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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Gruber, Wendelin

Jesuitenpater, Wanderseelsorger, Missionar, Redakteur, Autor

* 1914, 13.12.
Filipowa/ Batschka

† 2002, 14.08
Zagreb

Wendelin Gruber wurde am 14. Februar 1914 in der rein deutschen Großgemeinde Filipowa/Batschka im ehemaligen Jugoslawien als sechstes Kind der wohlhabenden Landwirte Franz und Barbara Gruber, geb. Wurtsky, geboren. Seine ganze Erziehung im Elternhaus wurde zum Dienst am Mitmenschen hingelenkt. Seit Kindesjahren wünschte er sich in der Mission tätig zu sein. Die serbische Volksschule besuchte er 1920 bis 1926 in Filipowa. Mit 12 Jahren begann er in kroatischer Spra­che das Studium am Jesuitengymnasium in Travnik (Bosnien). Schon damals fiel er durch seine leutselige Umgangsweise und seine aufrichtende Nachhaltigkeit auf. Nach dem mit Aus­zeichnung bestandenen Abitur 1934 folgte der Militärdienst an der Schule für Reserveoffiziere des Königreichs Jugoslawien in Sarajevo bis 1936 mit der Abschlussprüfung zum Leutnant. Weil Gruber Missionar in Indien werden wollte, wo die kroatischen Jesuiten ein Missionsgebiet betreuten, trat er am 13. Juli 1934 in die Gesellschaft Jesu in der kroatischen Residenzstadt Agram/Zagreb ein. Das Studium der Philosophie begann er 1936 in Gallarate (bei Mailand) in italienischer Sprache und setzte es 1937 bis 1939 in Zagreb fort, das Studium der Theo­logie dagegen absolvierte er 1939 bis 1941 in Sarajevo und ab 1941 in lateinischer Sprache an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wo er am 13. Mai 1942 durch Erzbischof Lui­gi Traglia die Priesterweihe empfing. Während seiner Zeit in Rom befasste sich Gruber mit den armen Kindern, soweit es die Schuldisziplin erlaubte, auch die von den Nazis verfolgten Juden, denen der Vatikan Asyl gewährte, wuchsen ihm ans Herz. 28-jährig feierte Gruber 1942 seine Heimatprimiz in Filipowa. Nach seiner Rückkehr aus Rom 1943 war Gruber als Sprachlehrer für Deutsch, Kroatisch, Latein und Französisch am Erzbischöflichen Humanistischen Gymnasium in Zagreb zuständig, dort wirkte er 1943/1944 auch als Schulsekretär und Präfekt für die Maturanten sowie 1944/1945 als Ökonom der Schule. Nebenbei kümmerte er sich in einem sozialen Brennpunkt am Rand der Großstadt um Erziehung und Bildung der Arbeiterjugend.

Als im Oktober 1944 die Tito-Kommunisten in Jugoslawien nach dem Einmarsch der Roten Armee die Macht übernahmen und gnadenlose „Säuberungen“ durchführten, begann für die deutschstämmigen Einwohner des Balkanstaates eine entsetz­liche Leidenszeit. Sofern sie nicht zuvor flüchten konnten oder wollten, wurden die Deutschen Jugoslawiens radikal enteignet und entrechtet, große Teile der Führungsschicht gefoltert und liquidiert, ausgerechnet vor allem jene Männer, die aus ihrer christlichen Gesinnung bis zuletzt dem Druck widerstanden hatten, sich von der Waffen-SS mobilisieren zu lassen. Die Arbeitsfähigen wurden zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert, während vor allem alte Leute sowie Kinder mit ihren Müttern in Internierungslager für Arbeitsunfähige zusammengefasst und bis 1948 systematisch durch Hunger und Krankheit dezimiert wurden.

Auch für Gruber begann mit dem Einbruch der Partisanen-Kommandos ein langer Leidensweg. In einer der üblichen Säu­be­rungsaktionen war auch er mehrere Monate lang schweren Misshandlungen in den Gefängnissen ausgesetzt und wurde dann doch wieder freigelassen, weil die Kommunisten wohl glaubten, ihn zermürbt zu haben. Als er jedoch die Hiobsbotschaft von der Verfolgung und Internierung der Donauschwaben vernahm, verließ er trotz aller Einschüchterungen und Drohungen, trotz der Skepsis seiner Ordensbrüder die relative Sicherheit in der Großstadt. Der Zagreber Erzbischof Aloizije Stepinac war der einzige, der ihn vorbehaltlos verstand und sein waghalsiges Unterfangen gutheißen konnte.

Überzeugt von der Unschuld seiner Landsleute, suchte er immer die gefährlichsten Brennpunkte auf und leitete Hilfs­aktionen in die Wege, nahm alles auf sich, um Hunderttau­sen­den zu helfen, die sich in den sieben schlimmsten Vernichtungslagern sowie zahlreichen Arbeits- und Zivillagern von aller Welt, auch von ihrer Kirche und Gott verlassen fühlten und ohne Schuld und Gericht dem Tod überliefert wurden.

