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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fischer, Johann

Komponist

* 1646, 25.09.
Augsburg

† 1716
Schwedt/Oder

Als Sohn des Augsburger Spielmanns und Stadtpfeifers Jonas Fischer und dessen Frau Maria geborene Mayr erblickte Johann Fischer zwei Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs in Augsburg das Licht der Welt. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er vom Vater und bis 1661 in der evangelischen Augsburger Kantorei unter Tobias Kriegsdorfer. Er ging dann zu dem aus Schertitz in Böhmen stammenden Hofkapellmeister und Komponisten Samuel Capricornus (Bockshorn) nach Stuttgart in die Lehre. 1665 kam er zu Jean-Baptiste Lully nach Paris, dem Musikintendanten Ludwigs XIV. Lully, der in dieser Zeit durch seine Zusammenarbeit mit Molière große Triumphe erlebte –  als die “deux grands Baptiste” wurden sie gefeiert -, war auch außerhalb Frankreichs zu einer Berühmtheit geworden. Fünf Jahre stand Fischer als Notist in seinen Diensten, wo er sich die “liebliche lullianische Manier” aneignen konnte und bei dem auf der Höhe seiner Zeit wirkenden Meister das “Age d’Or” der französischen Geistesgeschichte kennenlernte. Es war das Zeitalter von Molière, Racine, Lafontaine, Corneille, der Madame de Sévigné, um einige Literaten zu nennen, auch war es die Zeit der Entwicklung einer französischen Nationaloper durch Robert Cambert und Pierre Perrin, die Lully den Weg bereiteten.

1673 ist Fischer wieder in der Stuttgarter Hofkapelle nachzuweisen. 1674 ging er in seine Heimatstadt Augsburg zurück, wo er seit 1677 an der evangelischen Barfüßerkirche angestellt war. In diesen Jahren entstanden etwa 60 kirchenmusikalische Werke. Seine Frau Antonia Sybilla schenkte ihm zwischen 1675 und 1681 fünf Kinder, aber sein Lebenskreis war mit der Rückkehr in seine Heimatstadt nicht geschlossen, sein Lebensweg sollte ihm noch mit einigen weiteren Stationen aufwarten.

1683 wurde Fischer Violinist der Ansbacher Hofkapelle, welche damals eine Glanzzeit erlebte. Für die Anstellung Fischers waren wohl auch seine Pariser Jahre von Bedeutung. Markgraf Johann Friedrich hatte eine besondere Vorliebe für die französische Musik, weshalb auch im Anstellungsvertrag stand, daß er jährlich “2 personen oder mehr à la françoise im geigen informiren” solle. 1686 übernahm Fischer interimistisch die Leitung der Kapelle. Nach dem Tod von Markgraf Johann Friedrich im selben Jahr wurde Fischer entlassen. Der Nachfolger, Markgraf Georg Friedrich, war der italienischen Richtung zugetan.

1690 wurde Fischer herzoglich kurländischer Kapellmeister zu Mitau, wo damals eine italienische Oper unterhalten wurde. Er hatte die Stelle bis 1697 oder auch bis 1698 zum Tod von Herzog Friedrich Kasimir inne. Fischer pflegte gute Kontakte nach Riga zur Großen Gilde, die ihm “ein gewisses Jahrgeld ausgesetzt, dafür er verbunden gewesen, ihrem Collegio musico alle Woche was neues von seiner Arbeit einzusenden. Offt ist er auch deswegen nach Riga gereiset und hat auf die genaue Vollziehung seiner Sachen gute Acht gegeben”. Nach der Auflösung der Mitauer Hofhaltung 1698 lebte er in Riga. 1698 erhielt er vom Rigaer Rat “zu einer vorhabenden Reise nach Stockholm” sechs Taler für eine Komposition. Er musizierte “vor Ihro Maj. dem Könige von Polen zu dero hoher Zufriedenheit”, und er ist dann 1699 bis 1700 in Callenbergschen Diensten, danach in Lüneburg nachzuweisen. Möglicherweise hat der junge J. S. Bach 1701 bei der Aufführung seiner Suite über “die weltberühmde Lüneburger Sültze” mitgewirkt. 1701 wurde Fischer Kapellmeister am Hof von Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg in Schwerin, wo ebenfalls die französische Richtung der Hofmusik gepflegt wurde. 1704 suchte er in Kopenhagen unterzukommen. Er lebte dann ohne feste Anstellung in Stralsund, Stettin, Stockholm und zuletzt seit 1707 als Kapellmeister im Dienst von Markgraf Philipp Wilhelm von Brandenburg in Schwedt an der Oder. Dort starb er in guten Verhältnissen im 70. Lebensjahr. Das in älterer Literatur häufiger angegebene Todesjahr 1721 scheint unrichtig zu sein.

