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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Grindel, Georg

Komponist, Dichter, Arzt

* 1810, 30.01.
Riga/Livland

† 1845, 11.02.
Astrachan

Georg Grindel war der Sohn des angesehenen Dorpater Chemie-Professors und Rigenser Apothekers David Hieronymus Grindel und der Amalie geb. Schmidt aus Pernau. Nach der Schulzeit am Rigaer Gouvernements-Gymnasium kam er 1829 zum Medizinstudium an die Universität Dorpat. „Gegen alle Neigung hatte er die Universität bezogen und sich ein Studium, das ihn nie gefesselt hat, aufnötigen lassen. Und dieser ihm zugewiesene Lebensberuf hat wohl mit den Grund gelegt zu dem tragischen Ausgang Grindels.“ (Berkholz).

Grindel trat der Burschenschaft Fraternitas Rigensis bei, die 1823 als letzte der alten Korporationen gegründet worden war. In der Mitte der 1820er Jahre hatte die Universität von ihrem weltoffenen Geist eingebüßt und war zu einer betont lutherischen Bildungsanstalt geworden, in der die theologische Fakultät einen größeren Einfluss hatte. Dennoch war die Universität nicht nur eine Stätte der Lehre und Forschung, sondern eine Schule des Lebens geblieben, welche die besondere Begabung der Deutschbalten, ihre Fähigkeit zur Gesellschaftlichkeit herausbildete. Eine wesentliche Rolle spielten die Korporationen, die allerdings zunächst nur in aller Heimlichkeit florieren durften, denn Versammlungen von auch nur drei oder vier Studenten waren verboten. Es war vor 1862 den Dörptschen Burschen auch nicht erlaubt, ihre Farbenmützen öffentlich zu tragen. Für Zar Nicolai I. waren die Hochschulen mehr eine militärische Drillanstalt. Angemerkt sei, dass auch Theatervorstellungen in Dorpat zwischen 1812 und 1867 verboten waren. Doch „der Student beherrschte die Geselligkeit und die Straße. Mehr öffentlich waren Auffahrten zum Kommers, voran Fahnen- und Schlägerritter, Komitate, Fackelzüge, Bälle. Mehr intern blieben natürlich Mensuren, Zofenbälle, Nachtfahren in so manches Dunkel hinaus …“ (Kleine Geschichten).

Bald hatte sich Grindels musikalische und dichterische Begabung in Dorpat herumgesprochen, auch außerhalb seiner Burschenschaft, welcher er das Farbenlied Drei Farben lob’ ich mir vor allen gewidmet hatte. Sieben Semester war Grindel magister bibendi et cantandi der Fraternitas Rigensis. Seine Lieder wie Dorpater Musenklang, Burschensinn, Des Burschen Heimweh machten die Runde. Beliebt waren natürlich die Trinklieder, teils nach eigenen Texten, wie Das Glas, Trinkt, es brauset, Gebt mir Wein. Auch wird Grindel in Verbindung gebracht mit Im tiefen Keller, das in einer Variante in der Sammlung von 1902 zu finden ist. Die Gesellschaft lauschte, wenn der schöne hochragende Mann, dessen Bassstimme gerühmt wurde, die Guitarre im Arm, seine Lieder vortrug oder mit seinem Soloquartett (Andreas v. Wittdorf, Friedrich Seezen und Ludwig Kuhlmann) zu hören war, für das er eine größere Zahl von Männerquartetten komponiert hatte. Seine Lieder wurden abgeschrieben, in die „Burschenbibeln“ und Kommersbücher aufgenommen und fanden den Weg auch in die Geselligkeit der Städte, nach Riga und Reval, und haben dadurch mit einen wesentlichen Grund zur bedeutenden deutschbaltischen Männerquartett-Tradition gelegt. Es entsprach durchaus einem allgemeinen Bedürfnis, dass 1836 bei C. A. Kluge in Dorpat eine erste Sammlung Georg Grindel – Lieder mit Begl. d. Pianoforte herauskam, die guten Absatz fand und zur weiteren Verbreitung seiner Lieder beitrug. Darüber stand im „Inland“ (Jg. 1836 Nr. 14) zu lesen: „In den vorliegenden Liedkompositionen ist Talent und Gefühl unverkennbar; besonders ist es die Frische der Rhythmen, die dem heiteren Theile dieser Sammlung einen eigenthümlichen Reiz verleiht, wie denn das Punschlied für drei Männerstimmen als das gelungenste auszuzeichnen ist.“