Gruber wandte sich ans Rote Kreuz ebenso wie an die Caritas Internationalis, an alle ihm erreichbaren Stellen, die hilfreich sein konnten, brachte unter eigener Lebensgefahr auf Schleich­wegen Nahrungs- und Desinfektionsmittel und die notwendigsten Arzneien in die Lager und gesellte sich zu seinen schwergeprüften Landsleuten an den Orten des Grauens, um ihnen Seelsorger und Tröster zu sein. In aller Verbor­genheit, teils getarnt als Gefangener, stand er den Schmachtenden, Siechen und Sterbenden bei und spendete ihnen in ihrer tiefsten Erniedrigung Glaubenstrost durch die hl. Wegzehrung.

Mitte Januar 1946 war Gakowa (wo beinahe 10.000 Donau­schwaben einen bitteren Tod fanden) die erste Stätte, wo er sich zu diesen verzweifelten Menschen hineinschlich. Mit Erlaubnisschein waren seine Landsleute aus Filipowa, Pfarrver­we­ser Paul Pfuhl und sein Kaplan Matthias Johler, ebenfalls ins Lager Gakowa gelangt, bald erkrankten sie jedoch beide an Typhus, um nach ihrer Genesung abermals das Schicksal ihrer Landsleute freiwillig zu teilen. Den ganzen Tag ging der Leichenwagen voll beladen mit den Verstorbenen ans Massengrab, wo sie verscharrt wurden, darunter auch Grubers Eltern. Nur ein­segnen konnte er die Toten noch. Von Kommandant Schut­zo, der Analphabet war, aber über Leben und Tod von 20.000 Menschen verfügte, konnte Gruber mit Verweis auf die Glaubensfreiheit in der neuen Konstitution die Erlaubnis zur Benutzung der Kirche erwirken. Eingegangen in die Geschichte ist der 24. März, der Tag, an dem Gruber zusammen mit Lagerinsassen in einer Messfeier bei überquellendem Gotteshaus das Gelöbnis ablegte: „Wenn wir am Leben bleiben, wollen wir alljährlich aus Dankbarkeit wallfahrten.“ Bis heute wird dieses Gelöbnis von Überlebenden und Bekennern bei Wallfahrten in Europa, Nord- und Südamerika jedes Jahr aufs Neue eingelöst, längst ist es zum Klassiker katholischer Nachkriegsfrömmigkeit geworden. Ebenfalls zur Erfüllung des Gelöbnisses wurde 1979 in Bad Niedernau bei den donauschwäbischen „Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau“ eine Votivkirche eingeweiht, zu der die Lands­leute seither jedes Jahr an Christi Himmelfahrt pilgern. Am Ostersonntag 1946 spendete Gruber nach geheimen Vorbereitungen rund 700 elternlosen Kindern, die kommunistischen Erziehungsheimen überstellt werden sollten, die Erstkommunion und versuchte, ihnen vor der Umerziehung die Grundwahrheiten des Glaubens nahezubringen. Da Religionsvermittlung und kirchliche Feiern verboten waren und die Partisanen ein Spitzelsystem aufgebaut hatten, musste dies gleichsam im frühchristlichen Katakombengeist geschehen, in Scheunen, Ställen, Kellern und sonstigen verborgenen Orten, und setzte eine nervenaufreibende Wachsamkeit voraus.

Gruber fand keine Ruhe in der aufopfernden Hingabe für diese Verlorenen. Selbst völlig erschöpft, ließ er auf Kreis-, Provinz- und Bundesebene nichts unversucht, um auf die Not in den Sterbelagern aufmerksam zu machen und Unterstützung zu mo­bilisieren. Nach Quellenlage war er der erste Donau­schwabe, der die Weltöffentlichkeit vom Schicksal der Jugoslawiendeutschen in Kenntnis setzte. In Belgrad schilderte er bei der päpstlichen Nuntiatur und beim Internationalen Roten Kreuz das Elend. Er scheute sich nicht, persönlich beim Ministerpräsidenten der Vojvodina in Neusatz (Novi Sad) vorstellig zu werden, um die Erlaubnis zu erlangen, in allen Lagern als Seelsorger frei wirken zu können. Freilich wurde er dort nur an den Bundesinnenminister Alexander Ranković nach Belgrad verwiesen. Doch auch bei den „Massenmördern im Ministerfrack“ vorzusprechen, konnte ihn nicht schrecken, im Ministerium jedoch wurde er zu dem „blutigen Minister von Titos Gnaden“ nicht vorgelassen. Immerhin ernannte Bischof Josef Ujčić ihn zum Pfarrer des größten Todeslagers Rudolfsgnad im Banat, das zur Diözese Belgrad gehörte. (Dort fanden insgesamt über 20.000 Menschen den Tod.)

