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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Graffius, Ina

Volkskundlerin, Musikschriftstellerin

* 1901, 19.11.
Elbing/Westpr.

† 1992

Ihr Vater war Rektor der Volksschule der Pangritz-Kolonie in Elbing. Von ihrer Mutter Meta, geb. Wagner, und deren Mutter hat sie die musische Begabung geerbt. Schon als Schülerin des Elbinger Lyzeums zeigte sie ihre Begabung für Singen, Deklamieren und Theaterspiel. Nach dem Schulbesuch verließ sie ihre Vaterstadt und studierte in Leipzig, Wien und in Königsberg; dort Rollenstudium bei Generalmusikdirektor Wilhelm Franz Reuß, um sich als Opernsängerin auszubilden. In Leipzig lernte sie ihren späteren Mann, den aus Siebenbürgen stammenden Dr. med. Dr. med. dent. Alfred Karl G. (1899-1972) kennen, den sie 1924 heiratete. Aus der Ehe gingen 2 Töchter und l Sohn hervor. Trotz Ehe setzte sie ihr Studium fort. Als sie ihr Studium abschloß, ging der Krieg seinem Ende entgegen. Sie mußte mit ihren Kindern Königsberg verlassen und kam in die Nähe von Stuttgart. Dort ernährte sie sich und die Kinder als Sängerin in Konzerten und im Rundfunk. Die sprachbegabte Liebhaberin von Volksliedern lernte Finnisch und Isländisch, um die Lieder von Jean Sibelius und Hallgrimur Helgason in den Originalsprachen und danach in Deutsch interpretieren zu können. Nun begannen Konzert- und Vortragsreisen und Sendungen im Rundfunk. Sie folgte einer Einladung des finnischenKomponisten Jean Sibelius nach Finnland, der sie anregte, Lieder der Völker an Ort und Stelle zu erforschen. So hat sie 86 Länder bereist. Die Kosten bestritt sie mit den Einnahmen ihrer Vorträge. Darüber hinaus war sie auch schriftstellerisch tätig. Sie beschäftigte sich mit volkskundlichen Themen und gab das volkstümliche Buch über Musik „Geschichten um die Oma C“ (1979) heraus. Volkslied und Brauchtum interessierten sie besonders. Sie sammelte Lieder und Volksgut, Puppen und Trachten vieler Länder.

Auf ihren Reisen hat sie viel Verständnis für die Lage der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnen können. Zudem hat sie nicht nur Brücken zu anderen Völkern geschlagen, sondern auch den im Ausland lebenden Deutschen die Gewißheit vermittelt, daß sie im Mutterland nicht vergessen sind. In Kanada und den USA hielt sie vielerorts Vorträge, beispielsweise über Das deutschsprachige Volkslied im europäischen Raum und zeigte Lichtbilder über deutsche Trachten des In- und Auslandes (z.B. in der Schweiz, im Banat, in Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien und bei den Wolgadeutschen in Kirgisien), die sie mühevoll gesammelt hatte. Vom kanadischen Fernsehen Kitchener Kanal 12 eingeladen, berichtete sie 1977 von ihrer Arbeit, in 76 Ländern das Singen der Völker beobachtet und studiert zu haben. Ihr Mann, der 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, erhielt eine Berufung an die Universität Hamburg, wohin die Familie umzog.

Ihre Kenntnisse und Erfahrungen fanden in vielen meist wissenschaftlichen Beiträgen ihren Niederschlag, so z.B. Die Musik und ihre Instrumente im sowjetischen Zentralasien in „Societas Uralo-Altaica“ der Universität Hamburg (1968) und Begegnungen mit kubanischen Volks- und Konzertmusik in Rudi Marslowski „Berichte zur Entwicklung Spaniens, Portugals und Lateinamerikas“, München (1975). Außerdem ist sie mit 5 Märchen in Alfred Cammans „Märchen des Preußenlandes“ (1973) und im Westpreußen-Jahrbuch Bd. 23/1973 vertreten und hat für etliche Zeitschriften geschrieben.

Die verdienstvolle Tätigkeit der Ina G. wurde durch die Verleihung der Comenius-Medaille in der CSSR (1965), der Silbernen Nadel des Landesverbandes der Tonkünstler (1967) und des Westpreußen-Kulturpreises (1971) gewürdigt. Das Lied, eine Brücke der Völker, wurde zum Thema ihres Lebensweges. Derzeitig befaßt sie sich mit einer Arbeit über das keltische Lied für die Universität Hamburg. Die Arbeit dieser weltoffenen und weitgereisten Frau aus Westpreußen dient der Verständigung der Menschen und Völker, einer Grundvoraussetzung des allseits gewünschten Friedens.

Lit.: Susanne Deuter: Ina Graffius 80 Jahre: Ein Herz für Reisen und Musik, in: Das Ostpreußenblatt Almanach 1981, S. 266ff; Hugo Rasmus: Lebensbilder westpreußischer Frauen in Vergangenheit und Gegenwart, Münster 1984.

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