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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fredersdorff, Michael Gabriel

Geheimer Camerier und Obertresorier, Vertrauter Friedrichs d.Gr.

* 1708
Garz/ Oder

† 1758, 12.1.
Potsdam

„wohr [Wenn] heüte gegen Mittag die Sone Scheint, So werde ich aus-reiten. Kome doch am fenster! Ich wollte Dihr gerne Sehen; aber das fenster mus feste zu bleiben und in der Camer mus Strak [starkes] feüer Seindt!“

Diese in unbeholfenem Deutsch verfassten Zeilen Friedrichs des Großen, nach Richter zu datieren auf „zweite Hälfte April 1754“ (siehe Richter, Johannes [Hrsg.]: Die Briefe Friedrichs des Großen an seinen vormaligen Kammerdiener Fredersdorf, Berlin 1926, Brief 179, S. 281-282, S. 281) richtete der König an eine weitgehend im Verborgenen wirkende und dennoch oder gerade deshalb am Hofe des Königs als sehr einflussreich geltende Person, den „Geheimen Camerier und Obertresorier“ Michael Gabriel Fredersdorf.

Die Rolle, die Voltaire später mit „le grand factotum du roi Frédéric“ bezeichnete und damit andeutete, dass zwischen offizieller Stellung und tatsächlicher Bedeutung eine enorme Diskrepanz bestand, war Fredersdorf freilich nicht in die Wiege gelegt. Vielmehr ist sein Aufstieg aus kleinen Verhältnissen ein Paradebeispiel für die Möglichkeiten, die sich, trotz aller vermeintlichen Abgeschlossenheit der ständischen Gesellschaft im Zeitalter des Absolutismus, dem Individuum, wenn persönliches Geschick und Fortune zusammenwirkten, insbesondere im 18. Jahrhundert boten.

Fredersdorf wurde als Sohn eines Stadtmusikus wohl im Sommer 1708 im pommerschen Garz an der Oder geboren und schlug die Militärlaufbahn ein. 1730 finden wir ihn als Oboist im Musketierregiment Schwerin in Frankfurt an der Oder. Curt Christoph Graf von Schwerin war es dann auch, der den begabten und geistreichen jungen Mann dem damals in Küstrin arretierten Kronprinzen Friedrich zu gemeinsamem Musizieren und als Gesellschafter empfahl. Nach Aufhebung der Festungshaft erwirkte Friedrich die Lösung Fredersdorfs von seinen dienstlichen Verpflichtungen und nahm ihn mit, zunächst nach Ruppin, wo er seit 1732 als Regimentskommandeur stationiert war, dann, ab 1736, als Lakai und Kammerdiener nach Rheinsberg.

In Folge der Thronbesteigung des Kronprinzen avancierte Fre­dersdorf 1740 zum Geheimen Camerier und Obertresorier des Königs, erlangte jedoch bald eine weit darüber hinausgehende Stellung am Hofe. Dies drückt sich bereits in der im gleichen Jahr erfolgten Verleihung des Rittergutes Zernickow an Fredersdorf aus, eine der ganz seltenen Ausnahmen, in denen Friedrich der Große solches einem Bürgerlichen zugestand. Fredersdorf zeigte rasch ökonomische Fähigkeiten und Engagement, er begründete eine Ziegelei, legte Maulbeer­pflan­zun­gen für die Seidenraupenzucht an und richtete in Köpenick und Spandau Brauereien ein, in den Fredersdorfer Bier hergestellt wurde. Außerdem erwarb er sogar eine Plantage in Niederländisch-Guyana und kaufte das Frachtschiff „Gans“, mit dem er im Ostseeraum an Handelsaktivitäten beteiligt war.

Unklar ist, ob er tatsächlich auf Veranlassung Friedrichs 1743 von der kinderlosen Freiin von Trachenberg adoptiert wurde und damit nicht nur die Anwartschaft auf deren Güter im Obererzgebirge, sondern auch eine Art von persönlichem Adel erwarb. Eindeutig gesichert ist dagegen seine am 30. Dezember 1753 in Potsdam erfolgte Vermählung mit Caroline Marie Elisabeth Daum, der Tochter eines Potsdamer Bankiers und Gewehrfabrikanten, die ihm eine hohe Mitgift mit in die Ehe brachte. Das Paar unterhielt ein Anwesen in der Friedrichstraße 210 in Berlin und zudem ein unweit des Brandenburger Tores gelegenes Stadtpalais (Viereck Nr. 4).

Fredersdorfs umfangreiche und weitgespannte Aufgaben erforderten aber häufig auch nach der Vermählung dessen Anwesenheit in der Nähe des Königs. Als Camerier war er in Verwaltungsabläufe des Hofes eingebunden und u.a. für die Bauten des Königs, beispielsweise die neue Oper in Berlin oder auch die Wasserkunst für Schloss Sanssouci, und die Organisation von dessen privaten Gesellschaften, wobei ihm insbesondere deren Zusammenstellung und Einladung oblagen, zuständig. Daneben kümmerte er sich um sämtliche Personalfragen im Zusammenhang mit dem Theater und war wichtige Anlaufstelle bei dem König zu übermittelnden Eingaben. So nahm z.B. 1747 der Fasanenmeister Tichy Fredersdorfs Vermittlung an, um dem Monarchen 100 böhmische Bauernfamilien zur Ansiedelung in Preußen zu empfehlen.

