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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Franzos, Karl Emil

Literat, Journalist, Verleger

* 1848, 25.10.
Czortkow/Galizien

† 1904, 28.01.
Berlin

Mein Weg als Deutscher und Jude – unter diesen Titel, mit dem Jakob Wassermann 1921 seinen eigenen dornenreichen Lebensgang etikettierte, hätte auch Karl Emil Franzos sein curriculum vitae stellen können. Er war Nachkomme spanischer Juden, die über das lothringische Nancy in das, abgesehen von einer dünnen kernösterreichischen Oberschicht, polnisch, ostjüdisch und ukrainisch besiedelte Galizien gekommen waren und seit Kaiser Josephs II. Einführung von Familiennamen für die jüdische Bevölkerung Franzos heißen mußten. Wie sein Vater in der humanen und toleranten Gedankenwelt Lessings und Moses Mendelssohns erzogen und von Deutschland, wo er diese Traditionen noch lebendig glaubte, eine Kultivierung und Humanisierung Ostmitteleuropas erhoffend, konnte er weder mit seinen zelotischen Glaubensgenossen noch mit den eine nationale Wiedergeburt erstrebenden Polen, ja nicht einmal mit den nach Wien orientierten deutsch-österreichischen Honoratioren seines Heimatstädtchens harmonieren. Verwickelt genug also und zu verwickelter Darstellung nötigend die Herkunft dieses Mannes und seine Position in der Welt – extraordinär aber auch die Umstände seines Eintritts in sie: Geboren wird er nicht im galizischen Czortkow, wo der Vater als Stadtarzt wirkt, sondern in Rußland, jenseits der österreichischen Grenze, damit die Mutter während der revolutionären Umtriebe im Sturmjahr 1848 vor polnischen Insurgenten geschützt sei.

Czortkow, wo Franzos die ersten schmerzlichen Außenseiter-Erfahrungen macht, und das bukowinische Czernowitz werden die Stätten seiner Kindheit und frühen Jugend. Die Gymnasialzeit (1859 bis 1867) in der vorwiegend westlich ausgerichteten Hauptstadt der Bukowina beschert ihm die vielleicht glücklichsten Jahre seines Lebens. Konfliktreich gestalten sich dann wiederum die Universitätsjahre in Wien und Graz (1867 bis 1872). Bereits die Wahl der Fakultät bedeutet einen Verzicht. Ein zunächst in Aussicht gestelltes Stipendium, das ihm ein Studium der klassischen Philologie ermöglicht hätte, wird ihm trotz vorzüglicher Vorleistungen – er präsentierte eine metrische Übersetzung von Vergils Hirtengedichten in das dorische Griechisch des Theokrit – als Juden schließlich doch verwehrt. Die Juristerei, der er sich nun enttäuscht zuwendet, betreibt er als reines Brotstudium. Eine Ansprache als Burschenschaftler beim Berliner Burschentag von 1868 sowie Grazer Reden, insbesondere die zum hundertsten Geburtstage Ernst Moritz Arndts (1869) und zur Feier Bismarcks und der deutschen Siege über Frankreich (1870) gehaltenen, bringen ihn in Konflikt mit der k. k. Administration und versperren ihm den Eintritt in den österreichischen Staatsdienst. Stößt hier sein Weg als Deutscher auf unübersteigliche Hindernisse, so wird er ihm in anderer Hinsicht wieder einmal durch sein Judentum verlegt: Ein von ihm leidenschaftlich begehrtes christliches junges Mädchen kann sich nicht dazu verstehen, den seinem angestammten Glauben treu bleibenden Geliebten zu ehelichen. Doch just sein Unglück öffnet ihm den Weg, welchen er fortan einschlagen wird: die literarische Laufbahn. Seine unglückliche Liebe liefert ihm den Stoff für seine erste Erzählung, die als Das Christusbild 1870 in Westermanns Monatsheftengedruckt wird und die Keimzelle seiner erfolgreichen Novellensammlung Die Juden von Barnow (1877) bildet. Das Buch ist dem Bahnbrecher der Ghetto-Geschichte Leopold Kompert gewidmet und setzt dieses jüngst von Gabriele von Glasenapp umfassend gewürdigte Genre meisterhaft fort. Das fiktive Barnow, worin Realitätselemente aus den Ghetti von Czortkow, Czernowitz und Sadagóra enthalten sind, wird der Schauplatz vieler epischer Werke aus dem jüdischen Volksleben, bis hin zu dem nachgelassenen Roman Der Pojaz (1905), der Lebensgeschichte eines jüdischen Wilhelm Meister, dessen ‘theatralische Sendung’ jedoch durch einen frühen Tod keine Erfüllung findet.

