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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fröhlich, Julius Michael

Forstmann, Urwaldfachmann

* 1881, 08.02.
Schäßburg/Siebenbürgen

† 1957, 31.05.
Linz/Donau

Julius Fröhlich gehörte zu jener Generation der Deutschen Südosteuropas, die entlang ihres Lebens zwei Weltkriege erlebten und aus geopolitischen Gründen die Staatsbürgerschaft viermal wechseln sollten (geboren in der k.u.k. Monarchie, 1919 Königreich Rumänien, 1940 Ungarn und 1945 Österreich). Geboren wurde er im damaligen Königreich Ungarn am 8.2.1881 in Schäßburg (rum. Sighişoara, ung. Segesvár) – dem „Rothenburg ob der Tauber Rumäniens“, einem der besterhaltenen mittelalterlichen Städte des Landes (siehe OGT 2001/02) – als Nachkomme einer alten siebenbürgisch-sächsischen Intellektuellenfamilie. Sein Vater Josef Fröhlich (1844-1925) war Gymnasialprofessor in Schäßburg und später Pfarrer in Keisd (rum. Saschiz, ung. Szászkézd) und Reichesdorf (rum. Richiş, ung. Riomfalva); seine Mutter (geb. Maurer) war eine Kaufmannstochter aus Birthälm (rum. Biertan, ung. Berethalom).

1899 legte Fröhlich am Evangelischen Gymnasium in Schäßburg die Reifeprüfung (Matura) ab, um anschließend (1899-1900) als Einjährig-Freiwilliger in der österreichischen k.u.k. Armee beim Artillerie-Regiment Nr. 16 in Kaschau (damals Nordungarn = Kassa, heute Slowakei = Košice) zu dienen, wonach er – verdiensthalber – außer der Reihe zum Leutnant der Reserve befördert wurde. Wie die Mehrzahl der damaligen siebenbürger-deutschen Forstmänner belegte er 1900 einen Studienplatz für Forstwesen an der Königlich Ungarischen Akademie für Bergbau und Forstwissenschaften in Schemnitz (damals Selmecbánya in Oberungarn, heute Banská Stiavnica in der Slowakei). Seine forstwissenschaftliche Ausbildung setzte er 1901 bis 1904 an der Hochschule für Bodenkultur in Wien – der renommiertenAlma mater viridis – fort, die er als Diplom-Forstingenieur abschloss.

Die berufliche Laufbahn begann er 1905 als Forstpraktikant im bosnisch-herzegowinischen Staatsdienst in Sarajewo. Nach demRussisch-Türkischen Krieg (1877/78) wurde auf dem Berliner Kongress 1878 Bosnien-Herzegowina unter österreichisch-ungarische Verwaltung gestellt. Nun begann allmählich die Erschließung der unendlichen Urwälder dieses Großraumes, die unter der osmanischen Herrschaft nicht genutzt wurden, da die Bringung große Investitionen und berufliches Können voraussetzten. Hier sollte Fröhlich, zusammen mit seinemKommilitonen, dem späteren Universitätsprofessor Dipl.-Ing. Dr. Dr. h.c. Leo Tschermak (1882-1969), die ersten Untersuchungen zur Kenntnis des südosteuropäischen Urwaldes durchführen. Darüber schreibt Prof. Tschermak 1922: „Als ich vor 18 Jahren in einem Urwaldlande, Bosnien, die Beobachtungen zu sammeln begann, auf Grund deren ich später meine Erstlingsarbeit 1910 verfasste, war Herr Dipl.-Ing. J. Fröhlich mein Kollege. Während ich das Urwaldland nach zweieinhalbjährigem Aufenthalte wieder verließ, hat Dipl.-Ing. J. Fröhlich seither ununterbrochen eine reiche praktische Tätigkeit im Urwalde Bosniens und in jenen seiner siebenbürgisch-sächsischen Heimat entfaltet“. Fröhlich sollte sich – bis zur großen Flucht 1944 aus seiner Heimat Siebenbürgen – intensiv der wissenschaftlichen Erfassung der letzten Urwälder und deren forstlicher Praxis, widmen.

In Sarajewo heiratete Fröhlich 1907 Charlotte Leicht (* 1887); aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor. Ein Jahr darauf (1908) wurde ihm die Leitung der k.u.k. Forstdomäne Pribinič übertragen (Forstamtsleiter, nach heutigem Status = Forstoberrat); 1911 zum Oberförster ernannt (= Forstdirektor), übernahm er die Leitung der Forstverwaltung Prača, später dann (1913) Sjutline in Bosnien. Hier vertiefte er seine fachlichen Kenntnisse und Erfahrungen, durch die er später zum bedeutendsten Forstexperten Südosteuropas, Kleinasiens und Nordost-Afrikas werden sollte. Hier schrieb er auch seine ersten Erkenntnisse zum Problem der Buchen-Urwälder unter dem Titel Aus dem bosnischen Buchenwalde nieder.

