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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gauss, Adalbert Karl

Lehrer, Verleger, Journalist, Volkskundler

* 1912, 06.10.
Palanka/Batschka

† 1982, 14.06.
Salzburg

Gauss stammt aus einer alten Lehrerfamilie, der Vater war Volksschullehrer in Palanka. Seine Mutter hieß Maria Korin­ger, aus ihrer Familie ging der Chorleiter und Komponist Franz Koringer hervor. Seine Matura legte Gauss 1931 am Erzbischöflichen Jesuitengymnasium in Travnik/Bosnien ab und studierte Germanistik, Slawistik und Volkskunde in Zagreb (Agram), Szeged und Münster i. W. Ab 1937 lehrte er Deutsch an der Privaten Deutschen Lehrerbildungsanstalt in Neu-Wer­bass, der Elite-Bildungsstätte der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien. An der Bürgerschule unterrichtete er Serbokroatisch. 1939 gründete er in Werbass zusammen mit Ladislaus Johannes Schmidt (später: Johannes Weidenheim) die kurzlebige Vierteljahresschrift Schwäbischer Volkserzieher, deren Schriftleitung er innehatte und einen polemischen Kurs gegen Einflüsse des Nationalsozialismus unter den Donauschwaben steuerte. Als Vorstand der dritten Klasse wurde der beliebte Pädagoge zusammen mit seinen Schülern eingezogen und bei Budapest eingesetzt. Es folgten Verwundung, Lazarett und Kriegsgefangenschaft. Ende 1945 kam er nach Österreich und stellte sich gleich initiativ den zahlreichen Aufgaben, die das Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem mit sich brachte, vom Schutz vor Hungertod und Vernichtung über Fragen der Staats­bürgerschaft, Sozialversicherung, Altersversorgung, Verbesserung des Status von donauschwäbischen Kriegswitwen, Familienzusammenführung bis zu Möglichkeiten für die Auswanderung.

Von Leopold Rohrbacher übernahm er 1948 die Schriftleitung des donauschwäbischen Wochenblatts Neuland. Während 26 Jahren als Redakteur und (ab 1954) Chefredakteur entstanden über tausend streitbare Leitartikel mit flüchtlingssoziologischer und zeitgeschichtlicher Thematik. 1951-59 war er Mitherausgeber der Südostdeutschen Heimatblätter (München), mehrere Jahre lang Redakteur und Herausgeber der Schriftenreihe Donauschwäbische Beiträge. Auch für die Publikation Flüchtlingsland Österreich (1957) sowie die Periodika Kalender der Heimatlosen, Volkskalender der Donauschwaben und Kulturspiegel versah er (zeitweise) die Redaktion. Einen wichtigen Beitrag hinsichtlich der Sammlung von Dokumentenmaterial, Beratung und Förderung leistete Gauss bei der Erstellung des fünften und letzten Bandes der von Theodor Schieder edierten Reihe Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa (1961).

Gauss war Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen im Lande Salzburg (1948), Gründer des Donauschwäbischen Zentralarchivs (1949), Mitbegründer und langjähriger Vizepräsident des Verbandes Katholischer Donauschwäbischer Akademiker (1949), des Vereins Salzburger Donauschwaben (1951), Verlagsleiter der donauschwäbischen Verlagsgesellschaft mbH, Gesellschafter des Hauses der Donauschwaben – Donauschwäbisches Kulturzentrum GmbH und wissenschaftlicher Leiter des Österreichischen Flüchtlingsarchivs, ab 1959 unterrichtete er an der Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe (Annahof), alles in Salzburg. Mit seiner aus Futog (Batschka) stammenden Frau zog er vier Söhne groß.

