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Freud, Sigmund

Neuropathologe, Psychoanalytiker

* 1856, 06.05.
Freiberg/Mähren

† 1939, 23.09.
London

Der aus Mähren stammende österreichische Neuropathologe Sigmund Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Er wurde am 6. Mai 1856 im nordmährischen Freiberg im Haus Schlossergasse 117 als erster Sohn aus zweiter Ehe des jüdischenKaufmanns Jakob Freud geboren.Über seine Abstammung berichtet er selbst: „Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am Rhein (in Köln) gelebt hat, aus Anlaß einer Judenverfolgung im 14. oder 15. Jahrhundert nach dem Osten floh und im Laufe des 19. Jahrhunderts die Rückwanderung von Litauen über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat.“ Als Vierjähriger wechselte er mit seiner Familie nach Wien und trat fünf Jahre später in das Leopoldstädter Kommunal- und Obergymnasium in der Sperlgasse ein. Eine besondere Neigung, Arzt zu werden, soll er nach eigenem Bekunden nie verspürt haben. Als siebzehnjähriger Abiturient zogen ihn aber dann die damals aktuellen Lehren Darwins an, und schließlich inskribierte er sich, durch Goethes Aufsatz „Die Natur“ stimuliert, im Fach Medizin an der Wiener Universität. Noch während seines Studiums begann er seine ersten Forschungsarbeiten im Physiologischen Institut. Nachdem er 1881 das medizinische Staatsexamen abgelegt hatte, arbeitete Freud als Internist und trat 1883 schließlich in die Psychiatrische Universitätsklinik unter Theodor Meynert ein. Dort entdeckte er die schmerzbetäubende Wirkung des Kokains. Sein Hauptinteresse galt damals der histologischen Neuropathologie. 1885 wird er als Privatdozent für Neuropathologie bestätigt.

Für seinen wissenschaftlichen Werdegang sind jedoch andere Begegnungen prägend gewesen. Sein Freund Josef Breuer hatte ihn zu den Studien über die Hysterie inspiriert. Im Rahmen eines Stipendiums bei Jean Marie Charcot in Paris und Hippolyte Bernheim in Nancy erlernte er die Behandlungsmethoden der nichtorganischen seelischen Erkrankungen durch Suggestion und Hypnose. Die dort gewonnenen Erfahrungen regten ihn an, zusammen mit Breuer 1893 die „Vorläufigen Mitteilungen“ und 1895 die „Studien über Hysterie“ zu veröffentlichen. Beide Werke stehen für die Anfänge der Psychoanalyse (zu deutsch: Seelenzergliederung), heute ein anerkanntes Heilverfahren bei Neurosen. Dabei handelt es sich um eine Methode, die die unbewußte Bedeutung des Verhaltens, der Träume und der Phantasien eines Menschen zu ergründen versucht. Es ist sicher unmöglich, in wenigen Sätzen diese Behandlungsmethode zu beschreiben. An dieser Stelle sei dazu nur gesagt, daß die von Freud begründete Lehre davon ausgeht, daß die neurotischen Störungen ihre Ursache in der frühen Kindheit haben. Diese Ursachen sollen aufgedeckt werden. Durch die Konfrontation mit den frühen Störungen und die durch die eigene Erfahrung gewonnene Einsicht in ihre Verursachung können dann die aktuellen Störungen im Seelenleben bewältigt werden. Zunächst stieß Freud mit seinen Thesen in der Wiener Ärzteschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf entschiedenen Widerstand, insbesondere weil er sexuelle Faktoren bei der Entstehung der Neurosen annahm. Doch bald sammelte er eine Reihe von Wissenschaftlern um sich, wie zum Beispiel Carl Gustav Jung, Karl Abraham und Alfred Adler. Sie machten die Psychoanalyse weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, bis sie durch Eugen Bleuler sogar Eingang in die Psychiatrie fand. Die Bedeutung Freuds liegt insbesondere darin, daß er das Unbewußte in die Forschung der Psychologie einführte. Bereits 1910 wurde die Internationale Psychoanalytische Gesellschaft gegründet. Die Anfeindungen gegen Freud und seine Lehre fanden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland ihren Höhepunkt, als auch seine Schriften in Berlin öffentlich verbrannt wurden. Der Rassenwahn unterbrach zunächst die Weiterentwicklung der Psychoanalyse in Deutschland, sie hat aber in der Welt die Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie und Literatur nachhaltig beeinflußt, auch wenn sie nie unumstritten war.

1938 emigrierte Freud noch rechtzeitig nach England und starb ein Jahr später an einem langjährigen Leiden in London. Bis zuletzt hatte er schmerzstillende Medikamente abgelehnt, weil er befürchtete, daß diese seine geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen könnten.

Werke: S. Freud, Gesammelte Werke. Unter Mitwirkung von Marie Bonaparte u. Anna Freud (Hg.) Bd. I-XVIII. London u. Frankfurt am Main 1940-1968.

Lit.: W.F. Bonin, Die großen Psychologen, Düsseldorf 1983, 104-109. – T. Brocher, Sigmund Freud (1856-1939), in: P. Wiench (Hg.), Große Ärzte, München 1982, 226-245. – J.H. Schultz, Sigmund Freud, in: K. Kolle (Hg.), Große Nervenärzte, Bd. I, Stuttgart u. New York 1970, 99-114.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud

Mario Lanczik

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