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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Feuchtwangen, Siegfried von

Hochmeister des Deutschen Ordens

* 1275 ca.

† 1311, 05.03.
Marienburg/Westpr.

Das Hl. Land mit den heiligen Stätten, insbesondere in Jerusalem, war das Rückgewinnungsziel der Kreuzfahrer während zweier Jahrhunderte. Im ausgehenden 13. Jahrhundert entstand durch die katastrophale endgültige militärische Niederlage der Kreuzfahrerstaaten, beigebracht durch die Übermacht der Sarazenen in Palästina, eine in mehrfacher Hinsicht kritische Situation für die geistlichen Ritterorden insgesamt, so auch für den Deutschen Orden. Sowohl der Ruf nach Reform als auch die radikale Frage nach der Daseinsberechtigung der begüterten großen Korporationen kamen auf.

Die Verlegung der Hauptsitze des Deutschen Ordens in relativ kurzer Abfolge, der politischen und militärischen Not gehorchend, von Montfort (1271) nach Akkon, nach dessen Fall (1291) nach Venedig, war ein alarmierendes Krisenfanal; hinzu trat angesichts der Katastrophe in Palästina die kontroverse Rich­tungssuche innerhalb des Deutschen Ordens. Gab es doch eine „Mittelmeerfraktion“, die idealistischer Weise an der traditionellen Aufgabe der Rückeroberung des Hl. Landes festhielt, und eine Gruppe, die mit der Verlagerung des Sitzes auch eine Neuorientierung der Ordensaufgaben anstrebte. Unter die­sen internen Spannungen hatten Konrad von Feuchtwangen († 1296) und Gottfried von Hohenlohe (resigniert Herbst 1303) bereits amtiert, aber einen radikalen Schritt vermieden.

Die schicksalsträchtige Schwerpunktverlagerung erwies sich als eine unausweichliche, aber auch hinsichtlich der Verabschiedung des hehren Zieles der Kreuzfahrt über das Meer als ernüchternde Entscheidung, die Siegfried von Feuchtwangen (ferner: S. v. F.) zufallen sollte. Der daraus resultierende Bekanntheitsgrad des Hochmeisters S. v. F. steht in einem eklatanten Gegensatz zur biographischen Kenntnis über diese Persönlichkeit, geben doch die Quellen bemerkenswert wenig her. In der Literatur hat sich das nach dem bekannten Muster ausgewirkt: Je weniger man über eine Person weiß, desto mehr kann man über diese sagen, d. h. fabulieren. Es ist deshalb geboten, an dieser Stelle sich an das Überlieferte zu halten.

Siegfried von Feuchtwangen wurde um 1275 geboren (Rückschluss vom Zeitpunkt der überlieferten Übernahme eines ersten Amtes im Orden). Er war wohl Spross eines fränkischen, im Raum Ansbach, wo auch das Städtchen Feuchtwangen liegt, ansässigen Geschlechtes des Ministerialadels; er dürfte in einem nicht näher aufschließbaren Verwandtschaftsverhältnis zu sei­nem Vorvorgänger im Hochmeisteramt, Konrad von Feucht­wangen (1291-1296), gestanden haben.