Wie kaum ein anderer hat Gauss in den Nachkriegsjahren dazu beigetragen, dass Not, Elend und rechtliche Benachteiligung der Heimatvertriebenen einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. In Salzburg saß er am wichtigsten Umschlagplatz auf der Ost-West-Wanderbahn seiner vertriebenen Landsleute. Seit 1945 bis zu seinem Lebensende stand er in der donauschwäbischen Betreuungs- und Pressearbeit, und immer versuchte er von einem gesamtdonauschwäbischen Standpunkt, gelöst von landsmannschaftlichen Egoismen und ideologischen Verzerrungen, aber auch gegen einen exklusiven banatdeutschen Se-paratismus, leidenschaftlich auf die Ungeheuerlichkeit hinzuweisen, die seinem Volk widerfahren war. Er suchte es, auch angesichts der erschreckenden Unkenntnis der Besatzungsmacht über die Ursachen der Vertreibung, von der entsetzlichen Anklage zu rehabilitieren, als Handlanger des Faschismus und Fünfte Kolonne Hitlers eine kollektive kriminelle Minderheit gewesen zu sein und den eigenen Untergang verschuldet zu haben. Erst nachdem Gauss mehrfach nachgewiesen hatte, dass nur verschwindend wenige Donauschwaben der Waffen-SS freiwillig angehörten, sondern sich in aller Regel einer ver-schleierten Zwangsrekrutierung beugen mussten, öffnete sich für viele Flüchtlinge das Tor zur Auswanderung nach Übersee.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs verwaisten in Titos Machtbereich im Zuge der Internierung und Verschleppung der Deutschen Tausende von donauschwäbischen Kindern oder wurden gewaltsam von ihren Eltern getrennt. Soweit sie die Hungerlager überlebten, wurden sie als Staatseigentum in Kinderheime eingewiesen und entsprechend der herrschenden Doktrin einer radikalen, ihre Identität tilgenden Umerziehung unterworfen. Mit seinem Memorandum Kinder im Schatten konnte Gauss eine internationale Öffentlichkeit (die 1950 anlässlich einer Konferenz des Weltkirchenrates in Salzburg zusammengetreten war) über dieses erschütterndste Kapitel des Leidensweges der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien in Kenntnis setzen, die Unterstützung von prominenten Institutionen und Persönlichkeiten gewinnen und moralischen Druck auf die jugoslawische Regierung initiieren, so dass tatsächlich viele dieser Kinder freikamen und den Weg zu ihren Eltern fanden.

Das von Gauss 1954 herausgegebene Quellenbändchen Dokumente zur Geschichte der Donauschwaben 1944-1954 sollte die Gegenwartssituation der heimatvertriebenen Donauschwaben als Gesamtproblem umreißen und zugänglich machen.

Programmatisch fasste er 1955 die Probleme und Aufgaben der Donauschwäbischen Pressearbeit nach der Vertreibung in einem Vortrag auf Einladung des Südostdeutschen Kulturwerks in München zusammen, der im gleichen Jahr auch als Sonderdruck erschien. Zielsetzung war es, die räumliche und landsmannschaftliche Zerrissenheit der Donauschwaben durch ein überstaatliches Presseorgan mit an modernen Gemeinschaftsaufgaben orientierter Geistigkeit und gesamtdonauschwäbischer Gesinnung überwinden zu helfen. Zwar konnte dieses Ziel nicht erreicht werden, aber dass Salzburg in den ersten drei Nachkriegsdekaden als das geistige, kulturelle und publizistische Zentrum der Donauschwaben weltweit gelten konnte, ist vor allem ein Verdienst von Gauss mit seiner Wochenzeitung „Neuland“, die in 26 Staaten auf vier Kontinenten gelesen wurde.

Als Vorkämpfer der Wojwodina-Bewegung war Gauss Mitunterzeichner der Salzburger Erklärung von 1958 und ihr jahrelanger publizistischer Förderer. Das Manifest zielte auf die Gleichberechtigung aller in der Wojwodina lebenden ethnischen Gruppen ohne deklassierte Minderheiten oder ein bevorzugtes Staatsvolk. Das unterschiedliche kulturelle Gepräge der regionalen Völker sollte der Symbiose einer politischen Woj­wo­dinaer Nation mit mehr sozialer Gerechtigkeit, Föderalismus und Demokratie sowie dem Aufbau guter Beziehungen zu allen Nachbarvölkern entgegenstreben. Die Wojwodina-Bewe­gung ist ihrer Zeit utopisch vorausgeeilt, vielleicht wird sie im Zuge der europäischen Integration als brauchbares Modell zur Lösung der Nationalitätenfrage erst noch entdeckt.

