bild.“ (Holzbrecher) Man kann das auch für die ersten Monate so sehen, die von hin und her, vom Suchen nach einem Unterkommen und nach seinen bisherigen hohen Aufgaben (einigermaßen) entsprechenden Einsatzmöglichkeiten gekennzeichnet waren. Ferche wohnte in Berlin, erlangte keinen Aktionsmittelpunkt im Restteil des Erzbistums Breslau zu Görlitz, wo sich alte Verwaltungsstrukturen zu konsolidieren begannen und „nicht auf ihn warteten“, nahm Aufenthalt in Erfurt, das zum thüringischen Teil der Diözese Fulda gehörte, und machte sich verdient durch Firmungen in der Sowjetischen Besatzungszone.

Einen Neuanfang stellte die am 27. März 1947 erfolgte Ernennung zum zweiten Weihbischof der von Josef Kardinal Frings geleiteten Erzdiözese Köln dar, die einerseits Ferches Wünschen und Bestrebungen entsprach, andererseits einen Schluck recht bitteren Weins zur Folge hatte: Das Lockern der Verbindung zu den unter kommunistischer Herrschaft befindlichen schlesischen Landsleuten. Am 1. Juli 1947 trat er offiziell sein Amt (in der britischen Besatzungszone) an, am 9. Dezember 1947 wurde er Residierender Domkapitular in Köln, und im Februar 1948 konnte er endlich den miserablen Wohnverhältnissen in der durch den Krieg weitgehend zerstörten Stadt entgehen und eine Dienstwohnung beziehen.

Für die aus Schlesien vertriebenen Katholiken wurde Ferche zu einer – wenn nicht sogar zu der – geistlichen Zentralgestalt. „Ob es die traditionellen Hedwigswallfahrten im Kölner Dom oder die beliebten Wallfahrten in Werl sind, ob es die großen Treffen der Landsmannschaften und insbesondere der Landsmannschaft der Oberschlesier sind, oder ob es die 950-Jahr-Feier des Bistums Breslau und die 250-Jahr-Feier der Breslauer Universität waren, die in Frankfurt am Main gehalten wurden, Bischof Msgr. Joseph Ferche fehlte nicht.“ (Brzoska 1958). Priorität besaßen freilich die für das Erzbistum Köln zu erfüllenden Aufgaben: Firmreisen, Weihen von Kirchen und Visitationen führten ihn durch mittelrheinische Lande, ohne ihn – wen kann das wundern – zum Rheinländer werden zu lassen. Seit 1950 war er auch Erster Vorsitzender des Diözesan-Cari­tasverbandes, seit 1954 Ehrendomherr der französischen Diözese Tarbes-Lourdes, seit 1956 Magistralritter des souveränen Malteser-Ritter-Ordens und seit 1961 Päpstlicher Thronassistent, ernannt von Johannes XXIII. Neben den kirchlichen Ehrungen standen staatliche und schlesische: 1958 Großes Bundesverdienstkreuz, Ehrenmitgliedschaft im Kulturwerk Schlesien (1963), Schlesierschild der Landsmannschaft Schlesien (1963), Silbernes Ehrenzeichen der Landsmannschaft der Oberschlesier (1964).

Am 23. September 1965 starb Weihbischof Ferche im Alter von 77 Jahren in Köln. Nach dem Requiem, das der Nuntius Erzbischof Corrado Bafile hielt, und der Totenrede von Kardinal Frings, der vom II. Vatikanischen Konzil, an dem Ferche zeitweilig teilgenommen hatte, angereist war, erfolgte am 29. September die Beisetzung in der Domherrengruft des Kölner Domes.

Werke: Veritati et caritati. Im Dienste der Wahrheit und Liebe! Adolf Kardinal Bertram, Erzbischof von Breslau, 1914-1939. Gedenkblätter, ausgewählt von einem Diözesanen (das ist Joseph Ferche), Breslau 1939. – Kardinal Adolf Bertram, Erzbischof von Breslau, in: (Hrsg.) Katholische Arbeitsstelle (Nord) für Heimatvertriebene. Schriftenreihe, Heft 2, (1953), S. 35-42. – In Wahrheit und Liebe. Predigt im Lieb­­frauen-Münster zu Braunschweig anläßlich des 100. Jahrgedenkens an Kardinal Bertram, in: Hedwigs-Kalender 1960, S. 51-56.

Hrsg.: Veritati et caritati, Adolf Kardinal Bertram, Erzbischof von Breslau. Hirtenworte, Predigten und Ansprachen Bertrams, Kaldenkirchen 1956.

Lit.: Emil Brzoska, Ein Kirchenfürst aus Oberschlesien. Zum 70. Geburtstag des Kölner Weihbischofs Msgr. Joseph Ferche, in: Unser Oberschlesien 8, 1958, Nr. 7 v. 3. April. – Gerhard Moschner, Weihbischof Joseph Ferche und Prälat Dr. Kurt Engelbert 50 Jahre Priester, in: Schlesisches Priesterjahrbuch II, 1961, S. 10-15, hier S. 10-13 (P). – (Joseph Negwer), Geschichte des Breslauer Domkapitels im Rahmen der Diözesangeschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hrsg. von Kurt Engelbert. Hildesheim 1964 (viele Stellen). – Robert Samulski, Die Breslauer Weihbischöfe, in: Schlesisches Priesterjahrbuch III/IV, 1962/63, Stuttgart 1964, S. 79-109, hier S. 95-96, Anm. 61. – Emil Brzoska, Bischöfe der katholischen Kirche aus Oberschlesien, Augsburg 1965, S. 9-19 (stark angelehnt an den Text aus dem Jahre 1958; P vor S. 9). – Kurt Engelbert, Weihbischof Josef Ferche (1888-1965), in: Schlesische Priesterbilder, Bd. 5, hrsg. von Joseph Gottschalk, Aalen 1967, S. 29-36. – Bernhard Stasiewski, Ferche, Josef (1888-1965), in: Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Hrsg. von Erwin Gatz, Berlin 1983, S. 184. – Werner Marschall, Joseph Ferche, Weihbischof der Erzdiözesen Breslau und Köln (1888-1965), in: Schlesien. Eine Vierteljahresschrift, XXXIII, 1988, S. 225-231. – Ders., Zum 30. Todestag des Breslauer Weihbischofs Joseph Ferche, in: Heimatbrief der Katholiken aus dem Erzbistum Breslau 22, 1995, S. 71-73. – Her­bert Gross, Bedeutende Oberschlesier, Dülmen 1995, S. 145-146. – Ulrich HeIbach, Ferche, Joseph (1888-1965), in: Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001, hrsg. von Erwin Gatz, Berlin 2002, S. 297-298. – Sebastian Holzbrecher, Weihbischof Joseph Fer­che (1888-1965), Seelsorger zwischen den Fronten, Münster i.W. 2007 (Arbeiten zur schlesischen Kirchengeschichte 17, P). – Gerhard Scheuermann, Das Breslau-Lexikon, A-L, 1994, S. 298. – Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 15, 1999, Sp. 556-559 (Sebastian Bialas).

Bild: Archiv Ernst Gierlich.

Hans-Ludwig Abmeier

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