Es wurde gesagt, dass Grindel an Geistesgaben ungewöhnlich bevorzugt war. „Er besaß eine hervorragende Beanlagung für vielleicht jeden Lebensberuf, am entwickelsten war seine Neigung für Musik, Gesang und Dichtkunst“ – nur das Medizinstudium entsprach überhaupt nicht seinen Neigungen. Gerade in den Jahren 1828 bis 1838 wurde in Dorpat ein besonderer Beitrag zum Ausbau der medizinischen Wissenschaft durch das sogenannte Professoreninstitut geleistet. Wie aus einem Brief von 1834 an seine von ihm zärtlich geliebte, ein Jahr jüngere Schwester Amalie zu entnehmen ist, hat er sich in Dorpat nicht mehr wohl gefühlt, aber „es geht nicht immer so schnell als man möchte“. So sollte es 11 Jahre dauern, bis er sein Schlussexamen machte und erst 1841 erhielt er sein Arztdiplom. Grindel trat, um die Verpflichtungen aus dem Staats-Stipendium einzulösen, in militärische Dienste. Für dieses Stipendium hatte er sich 1836 bewerben müssen, da er nach dem Tod des Vaters von der Familie keine finanzielle Unterstützung mehr erwarten konnte.

Er kam nach Kronstadt, wo er vier Jahre als Arzt und stellvertretender Ordinator am Seehospital tätig war. 1845 wurde er durch missliche Verhältnisse verschiedenster Art in die 45. Flotten-Equipage nach Astrachan versetzt. Seine musikalischen und gesellschaftlichen Fähigkeiten ließen ihn auch dort rasch Freunde gewinnen. So sollte er aus den in Astrachan stationierten Marine-Mannschaften ein Musik-Corps bilden, aber er verstarb überraschend „an einem Brustleiden“ mit 35 Jahren. Grindels Nachlass reichte nicht einmal zur Deckung der Bestattungskosten – die Marineverwaltung übernahm den Rest.

Seine Burschenlieder, oft nach eigenen Texten, wurden zum Allgemeingut der Dorpater Studenten und bis ins 20. Jahrhundert gesungen. Auch die Gesellschaftslieder erfreuten sich lange großer Beliebtheit. Seine Männerquartette und Klavierlieder gehören zum festen Bestandteil der deutschbaltischen Liedschule in der Zeit der Romantik, wenngleich es ihm nicht vergönnt gewesen war, seine musikalischen und dichterischen Neigungen über eine dilettantische Stufe hinaus zu entwickeln.

Noch 1895 zu seinem 50. Todestag hat die Fraternitas Rigensis „Ihrem Dichter und Sänger“ ein Grabdenkmal auf dem Astrachaner Friedhof gestiftet, und 1902 konnte die Sammlung Georg Grindel’s Dichtungen und Compositionen bei Kymmel in Riga erscheinen. Es sind auch Übersetzungen von Liedern ins Estnische und Lettische bekannt und so könnte es sein, dass im regen Verbindungsleben im heutigen Tartu bei einem Kommers noch gelegentlich eins seiner Lieder erklingt.

Werke: Lieder mit Klavierbegleitung und Sängerquartette nach eigenen und Gedichten von Fr. Schiller, E. M. Arndt, A. v. Chamisso, H. Heine, K. Müchler u. a. sowie vereinzelte Klavierstücke, Gedichte. Ausgabe: Georg Grindel‘s Dichtungen u. Compositionen, Kymmel Riga 1902, Vorwort u. Lebensskizze Arend Berkholz.

Lit.: J. Frobeen, Rigaische Biographieen usw. Bd. 1-3, Riga 1881-1884. – M. Rudolph, Rigaer Theater- und Tonkünstlerlexikon, Riga 1890. – Paul Th. Falck, Der Dichter u. Komponist Georg Grindel, St. Petersburg 1902. – Paul Th. Falck, Das deutsche Volks- u. Studentenlied im Baltenlande, in: Balt. Monatsschrift Bd. 73 Jg. 54 (Riga 1912) S. 328ff. – H. v. Schroeder, Kleine Geschichten aus den baltischen Landen, Stuttgart 1954, S. 60ff. – Elmar Arro, Die deutschbaltische Liedschule. Versuch einer nachträglichen musikhistorischen Rekonstruktion, in: Musik des Ostens Bd. 3, Marburg 1965, S. 212ff. – H. Scheunchen, Lexikon deutschbaltischer Musik, Wedemark-Elze 2002. – H. Scheunchen, „Doppelte Feder, ja dreifache gar“ – Komponistenschriftsteller – Doppelbegabungen in der deutschbaltischen Geistesgeschichte. Ein Überblick, in: Deutschsprachige Literatur im Baltikum und in Sankt Petersburg, hrsg. v. Carola L. Gottzmann, Berlin 2010, S. 136f. und 248f.

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