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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fleissner, Richard

Maler

* 1903, 03.04.
Tuschkau/Egerland

† 1989, 04.05.
Gräfelfing

Die Überflutung der westdeutschen Kunstszene nach dem Zweiten Weltkrieg mit Arbeiten von Künstlern aus den USA und deren Epigonen ist seit längerem rückläufig. Andererseits wird auf dem Gebiet der so genannten abstrakten Kunst von unkontrollierten Zufälligkeiten und von Ausflügen in eine unbegrenzte Freiheit immer mehr Abstand genommen. Sowohl Künstler wie Galeristen orientieren sich immer mehr an Qualität und handwerklichem Können. Dabei fällt der Trend zur gegenständlichen Darstellung auf, die freilich nicht den Realismus des 19. Jahrhunderts fortführt, sondern Gestaltungsgesetzen folgt, wie sie Kandinsky in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911) dokumentierte. Dabei könnte man die Landschaften und Stilleben unter die Überschrift „Bilder der Stille“ stellen, gleichsam als Gegenpol zu unserer hektischen, lauten Gegenwart.

Ein bedeutender Vorläufer dieser Stilrichtung ist der Sudetendeutsche Richard Fleissner (geb. 1903 in Tuschkau) mit seinen Wattenmeer-Landschaften (Aquarell, Mischtechnik, Zeichnung, Druckgrafik), denen eine Ruhe entströmt, die den Betrachter gleich gefangen nimmt. Diese Arbeiten entstanden jedoch abseits des Großstadtlärms im stillen bayerischen Gräfelfing, wohin sich der Künstler nach seiner Flucht aus der CSSR zurückgezogen hat. Inspiriert wurden sie während seiner Aufenthalte im Künstlergilde-Atelier des Ehepaares Prof. Franz Rotter in Duhnen an der Nordsee. Eine Eintragung Fleissners ins Gästebuch jenes Künstlerateliers, mit einer ganzseitigen Zeichnung versehen, weist auf die Stille und Weite des Wattenmeeres hin und dokumentiert den Ausgangspunkt jener stillen Bilder.

Bis zu Fleissners Flucht in den Westen, die ihm 1946 einer seiner tschechischen Schüler vermittelte, verliefen sein Leben und seine künstlerische Entwicklung keineswegs in ruhigen Bahnen. Er widmete sich dem Porträt, schuf figurale Kompositionen, und nach Studienreisen nach Frankreich und Italien begeisterte ihn die Landschaftsmalerei. Nach einem Abstecher in die abstrakte Kunst kehrte er wieder zur Natur zurück.

Schon frühzeitig zeigte sich bei ihm eine künstlerische Begabung. Während des Besuches der Realschule in Leitmeritz ermöglichte ihm sein Vater den Unterricht an einer privaten Kunstschule (1919-1921). Nach dem Abitur erfolgte das Studium an der Prager Deutschen Akademmie der Bildenden Künste und an der dortigen Deutschen Universität. In jener Zeit erhielt er auch die ersten Kunstpreise der Akademie und den Rompreis.

Trotz seiner deutschen Herkunft war er in tschechischen Verbänden eine geachtete Persönlichkeit. Als Vorstandsmitglied gehörte er der Prager Secession an und war von 1928 bis 1940 Professor an der Staatlichen Kunstgewerbeschule zu Gablonz. 1934 nahm er an der Ausstellung „Moderne tschechoslowakische Kunst“ in Wien teil, 1937 in Moskau und Leningrad, 1939 an der Biennale in Venedig. Doch die Verfolgung durch das Nazi-Regime blieb ihm, dem Antifaschisten, nicht erspart. Aus der sudetendeutschen Ausstellung im Kronprinzenpalais in Berlin (1937) werden seine Exponate in die Räume „Entartete Kunst“ verbannt. Während seiner Kriegsdienstjahre 1941-1945 gelangt er zu keiner künstlerischen Arbeit, und auch nach seiner Flucht in den Westen folgt – wegen Krankheit und finanzieller Not – eine schaffenslose verlorene Zeit.