Mit dieser Berufungsurkunde kam er ins Lager, wo er das leidende Volk ebenfalls durch den „Glaubensgeist“ aufrichten und am 24. März 1946 zu Pfingsten an die Gnadenmittlerin Maria auch hier das Glaubensgelöbnis ablegen konnte. In den Zim­mern des sog. „Krankenhauses“ waren einige hundert Kin­der untergebracht, Mädchen und Jungen, dürftig bedeckt auf Stroh und Leintuchfetzen gelagert, bis auf die Knochengerüste ausgezehrte Gestalten, kaum bewegungsfähig vor Erschlaffung, Skorbutwunden und Krätze, erbärmlich weinen sie und schrei­en vor Hunger, wenn sie die Kraft dafür noch haben. Nach die­sem schockierenden Erlebnis begab sich Gruber ins Lager Mo­li­dorf im jugoslawischen Banat. Während seine bisherigen Hil­fe­leistungen wesentlich durch die Untreue von Untergebenen den Befehlen von oben gegenüber möglich geworden waren, gab es bei den linientreuen Kommunisten in Molidorf keinen Spielraum für Abweichungen. Alle Verhandlungen mit dem unerbittlichen Kommandanten schlugen fehl, Gruber landete in Polizeigewahrsam. In den folgenden Monaten irrte er durch die von Terror und Massenmord verwüstete Vojvodina, zog als Wanderseelsorger durch die Lager der Baranja, Perioden der Freiheit wechselten mit solchen der Haft, wenn er in die Konzentrationslager einzudringen versuchte. Heimlich gelangte er noch in die Todesmühlen von Kruschiwl/Batschka und Tenje/ Slawonien, wo sich zwar keine Möglichkeit eröffnete, Hilfe zu leisten, aber er fuhr anschließend nach Zagreb und erstattete seinem Provinzial Bericht. Gruber hatte bald erkannt, dass die hohe Todesrate in den Lagern vom Regime nicht nur billigend in Kauf genommen wurde, sondern die Deutschen des Landes in einem generalstabsmäßig geplanten Lagersystem ausgerottet werden sollten. Der wohlberechnete Völkermord wurde in ei­ner Welt, in der kein Krieg mehr herrschte, offen durchgeführt und auch im Westen nur mit Schweigen quittiert. Diese Botschaft gelangte in der Folge an den Vatikan.

Insgesamt dreieinhalb Jahre verbrachte Gruber in verschiedenen titoistischen Vernichtungslagern, ohne eine Sonderstellung zu genießen, er litt unter dem Mangel wie die anderen. Er ging von einem Sterbenden zum anderen, überall schlug ihm Todeshauch entgegen, aber er behielt wie durch ein Wunder die Kraft, die gedemütigten, morbiden Menschen seelisch aufzurich­ten, ihnen den letzten Trost zu spenden, dem Tod als Schwelle zum ewigen Leben seinen Schrecken zu nehmen. Un­ge­zählten seiner Landsleute hat er die gebrochenen Augen zugedrückt. Aber viele andere konnte er durch eingeschleuste Lebensmittel vor dem Tod bewahren. In den ungarischen, serbischen und kroatischen Ortschaften der Umgebung unternahm er Betteltouren und stieß, allen Hetzaktionen der Partisanen gegen die „Faschisten“ zum Trotz, auf viel Hilfs­bereitschaft. Tausende Internierte, die noch laufen konnten, schmuggelte er mit Hilfe von Schleusern bei Nacht und Nebel aus dem Lager Gakowa über die nahe Staatsgrenze. Manchen mitfühlenden Wachposten konnte der listige Menschenkenner zur Unterstützung, manchen Spießgesellen des Regimes durch Bestechung mit Geld zur Duldung dieser Rettungsaktionen bewegen.

Von der berüchtigten kommunistischen Geheimpolizei war Gruber dreimal verhaftet und eingekerkert worden, es war ihm aber jeweils dank seiner überzeugenden Persönlichkeit gelun­gen, wieder freigelassen zu werden. Von Januar bis Oktober 1946 konnte er weiterhin Überlebenshilfen für die Verhungernden und Kranken organisieren.

Seine Freiheit nutzte er, um die Anklageschrift gegen Tito Die Lage der Donauschwaben in Jugoslawien zu verfassen, mit der er sich an den Päpstlichen Nuntius in Belgrad wandte. Doch die Partisanen waren alarmiert. Schon im Frühjahr 1946 war nämlich dem Pfarrvikar in Palanka Prof. Hans Grieser als Erstem die Flucht aus dem Zivilen Lager Neusatz gelungen. Er hatte dem Hl. Vater in Privataudienz berichtet und erreicht, dass die Gesandten Englands, Frankreichs und Amerikas infor­miert wurden, Radio Vatikan in mehreren Sprachen die Weltöffentlichkeit über die ungeheure Situation im Tito-Staat aufklärte und das Internationale Rote Kreuz mit Hilfsaktionen in die Lager hineinzuwirken begann. In Belgrad schöpfte man Verdacht, Gruber musste sich vor der Geheimpolizei verstecken, wich nach Bosnien aus, wurde aber beschattet und am 23. Juli 1947 (auf der Fahrt von seinem Probationsjahr in Dalmatien nach Slawonien) in Sarajevo zum vierten Mal verhaftet. Zahlreiche Verhöre mit „Gehirnwäsche“ und Folterungen in den Untersuchungsgefängnissen von Belgrad und Neusatz (Novi Sad) sollten den „Reaktionär“ und „Konterrevolutionär“ innerlich brechen und einen Gesinnungswandel herbeiführen. Im berüchtigten Belgrader Gefängnis „Glavnjača“ wurde Gruber in einen bunkerartigen Raum ohne Fenster geworfen und viele Monate lang ohne Bettbedeckung ausgehungert, er hatte ständig mit dem Tod zu kämpfen, man gab dem „Vatikan­spion“ gerade so viele Speisereste, dass er eben noch am Leben blieb und weiter gepeinigt werden konnte – mit Aussicht auf die si­chere Hinrichtung. Gemartert von Eiterfluss, Frostbeulen und Hungerhalluzinationen, litt Gruber unter Anfechtungen und Selbst­mordgedanken, bis zuletzt wehrte er sich gegen den kör­perlichen Zusammenbruch und die geistige Umnachtung. Doch die Kunde von der Befreiung seiner Landsleute richtete ihn auf. Tatsächlich hatten u.a. seine Berichte und Hilferufe wachsende Aufmerksamkeit im Ausland bewirkt und dazu beigetragen, die von den Lagerleitungen tolerierte Flucht über die nahe ungarische oder rumänische Grenze sowie die Auflösung der Todeslager Mitte März 1948 zu ermöglichen.