Den Ersten Weltkrieg machte er als Oberleutnant der Reserve mit, wobei er vor allem als Verbindungsoffizier und Dolmetscher (deutsch, serbo-kroatisch, ungarisch, rumänisch), zuletzt beim deutschen Oberkommando in Serbien, eingesetzt war. Enttäuscht vom Kriegsausgang und dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1919, kehrte er in seine Heimat Siebenbürgen (nun zum Königreich Rumänien gehörend) zurück. Hier war er zunächst bis 1921 im rumänischen Staatsforstdienst (Forstamt Schäßburg) tätig. Im Sommer desselben Jahres wechselte er als Forstinspektor zur Ersten Sächsisch-Regener Floßhandelsgesellschaft mit Sitz in Răstoliţa (ung. Ratosnya) in den Ostkarpaten (Kelemen-Gebirge, rum. Munţii Călimani); die Geschichte dieser siebenbürgisch-deutschen Gesellschaft (gegründet 1866) sollte sein Landsmann und spätere Nachfolger H.F.E. Czoppelt (1905-1994) veröffentlichen (siehe OGT 2005/06). 1922 wechselte Fröhlich zurForesta Romānă mit Hauptsitz in Bukarest – der größten Holzindustrie A.G. Südosteuropas – wo er bis 1940 Forsttechnischer Leiter (Leitender Forstingenieur) war. Es ist zu erwähnen, dass dieser Riesenbetrieb (25 Großsägewerke mit 110 Vollgattern) nach dem Ersten Weltkrieg aus der Firma P. & C. Götz &Cie mit Zentralsitz in Wien, hervorgegangen ist. Seine zusätzliche Betätigung als Gutachter bei Schätzungen, Erschließungen und Forsteinrichtungskampagnen ausgedehnter Urwaldgebiete, führten ihn in dieser Zeit auch nach Polen, Ungarn, Italien und Jugoslawien. Als Fachmann von inzwischen internationalem Ruf (genanntUrwald-Fröhlich) war er in der Zeit von 1930 bis 1940 mehrfach mit großen forstlichen Begutachtungen (forstliche Erschließungen großer Urwaldflächen) in Kleinasien (Türkei) und Nordost-Afrika (Abessinien) betraut.

Durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch wurde Nordsiebenbürgen im Jahre 1940 Ungarn zugesprochen. Fröhlich quittierte den Dienst bei der Foresta und entschied sich für Ungarn, wo er 1940/41 als Vertretender Direktor (= Leitender Forstdirektor) an der königlich ungarischen Forstdirektion Klausenburg (ung. Kolosvár, rum. Cluj) tätig war. 1942 wurde er in das Ungarische Forstministerium als Ministerialrat nach Budapest berufen. Im Zuge der Evakuierung der deutschen Bevölkerung Nordsiebenbürgens im Herbst 1944 kam seine Familie aus Sächsisch Regen nach Ödenburg (ung. Sopron). Kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches flüchtete Fröhlich am 15. Februar 1945 mit seiner Familie nach Österreich. Er ließ sich in Altmünster bei Gmunden nieder, wo er neben gelegentlichen forstlichen Beratungen von Großwaldbesitzern als Schlossverwalter und Revierförster bei der Herrschaft Ebenzweiter im Salzkammergut arbeitete.

Julius Fröhlich starb am 31. Mai 1957 an den Folgen einer Sepsis (Blutvergiftung) in Linz und wurde am 3. Juni in Altmünster am Traunsee zu Grabe getragen. Dort wurden auch eine Straße und ein Wald zur Erinnerung an diesen verdienstvollen Forstmann nach ihm benannt.