Mit seiner meisterhaften Beherrschung der Suitenform schuf Fischer in meist kurzen Sätzen “Kleinkunstwerke von geschlossener Schönheit” (E.F. Schmid). Das Urteil Matthesons, daß Fischer “leichte und lustige Ouvertüren” bevorzugt habe, ist nur mit Einschränkung zu übernehmen. Zum einen ist sein kirchenmusikalisches Schaffen bisher nicht untersucht worden, zum anderen zeigen beispielsweise Sätze in seinem Divertissement mit 2 Stimmen (1699/1700) durchaus starken melancholischen Ausdruck, auch ist diesen Sätzen eine Vertiefung des Gehalts eigen. Bemerkenswert ist die wohl auch von Fischer vorgesehene Aufführungsmöglichkeit in reiner Zweistimmigkeit ohne Generalbaßergänzung. Besondere Bedeutung kommt Fischer für die Entwicklung des Streichquartetts zu, durch das Hervorheben der Taille, jener durch die Bratsche besetzten Mittelstimme. Interessant ist auch seine Beschäftigung mit der Scordatur (Umstimmen von Saiten von ihrem Grundton), welche er in seinem Werk Das Eins-Drei oder Drei-Eins oder der habile Violist aufzeigt. Hier ist er mit J.H. Schmelzer, H.I.F. Biber, jenen Hauptmeistern der altösterreichischen Geigenschule, zu nennen. Als Vertreter des süddeutschen Barockstils in seiner französischen Prägung ist dem Wirken Fischers in mehreren Städten des Ostseeraums, so vor allem in Mitau und Riga sowie in Norddeutschland, besondere Beachtung zu schenken.

Werke: Ouvertüren, Suiten, Tänze, Divertissements, Tafelmusiken, kirchenmusikalische Werke, weltliche Kantaten und Gelegenheitswerke.

Lit.: J.G. Walther: Musicalisches Lexicon oder musicalische Bibliothek usw., Leipzig 1732, ND Kassel 1953, 246. –  J.H. Zedler: Grosses vollständiges Universal Lexicon etc., Halle u. Leipzig Bd. 9 1734, Sp. 998. –  J. Mattheson: Grundlage einer Ehrenpforte, Hamburg 1740, 61ff, 283f. –  M. Rudolph: Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon, Riga 1890, ND Hann.-Döhren 1975. – E.F. Schmid: J. Fischer in: MGG. – Riemann Musik Lexikon. –  H. Scheunchen: Lexikon deutschbaltischer Komponisten, in Vorb. –  N. Busch: Johann Fischer, ein herzoglich kurländischer Kapellmeister des 17. Jahrhunderts, in: Rigaische Rundschau, 6. März 1929. –  G. Fock: Der junge Bach in Lüneburg 1700 bis 1702, Hamburg 1950, 47, 79. –  H. Scheunchen: Die Musikgeschichte der Deutschen in den baltischen Landen, Dülmen 1990, 141f.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Fischer_%28Komponist%29

Helmut Scheunchen

 

 

 

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