Neben der Belletristik widmet sich Franzos einer umfangreichen journalistischen Tätigkeit, mit welcher er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Ausgedehnte Reisen lehren ihn die Donaumonarchie, aber auch Deutschland und die Schweiz, England, West- und Südeuropa, das russische und das osmanische Reich kennen. Früchte seiner Erfahrungen mit Ländern und Leuten sind Reisefeuilletons über ostmitteleuropäische und osteuropäische Zustände, die in angesehenen Journalen, vorwiegend in der Wiener Neuen Freien Presse, publiziert werden. In Buchform erscheinen diese Texte zwischen 1876 und 1888 in sechs starken Bänden unter dem von ihm geprägten Begriff Halb-Asien. Es zeigt sich hier eine Verwandtschaft mit dem Fontane der Wanderungen durch die Mark Brandenburg und der Reiseberichte aus England und Schottland; allerdings sind Fontanes Schilderungen eher zweckfreie Kunst, während Franzos ständig auf Mißstände hinweist und die ‘Entasiatisierung’ des Ostens durch Übernahme westlicher, insbesondere deutscher Kultur propagiert. 1877 läßt er sich für ein Jahrzehnt in Wien nieder, redigiert dort das Familienblatt Neue Illustrierte Zeitung und wird 1886 Herausgeber der ambitionierten Halbmonatsschrift Deutsche Dichtung, welche Julius Rodenbergs Deutscher Rundschau nacheifert, ohne doch das Niveau dieser führenden Revue des deutschen Kaiserreiches ganz erreichen zu können. Hauptsächlich in Franzos’ Wiener Zeit fällt auch seine Beschäftigung mit Georg Büchner, deren literaturgeschichtlich bedeutendes Resultat der Erstdruck von dessen nachgelassenem Dramenfragment Woyzeck bildet, das er (nach einem 1875 erfolgten Vorabdruck einzelner Szenen in der Neuen Freien Presse) unter dem Titel Wozzeck 1878 in der ephemeren Zeitschrift Mehr Licht! und ein Jahr später innerhalb einer Büchner-Gesamtausgabe publiziert. Der leicht entstellte Dramentitel und (im wesentlichen) der Text des ersten Editors leben in Alban Bergs 1921 vollendeter Oper Wozzeck fort. In der Büchner-Nachfolge steht Moschko von Parma (1880), die, wie der Untertitel besagt, Geschichte eines jüdischen Soldaten, einer wie der arme Soldat Woyzeck geschundenen Kreatur, den nur seine Enaksgestalt von seinem Elendsgenossen scheidet. Drei anderen Größen aus der Welt der Literatur ist der Roman Ein Kampf um’s Recht (1882) verpflichtet: Schiller, Kleist und Gogol. Den ukrainischen Helden Taras Barabola verbindet nicht nur sein Name, sondern auch sein Kampf gegen polnische Unterdrückung und Willkür mit Gogols KleinrussenTaras Bulba, und Taras Barabola erleidet ein Kohlhaas-Schicksal wie Karl Moor. Der Titel des Romans ist Rudolf von Jherings Wiener Vortrag Der Kampf ums Recht(1872) entlehnt, und die Thematik des Werkes läßt den geschulten Juristen erkennen.