Anfang September 1948 holte man den körperlich und seelisch völlig erschöpften, schon für tot erklärten Mann wieder ans Tageslicht, setzte die Vernehmungen in Zagreb fort und ver­legte ihn Ende September nach Neusatz. Dem dortigen Kreisgericht lag Grubers Tagebuch über die Zustände in den Todeslagern als Beweismaterial vor, es enthüllte angeblich seine sub­versive Tätigkeit, Spionage und andere Verbrechen gegen den Staat, die jedoch lediglich darin bestanden, dass er den Todgeweihten humanitäre und religiöse Hilfe geleistet hatte. Die recht­liche Qualifizierung war, wie der ganze Prozess, eine Farce. Am 5. Oktober 1948 wurde Gruber nach einer glänzenden, das Gericht beschämenden Verteidigungsrede zu 14 Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit in Sremska Mitrovica verurteilt. Zwischen kriminellen und politischen Häftlingen, zwischen dem Hass der Kommunisten und der nationalen Gehässigkeit chauvinistischer Serben bewährte er sich im Lauf der Jahre als unkorrumpierte Integrationsfigur, im Verborgenen hielt er seine priesterliche Seelsorgetätigkeit im Zuchthaus­all­tag aufrecht, wurde aber verraten und in der Einzelzelle isoliert, gewann jedoch durch seine Standhaftigkeit das Vertrauen nicht nur der Katholiken, sondern auch der evangelischen Christen, der Orthodoxen und der Mohammedaner. Staatliche Repression und Verfolgung halfen besser als jede Moralpredigt, soziale Gegensätze, nationale Feindseligkeiten und religiöse Streitigkeiten unter den verschiedenen Glaubensbekenntnissen zu über­winden und die Menschen seelisch zusammenzuführen. Nach achtjähriger Haft wurde Gruber durch Intervention von Bundeskanzler Konrad Adenauer beim jugoslawischen Staatschef Tito mit Ablauf des Jahres 1955 amnestiert und zusammen mit 14 weiteren Deutschen in die BRD abgeschoben.

Erst nach einem halben Jahr ärztlicher Behandlung und Pflege in diversen Kliniken kam er wieder zu Kräften. 1956 bis 1958 war Gruber Kaplan in der Pfarrei Liebfrauen in Ravensburg. Am 1. Februar 1958 kam er, berufen von Bischof Leiprecht in Rot­tenburg, zum St. Gerhardswerk nach Stuttgart und wurde dessen geistlicher Beirat und Sonderseelsorger für die Donau­schwaben. Er entfaltete eine Fülle von Initiativen, um seine Landsleute kulturell und seelisch zu betreuen, die Heimatkirche diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs wachzuhalten. Zur Verwirklichung des in den Todeslagern abgelegten Gelöbnisses begründete er die donauschwäbische Wallfahrt nach Alt­ötting. Zu Zehntausenden kamen die Landsleute zur Jungfrau Maria nach Niederbayern. Weitere Wallfahrten führte er jährlich nach Stuttgart-Hofen, Ellwangen, Spaichingen, Speyer, Lau­terbach, Steinhausen und Wiblingen durch, begleitete solche nach Mariazell oder fuhr mit Jugendlichen nach Lourdes und Rom. Im Jugenddorf Klinge bei Seckach im Odenwald fan­den wiederholt Treffen von Kindern und Jugendlichen statt, die in den Lagern Titos nicht nur ihre deutsche Muttersprache verlernt hatten, sondern auch zu Janitscharen des Kommunismus gezüchtet worden waren. Ihre Wiedereingliederung in die christliche Weltordnung durch Gruber fand großen Anklang. 1961 war Gruber Mitbegründer des Ger­hards­boten, Sammelpunkt der katholischen Kräfte in der Vertreibung, und übernahm auch Jahre hindurch die Schriftleitung. Nebenbei war er dauernd unterwegs, landauf, landab, von Stadt zu Stadt in einem Dutzend deutscher Bistümer und in Österreich, besuchte weit über 100 Wohnlager und Siedlungen der Heimatvertriebenen, hielt Einkehrtage und Schulungskurse, gab den entwurzelten Menschen in Predigten und Vorträgen Orientierung, spendete Trost, Hoffnung und Mut oder machte Front gegen die Neigung zum materialistischen Diesseits-Denken bei den Aufsteigern und Erfolgreichen. In nahezu allen Siedlungen, die er besuchte, gründete er heimatliche Kulturgruppen, die ebenfalls das Ziel befördern sollten, sein donauschwäbisches Bauernvolk zu einem bewuss­ten und überzeugten Christentum zu führen. Für ihn war es gleich, ob er Ungarndeutsche, seine engeren Landsleute aus der Batschka oder auch Banater Schwaben ansprach, immer war er der Gebende, der Ausgleichende. Sein Name wurde zum Begriff und zum Programm. Als die treibende Kraft im St. Gerhards­werk nach vier Jahren plötzlich fehlte, konnte Gruber nicht adäquat ersetzt werden und blieb ein beklagtes Manko.