Als Inhaber des Deutschmeisteramtes tritt S. v. F. um 1298 erstmalig als Ordensritter in Erscheinung. Von Juli 1299 bis November 1300 ist er als Komtur von Wien, erstaunlicherweise in einer hierarchiemäßig geringeren als der vorigen, aber auf Grund der geopolitischen Lage und der Besitzkonzentration in Österreich trotzdem gewichtigen Funktion, nachweisbar. Mitte Oktober 1303 wurde er durch das in Elbing zusammengetretene Generalkapitel als erster in Preußen zum Hochmeister statutenkonform (?) gewählt. Er sah sich beim Amtsantritt unmittelbar den Ränkespielen seines unter dubiosen Umständen, nicht ganz freiwillig, zurückgetretenen Amtsvorgängers, des weiterhin siegelnden Gottfried von Hohenlohe (1297-1303), ausgesetzt. Ihm gelang es aber, durch persönlichen Einsatz in zahlreichen Kommenden in Böhmen und im deutschen Südwesten ein Schisma, also eine Spaltung des Ordens, zu vermeiden Vom Haupthaus des Ordens in Venedig und kurzzeitig von Marburg an der Lahn aus konnte er durch behutsames Agieren seine hochmeisterliche Autorität überall im Orden zur Geltung zu bringen. Angesichts der politischen Lage im Mittelmeerraum, nicht zuletzt wegen der durch die Machtsphäre des französischen Königs Philipp IV. geschwächten Stellung des Papstes in Avignon und wegen des über die Republik Venedig verhängten Interdiktes, aber auch angesichts der Maßnahmen von 1307 zur Aufhebung des Templer-Ordens drängte sich S. v. F. die epochale Aufgabe der bereits seit zwei Jahrzehnten erwogenen Verlegung des Hauptsitzes in einen ungefährdeteren, aber auch ausbaufähigeren Raum auf, nämlich an die Ostsee, wo die Or­densritter bereits seit acht Jahrzehnten Landeshoheit organisierten. Am Mare Balticum konnte nämlich der Deutsche Orden trotz der erheblichen Konflikte der livländischen Ritterbrüder mit dem Erzbischof von Riga als einem „der notorischen Gegner jedweder Ordensherrschaft an der Ostsee“ (U. Niess) die Territorialherrschaft in und von Preußen aus beträchtlich nach Westen durch die Bezwingung Danzigs und gegen polnischen Widerstand durch den Kauf der brandenburgischen Rechte an Pommerellen (Vertrag zu Soldin vom 13. September 1309) ausweiten. Wahrscheinlich am 14. September 1309, dem Fest der Kreuzeserhöhung, bezog S. v. F. die von Konrad v. F. grundgelegte und zwischenzeitlich repräsentativ ausgebaute Marienburg in Preußen als neue Ordenszentrale; mit dieser geopolitischen Verlagerung änderte sich nicht nur das Aufgabenfeld, so die neue Form der Kreuzzüge in das heidnische Litauen, entscheidend, sondern es handelte sich auch um eine Anpassung an die realen Gegebenheiten, das Preußenland als Kraftzentrum des Gesamtordens. Dieser sich aufdrängenden Option, die von Historikern des 19. Jahrhunderts in nationaler Sicht besonders gepriesen wurde, verdankt S. v. F. seine Berühmtheit wegen dessen ihm – ahistorisch – zugesprochenen weitblickender politischer Entscheidung für Preußen, sozusagen als nucleus für den späteren preußischen Staat und dessen nationale Rolle.

Neben mehreren chronikalischen Nachrichten über S. v. F., die sich als unverbürgt erweisen, ist auch der diesem unterschobene Erlass (1309) einer Landesordnung für Preußen unzutreffend, handelt es sich doch um eine frühneuzeitliche Fälschung. Hingegen förderte er das ordensinterne liturgische Leben, so intensivierte er in der Tat den Kult der hl. Maria, der Schutzpatronin des Deutschen Ordens. Indessen hat er offensichtlich eine intensive Regierungstätigkeit von seiner neuen Residenz aus nicht geübt, sondern solche seinem neuen Großkomtur Heinrich von Plotzke anheimgegeben.

S. v. F. verstarb am 5. März 1311 auf der Marienburg; beigesetzt wurde er in der Kathedralkirche zu Kulmsee. In deren südlichem Querhaus finden sich als Spolien verwendete (mutmaßliche) Bruchstücke der Grabplatte S.s v. F. in den Stufen zur Kapelle der hl. Jutta von Sangerhausen. In der Vorburg der Marienburg erinnert eine von R. Simering als Assistenzfigur (des zerstörten Denkmals Friedrichs d. Gr.) – selbstverständlich ohne Portraitcharakter – gestaltete, von H. Gladenbeck 1876 gegossene Statue an S. v. F.

Lit.: Altpr. Biogr. 1, 1941/1974, S. 181. – LexMA VII, 1995, Sp. 1865. – NDB XX, 2001, S. 313. – O. Schreiber, Die Personal- und Amtsdaten der Hochmeister, in: Oberland. Gesch.-Bll. 3 (1909-1913), S. 689. – W. Raddatz, Die Übersiedlung des Dt. Ritterordens von Palästina nach Venedig und Marienburg (1292-1309), Diss. Halle 1914. – M. Tumler, Der Dt. Orden, Wien 1955, S. 341 f. – K. Forstreuter, Das „Hauptstadtproblem“ des Dt. Ordens, in: Jb. für die Gesch. Mittel- und Ostdeutschlands 5 (1956), S. 129-156. – Ders., Der Dt. Orden am Mittelmeer, Bonn 1967, S. 194 ff. – U. Niess, Siegfried von Feuchtwagen, in: Die Hochmeister des Dt. Ordens. 1190-1994. Hrsg. v. U. Arnold, Marburg 1998, S. 5156. – K. Militzer, Von Akkon zur Marienburg, Marburg 1999, S. 147 ff. (154 f., 164 f.) . – W. Uhlich: Konrad und Siegfried von Feuchtwangen, Feuchtwangen 2004.

Bild: Bronzestatue des Siegfried von Feuchtwangen, Marienburg.

Carl August Lückerath

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