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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fischer, Wolfram

Wirtschafts- und Sozialhistoriker

* 1928, 09.05.
Tannenberg/Eulengebirge


Der in eine Lehrerfamilie geborene Wolfram Fischer gehört der sog. „Luftwaffenhelfergeneration“ an. Nach Grundschul- und Gymnasialausbildung in seiner schlesischen Heimat wurde er anfangs des Jahres 1944 zur Flak einberufen. Wie zahlreiche „Flakhelfer“ wurde er während der Endphase des Krieges in den Untergang der kämpfenden Truppe hineingezogen. Am 2. Mai 1945 geriet er in München in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Noch am gleichen Tag entwich er seinen Bewachern. Zu Fuß machte er sich auf in Richtung Schwarzwald, um bei Bekannten seiner Familie unterzukommen. In Landsberg am Lech wurde er jedoch erneut durch amerikanische Truppen aufgegriffen. Wiederum konnte er ihnen entkommen. Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Gesamtkapitulation, kam er bei seinen Bekannten in Tuttlingen an. Nach Wochen bot sich ihm hier zum erstenmal wieder die Möglichkeit, in einem Bett zu schlafen, doch mehr schlecht als recht, denn die Siegesfeiern der Franzosen, die die Schwarzwaldregion besetzt hielten, ließen eine geruhsame Nacht nicht zu. Am 9. Mai, Wolfram Fischers 17. Geburtstag, wurde er auf dem Weg von Tuttlingen nach Schwenningen von französischen Truppen aufgegriffen, denen er ebenfalls entkam, als sie Mittagspause machten, während der sie ihre Aufsicht vernachlässigten. Einen vorläufigen Aufenthalt fand er auf einem Bauernhof in der Nähe der Uhrenstadt Schramberg. Bis zum Herbst 1945 verdingte er sich dort als landwirtschaftlicher Arbeiter. Dann begann er eine Gärtnerlehre in Öhringen. Inzwischen hatte er auch wieder Kontakt mit seiner Familie aufnehmen können, die es aus Schlesien nach Westdeutschland verschlagen hatte. Gegen den Willen der Mutter gab er die Gärtnerlehre auf, um ab Januar 1946 in Böblingen wieder die Schulbank zu drücken. Nach bestandenem Abitur 1946 bewarb er sich beim Kultusministerium in Stuttgart um einen Studienplatz an einer Lehrerbildungsanstalt. Seine Bewerbung wurde jedoch mit der Begründung abgewiesen:„Für die nächsten 20 Jahre werden wir Lehrerüberschuss haben, und Leute wie Sie können wir schon gar nicht gebrauchen.“ Dieser abschlägige und obendrein entmutigende Bescheid veranlasste Wolfram Fischer, sich um einen Studienplatz an einer Universität zu bemühen. Er fand ihn schließlich in Heidelberg, wo er das Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften begann. An den Universitäten Tübingen, Göttingen, London und an der Freien Universität Berlin setzte er es fort. 1951 promovierte er in Tübingen, wo zu seinen Lehrern und Förderern der aus der Emigration zurückgekehrte Hans Rothfels (1891-1976) gehörte, zum Dr. phil. Im Jahre 1954 wurde er in Berlin zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten in Karlsruhe und Dortmund erfolgte 1960 die Habilitation in Berlin. Als Universitätsdozent wirkte Wolfram Fischer seit 1961 in Münster, als Wissenschaftlicher Rat und ordentlicher Professor seit 1963 bzw. seit 1964 in Berlin. Von 1987 bis 1990 gehörte er der Berliner Akademie der Wissenschaft als ordentliches Mitglied an; seit 1992 ist er ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburger Akademie der Wissenschaft. Die Acad. Europaea und die American Philosophical Society zählen ihn ebenfalls zu ihren Mitgliedern.

1956 heiratete er Elisabeth Nungesser. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Wolfram Fischer gehört zu den weltweit führenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern. Sein Renommee trug ihm ein Ehrendoktorat sowie zahlreiche Einladungen von Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen in Europa, Amerika und Asien ein. Wie für die meisten seiner Generation waren die Anfänge seiner Laufbahn außerordentlich beschwerlich und entsagungsreich. Seinen Erfolg verdankt er neben seinen Fähigkeiten seiner Zähigkeit und seinem Fleiß. Die ihn nicht zuletzt auszeichnende Bescheidenheit macht ihn zu einem ebenso sympathischen wie liebenswerten Menschen und Kollegen.

Werke (Auswahl): Die Bildungswelt des deutschen Handwerkers um 1800 (1955). – Handwerksrecht und Handwerkswirtschaft um 1800 (1955). – Die wirtschaftspolitische Situation der Weimarer Republik (1960). – Die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus (1961; 3. Aufl. 1968 u.d.T. Deutsche Wirtschaftspolitik 1918-1945). – Die Bedeutung der preußischen Bergrechtsreform von 1851 für den industriellen Aufbau des Ruhrgebiets (1961). – Der Staat und die Anfänge der Industrialisierung in Baden, I: Die staatliche Gewerbepolitik (1962). – Unternehmerschaft, Selbstverwaltung und Staat (1964). – Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter der Industrialisierung (1972). – Die Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert (1979). – Weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen für die ökonomische und politische Entwicklung Europas 1919-1939 (1980). – Armut in der Geschichte (1982). – Germany in the World Economy during the 19th Century (1989). – Expansion, Integration, Globalisierung. Studien zur Geschichte der Weltwirtschaft (1998). – Europa. Wirtschaft, Gesellschaft und Staat 1914-1980 (russ.) l999.

Lit.: C.-L. Holtfrerich (Hrsg.), Interactions in the World Economy (1989).

Bild: Privatarchiv des Autors.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfram_Fischer

Konrad Fuchs

 

 

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