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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gregorovius, Ferdinand

Schriftsteller, Historiker

* 1821, 19.01.
Neidenburg/Ostpr.

† 1891, 01.05.
München

Der ein Jahr nach dem Tod von Ferdinand Gregorovius geborene Jurist Und Kunsthistoriker Carl von Lorck hat im Nachwort seiner kaum fünfzig Seiten umfassenden Ausgabe der Idyllen vom Baltischen Ufer (Marburg/Lahn 1947) Treffendes und Treffliches über deren Autor gesagt: „Die Idyllen vom Baltischen Ufer sind eine überraschende Entdeckung. Sie stehen, wo niemand sie vermutet, in den Wanderjahren in Italien von Ferdinand Gregorovius, jedoch nur in der selten gewordenen ersten Ausgabe, Leipzig 1856. Wiemag der Welthistoriker Roms über seine Heimat Ostpreußen sprechen? So habe ich mich oft gefragt, als ich früh schon die fünf Bände seiner klassischen Wanderjahre – in einer Ausgabe wenig später ohne die Idyllen – liebgewonnen hatte, und als ich in den acht Bänden der Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter den Sohn der Deutschordensstadt Neiden-burg als einen der großen Meister europäischer Geschichtsdarstellung und zugleich der deutschen Sprache kennenlernte. Die wiedergefundenen Heimatidyllen des Ehrenbürgers von Rom überraschen durch ihre Frische. Dichterische Schönheiten, interessante Szenerien und ein graziöser Übermut sind vereint. ‚Es gibt keine Stadt, die so übermütig macht als Königsberg, und keine, die so demütigt, als Rom‘, hat Grregorovius selbst einmal gesagt, in seinen gehaltreichen Römischen Tagebüchern. – Das italienische Gegenstück sind die Idyllen vom lateinischen Ufer bei Anzio und Torre Astura. Auch dort hören wir noch das Lob der ostpreußischen Küste. ‚Die römischen Ufer, sind anmutig wie der baltische Strand meiner Heimat‘.“

Gregorovius, der bedauerte, daß nur wenige Maler die Samlandküste zeichneten, wurde geprägt vom Geschichtserlebnis seiner Geburtsstadt, deren Geschichte darzustellen er seinem Bruder Julius überließ (1883) –, von der Landschaft und den Studienstätten in Königsberg, wo er sich nach dem abgeschlossenen Theologiestudium aus Neigung der Philosophie zuwandte und bei Karl Rosenkranz mit einer Arbeit über Ästhetik von Plotin promoviert wurde (1843). Die unruhigen Jahre um 1848 erlebte er unter der doppelten Belastung des privaten Schuldienstes und des Schriftleiters bei der Neuen Königsberger Zeitung. Politik der Gegenwart und Politik in der Geschichte waren die Pole, die sein Denken und Arbeiten künftig bestimmten, was sich zunächst in mehr in schöngeistigen Werken niederschlug. So veröffentlichte er unter Pseudonym die Zeitsatire Konrad Siebenhorn’s Höllenbriefe an seine lieben Freunde in Deutschland (Königsberg 1843), Lyrik und Prosawerke im Gefolge der Romantik wie Polen- und Magyarenlieder (Königsberg 1849), die Tragödie Der Tod des Tiberius (Hamburg 1851), Essays, Gedichte und Briefe. Der Schriftsteller Gregorovius wird wegen dieser Arbeiten kaum noch in einer Literaturgeschichte erwähnt, dazu stehen diese allzu sehr im Schatten der Werke des Geschichtsschreibers.

Mit dem Werk Die Idee des Polentums. Zwei Bücher polnischer Leidensgeschichte (Königsberg 1848) setzte er sich als Anhänger eines demokratischen Liberalismus für dieses vor allem nach dem Aufstand 1831 unterdrückte Volk ein. Er glaubte einerseits an die Gefahr von dessen Russifizierung und damit an eine zu enge Bindung Polens an Rußland, während er andererseits fürchtete, daß die Recht- und Besitzlosigkeit der polnischen Unterschichten diese dem Sozialismus in die Arme treibe. Mit der noch 1851 in Königsberg veröffentlichten Geschichte des römischen Kaisers Hadrian hatte sich Gregorovius als Historiker endgültig der Antike zugewandt. Im Jahr darauf ging er nach Italien.

