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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gronowski, Johannes

Arbeitersekretär, Sozialpolitiker, Oberpräsident

* 1874, 04.02.
Graudenz/Westpr.

† 1958, 27.08.
Paderborn

Vor 50 Jahren verstarb in Paderborn der ehemalige Arbeitersekretär, Sozialpolitiker, preußische Abgeordnete und Oberpräsident Johannes Franz Gronowski. Seine Wiege stand jedoch nicht in Westfalen, sondern in Westpreußen, genauer gesagt in Graudenz an der Weichsel.

Aus Johannes Gronowskis Kindheit, die er in Westpreußen verbrachte, sind nur sehr wenige Einzelheiten bekannt. Auch die persönlichen Unterlagen, die sich noch im Stadtarchiv Paderborn befinden, geben hier nur sehr lückenhaft Auskunft. Fest steht aber soviel: Gronowskis Vorfahren stammten aus dem Kreis Graudenz – die Familie war schon seit mehreren Generationen in Rittershausen ansässig. Die Familie seiner Mutter kam aus Tarpen und Okonin.

Johannes Gronowski wurde am 4. Februar 1874 als zweites Kind des Arbeiters August Franz Gronowski und dessen Ehefrau Maria, einer geborenen Peplinska, in der Kreisstadt Graudenz geboren und vier Tage später in der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus getauft. Sein Vater sollte dies jedoch nicht mehr erleben: August Gronowski war ein halbes Jahr vorher im Alter von 35 Jahren gestorben. Die hierdurch eingetretene dramatische wirtschaftliche Lage der kleinen Familie zwang auch den jungen Gronowski dazu, schon früh seinen Anteil zum Lebensunterhalt zu leisten – der gerade einmal schulpflichtige Johannes war gezwungen, Brennholz zu sammeln und während der Schulferien täglich bei einem Bauern zu arbeiten. Die Kleidung für seine Erstkommunion konnte er sich nur erarbeiten, weil ihm ein ganzes Schuljahr geschenkt wurde.

Diese Kindheits- und Jugenderfahrungen prägten Gronowski nachhaltig. Zum einen entwickelte er durch diese Zeit schon früh ein Gefühl für soziale und ökonomische Probleme, zum anderen war seine persönliche und familiäre Lebensführung zeitlebens von Bescheidenheit geprägt.

Im Jahre 1889 verließ der 15-jährige Gronowski dann sein Elternhaus. Seine Heimat Westpreußen scheint er nie wieder gesehen zu haben – auch nicht zum Tod der Mutter im Jahre 1938, als es Gronowski selbst allerdings wirtschaftlich nicht besonders gut gegangen sein dürfte. Von Graudenz aus zog es ihn nach Westen und er begann bei der Firma Zimmermann in Steglitz bei Berlin eine Lehre zum Maschinen- und Bauschlosser. Im Alter von 17 Jahren erlebte der junge Gronowski dort seine erste Maifeier – zwar lehnte er die Klassenkampfideologie der Sozialisten ab, aber das Gespür für soziale Probleme war schon deutlich ausgeprägt: „Mein Meister und die Gesellen lehnten die Maifeier ab, aber aus der Unterhaltung der Gesellen hörte ich heraus, dass es doch wohl die höchste Zeit sei, den Armen und Schwachen zu helfen. Als 17jähriger, der in ‚der Fremde‘ lernte, zählte ich mich auch dazu. Warum? Eine zwölfstündige Arbeitszeit war für uns ‚Stifte‘ eine Selbstverständlichkeit! Oft mussten wir Ueberstunden und Nachtarbeit verrichten, und am Sonntag vormittag wurde die Werkstatt aufgeräumt. Regelmässiger Kirchgang war etwas Fremdes. Karfreitag, Buss- und Bettag ja, dann aber Schluss!“ In der damaligen Zeit fehlte schlicht das Verständnis für derartige Aktivitäten, einen Jugendschutz gab es nicht, die Unterkünfte der Lehrlinge waren „bedenklich“ und abgesehen von ausreichender Verpflegung gab es – sofern Überstunden oder gar Nachtarbeit geleistet worden waren – pro Woche 50 Pfennig Taschengeld:„Das war die soziale Atmosphäre, in der ich die erste Maifeier erlebte.“