1948 wird er an die „Deutsche Meisterschule für Mode“ München als Professor für Aktzeichnen berufen, und in seiner Freizeit widmet er sich wieder seiner eigenen Kunst in der Stille seines ländlichen Heimes. Von hier unternimmt er Reisen vornehmlich nach Italien, die ihm neue Motive liefern. Ehrenamtlich ist er für die Künstlergilde tätig, den Verband ostdeutscher Kulturschaffenden in Esslingen, deren Landesleiter er in den 1960er Jahren ist. In den folgenden Jahren beschickt er wieder zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen, namentlich in Westdeutschland (München, Regensburg, Nürnberg, Lindau, Stuttgart, Gräfelfing, Cuxhaven, Lüneburg, Rosenheim, Bremerhaven, Bamberg, Darmstadt u.a.) sowie in Graz, Neu-Gablonz und Santiago de Chile, teils im Verband Sudetendeutscher Künstler teils im Rahmen der Künstlergilde und natürlich auf der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst zu München.

Sein bedeutendes Alterswerk beruht auf den Wattenmeerbildern und dem Zyklus: „Watt unter dem Meerhimmel“, dem Fleissners Ausflug in die abstrakte Theorie und Praxis voranging. Dazu der Künstler selbst: „Ich mußte durch diese abstrakte Periode hindurch“. Und so vereinen sich in diesen Bildern abolutes Formen und Gestalten mit Erlebnissen der Natur. Fleissner sagte einerseits: „Ich zeichne, was nicht zu sehen, aber zu spüren ist.“ Andererseits: „Ich war von diesen Motiven am Wattenmeer wie besessen … In Cuxhaven und am Wattenmeer habe ich viel an meine frühere Heimat und an die Moldau denken müssen und dabei das Wasser und den Himmel wiederentdeckt …“ In diesen stillen Bildern werden die parallelen Waagerechten des Strandes und des Meeres betont und im Rechteck darüber der leicht bewegte Himmel ebenfalls in grauen, weißen und schwarzen Nuancen. Damit weist er suchenden Künstlern einen Weg, wie sie aus der heutigen Sackgasse herausfinden können. Wie manche Galerien in ihren Ausstellungen beweisen, wird dieser Weg bereits von Künstlern der jüngeren Generation beschritten.

Anlässlich des 85. Geburtstages veranstaltete ihm die Künstlergilde in Esslingen eine Jubiläumsausstellung. Dazu schrieb mir der Künstler im Mai 1988 u.a.: „Ich war bei der Eröffnung anwesend, habe aber gemerkt, daß das Reisen doch nicht mehr das richtige für mich ist … Das alles strengt mich doch sehr an … mein Gedächtnis hat schon sehr nachgelassen, und auch die Schaffenskraft ist erloschen … Ich habe am liebsten meine Ruhe zu Hause …“ Genau ein Jahr danach stirbt der Sudetendeutsche in Gräfelfing.

Fleissner wurde mit dem „Sudetendeutschen Kunstpreis“ geehrt. Damit wurde nicht nur sein künstlerisches Werk ausgezeichnet, sondern auch aufmerksam gemacht, wie wichtig der Anteil der deutschen Künstler aus dem Osten ist, von denen bekanntlich viele infolge des schrecklichen Krieges in den Westen geflüchtet sind. Was wäre die moderne deutsche Kunstgeschichte ohne sie! Daran, daß Richard Fleissner also ein profilierter Brückenbauer der deutschen Ost-West-Kunst ist, daran sollte man an seinem 100. Geburtstag ebenfalls denken.

Lit.: Günther Ott: Richard Fleissner, in: Künstlerprofile. Im Osten geboren … im Westen Wurzeln geschlagen. Düsseldorf 1980, S. 64-66. – Wir. Künstler in der zweiten Heimat. Schriften der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und der Künste, München 1993, S. 56-64. – Ernst Schremmer: Ein Meister der Stille, in: Kulturpolitische Korrespondenz 724 (1989), S. 25-27.

Bild: Privatarchiv des Autors

Günther Ott

 

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