Als Frucht seiner dreimonatelangen Wanderungen auf der Insel Corsica erschien 1854 sein zweibändiges Corsica-Werk, die erste Arbeit, die er „der großen Natur und dem Leben selbst“ abgewonnen hatte. Damit begründete er eine literarische Gattung, die historische Landschaftsschilderung, die er mit den fünfbändigen Wanderjahren in ltalien (Leipzig 1856-1877) zur Meisterschaft gebracht hat. Das Erlebnis der Stadt Rom ließ in ihm recht bald den Plan entstehen, sein bekanntestes Werk, die achtbändige Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Vom V. bis zum XVI. Jahrhundert(Stuttgart 1859-1872) zu schreiben. Es ging ihm nicht nur um die Stadt im engeren Sinne, sondern über diese hinaus um die Geschichte der Päpste und Kaiser, so daß letztlich ein großes Werk abendländlischer Geschichte entstanden ist. Soweit das zu seiner Zeit überhaupt möglich war, hat er umfangreiche Quellenermittlungen in italienischen Archiven und Bibliotheken angestellt; die Mühen sind dem literarisch glänzenden Werk kaum anzumerken. Für sein zweibändiges Werk über Lucrezia Borgia(Stuttgart 1874) hat er nach bis dahin unbekannten Quellen gesucht, um bessere Antworten auf die Frage nach den Triebkräften dieser schillernden Gestalt geben zu können. Er unternahm in seinem letzten Jahrzehnt Reisen nach Griechenland und in den Orient, als letztes großes Werk veröffentlichte er seine zweibändige Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter. Von der Zeit Justinians bis zur türkischen Eroberung (Stuttgart 1889).

Gregorovius, der seit 1874 in München lebte, sich dennoch in jedem Jahr längere Zeit über in Rom aufzuhalten pflegte, fand im In -und Ausland große Anerkennung, genannt sei seine Berufung in die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Die Stadt Rom hatte schon 1872 beschlossen, auf ihre Kosten eine italienische Ausgabe der Geschichte der Stadt Rom drucken zu lassen, und ernannte ihn zum Ehrenbürger. In seinen Werken verband er eine umfassende Quellenkenntnis mit einer künstlerischen Darstellungsweise. Er war von einem Humanitätsideal angetrieben, das ihn mit seinem Landsmann im engeren Sinne, Johann Gottfried Herder, verband. Mit Schiller und Hegel glaubte er an einen Fortschritt der Geschichte zu einer Vervollkommnung der Menschheit. Dem Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts stand er ablehnend gegenüber, weder politisch noch wissenschaftlich stünde einer Nation die Hegemonie über die anderen zu. In Rom sah er die Hauptstadt der künftigen vereinigten Staaten von Europa. Hier verbanden sich in seiner historisch-politischen Vorstellungswelt Erfahrungen seiner ostdeutschen Heimat mit denen aus seiner Wahlheimat Rom.

Lit.: Johannes Honig: Ferdinand Gregorovius als Dichter. Stuttgart 1914. – Ders.: Ferdinand Gregorovius als Geschichtsschreiber der Stadt Rom. Stuttgart 1921. – Waldemar Kampf: Entstehung, Aufnahme und Wirkung der „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“, in: F.G.: Geschichte der Stadt Rom […] Neuausgabe Bd. 3, Tübingen 1957, S. 741-788. – Ders. in: Neue Deutsche Biographie 7, 1966, S. 25-27. – Ders.: Ferdinand Gregorovius und die Politik seiner Zeit, in: Preußenland 19,1981, S. 18-24.

Bild: Holzstich, 1885. Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin.

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