Jeden zweiten Sonntag durfte er dann aber doch seine Arbeitsstelle für zwei Stunden verlassen, um die Messe besuchen zu können. Vom Staat erwartete Gronowski keine Besserung der sozialen Probleme: „… es soll nicht verschwiegen werden, dass auch Wilhelm II. die gute Absicht hatte, den Notleidenden zu helfen. Er berief Vertreter aller Regierungen zu einer ‚Sozialen Konferenz‘ nach Berlin, von der heute niemand mehr etwas weiss. Es war ein ziel- und planloses Gerede.“

Von den Sozialisten und ihrer Klassenkampfideologie wandte er sich früh ab, da deren Vertreter sich kategorisch gegen eine Zusammenarbeit mit den Kirchen auf sozialem Gebiet wandten. In dieser Zeit machte er auch die erste Bekanntschaft mit dem von Adolf Kolping bereits in den vierziger Jahren gegründeten Katholischen Gesellenverein.

Nach bestandener Gesellenprüfung begannen seine Wanderjahre, die ihn quer durch Deutschland und schließlich nach Dortmund führten. In der Großstadt am Hellweg fand er eine Anstellung als Maschinenschlosser in der dortigen Eisenbahnhauptwerkstatt in der Sedanstraße und qualifizierte sich daneben noch in Abendkursen zum Werkführer einer Abteilung von 52 Handwerkern und Arbeitern – und er wurde auf die damals noch in den „Kinderschuhen“ steckende katholische Arbeiterbewegung aufmerksam, in der der tief religiöse Gronowski sein künftiges Betätigungsfeld finden sollte.

In diesem Zusammenhang spielte der 1890 in Mönchengladbach gegründeteVolksverein für das katholische Deutschland eine wichtige Rolle, der in der damaligen Zeit als eine Art „Volksuniversität“ galt. Gegründet worden war der Volksverein vor allem von führenden Politikern der Zentrumspartei – da waren der Mönchengladbacher Industrielle Franz Brandts, der Vorsitzende der Zentrumspartei und parlamentarische Gegenspieler Bismarcks, Ludwig Windthorst und der oberschlesische Industrielle Franz Graf von Ballestrem sowie der aus Olpe stammende Theologe Franz Hitze, der als erster Professor für christliche Gesellschaftslehre im deutschsprachigen Raum an der Universität in Münster tätig war und als „Vater der katholischen Arbeitervereine“ und Wegbereiter des Caritasverbandes gilt. In späteren Jahren (1903/1904) absolvierte Gronowski mehrere Kurse in Mönchengladbach, unter anderem einen zehnwöchigen„Großen Kursus“, der von dem späteren Reicharbeitsminister Dr. Heinrich Brauns geleitet wurde.

Aber zuerstwidmete der junge Gronowski sich einer anderen sehr praktischen Aufgabe: Innerhalb von elf Jahren etablierten er und seine Mitstreiter den katholischenVolksverein im „roten“Dortmund. Das erste so genannte Volksbüro öffnete 1895 seine Pforten und beriet die Arbeiter in Fragen der Sozialversicherung, des Arbeitsschutzes sowie in Schul-, Steuer- und Militärsachen. Genauso oder noch wichtiger waren dagegen die Bildungsabende, auf denen katholischen Arbeitern und ihren Familien ein religiös-weltanschauliches Fundament vermittelt wurde.

Diese neuen Aufgaben nahmen ihn so stark in Anspruch, dass er 1902 die Lokomotivfabrik verließ, um sich hauptberuflich dem Auf- und Ausbau desChristlichen Arbeitersekretariatszu widmen. Die organisatorische und entbehrungsreiche Arbeit Gronowskis in Dortmund wurde 1906 mit der Gründung des ersten katholischen Arbeitervereins gekrönt.

