Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fülöp-Miller, René

Kulturhistoriker, Schriftsteller

* 1891, 17.03.
Karansebesch, Banat/Rumänien

† 1963, 17.05.
Hanover, New Hampshire/USA

Sein bürgerlicher Name war Philipp Müller; die Eltern väterlicherseits stammten aus dem Elsaß. In Karansebesch, vormals Sitz eines österreichischen Grenzerregiments, war die Müllersche Apotheke ein kleiner Mittelpunkt. Fülöp-Miller, dessen Mutter, eine geborene Brancovič, aus einer serbischen Familie kam, die in der Militärgrenze eine bedeutsame Rolle gespielt hatte, setzte in seinem Erzählband Endre (1951) seiner Geburtsstadt ein mythisierendes Denkmal. Auch hat er bis 1945 den Kontakt zum Banat nicht abbrechen lassen. Literarisch steht er in der Traditionslinie der aus dem Banat stammenden enzyklopädisch gebildeten Polyhistoriker, ob sie nun wie Julius Meier-Graefe kunstgeschichtlich oder wie Karl Kerenyi auf die Welt der griechischen Antike fixiert waren. Fülöp-Miller wollte die Vielfalt der nahen Gegenwart erfassen und deuten. Dies war nur möglich, weil er sich auf jedem einzelnen Sachgebiet durch Leitgedanken und Leitmotive einen Rahmen setzte, der alle überaus zahlreich zusammengetragenen Fakten aufzunehmen vermochte. Hermann Broch, Sigmund Freud, Robert Neumann, Romain Rolland, Upton Sinclair waren Briefpartner oder Freunde Fülöp-Millers, seine Werke wurden oft in Übersetzungen zu europäischen oder Welterfolgen (sein Rasputin-Buch wurde in elf, seine Arbeit über die Jesuiten, das Werk über Lenin und Gandhi in je sechs Sprachen übertragen). Während in Deutschland Sigmund Freuds Werk verschwiegen wurde, hat Fülöp-Miller 1938 in seinem Buch Die Kulturgeschichte der Heilkunde die Bedeutung der Psychoanalyse herausgestellt. Durch Vortragsreisen von Moskau bis Budapest, von Paris bis Berlin, durch die Mitarbeit an renommierten Zeitungen und Zeitschriften im ganzen deutschen Sprachraum und durch Rundfunkansprachen war Fülöp-Miller in der Zeit der Weimarer Republik ein angesehener Schriftsteller. Als Entdecker und Herausgeber des Nachlasses von Lew Tolstoj und Fjodor Dostojewski hat er viele wichtige Dokumente der russischen Kulturgeschichte gerettet und, erstmals überhaupt, in deutscher Übersetzung ediert.

In der kleinen Bergstadt am südöstlichen Rand des Banats hatte der Apothekersohn die Schule besucht. In Wien, Berlin, Paris und Lausannne hat Fülöp-Miller 1909-1912 Pharmazie, Anatomie und Psychiatrie studiert. Europäische Berühmtheiten wie Forel, Babinski, Freud waren seine Lehrer.