1962 nämlich entriss ihn ein Brief aus dem Vatikan seinem liebgewonnenen und fruchtbaren Apostolat. Papst Pius XII. schickte ihn nach Südamerika und betraute ihn mit einer proble­matischen Seelsorgeaufgabe. Es stand zu befürchten, dass der scheinbar katholische Kontinent dabei war, Moskau-hörig zu werden. Im brasilianischen Bundesstaat Paraná sollte Gruber für eine Waldfläche von 150 km Durchmesser Pionier- und Aufbauarbeit im Weinberg des Herrn leisten. Inmitten dieses Gebietes lagen die fünf Dörfer der Donauschwaben-Siedlung Entre Rios, die 1951 mit Hilfe der Schweizer Europahilfe entstanden waren. Nachdem unter Grubers Leitung 21 Seelsorgezentren mit Schulen und Kapellen eingerichtet, sechs neue Kir­chen gebaut und manche baufällige renoviert worden waren, konnte er sich als Pfarrer auf seine Landsleute in Entre Rios konzentrieren. In heroischer Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten versuchte Gruber, die religiöse Substanz bei seinen Pfarrkindern zu stärken, da er dies als Grundlage für jede weitere Aufbauarbeit betrachtete, auch für die Festigung des Gemeinschaftsgeistes und des sozialen Gewissens. Er hatte u.a. einen 16-mm-Projektor mit Tonwiedergabe, ein modernes Ton­bandgerät, Theater- und Notenmaterial mitgebracht. Er stieß auf einen großen geistigen Hunger. Aus kirchlicher Belebung entsprang die der Kultur, er führte heimatliche Sitten ein, baute mit geeigneten Hilfskräften eine systematische Bildungsarbeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf, jedes Dorf bekam zu diesem Zweck ein Kulturheim. Acht Jahre seines Lebens widmete Gruber zwischen 1964 und 1972 mit großem Engagement, hohem Arbeitstempo und ständigem Einsatz dieser Aufgabe, neben dem regelmäßigen Gottesdienst in den fünf Kirchen und dem Religionsunterricht in ebenso vielen Schulen vermittelte er bis tief in die Nacht den Erwachsenen eine fortschrittliche Bildung und gewann in mitreißenden Vorträgen ihre Herzen. In der Mitte der fünf Dörfer regte er den Bau einer Gelöbniskapelle und eine Wallfahrt zu ihr an, die seither jährlich stattfindet. Auch die Betreuung der umliegenden oder zugewanderten Caboclos, Mestizen und Mulatten, hatte der Pater übernommen, besuchte sie in ihren Elendshütten und predigte dort Brasilianisch. Nicht zuletzt bemühte er sich darum, die schädlichen Spannungen zwischen zugewanderten Donauschwaben und der alteinge­sessenen Bevölkerung abzubauen, auch damit konnte er die Ab­wanderung stoppen und einen Grundstein des wachsenden Erfolgs der Siedlung ohne Rassentrennung legen.

Während in Entre Rios ein Nachfolger antrat, war Gruber in den nächsten Jahren im Dienst des Deutschen Auslandssekretariats in Bonn als Wanderseelsorger in Brasilien, Paraguay und Argentinien tätig. Er betreute dabei deutschsprachige Katholiken, die nicht in geschlossenen Siedlungen wohnten, sondern als einzelne Familien nach Lateinamerika ausgewandert, allein ins Ungewisse vorgestoßen waren, aber an ihrer Tradition, an deutscher Sprache und christlichem Glauben festhalten wollten, beides aber zu verlieren drohten. Für Gruber bedeutete dies wegen ihrer Zerstreutheit in den ausgedehnten Räumen Südamerikas eine gewaltige Herausforderung. Sieben Jahre lang wid­mete er sich leidenschaftlich schier endlosen Seelsorgereisen per Geländewagen oder zu Pferd über Zehntausende von Kilometern pro Jahr durch unwegsame Wildnis diesen Familien, erforschte ihre Lebensweise und Lebensbedingungen und suchte sie zu heben. Dabei entdeckte er weltverlorene Dörfer von donauschwä­bischen Landsleuten aus Ungarn, die vor der Jahrhundertwende ihrer Bedrückung durch Latifundienbesitzer entflohen waren und im Urwald von Santa Catarina eine neue Heimat gefunden hatten. Etwa 600 deutschstämmige Siedlungen besuchte Gruber in dieser Zeit und versuchte überall, eine religiös-kulturelle Tätigkeit zu entwickeln. Durch Kinderreichtum und Mangel an fruchtbarem Land, Geldentwertung und Unterdrückung ihrer Muttersprache gerieten sie in existenzielle Nöte. Gegen ihre Vereinzelung und geistliche Verarmung empfahl Gruber die Zweisprachigkeit und suchte sie in neuen Siedlungen zusammenzuführen, da auch aller Wohlstand die Sehnsucht nach Heimatgesinnung nicht vertreiben könne und diese, wie er meinte, nur unter gleichgesinnten Menschen zu finden sei. Wegen seines Wirkens in den deutschen Gemeinden erfuhr Gruber ständig heftige Anfeindungen und hatte zahlreiche Rück­schläge zu verkraften.