Nach dem Reisebericht Bei den Donauschwaben in den USA von Franz Hamm aus dem Jahre 1952 legte Gauss mit dem Band Zwischen Salzburg und Los Angeles. Streiflichter einer Amerikafahrt (1957) das zweite Reisebuch eines prominenten Donauschwaben über seine Beobachtungen in den Staaten vor. Der Leser erfährt nicht nur viel über amerikanische Mentalität und Lebensverhältnisse der mittfünfziger Jahre, sondern erhält auch Einblick in die gewachsenen Sozialstrukturen donauschwäbischer Ballungszentren, insbesondere in New York mit der Leitfigur Peter Max Wagner, in Chicago mit Nick Pesch und in Los Angeles mit Father Lani. Gauss entfaltet dabei ein regelrechtes „Who is who“ der erfolgreichen Unternehmer, Selfmademen und akademischen Zelebritäten donauschwäbischer Herkunft. Angesichts des eigenen Minderheitenschicksals hielt er die Donauschwaben für prädestiniert, stets für die Rechte der gesellschaftlich Benachteiligten einzutreten, so in Amerika die der Schwarzen. Dem US-Donauschwabentum mit einer halben Million Menschen gebührte nach Gauss’ Überzeugung die Führungsrolle in einem damals von ihm angeregten übernationalen Weltrat, weil realpolitische Impulse bezüglich der wesentlichen Gemeinschaftsanliegen nur von drüben aus einer das Vertreibungsschicksal überwindenden Zukunftsfähigkeit zu erwarten seien, während die Landsmannschaften in Europa vor Selbstmitleid in der Verwaltung des Elends, ver­eins­meierischem Leerlauf und mittelmäßigem Provinzialismus verharrten.

In späteren Jahren wurde Gauss zum unnachsichtigen Kritiker all jener Landsmannschaftsorganisationen, die durch ihr Verhalten den Ruf der Unbelehrbarkeit der Heimatvertriebenen zu verantworten hatten. Gauss war es auch, der sich als einer der ersten mit dem „konstruktiven Unruhestifter“ Johannes Weidenheim, seinem ehemaligen Schüler, auseinandersetzte und dem bedeutenden donauschwäbischen Schriftsteller im „Neuland“ ein Forum bot.

Mit Weidenheim zusammen entstand der repräsentative Bildband Die Donauschwaben (1961). Vorwort und Begleittext zu der umfangreichen Bilddokumentation vermitteln pointiert, gerafft und anekdotenhaft viel von donauschwäbischer Geschichte und Lebensart. Dabei wird die für Südosteuropa unstreitig segensreiche deutsche Kulturmission, vorbildlich vor allem im Bereich der Agrikultur und des rationellen Wirtschaftens, immer zusammen mit den einhergehenden Schattenseiten betrachtet, die sich in der Gefahr zur Abkapselung, zur Verkümmerung des sozialen Instinkts, zur Verkennung der politischen Möglichkeiten und Verpflichtungen des Deutschen im Südosten abzeichnen. Der Donauschwabe wird als der „Typ des konstruktiven Un-Helden“ charakterisiert, dessen Größe in seiner kontinuierlichen Friedfertigkeit bestand, die jedoch, in eine heroische Konstellation hineingestellt, zur Ausbildung der ihm wesensmäßig fremden Gestalt des Volkstumskämpfers verurteilt war. Das interethnische Geben und Nehmen habe in zwei Jahrhunderten gemeinsame Züge einer typisch panno­ni­schen Identität geformt, die in einer übernationalen Ordnungsidee der Vielvölkerbalance aufgehoben war, bis nationalistische Bestrebungen, vor allem aber der Nationalsozialismus ihre Zerstörung herbeiführten. 330 aussagekräftige Schwarzweißfotos veranschaulichen alle Bereiche einstigen donauschwäbischen Lebens bis hin zur Katastrophe des Heimatverlustes und dem Aufbau einer neuen in 30 verschiedenen Ländern. Bei Erscheinen des Bandes war die ehemalige Heimat schon 17 Jahre lang nur noch in einer langsam verblassenden Erinnerung lebendig, Grund genug für die begeisterte Aufnahme des Buches, das seinen Wert als prägnant geschriebene, musterhaft bebilderte Einführung in die Geschichte der Donauschwaben nicht verloren hat.

