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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gorvin, Joana Maria

Schauspielerin

* 1922, 30.09.
Hermannstadt/Siebenbürgen

† 1993, 02.09.
Klosterneuburg/Wien

Als Gerda Maria Glückselig kam die spätere Schauspielerin in einem musisch geprägten Elternhause zur Welt. Ihr Vater, Karl Max Glückselig, war Dirigent, Musikpädagoge und Chorleiter, die Mutter hatte in Berlin Gesang studiert und gab Gesangsunterricht. Auch der zehn Jahre ältere Bruder Karl war Musiker und starb 1991 als Generalmusikdirektor in Hannover.

Nach dem Abitur am Evangelischen Mädchengymnasium in Hermannstadt ging Gerda Maria Glückselig 1938 nach Berlin und lernte bei Gustaf Gründgens an der Schauspielschule der Preußischen Staatstheater. Noch während der Ausbildung nahm sie auf Anraten von Gründgens den Künstlernamen Gorwin, dann Gorvin, an, um eventuellen antisemitischen Diskriminierungen, zu denen ihr Name Anlaß geben konnte, aus dem Weg zu gehen. Den Vornamen Joana legte sie sich um 1940 zu und trat seither unter dem Künstlernamen Joana Maria Gorvin auf. Sie debütierte 1939, erhielt 1940 ihr erstes Engagement am Schauspielhaus in Potsdam und wirkte sodann als Mitglied des Staatstheaters am Gendarmenmarkt.

In diese Zeit fällt ihre Begegnung mit Jürgen Fehling, dessen Proben sie unermüdlich besuchte. Es wurde daraus eine der erfolgreichsten Künstler- und Lebensgemeinschaften der deutschen Theatergeschichte, die bis zum Tode des berühmten und schwierigen Regisseurs 1968 währte. Sie wurde begleitet von einem Rollenpanorama, das die Fähigkeiten und die Eigenart von Joana Maria Gorvin auf das anschaulichste vor Augen und Ohren führte. Im Jürgen-Fehling-Theater in Berlin-Zehlendorf feierte sie als Gretchen im Urfaust einen großen Triumph, doch bereits nach einer Spielzeit mußte das Theater 1946 schließen. Die Gorvin wechselte ans Hebbel-Theater, wo ihr der erste große Erfolg in der Rolle der Sabrina in Thornton Wilders Wir sind noch einmal davongekommen beschieden war, war dann für drei Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel in München und ging schließlich wieder nach Berlin, wo sie am Schloßpark- und am Schiller-Theater wirkte.

In den ersten Nachkriegsjahren lernte das Theaterpublikum manche später berühmte Bühnengestalt neuer Stücke aus Amerika, Frankreich oder Spanien zuerst durch die Gorvin kennen. Sie war die Elektra in Jean Paul Sartres Fliegen, die Johanna in Paul Claudels und Arthur Honeggers Johanna auf dem Scheiterhaufen, die Helena in Der trojanische Krieg findet nicht statt von Jean Giraudoux und trat später noch in Stücken von Albee, Faulkner oder O’Neil auf. Was von allem Anfang an auffiel, war ihre gepflegte Sprache, die Sprechmelodie, ja die Wandlungsfähigkeit der Stimme und die Geschmeidigkeit ihres Körpers. Von Jürgen Fehling stammt der Ausspruch: ”Die Gorvin hat ein geheimnisvolles Etwas in ihrer hohen Kehle. Sie ist eine erotische Nachtigall. Die Gorvin ist eine der seltsamsten Sprecherinnen. Sie verwaltet seltsame Geigentöne. Sie verwaltet gleichzeitig einen geschmeidigen Körper. Ihre Gesten entwachsen dem Herzen.” Ihr hoher Stimmton wurde mit dem einer Stradivari verglichen, der in dramatischen Augenblicken auch als sehr scharf und präzise konturiert erschien.

Hatte Joana Maria Gorvin schon hin und wieder in Wien kurze Gastspiele gegeben, so war es Ernst Haeussermann, der sie 1955 zu den Wiener Festwochen holte. Auf ihn gehen auch die späteren Verpflichtungen am Burgtheater oder am Theater in der Josefstadt zurück. Auf diese Aufenthalte Frau Gorvins in Wien ist ihre Entscheidung zurückzuführen, um die österreichische Staatsbürgerschaft anzusuchen, die sie 1955 erhielt. So wurde sie schließlich am Rande Wiens, in Klosterneuburg ansässig. Seit 1971 war sie mit Dr. Maximilian Bauer verheiratet.

Ein Zusammentreffen Joana Maria Gorvins mit Gustaf Gründgens 1960 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg führte zu einer Erneuerung der Zusammenarbeit zwischen beiden. Was sie auch spielte – es bewies gereifte Meisterschaft. Nach dem Tode von Gründgens zog sie sich immer mehr von längerfristigen Engagements zurück und maß Verträge und Rollen an ihren eigenen künstlerischen Maßstäben. Diese Maßstäbe hatte sie in den 25 gemeinsamen Jahren mit Jürgen Fehling gewonnen und mit Intelligenz, Stilsicherheit und Askese zu befolgen gelernt. Nach Fehlings Tod verwaltete sie dessen Archiv, woraus 1985 eine umfangreiche Text- und FotodokumentationDas Theater des deutschen Regisseurs Jürgen Fehling erwuchs. Seit 1978 hatte sie während mehrerer Jahre bei den Salzburger Festspielen ihren Auftritt als Glaube in Hugo von HofmannsthalsJedermann. Ihre letzte große Rolle spielte sie ab Herbst 1992 in Berlin in Botho Strauß’ Stück Schlußchor in der Inszenierung von Luc Bondy. Am 20. März 1993 stand sie zum letzten Male auf der Bühne. Nach einer Gehirnblutung starb sie kurz vor ihrem 71. Geburtstag. Ihrem Wunsch gemäß wurde sie in Berlin beigesetzt, dem Ort, wo ihre vielbewunderte Karriere begonnen hatte.

An Ehrungen hat es Joana Maria Gorvin nicht gemangelt, schrieb doch bereits 1947DerSpiegel: ”Wenn nicht alles täuscht, sagen Kenner, wird Joana Maria Gorvin ‘die’ moderne Schauspielerin von morgen.” Die Kenner sollten recht behalten. 1957 erhielt sie den Berliner Kunstpreis für darstellende Kunst, im Jahre 1974 wurde sie gleich dreimal Ehrenmitglied, und zwar der Freien Akademie der Künste Hamburg, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste Frankfurt/Main und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste Hamburg. Von ihren Landsleuten wurde sie 1992 mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen geehrt. Zu ihrem Tode schrieb ein Kritiker, jetzt sei es Zeit, Joana Maria Gorvin ein Denkmal zu setzen. Denn sie sei eine der großen Schauspielerinnen dieses Jahrhunderts gewesen.

Lit.: Edda Fuhrich/Dagmar Wünsche: Joana Maria Gorvin. Eine Dokumentation. München 1995. – C. Bernd Sucher: Die erotische Nachtigall. Zum Tod von Joana Maria Gorvin. In: Süddeutsche Ztg., 7.9.1993. – Gerhard Rohde: Feine Risse im Klang. In: Frankfurter Allg. Ztg., 7.9.1993. – Elisabeth Effenberger: Zu Hause bei Rosen und Weingärten. In: Salzburger Nachrichten, 18.11.1977.

Bild: Rosemarie Clausen, Hamburg

  Udo W. Acker

 

 

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