Zwei Jahre zuvor hatte der mittlerweile 33-jährige Gronowski die aus Iserlohn stammende Sophie Pott-Eckardt geheiratet. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Seine politische Karriere begann 1905, als er für die Zentrumspartei Abgeordneter in der Dortmunder Stadtverordnetenversammlung wurde – diesen Sitz behielt er trotz weiterer Ämter bis 1921. Schnell erwarb er sich einen guten Ruf als Experte für Sozialpolitik und Arbeitsrecht, übernahm Ämter innerhalb der Partei und wurde 1908 zum Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses für den Landkreis Dortmund gewählt – in der Stichwahl hatte er sich mit Hilfe der Sozialdemokraten gegen den Kandidaten der Nationalliberalen durchgesetzt.Sein Amt als Arbeitersekretär gab er zwar auf, aber in den Folgejahren war er in Personalunion Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus, Stadtverordneter und Parteisekretär des Zentrums in Dortmund. Seine bei der Eisenbahn gesammelten Erfahrungen brachte er später bei der Beratung des Eisenbahnetats im Preußischen Landtag so fundiert ein, dass ihm ein Kollege aus der National-Liberalen-Fraktion freundlich zurief: „Nehmen Sie sich in Acht, Sie steuern auf den Ministersessel zu!“ Im Abgeordnetenhaus gehörte er daneben zu den regelmäßigen Sprechern seiner Fraktion, wenn es um sozialpolitische, kultur-, schul- und kirchenpolitische Themen ging. Auch in der verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung und zur preußischen Landesversammlung 1919 war er vertreten. Gronowski, der sich nie nach Ämtern gedrängt hatte, wurde hier ein Ministerposten angetragen. Er selbst äußerte sich später dazu, dass „ich nur durch mein eindeutiges ‚Nein‘ an dem gefürchteten Ministersessel vorbei“ kam.

Gronowski war beileibe kein Gegner der Monarchie gewesen – die Novemberrevolution von 1918/19 sah er als„Hochverrat“ an und er verlangte ein rücksichtloses Vorgehen gegen linksradikale Vereine und Parteien – entwickelte sich aber nach dem Ersten Weltkrieg zu einem überzeugten und konsequenten Verfechter der neuen und von vielen so ungeliebten republikanischen Staatsordnung – höchst zuwider war ihm dabei politischer Radikalismus, egal welcher Richtung: „Wenn man die von rechts und die von links in einen Sack tut und durcheinanderschüttelt und den Sack öffnet, kommt Deutschlands Unglück immer zuerst heraus.“ Als es um eine Reform des Beamtenwesens ging, hielt er den Blockierern entgegen, dass sie grundsätzlich gegen die Republik und die Demokratie seien und sich nach Zeiten sehnen würden, „wo der Mensch noch nach Stand, Rang, Vermögen, nach Kleidung, Titel und Ordenszeichen unterschieden wurde.“

Drei Jahre später sollte dann aber seine große Stunde schlagen. Im Frühjahr 1922 war der damalige Oberpräsident der Provinz Westfalen, der Zentrumspolitiker Bernhard Wuermeling, in den Ruhestand gegangen. Gronowski, der schon seit 1919 dem Westfälischen Provinziallandtag in Münster angehört hatte, wurde von der Zentrumsfraktion des preußischen Landtags als dessen Nachfolger vorgeschlagen, ohne diese Nominierung mit den Parteifreunden in Westfalen abzustimmen. Kurz zuvor hatte er es abgelehnt, Nachfolger des preußischen Wohlfahrtsministers Stegerwald zu werden. Nun war man in der Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhauses nicht länger gewillt, Gronowski „davon kommen“ zu lassen –„im Interesse der Sache der Partei und des Vaterlandes“legte man Wert darauf, dass er ein Staatsamt annehmen solle. Was folgte, war ein in seinem Ausmaß ungewöhnlich heftiger Widerstand in Münster gegen die anstehende Berufung des„Arbeiters“ und „Nicht-Westfalen“Gronowski zum Oberpräsidenten der Provinz Westfalen! Alt eingesessene westfälische Adelsfamilien und agrarische Standesorganisationen sprachen sich am entschiedensten gegen den Kandidaten aus. Ein solcher Mann als höchster Repräsentant der Provinz Westfalen schien im konservativen Münster undenkbar, hatten doch alle Oberpräsidenten seit 1815 dem westfälischen Altadel oder dem gehobenen Bürgertum angehört. Der Westfälische Bauernverein urteilte klipp und klar: „Die westfälischen Bauern sind nicht gewillt, sich einen Arbeitersekretär als Oberpräsidenten gefallen zu lassen.“