Fröhlich ist als einer der fruchtbarsten deutschsprachigen Forstfachschriftsteller Südost-Europas anzusehen. Seit dem Jahre 1905 veröffentlichte er in österreichischen, deutschen, schweizerischen, ungarischen, rumänischen und jugoslawischen Fachzeitschriften weit über 300 Arbeiten. Sein Hauptwerk Urwaldpraxis (1954), in dem seine 40-jährige Erfahrung zusammengefasst wird, ist auch heute noch in der Fachliteratur betreffend den Urwald als Standardwerk anzusehen. Bis zum Erscheinen dieser Arbeit lagen aus den noch existierenden Urwäldern Europas keine mit dem notwendigen Zahlenmaterial ausgestatteten Untersuchungen vor. Erst 40 Jahre später (1995) veröffentlichte Prof. Dr. Stefan Korpel (Zvolen/Slowakei) das Werk Die Urwälder der Westkarpaten sowie 1997 Dr. G.M. Smejkal und MitarbeiterBanater Urwälder (Rumänien). Beide Arbeiten beschränken sich auf eine relativ kleine Urwaldfläche. Sein Buch Urwaldpraxis widmete J. Fröhlich seinem Sohn und Mitarbeiter Paul, der zu den rund 9.000 rumäniendeutschen Gefallenen der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg zählt.

Als leidenschaftlicher Weidmann veröffentlichte Fröhlich auch zahlreiche Fachartikel u.a. in derÖsterreichischen Forst- und Jagdzeitung (Wien), Der Anblick (Graz), Wild und Hund (Berlin und Hamburg) etc.; 1947 erschien aus seiner Feder in Bad Ischl sein Buch Jagderlebnisse und Abenteuer. Ein Jägerleben inBosniens Wäldern. Er war auch ein emsiger und begeisterter Märchensammler; so veröffentlichte er außer in Zeitungen und Zeitschriften, auch seine MärchensammlungBosnische Geschichten (1939; 2. Aufl. in Gmunden/Österreich).

Fröhlich war der erste und letzte Forstmann Europas, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die örtlich großflächig noch bestehenden Urwälder bereiste und vor allem die nötigendendrometrischen Vermessungen dieses ehemaligen Urwaldreichtums festhielt. Seine waldbaulichen Konzepte erlauben uns heute, die noch existierenden Reste dieser einstigen Naturpracht schonend und naturnah zu schützen und zu bewirtschaften.

Werke: Ein Verzeichnis der Veröffentlichungen von J. Fröhlich siehe bei H. Hienz (1998), S.158-163.

Lit.: J. Fröhlich, Aus der Urwaldpraxis. Erfahrungen und Beobachtungen aus den Urwäldern in Bosnien und Siebenbürgen, in: Allgem. Forst- u. Jagd-Ztg, 40, Wien 1922, S. 226, 232, 238. – J. Fröhlich, Aus den südosteuropäischen Urwäldern, in: Forstwiss. Centralbl., 48, Hamburg u. Berlin 1926, S. 305-328. – J. Fröhlich, Urwaldpraxis. 40jährige Erfahrungen und Lehren, Radebeul u. Berlin 1954, 200 S. – F. Hafner, Oberforstrat i.R. Dipl.-Ing. Julius Fröhlich †, in: Allgem. Forstztg, 68. Jg., Wien 1957, S. 208. – H. Heltmann, Gefragtester Forstfachmann Ing. Julius Fröhlich, in: Siebenb. Ztg, 56. Jg., 4, München 2006, S. 8. – H.A. Hienz, Julius Michael Fröhlich. Schriftsteller-Lexikon der siebenbürger Deutschen, Bd. VI, 1998, Köln-Weimar-Wien, S. 158-163. – A.H. (A. Hönig), Oberforstrat Ing. Julius Fröhlich. Ein Nachruf, in: Siebenb. Ztg., 7, München 1957, S. 4. – S. Korpel, Die Urwälder der Westkarpaten. Stuttgart-Jena-New York 1995, 310 S. – G. Nussbächer, Der große Stadtbrand von Schässburg. OGT 2001/2002, Bonn, S. 324-328. – R. Rösler, Zur Forstgeschichte Rumäniens. News of Forest History 28, 1999, Wien, 76 S. – R. Rösler, Studierende aus dem Südost-Karpatenraum an der Königlich Ungarischen Berg- und Forstakademie Schemnitz, in: Siebenb. Familienforschung, 21. Jg., 2, 2004, Köln-Weimar-Wien, S. 72-78. – R. Rösler, Julius Michael Fröhlich. Oberforstrat und Urwaldfachmann, bekannt als „Urwald-Fröhlich“, in: Agrar-Information 86, 2007, Spraitbach, S. 55-57. – G.M. Smejkal, C. Bindiu u. D. Vişoiu-Smejkal, Banater Urwälder. Ökologische Untersuchungen in Rumänien, Temeschwar 1997, 198 S.

Bild : Siebenbürgische Zeitung.

Weblink: https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/5134-julius-froehlich-gefragtester.html

Rudolf Rösler

 

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