Aus Altersgründen musste Gruber die Strapazen dieser Tätig­keit aufgeben. Nach langer Suche hatte er 1977 im Norden Para­guays geeignetes Siedlungsland gefunden, um nach dem Muster der donauschwäbischen Kolonie Entre Rios deutsche Dörfer zu gründen. Das Land war billig zu erwerben, kaum be­siedelt, fruchtbar und klimatisch verträglich. Die schon bestehenden, nach rein kapitalistischen Gesichtspunkten im Urwald angelegten Siedlungen waren ohne religiös-kulturelle Mittelpunkte gegründet worden. Gruber zog daraufhin im katholischen Siedlungsgebiet Itapiranga am Südwestzipfel des brasilianischen Bundesstaates Santa Catarina von Dorf zu Dorf, hielt Vorträge, um die Armen zu sammeln, und ging 1978 mit seiner Gemeinde nach Paraguay. Zu betreuen waren etwa 50.000 deutschstämmige Neueinwanderer aus Brasilien, die ihr Land bis zum Ende der 1970er Jahre verlassen hatten, weil die Muttersprache der Einwanderer unterdrückt wurde.

Am 1. Juni 1977 zelebrierte Gruber die erste Messe im Urwald und gründete ab 1978 im Lauf eines Jahrzehnts, zusammenge­fasst in der Großgemeinde „Moseldorf“, fünf Dörfer in Paso Tuya (Paraguay, Regierungsbezirk Alto Paraná) mit Kulturhaus und Kirche, Rathaus und Schule, Pfarrhaus, Kranken- und Schwesternhaus, hinzu kamen später auch eine landwirtschaft­liche Genossenschaft, Supermarkt und Gästepension, sogar ei­ne aus Deutschland gespendete reichhaltige Dorfbibliothek. Die katholische Siedlungsgemeinde zählte damals insgesamt 500 Mitglieder oder 100 Familien. In Moseldorf arbeitete Gruber mit dem Ziel, das Werk nach der Gründung der Dörfer Baden und Rosenheim mit der weiterer drei Dörfer fortzuführen, unter ihnen Franztal und als Hauptdorf und krönender Abschluss mit einem Marienheiligtum Mariapolis.

Trotz eines reduzierten Wirkungskreises war Grubers Pfarre in den Urwäldern Paraguays 130 km lang und 100 km breit, also etwa so groß wie die Batschka, aber ohne eine einzige gute Straße. In über 20 Gottesdienstzentren, die er regelmäßig be­such­te, musste er in vier Sprachen predigen: in Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und der Indigenen-Sprache Guaraní, die er mit 75 Jahren noch studierte. Die Muttersprache ebenso wie die Nationalität begriff der polyglotte Humanist als ein gottgegebenes Naturrecht und verteidigte nicht nur die eigene. Seine Wohnungen bei diesen Visiten waren oft von erschreckender Dürftigkeit, denn der Hirt wollte das Schicksal seiner Herde teilen. Weil er nicht einmal in Moseldorf ein richtiges Haus, sondern nur eine armselige Hütte besaß, spendeten seine Lands­leute aus Filipowa dem 67-jährigen ein für dortige Verhältnisse fest gebautes Pfarrhaus. Die Einsicht, zu der er gekommen war, nämlich „dass Priester nicht nur über das Himmelreich predigen sollen, sondern dass sie zur gleichen Zeit um das irdische Wohl der Menschen, um die soziale Gerechtigkeit besorgt sein müssen“, kam nun bei ihm selbst zur Anwendung.

Am 28. September 1988 wechselte er in die Pfarrei San Cristó­bal, die zur Diözese Ciudad del Este gehörige Zentrale des neuen Koloniegebietes, das Gruber von Bischof Augustin von Aaken SVD anvertraut wurde. Auch dieses Gebiet, erworben von einem Spekulanten aus Bayern, war auf rein materialistisch-finanzieller Grundlage, ohne geistig-geistlichen Überbau organisiert. Mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland (Landsleute hatten über das St. Gerhardswerk gespendet) und mit Hilfe von Freunden in verschiedenen Kontinenten konnte Gruber mit 15 christlichen Dorfgründungen die Verhältnisse zu­rechtbiegen, der Entfaltung des Seelischen sowie der angestammten Art den gebührenden Platz einräumen, nicht ohne „verleumderisches Geschrei und Gezeter“, vor allem von Seiten der Verkäufer, Verwandten des gestürzten Staatspräsidenten Stroessner. Andererseits gewann Gruber selbst das Vertrauen der aus schlimmen Erfahrungen verbitterten Guaraní-Indi­aner, die er als die verdrängten „tausendjährigen Besitzer des Landes“ mit eigener Kultur und Lebensart akzeptierte, und stif­tete unter den zerstrittenen, aufeinander eifersüchtigen Ethnien einen neuen Geist der Versöhnung und gegenseitigen Verständigung. Während bei staatlichen Ansiedlungen wegen Landerwerbsproblemen 650 Morde im Zeitraum von 1964 bis 1991 festgestellt wurden, ist bei Grubers zahlreichen Koloniegründungen kein Tropfen Blut geflossen.