Gleichwohl wurde er am 8. April 1922 vom Provinzialausschuss in Münster zum neuen Oberpräsidenten gewählt und mit Beschluss vom 28. April vom preußischen Staatsministerium ernannt. Das publizistische Echo in Münster auf die „unglaubliche Wahl“ Gronowskis fiel dann auch dementsprechend aus. Die Westfälische Tageszeitung urteilte: „Nun wird […] ein Mann an die Spitze der Provinzialregierung kommen, der ihr hilflos gegenüberstehen wird. Von Parteignaden erhoben, von Parteignaden erhalten, werden wir in Gronowski den Mann sehen, der ohne eigene Initiative, ohne Kenntnis und Erfahrung der staatskundlichen Größe, allein nach parteilicher Anweisung der Provinzialregierung seine Stellung aufzudrücken versuchen wird. […] … wir müssen erklären, daß wir mit großer Besorgnis einen Mann an der Spitze unserer Provinzialregierung sehen, von dessen Tätigkeit wir nicht den geringsten Vorteil zu erwarten vermögen.“ Im Ruhrgebiet dagegen hatte der Name Gronowski einen guten Klang. Die Gelsenkirchener Zeitung war überzeugt,„daß die Gegner der Kandidatur Gronowskis sehr bald einsehen werden, daß sie auf das falsche Pferd gesetzt hatten; sie werden durch die Persönlichkeit und die Amtsführung Gronowskis als Oberpräsident bald angenehm enttäuscht sein.“

Gronowski selbst wertete seine Berufung als eine Anerkennung der katholischen Arbeiterbewegung in Westfalen – eine Ablehnung der Berufung hätte seinem Pflichtbewusstsein widersprochen. Die alten Eliten Münsters machten nur widerstrebend ihren Frieden mit Gronowski, der nunmehr ins Schloss einzog. Ein erstes einschneidendes Ereignis für den neuen Oberpräsidenten Gronowski war der Besuch des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Münster am 11. August 1924, dem Verfassungstag. Das konservative Bürgertum Münsters lehnte den„Sattlergesellen“ Ebert als „Vaterlandsverräter“ und „Novemberverbrecher“ ab, während Gronowski sich immer dagegen ausgesprochen hatte, die Repräsentanten der Weimarer Republik für das Ende der Monarchie und die von vielen als Schmach empfundenen Folgen des Versailler Vertrages von 1919 verantwortlich zu machen. Der Besuch Eberts verlief letztendlich in einem würdigen Rahmen, aber die erhoffte Signalwirkung zu Gunsten der Republik wollte sich nicht einstellen. Ein Jahr später – 1925 – begrüßte der Oberpräsident den gerade erst gewählten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im Ruhrgebiet.

In weiten Teilen der Provinz fand Gronowskis Wirken mit der Zeit hohe Anerkennung, was auch mit seinem enormen Arbeitspensum zu tun hatte. Sein Reisetagebuch verzeichnet für die Zeit von 1922 bis 1933 allein 650 Reisen innerhalb Westfalens: da waren Stadtjubiläen, Besichtigungen von Arbeiterkolonien oder Glückwünsche für Jubilare, Zechenbesuche und vieles mehr. Daneben behielt er die ganze Zeit über sein Abgeordnetenmandat im Preußischen Landtag bei, was ihn ständig zwischen Münster und Berlin pendeln ließ – ein Privatleben gab es für ihn lange Zeit praktisch nicht.

Ein besonderes Großereignis fand 1930 in Münster statt: der 69. Katholikentag. Gronowski betonte in seinem Grußwort die Freiheiten, die die katholische Kirche und die Gläubigen im„neuen Volksstaat“ besäßen und appellierte an die katholische Arbeiterschaft, sich nach Kräften zu engagieren.

Aus Sicht der Westpreußen bedeutsam ist die Rede Gronowskis auf der Ostmarkenkundgebung des Rheinisch Westfälischen Hauptverbandes der heimattreuen Ost- und Westpreußenin Hagen am 23. Februar 1931. Hierbei versicherte Gronowski den versammelten Delegierten die Solidarität aller Deutschen angesichts der durch den Versailler Vertrag verursachten Abtrennung Ostpreußens:„Aber nicht durch Worte allein wollen wir helfen. Nein, wir stärken den deutschen Gedanken im Osten durch Zuwanderung und Seßhaftmachung westfälischer Landwirte, und wir unterstützen im Reichs- und Landtag im Rahmen des Möglichen die Wünsche des Ostens; wir fühlen uns als eine Schicksalsgemeinschaft! Auch in unserem Herzen brennt das Verlangen nach Beseitigung der unnatürlichen Trennung Ostpreußens vom übrigen Deutschland. Diese Abschnürung kann nicht verewigt bleiben. (Beifall) Die Diplomatie Europas und der Völkerbund können dieses Unrecht beseitigen. Wir wollen nicht, daß der Osten seine Lebenskraft verliert,und darum rufen wir in die ganze Welt hinein: Beseitigt das Unrecht an den beiden Ufern der Weichsel!(Beifall) Je weiter wir uns von dem Weltkrieg entfernen, umso mehr wird die außenpolitische Atmosphäre entgiftet, und darum hoffen wir, daß die Stunde bald schlagen wird, in der die trennende Schranke an der Weichsel fällt.“ (Beifall)