In den Zuständigkeitsbereich des Obertresoriers fiel die Verwaltung der sich aus 52.000 Talern Handgeld und 10.000 Talern Monatsgeld zusammensetzenden persönlichen Mittel des Königs. Neben der Aufsicht über den Haushalt und das Personal beschäftigte er sich mit der Bereitstellung von Pferden und Wagen bei Reisen Friedrichs des Großen, er beschaffte Güter, insbesondere Lebensmittel, für die königliche Tafel und war in die Abwicklung des Erwerbs von Kunstwerken einbezogen. Letzteres führte ihn nicht nur in Kontakt mit dem Pariser Kunsthändler Petit, sondern auch mit dem Handelshaus Splitgerber & Daum, das 1748 Kopien antiker Plastiken aus Italien lieferte, und damit mit seinem künftigen Schwiegervater.

Daneben wurden Fredersdorf von Friedrich dem Großen eine Fülle von Sonderaufgaben übertragen, die lediglich in seinem engen Verhältnis zum Monarchen wurzelten. Im Kriegsjahr 1744 war es der Geheime Camerier, der Tafelsilber aus den königlichen Schlössern zur Umprägung in die Münze überführte, er half dem König bei seinen Plänen, ungarischen Wein in Preußen anzupflanzen und versuchte, der Finanzknappheit Preußens gerade in Kriegszeiten durch Projekte von ihm protegierter Alchimisten, die glaubten oder vorgaben, Gold herstellen zu können, zu begegnen.

Die wichtigste seiner „inoffiziellen“ Tätigkeiten war zweifellos die Koordination nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Er warb Spione für den König an und hielt mit diesen diskreten Kontakt, so beispielsweise in den Jahren 1746-48, als es Fredersdorf gelang, einen Agenten in der Umgebung des Leiters der österreichischen Gesandtschaft in Berlin, des Grafen Bernes, zu platzieren, den er 1753, dann in anderer Funktion, nochmals kontaktierte. 1754 schließlich schleuste Fredersdorf eine ihm ge­fällige Person als Ausschreibenden Sekretär in die Prager Regierung ein.

Trotz oder wegen dieser vielfältigen Aktivitäten verließ Fredersdorf Berlin und Potsdam nur selten. 1740 war er noch in Begleitung des jungen Königs in Straßburg und Wesel, dann ist erst wieder 1751 ein mehrmonatiger Aufenthalt in Paris bezeugt, wohin er sich zu ärztlicher Behandlung, aber auch zum Zweck von Einkäufen auf dem dortigen Kunstmarkt für seinen königlichen Herrn, begab. Ob darüber hinaus eine diplomatische Mission, die Beförderung eines angestrebten preußisch-französischen Handelsabkommens, vorlag, ist nicht eindeutig zu klären. Im folgenden Jahr finden wir ihn dann noch in Aachen und Spa, wo sich der stets kränkelnde Fredersdorf zu einer Kur aufhielt.

Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges verschlechterte sich der Gesundheitszustand Fredersdorfs erheblich. Er kam am 9. April 1757 um Entbindung von seinen Amtsgeschäften ein und starb am 12. Januar 1758 in Potsdam. Bestattet wurde er im Erbbegräbnis an der Pfarrkirche zu Zernickow.

Michael Gabriel Fredersdorf ist wohl am ehesten mit dem Begriff eines „Vertrauten“ Friedrichs des Großen zu beschreiben. Aus dem Hintergrund wirkend, sich aber stets loyal verhaltend, kam ihm eine entscheidende Schlüsselstellung im privaten Haushalt Friedrichs des Großen zu. Der König vertraute Fredersdorf fast unumschränkt; dieser hielt sich dafür weitgehend aus dem politischen Ränkespiel und höfischen Intrigen heraus. Als integerer, lauterer Charakter, dazu stattlich an Wuchs und Gestalt, war er der richtige Mann am richtigen Platz.

Insbesondere der erhaltene Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Fredersdorf zeigt das auch persönlich enge Verhältnis der beiden, die sich auch emotional sehr nahestanden. In Fredersdorf hatte Friedrich einen Menschen gefunden, der bereit war, auf äußere Karriere und Ruhm zu verzichten, um sich ganz der Aufgaben, die der König ihm stellte, zu widmen. Wenn irgendjemand das Prädikat „Freund“ Friedrichs des Großen verdient, dann Michael Gabriel Fredersdorf.

Lit.: Eberhard Cyran, Preußisches Rokoko. Ein König und seine Zeit, Berlin 1979. – Friedrich Freiherr von Eelking (Red.), Das Geheimnis von Zernikow. Das Dokument im Kirchturmknopf – Ein erbitterter Erbschaftsstreit, in: Deutsche Illustrierte, 12. Juli 1927, S. 15. – Eberhard Grünert, Fredersdorff – das Faktotum, in: Helmut Schnitter, Karl- Heinz Schmick u.a., Gestalten um Friedrich den Großen. Biographische Skizzen (= Friedrich der Große in Zeit und Geschichte, Band 1; zugleich: Schriftenreihe der Forschungsstelle der Militärgeschichte Berlin, Band 1), Reutlingen 1991, S. 114-121. – Johannes Richter (Hrsg.), Die Briefe Friedrichs des Großen an seinen vormaligen Kammerdiener Fredersdorf, Berlin 1926.

Bild: Kulturstiftung.

Bernhard Mundt

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