Für seine Unerschrockenheit, seinen beispiellosen Einsatz und seine herausragende Aufbauarbeit wurde Gruber im Jahr 1988 durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, überreicht durch den deutschen Botschafter in Asunción.

Eine Missionsreise zu den katholischen Donauschwaben Kanadas und der Vereinigten Staaten unternahm er 1969. Besonders in den USA, wo die Deutschen mit rund einem Drittel der Bevölkerung die stärkste Einwanderergruppe überhaupt stellten, blieben sie hinter allen anderen Volksgruppen zurück, was die Pflege der Muttersprache in den Kirchen anging. Ein „gewisser religiöser Indifferentismus“ hatte sich bald auch unter den dortigen Donauschwaben breitgemacht, wie Gruber nach seiner Reise in einem Bericht analysierte, der jedem Ethnologen zur Ehre gereichen würde. Wie es seinem Naturell entsprach, gab Gruber nachhaltige Anregungen und Impulse, Hilfe zur Selbsthilfe, die etwa von der Gemeinde in Cleveland als Chance mit beiden Händen ergriffen wurde. Im Herbst 1990 unternahm Gruber eine Reise nach Jugoslawien, kurz vor dem Auseinanderbrechen des Landes in Teilrepubliken. Den Zerfall Jugo­­slawiens hatte er bereits zwei Jahre früher, bei einem Genesungsurlaub in Europa im Sommer 1988, vorausgesagt. Er versuchte, die serbisch-orthodoxe Kirche zu einem ökume­ni­schen Versöhnungstreffen zu gewinnen, doch wurde er von ihrem Patriarchat abgewiesen.

1994 feierte er seinen 80. Geburtstag und aus Alters- und Ge­sundheitsgründen seinen feierlichen Abschied nach 31-jähriger Tätigkeit in Südamerika, nicht ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Während dieser Zeit war er zum Vorkämpfer der Armen und Unterdrückten geworden. Die Siedler von Moseldorf waren hochzufrieden mit ihrer neuen Heimat und wollten den Missionar nicht gehen lassen, der sich sachkundig und fort­schrittlich zugleich mit Dorfgründungen und Architektur, Diplomatie und Friedensstiftung, Land- und Hauswirtschaft, Wirtschaftshilfe und Geldbeschaffung, Erziehung und Bildung, Kul­tur und Sport, sozialen, nationalen, geschichtlichen und theologischen Problemen auseinandersetzte. Nicht zuletzt fanden seine Berichte, Artikel und Erzählungen etwa im St. Paulusblatt und im Jahreskalender der deutschen Familie Beachtung, daneben blieb er in diversen heimatlichen Blättern des deutschen Sprachraums präsent. Auch staatliche Stellen bewun­derten die Aufbauarbeit und den wirtschaftlichen Fortschritt. Von den Armen umjubelt, erfuhr er konsequenten Widerstand aus den höheren Schichten. Dem systematischen Volksforscher Gruber war nicht entgangen, dass mit dem Verlust der deutschen Tradition auch der hergebrachte Fleiß, die moralische Ehrlichkeit sowie die tiefe religiöse Gesinnung verloren gingen. Indem er die deutsche Sprache und Kultur der Siedler zu retten und ihr Christentum vor dem Marxismus zu schützen versuchte, ohne damit im Geringsten ihrer Loyalität zur neuen Heimat Abbruch tun zu wollen, ist Gruber aber auch zum Opfer von Tadel und Verleumdung bis hin zum Predigtverbot durch seinen Bischof geworden.

Der Urwaldmissionar kehrte 1994 zurück nach Europa und war bis 1998 Hausgeistlicher im Altenheim Adam-Müller-Gutten­brunn in Temeswar (Rumänien). Im Auftrag des Provinzials der Jesuiten in Kroatien wurde Gruber am 23. Juni 1999 zur weiteren Versorgung und Pflege ins Ordenshaus der Jesuiten nach Zagreb gebracht, wo er bis zu seinem Tode blieb. Hier liegen Beginn und Ende seines Priesterlebens. Am 14. August 2002 verstarb er im 89. Lebensjahr im Krankenhaus in Zagreb.

Schriftstellerisch war Gruber seit seiner Schulzeit tätig, er schrieb Artikel, Erfahrungsberichte, historische Betrachtungen und Essays vor allem für die Heimatpresse. Mit zahlreichen Vorträgen, die er oft mit selbst gemachten Lichtbildern oder Filmen illustrierte, schilderte er an vielen Orten der Welt, wo seine Landsleute sich angesiedelt hatten, seine Erfahrungen und Leiden mit dem Kommunismus in Wort und Bild oder seine Eindrücke aus Südamerika in Deutschland und Öster­reich. Seiner Meinung nach war jeder Donauschwabe, der den „ras­sischen“ Verfolgungen entkommen war, wo immer auf dem Globus er eine neue Heimat gefunden hatte, verpflichtet, als Zeuge gegen den gottlosen Kommunismus und sein un­menschliches Gewaltsystem auszusagen. Unermüdlich wies Gru­ber auf das Martyrium seiner Landsleute in den Vernichtungslagern der Batschka und des Banats hin: „Im Vergleich zu anderen Volksstämmen haben die Donauschwaben die meisten Todesopfer in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zu beklagen.“