Dem Ende der zwanziger Jahre aufkommenden Nationalsozialismus stellte Gronowski sich entschieden entgegen. Er verbot antirepublikanische Kundgebungen sowie Zeitungen, die Hetzartikel gegen den Staat veröffentlichten. Neben der Arbeit der Zentrumspartei war auch die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten – vor allem dem aus Königsberg/Pr. stammenden preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun und dessen Innenminister Carl Severing – von hoher Bedeutung. Gronowski sah durchaus die Notwendigkeiten, etwas zur Änderung von Missständen tun zu müssen, aber er trat den Radikalen entgegen. Auf dem Verfassungstag am 11. August 1932 in Münster appellierte er an eine gesunde politische Kultur, da die politischen Auseinandersetzungen in unserem Land Formen angenommen hätten, „die geeignet sind, uns in den Augen anderer Kulturvölker zu Halbwilden zu degradieren …“

Diese Phase endete am 20. Juli 1932, als die preußische Staatsregierung durch Reichskanzler Franz von Papen abgesetzt wurde. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 setzten schon bald Hetze und Schikanen gegen die sozialdemokratische und Zentrumspresse ein. Gronowski weigerte sich, ein Zeitungsverbot durchzusetzen und wurde daher mit Wirkung vom 22. Februar 1933 in den einstweiligen Ruhestand versetzt, am 6. Oktober 1933 dann endgültig entlassen. Am schwersten dürfte ihn wohl der Vorwurf gekränkt haben, „für den nationalen Staat unzuverlässig“ zu sein.

Es folgten zwölf beschwerliche Jahre. Von der NS-Presse verleumdet und von Rollkommandos der SA bedroht verließ Gronowski Münster und zog nach Köln. Aus Sorge um seine Familie und Freunde enthielt er sich jeglicher politischer Tätigkeit. Um sich und die Familie zu ernähren, nahm er eine Stelle als Handelsvertreter einer Weingroßhandlung an. Später legte er Wert darauf, sich in diesen schwierigen Zeiten „ehrlich durchgeschlagen“ zu haben. Durch den Bombenkrieg 1944 wohnungslos geworden, siedelte die Familie – seine Frau war bereits 1943 gestorben – von Köln nach Paderborn über. Doch auch seine neue Bleibe wurde bei einem Fliegerangriff zerstört, Gronowski selbst verschüttet – seit diesem Ereignis litt er unter schweren Hörschäden.

Angesichts dieses Schicksals verwundert es nicht, wenn Gronowski 1948 sichtlich verärgert auf einen zum wiederholten Mal an ihn gesandten Fragebogen zu seiner politischen Vergangenheit reagierte:„Sechsundzwanzig Fragebögen habe ich in den letzten drei Jahren ausgefüllt und den zuständigen Behörden eingeschickt. Das reicht für mich aus. Ich bin sogar Vorsitzender eines Entnazifizierungs-Ausschusses, Oberpräsident a. D., Abgeordneter, Landesvorsitzender der CDU von Westfalen u. manches andere. Es ist demnach hinreichend bekannt, dass ich weder der NSDAP noch ihren Gliederungen angehört habe. Ich habe keine Nazizeitung gehalten und in meiner Wohnung kein Nazibuch geduldet. Niemals wurde meine Wohnung durch ein Hitlerbild oder eine Hakenkreuzfahne entehrt. Die Menschen grüßte ich, wie es unter Kulturvölkern üblich ist, aber nicht mit ‚Heil Hitler‘. In die tausendfach geschwenkte Sammelbüchse legte ich keinen Beitrag hinein. […] Mit dieser Gesinnung passte ich in die Nazizeit nicht hinein und wurde 1933 fortgejagt. In Köln und Paderborn wurde ich ausgebombt und vor drei Jahren wurde ich bei einem Bombenangriff lebendigbegraben.[…] So, nun bitte ich, mich mit weiteren Fragen zu verschonen.“ In einem Zeitungsartikel unter dem Titel Woher kam unsere Not? rechnete Gronowski schonungslos mit den Jahren 1933 bis 1945 ab. Aus diesen Zeilen sprach zum einen seine Verbitterung, vor allem aber seine Religiosität und sein Glaube an eine gute Zukunft. Er verurteilte darin dieAbkehr des deutschen Volkes von Gott, die planmäßige Christenverfolgung und die „Vergiftung“ der Jugend, richtete aber den Blick auch nach vorn:„… mutige Werke werden von uns unerbittlich verlangt: unbeugsamer Lebenswille, die alte deutsche Arbeitsfreude, Opferbereitschaft, Menschengüte, das Walten der politischen Vernunft und die Rückkehr zu Gott!“

