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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gräfe, Heinrich Eduard

Buchhändler

* 1799, 10.01.
Hamburg

† 1867, 23.08.
Königsberg i.Pr.

Wer sich gerade seine nach Rezept zubereiteten marinierten Pilze in Parmaschinken oder einen Lammrücken auf TomatenBohnen-Ragout schmecken läßt, wird weit davon entfernt sein, einen Zusammenhang zwischen diesen kulinarischen Köstlichkeiten und Heinrich Eduard Gräfe herzustellen. Was auch vice versa gilt: Daß der Name des Mannes, der in seiner Buchhandlung z. B. noch die im Hause Unzer verlegten Werke Immanuel Kants verkaufte, einmal beinahe ausschließlich mit Kochbüchern und Gesundheitsratgebern in Verbindung gebracht werden könnte, wie das heute tatsächlich der Fall ist, hätte seinem Träger vermutlich einiges Kopfschütteln abgenötigt.

Der Buchhändler Heinrich Eduard Gräfe trat 1827 in das Geschäft seines zukünftigen Schwiegervaters August Wilhelm Unzer ein. Gemeinsam mit dessen Sohn Johann Otto führte er ab 1. Januar 1832 das Königsberger Unternehmen, das sich von nun an Gräfe & Unzer nannte, unter welchem Namen es in die deutsche Buchgeschichte nicht nur als die dereinst (1932) größte europäische Sortimentsbuchhandlung, sondern auch als einesder renommiertesten deutschen Verlagshäuser eingehen sollte.

Die Vorgeschichte der Buchhandlung wie des Verlagshauses Gräfe & Unzer ist äußerst verwickelt und kann, da nicht unmittelbar zur thematisierten Person gehörig, hier weitgehend vernachlässigt werden. Wir beginnen mit dem Jahre 1797, als Johann Philipp Göbbels und August Wilhelm Unzer in Königsberg die durch starken Konkurrenzdruck in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene Hartungsche Buchhandlung übernehmen. Göbbels scheidet 1808 aus dem Unternehmen aus, wodurch August Wilhelm Unzer bis zur Überschreibung an seinen Sohn und seinen Schwiegersohn zum Alleininhaber der Firma wird.

Heinrich Eduard Gräfe tritt 1813 in Braunschweig in die Campe’sche Schulbuchhandlung als Lehrling ein. In den folgenden sechs Braunschweiger Jahren entstehen lebenslange Freundschaften mit seinen Kollegen Eduard Vieweg und Heinrich Brockhaus. 1819 wechselt Gräfe zu Unzer nach Königsberg und bleibt hier zunächst bis zum Jahre 1823. Von Königsberg führt ihn sein Weg weiter nach Leipzig, wo er mit Unterstützung aller Buchhändler, bei denen er bislang tätig gewesen war, im Jahre 1825 eine Kommissionsbuchhandlung gründet. Zuvor hatte er freilich in Königsberg Minna Unzer kennen- und liebengelernt, mit der er sich 1826 in Leipzig verlobt, um mit ihr noch im selben Jahr den Bund fürs Leben einzugehen. Auf ausdrücklichen Wunsch August Wilhelm Unzers, der sich früher ein Bild von der Tüchtigkeit Gräfes hatte machen können, übersiedelt dieser im Jahre 1827 wieder nach Königsberg, um erneut in die “Sortiments-Buch- und Musikalien-Handlung” seines Schwiegervaters, der das Verlagsgeschäft zunächst noch allein weiter betreibt, einzutreten. In Leipzig hinterläßt Gräfe seinen Freunden Friedrich und Heinrich Brockhaus ein blühendes Unternehmen, was man zu jener Zeit vom Hause Unzer in Königsberg nicht unbedingt sagen kann. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Gräfe ohne die freundschaftlichen Verbindungen zum Hause Brockhaus kaum über die folgenden schweren Jahre hinweggekommen wäre: Die Freunde helfen– oftmals Jahr für Jahr– nicht nur mit Krediten und mancherlei Ratschlägen, sondern auch mit der Übernahme von Druckaufträgen, die anzunehmen die Druckerei Hartung in Königsberg sich nicht selten außerstande sieht.

Die gemeinsame Geschäftsübernahme Gräfes und des Unzer-Sohnes Johann Otto ist kein Glücksgriff. Letzterer ist in geschäftlichen Belangen wenig begabt, so daß Gräfe ihn schon bald als Hemmschuh empfindet. Die Situation bessert sich erst, als nach dem Tode August Wilhelm Unzers am 1. Januar 1847 Unzer jr. aus dem Sortiment ausscheidet und allein das väterliche Erbe, den Verlag, übernimmt, während die Führung der Buchhandlung Gräfe & Unzer in den Händen Heinrich Eduard Gräfes verbleibt. Allerdings kommt “es auch unter seiner Leitung nicht zu nennenswerten Neuerungen in der Firmenpolitik.” (“Gräfe und Unzer schreibt…” 1997, S. 70) Eine schwierige Zeit zieht noch einmal mit dem Revolutionsjahr 1848 herauf: “Die politischen Ereignisse, die von Gräfe mit lebhafter Teilnahme und konservativer Besorgnis verfolgt wurden, erschütterten den Kredit und ließen die Zahlungen stocken.” (Forstreuter 1932, S. 99) Es spricht wiederum für Gräfes Tüchtigkeit, daß er sich noch im selben Jahr all seiner Verbindlichkeiten zu entledigen vermag.

1861 wird Gräfe in die bis 1866 amtierende Prüfungskommission für Buchhändler gewählt. Dies sind aber auch die Jahre, in denen er schwer von der Gicht heimgesucht wird, die ihm manche kostspielige Badereise aufzwingt. Er stirbt 68jährig. Sein Nachfolger in der Buchhandlung wird der Sohn Heinrich Wilhelm, der 1846 als Lehrling in das väterliche Geschäft eingetreten war. Unter ihm bezieht die Buchhandlung 1873 ein neues Ladengeschäft gegenüber der Universität, am Königsberger Paradeplatz, und bereitet damit noch, bevor die Familie Gräfe 1878 durch Verkauf aus der Firma ausscheidet, die künftige Größe des Hauses Gräfe und Unzer vor.

Lit.: Kurt Forstreuter: Gräfe und Unzer. Zwei Jahrhunderte Königsberger Buchhandel. Königsberg Pr. 1932.– Kurt Forstreuter: Heinrich Eduard Gräfe, in: Altpreußische Biographie, hrsg. v. ChristianKrollmann, Bd. 1, Marburg/L. 1974, S. 227. – Gräfe und Unzer schreibt Geschichte, Red.: Susanne Fink, München 1997.– 250 Jahre Gräfe und Unzer 1722-1972, hrsg. v. Joachim Schondorff u. Kurt Prelinger, München 1972.

 

  Friedemann Kluge

 

 

 

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