Neben ‘halbasiatischen’ Sujets behandelt Franzos während seiner Wiener Zeit auch Stoffe aus seiner unmittelbaren Umgebung, so in den 1881 erschienenen, ganz altösterreichisch Stille Geschichten betitelten kleinen Erzählungen. Sie sind mit einer Ausnahme konventionell im Gartenlaube-Stil gehalten und zurecht vergessen. Den Inhalt von „Sophie!“ aber, diesem Dukaten inmitten von Konventionsmünze, soll uns Theodor Fontane erzählen, wie er ihn für die Leser der Vossischen Zeitung vom 15. Juni 1883 zu Papier gebracht hat: „Unter leichtem und gefälligem Geplauder wird in einem Wiener Salon die Frage angeregt, ob die Liebe, um echt, tief und dauernd zu sein, einer Art Reifezeit bedürfe oder ob sie umgekehrt auch plötzlich auftreten könne. Professor X. nimmt das Wort und plädiert für die Plötzlichkeit. Er habe, damals noch Student, bei Gelegenheit einer in Greifswald stattfindenden Arndt-Feier einen öffentlichen Vortrag zu halten gehabt und sei dabei geniert, befangen und mit sich selber unzufrieden gewesen, bis er durch den Blick und das freundlich zustimmende Kopfnicken eines schönen jungen Mädchens, einer Fremden in der Versammlung, derartig elektrisiert worden sei, daß er ex tempore zu sprechen begonnen und beim Schlusse seiner Rede sich von einer innigsten Liebe durchdrungen gefühlt habe. Das junge Mädchen zu sehen und zu sprechen, hab’ er am selben Abend noch in allen Hotels angefragt, aber nur, um endlich zu hören, daß sie samt den Ihrigen Greifswald mit dem letzten Bahnzuge wieder verlassen habe. Und die tiefe Neigung jener Stunde habe ihn nie verlassen und erfülle ihn noch. Ein Zufall will es, daß ein Bruder der jungen Dame mit unter den Gästen ist, aus dessen Munde nun der Professor auf dem Heimwege konfidentiell erfährt, daß seine Schwester dieselbe tiefe Sehnsucht empfunden und durch Jahre hin alle Anträge zurückgewiesen habe. Seit kurzer Zeit erst sei sie glücklich verheiratet. Damit schließt die Novelle“. Fontane fügt eine knappe Würdigung der kleinen Meisterschöpfung an, der auch ein empfänglicher Leser von heute seine Beistimmung nicht versagen dürfte: „Sie hat nichts von Handlung und stellt sich lediglich die Aufgabe, psychologische Vorgänge, so namentlich auch den geheimnisvollen Einfluß eines Auditoriums auf den Redner, zu schildern, was alles dem Dichter und Erzähler in einem so hohen Grade gelungen ist, daß man vollkommen hingerissen die Stimmungen des jungen Studenten mit durchzumachen glaubt“. Wir möchten ergänzend darauf hinweisen, daß es auch das aparte Motiv einer ganz singulären und doch glaubhaften Glücksverfehlung ist, das unsere Anteilnahme in so hohem Maße erregt.

Seinen letzten Lebensabschnitt, von 1887 an, verbringt Karl Emil Franzos in Berlin. Es entsteht nun auch sein letztes großes Werk,Der Pojaz, das er zwar im Jahre 1893 vollendet, aber aus unbekannten Gründen seinen deutschen Landsleuten vorenthält. Schienen sie ihm der Idealisierung, die er ihnen auch in diesem Spätwerk angedeihen läßt, angesichts eines wachsenden Antisemitismus nicht mehr würdig zu sein? Trotz möglicher resignativer Anwandlungen bleibt sein Schaffensdrang ungebrochen. 1895 wird er Mitbegründer der Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, im Jahre zuvor hat er unter dem Titel Die Geschichte des Erstlingswerks selbstbiographische Aufsätze von so bedeutenden Autoren wie Marie von Ebner-Eschenbach, Theodor Fontane und Conrad FerdinandMeyer herausgegeben. Auch über seine eigene Jugend- und Werdezeit berichtet er dort. NeueReise- und Kulturbilder knüpfen an seine donauländischen Schilderungen an. Doch nunmehr bereist er die Mitte und Westgrenze des Deutschen Reiches. Zwei Bände mit dem Obertitel Deutsche Fahrten werden veröffentlicht. 1903 Aus Anhalt und Thüringen, 1905 Aus den Vogesen. Den zweiten Band kann er jedoch nicht mehr selbst herausgeben. Mitten aus rastlosem Leben und Wirken reißt ihn vor knapp einhundert Jahren, am Beginn des nun zu Ende gehenden Säkulums, der Tod.

Werke: Eine Gesamtausgabe der Werke von Karl Emil Franzos existiert nicht. So ist man auf die Einzelausgaben seiner zumeist vergriffenen Schriften angewiesen. Lieferbar sind nur: Der Pojaz. Nachwort von Jost Hermand. eva-Taschenbuch. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1994. – Judith Trachtenberg. Nachwort von Helmuth Nürnberger. Ullstein-Taschenbuch. Darmstadt 1992. – Erzählungen aus Galizien und der Bukowina. Hrsg. v. Joseph P. Strelka (= Deutsche Bibliothek des Ostens. Hrsg. v. K. K. Polheim u. H. Rothe). München: Langen Müller 1996.

Lit.: Gabriele von Glasenapp: Aus der Judengasse. Zur Entstehung und Ausprägung deutschsprachiger Ghettoliteratur im 19. Jahrhundert (= Conditio Judaica 11). Tübingen 1996. – Dort auch weitere Literatur über Franzos. – Das Fontane-Zitat ist der Nymphenburger Ausgabe seiner Sämtlichen Werke entnommen. Bd. XXI/2. München 1974, S. 252 f.

Bild: Nach einer Photographie aus dem Jahre 1878.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Emil_Franzos

Burkhard Bittrich

 

 

 

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