Bereits 1945 rückte Gronowski wieder in den politischen Fokus Westfalens. Aus Alters- und Krankheitsgründen – Gronowski war mittlerweile 71 Jahre alt und laborierte an seinen Kriegsschäden – lehnte er das ihm angebotene Amt des Oberpräsidenten ab. Stattdessen schloss er sich in Paderborn einer örtlichen christlich-demokratischen Partei an – auf dem Gründungsparteitag der CDU in Bochum am 2. September 1945 wurde er in den Vorstand der neuen Partei gewählt. Ganz bewusst lehnte er die Mitarbeit in der Westfälischen Zentrumspartei ab, um einen wirklichen Neuanfang machen zu können. Sein Ziel war „… die Vereinigung der evangelischen und katholischen Christen auf politischem, sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet“.

Im März 1946 wurde er sogar Vorsitzender des Landesverbandes Westfalen der CDU und ließ sich 1948 noch zu einer zweiten Amtsperiode überreden, bevor er sich 1951 von allen Parteiämtern zurückzog. Von 1946 bis 1953 gehörte er auch dem Landtag des Landes Nordrhein-Westfalen an. Als Abgeordneter machte er sich für einen Fortbestand der regionalen Selbstverwaltung in Westfalen stark – diese Selbstverwaltung wurde 1953 in Gestalt der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe gesetzlich verankert. Bis zu seinem Tod am 27. August 1958 genoss Gronowski in der CDU hohes Ansehen. Noch zu seinem 80. Geburtstag im Jahre 1954 gab sich die Politik-Prominenz in Paderborn ein Stelldichein. Im Bundestagswahlkampf 1957 hatte er einen seiner letzten öffentlichen Auftritte an der Seite von Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Dortmunder Westfalenhalle. Seine letzte Ruhestätte fand Johannes Franz Gronowski in Paderborn.

Lit.:Nachlass Gronowski im Stadtarchiv Paderborn. – Jörg-Dieter Gauger, Johannes Gronowski (1874-1958). Vorsitzender der CDU in Westfalen, in: Christliche Demokraten gegen Hitler, hrsg. von G. Buchstab u.a., Freiburg 2004, S. 232-239. – Detlef Grothmann, Johannes Gronowski, in: Westfälische Lebensbilder, hrsg. von Friedrich Gerhard Hohmann, Bd. 17, Münster 2005, S. 7-21. – Joseph Joos, Der Volksverein für das katholische Deutschland, Mönchengladbach 1918. – Joseph Joos, So sah ich sie. Menschen und Geschehnisse, Augsburg 1958. – Karl Teppe, Johannes Gronowski, in: Aus dreißig Jahren. Rheinisch-Westfälische Politiker-Porträts, hrsg. von Walter Först, Köln/ Berlin 1979, S. 20-37. – Karl Teppe, Forum West. Ein Oberpräsident gegen die Tradition. Erinnerung an Johannes Gronowski. Sendung des Westdeutschen Rundfunks vom 26. August 1978. Manuskript. – Karl Teppe, Johannes Gronowski (1874-1958). Westfalens Oberpräsident aus Westpreußen, in: Westpreußen-Jahrbuch 36/1986, S. 24-30.

Bild:Kulturstiftung.

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