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Gauss verstärkt zeitgeschichtlichen Fragen, insbesondere der Suche nach der Verantwortung für die Vertreibung seiner Landsleute aus Jugoslawien. Er hinterließ zahlreiche (teils noch unveröffentlichte) Bausteine für eine entromantisierte, kritische und von alten Klischeebildern befreite Geschichte der Donauschwaben. Lands­mann­schaftlich bis zur Vereinsamung isoliert, stand der unbequeme Mahner doch mitten im geistigen Leben seines zerstreuten Völkchens, auf das er zeitlebens bezogen blieb, so sehr, dass er manches lukrative Angebot von Forschungsinstituten ausschlug, obwohl seine Zeitung nie auf gesicherter wirtschaftlicher Grundlage stand. Seine Bemühungen um die Rehabilitierung der Donauschwaben freilich stießen ausgerechnet bei ihnen selbst auf taube Ohren. In diesem Punkt musste er sein Leben als gescheitert bilanzieren, ganz im Gegensatz zu dem unschätzbaren Erfolg des Wegs ebnenden Nothelfers der Flüchtlinge. Als markanter geistiger Führer im Eingliederungsprozess der Donauschwaben in der Nachkriegszeit stand er immer im Zentrum der Auseinandersetzung und fand vielleicht deshalb – von den einen als zu radikal, von den anderen als zu nachgiebig geschmäht – von keiner Seite die ihm gebührende Anerkennung. „Man hat die Selbstkritik“, sagt der jüngste Sohn, der Schriftsteller Karl-Markus Gauß, „die er immer als Zeichen von Liebe zur eigenen Gemeinschaft geübt hat, als Feindseligkeit, Verrat, Schrulle genommen.“ Nur die Republik Österreich ehrte Gauss 1960 für seine aufopfernde Lebensleistung mit ihrem Goldenen Verdienstzeichen.

Werke: Kinder im Schatten, Schriftenreihe „Aktuelle Gegenwart“ Band 1, Salzburg 1950, 40 S. – Hrsg., Dokumente zur Geschichte der Donauschwaben 1944-1954, ausgew. u. eingel. v. A. K. Gauß, Donauschwäbische Verlagsgesellschaft, Salzburg 1954, 46 S. – Probleme und Aufgaben der donauschwäbischen Pressearbeit nach der Vertreibung, Donauschwäbische Verlagsgesellschaft, Salzburg 1955, 15 S. – Zwischen Salzburg und Los Angeles. Streiflichter von einer Amerikafahrt, Pannonia-Verlag, Freilassing 1957, 128 S. – Hrsg., Erinnerungen an Palanka, Pannonia-Verlag, Freilassing 1958, 220 S. – Die Donauschwaben. Bild eines Kolonistenvolkes (mit J. Weidenheim), Vorwort von Theodor Schieder, Pannonia-Verlag, Freilassing 1961, mit 333 Abb., [o. S.] . – Das zweite Dach. Eine Zwischenbilanz über Barackennot und Siedlerwillen 1945-1965 (mit B. Oberläuter), Salzburg 1979, 96 S. – Wege und Irrwege in Rot-Weiß-Rot. Zeitgeschichtliches und Interviews mit Bruno Kreisky u.a., Österreichisches Flüchtlingsarchiv, Salzburg 1979, 180 S. – Eine Volksgruppe im Umbruch, Haus der Donauschwaben, Salzburg [o. J.] . – Mitherausgeber, Tscher-wenka. Werden und Vergehen einer batschkadeutschen Gemeinde [o. O., o. J.]

Lit.: Johannes Weidenheim, Zum Tode (und zum Leben) von Adalbert Karl Gauß, in: SV 1982/4, S. 300-305. – Adalbert Karl Gauß. Ein donauschwäbischer Publizist. Aus dem Nachlaß. Ausgewählte Leitartikel. Über sein Leben, Salzburg 1983, 136 S. – Adalbert Karl Gauß, in: Die Erinnerung bleibt. Donauschwäbische Literatur seit 1945. Eine Anthologie, Band 2, E-G, hrsg. v. Stefan Teppert, Hartmann Verlag, Sersheim 2000, S. 559-582

Stefan P. Teppert

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