Nach dem Studium praktizierte Fülöp-Miller in der väterlichen Apotheke, wo er es nicht lange aushielt. Während des Ersten Weltkrieges lernte er die bekannte Budapester Opernsängerin Hedy Bendiner kennen und heiratet sie. An ihrer Seite durchstreift er Europa und arbeitet als Journalist in verschiedenen Sprachen: ungarisch schreibt er für Budapester und Kronstädter Blätter, in Hermannstadt und Temeswar erscheinen seine deutschen Artikel, und in Bukarest ist er Mitarbeiter angesehener rumänischer Presseorgane. Neugier und Forscherdrang führen ihn früh in die Sowjetunion, über deren kulturelles Leben er in Berlin und Wien schreibt. Zum ersten großen Bucherfolg wird seine Monographische Darstellung: Geist und Gesicht des Bolschewismus(1926), die mehrere Auflagen und zahlreiche Übersetzungen erlebt. Trotz neuer Erkenntnisse bleibt das Buch eine tiefschürfende Analyse des Scheiterns einer staatlich zensierten Kultur. In der Nachbarschaft des Erstlings stehen die Bücher Lenin und Gandhi (1927), Der heilige Teufel. Rasputin und die Frauen (1927), die in schneller Folge Fülöp-Millers Auseinandersetzung mit revolutionären Umwälzungen festschreiben, wobei sei Engagement für Gandhis friedliche Auflehnung die Hinwendung zum Religiösen schon miteinschließt. Macht und Geheimnis der Jesuiten (1929) war sein erfolgreichstes Buch, das auch nach 1945 mehrmals aufgelegt wurde. Die Biographie von Papst Leo XIII. (1935) und die Heiligenleben (Die die Welt bewegten, 1952) gehen auf die Rolle beispielhafter Einzelpersönlichkeiten in der Geschichte ein. Letztes Werk dieser Art ist eine englisch geschriebene Franziskus-Monographie (1958).

Als absoluten Widergeist und als Gegenstück zur Welt des Glaubens definiert Fülöp-Miller schon früh einen sogenannten „Amerikanismus”. DiePhantasiemaschine (1931), die zusammen mit Joseph Gregor erarbeitete Geschichte des amerikanischen Theaters und Kinos, sind neben dem englischen Essay Dehumanization in Modern Society (1955) Belege für das Zerrbild einer Konsumwelt, die in Fülöp-Millers Deutung einen Epilog zur europäischen Kulturwelt darstellen soll. Zusammen mit Gregor hat Fülöp-Miller die Inszenierung russischer Dramen auf deutschen Bühnen gefördert. 1925 veröffentlichte er die Lebenserinnerungen der Gattin Dostojewskis, 1926-1929 zahlreiche Dokumente zum Werk des großen russischen Erzählers. Die Memoiren der Hofmarschallin Narischkin-Kurakin (1930) und Zeugnisse über die letzten Lebensjahre von Tolstoj (1925) zeigen Fülöp-Millers Bestreben, Kulturgeschichte glaubwürdig zu dokumentieren. 1936 erscheint eine erste Novelle von Fülöp-Miller in Buchform Katzenmusik. Im selbstgewählten amerikanischen Exil, wo er am Dartmouth College in Manöver und am Hunter College in New York Vorlesungen über europäische Kulturgeschichte hält, müht sich Fülöp-Miller um dichterische Bewältigung seiner Jugenderinnerungen (Endre,Erzählband 1952, Der große Bär, Erzählung, 1952). Auch ein Drama entsteht (Zwei Napoleons), dem aber ein Erfolg versagt bleibt. Eine Gesamtdarstellung seines Lebenswerkes fehlt. Wie viele Autoren der Weimarer Republik und der Exilgeneration ist er zu lange aus der Erinnerung verschwunden.

Teilnachlässe: Bayerische Staatsbibliothek München (für die Zeit vor 1938); Hanover/New Hampshire, USA (vgl. John Spalek: Guide to the Archival Materials of the German-speaking Emigration to the United States after 1933. Charlottesville: University of Virginia 1978, S. 315-320).

Weitere Werke: Das russische Theater (1931, zusammen mit Joseph Gregor); Führer, Schwärmer und Rebellen (1934); Dostoevsky (1950, englisch); Der unbekannte Tolstoj (1927); Die Urgestalt der Brüder Karamasoff (1929).

Lit.: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender (1928 bis 1934; 1963); – Wer ist wer. Lexikon österreichischer Zeitgenossen, 1937, S. 106-107; – W. Röder/H. A. Straus: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933; 1983, II/1, S. 349; – H. Fassel: Ein vergessener Banaler deutscher Autor: René Philipp Müller aus Karansebesch, in: Beiträge zur deutschen Kultur, I (1984), Nr. 3, S. 18-31.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_F%C3%BCl%C3%B6p_Miller

Horst Fassel

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.