Von Gruber stammt das wohl bedeutendste, wenn auch durch den Verlust des Originals nachträglich rekonstruierte Lagertage­buch eines Donauschwaben. Diese Erinnerungen erschienen 1977 zuerst auf Portugiesisch in Brasilien unter dem Titel Nas Garras do Dragão vermelho, weil der Autor in der donauschwäbischen Siedlung Entre Rios wirkte. In der deutschen Originalsprache kam das Buch unter dem Titel In den Fängen des roten Drachen 1986 heraus, also dreißig Jahre nach Grubers Freilassung aus dem Zuchthaus. Diese erschütternden Aufzeichnungen aus der Lagerzeit und Gefangenschaft – ein Zeugnis der Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit – erlebten drei deutsche Auflagen mit insgesamt 12.000 Exemplaren und wurden später auch ins Englische und Kroatische übersetzt, für donauschwäbische Verhältnisse ein absoluter Bestseller mit Aus­nahmecharakter, denn auch der einfachste Stammesangehörige konnte sofort erkennen, dass dieser bescheidene Priester ihn verstand, nichts anderes predigte als was er tat und sein Volk durch die ihm erwiesene Treue geadelt hatte. Das bewusst volkstümlich geschriebene, nur der Wahrheit verpflichtete Tagebuch ist zugleich eine lebendige Einführung in die donauschwäbische Geschichte und Tragödie von nicht nur dokumentarischem, sondern auch literarischem Wert. Ohne dieses Tagebuch wären die Donauschwaben um einen entscheidenden Teil ihrer Historiografie ärmer. Gleichwohl enthält es keinerlei Revanchismus, sondern bringt bei aller Deutlichkeit im Benennen der an Deutschen begangenen Verbrechen und der Ausleuchtung historischer Hintergründe im Gegenteil den Wunsch nach Versöhnung mit den zehn Nachbarvölkern in der damals noch autonomen Provinz Vojvodina zum Ausdruck – einschließlich der innig gewünschten, aber realitätsfernen Perspektive auf ein zukünftiges Zusammenleben mit rückkehrwilligen Donau­schwa­ben aus aller Welt. Im ersten Teil des übersichtlich aufgeteilten Buches, der am 8. Mai 1945, dem Tag seiner Verhaftung in Zagreb beginnt, schildert der Autor in aller Nüchternheit ein modernes Kapitel der Acta Martyrum, wie er die Geschichte der Ausrottungslager Jugoslawiens einige Male ausdrücklich nennt. Gruber wollte den mindestens 70.000 Opfern dieser Lager, deren Leiden von der Welt gar nicht wahrgenommen wurde oder längst wieder vergessen war, „ein geistliches Monument“ errichten, „wenn man schon von Seiten der roten Machthaber bisher alles Mögliche versuchte, jede blutige Spur ihrer Greueltaten von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen“. Das authentische Buch eines Zeitzeugen aus Titos „Herz der Finsternis“ rief durch ein positives Presseecho auch in der deutschen Öffentlichkeit einen Aufklärungsschock über einen sorgfältig ausgeblendeten Völkermord hervor, besonders als Johann Georg Reißmüller, der frühere Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Belgrad, es eine furchtbare Leseerfahrung nannte und den Bonner Politikern zur Lektüre empfahl. „Übler ist es politischen Strafgefangenen auch in Stalins und Hitlers Gefängnissen nicht ergangen“, schreibt er (FAZ v. 7.5.1986). In Amerika warnte der Heimatbote den englischsprachigen Buchkäufer, sich auf eine durch Mark und Bein gehende Lektüre, auf Bestürzung, Niedergeschlagenheit, Ärger und Tränen gefasst zu machen.

Als eine Schlüsselgestalt donauschwäbischer Zeitgeschichte hat Gruber Popularität erreicht wie kein anderer deutscher Priester aus Südosteuropa, seine Opferbereitschaft in den Vernichtungslagern der südslawischen Partisanen hat ihm legendären Ruf, schon zu Lebzeiten eine Art Märtyrerruhm eingebracht. Verehrt und bewundert wurde er nicht nur von Freunden und Glaubensgenossen, selbst seinen Todfeinden nötigte er Respekt ab. Weil sich erst in Zeiten der Bewährung der Weizen von der Spreu sondert, anerkannten auch Menschen anderen Bekenntnisses oder mit kritischer Distanz zur Kirche Stärke und Echtheit seines Glaubens. Vor nichts und niemandem zurückschreckend, hat er sich immer dort hingezogen gefühlt, wo die Not am größten war. Wagemutig drängte er zu Rettung und Beistand, war Motor und Impulsgeber für die Organisation von Hilfe. Nur mit den Waffen des Geistes ausgerüstet, hat er den Dämonen zweier menschenverachtender Ideologien – dem Kapitalismus und dem Kommunismus – die Stirn geboten und sein Leben lang beispielhaft konsequent Gottes- und Nächstenliebe vorgelebt. Charismatisches Talent und eine kreative Natur machten ihn zur Erweckergestalt, der es zentral um die Wahrung kultureller Eigenart, sozialen Ausgleich und Versöhnung ging. Wie bitter dieser christliche Held unserer Tage seinen gefährlichen, rastlosen, entbehrungs- und arbeitsreichen Einsatz gegen Ungerechtigkeit und Armut auch büßen musste, nie hat er ihn bereut.

Werk: In den Fängen des roten Drachen. Zehn Jahre unter der Herrschaft Titos, Miriam-Verlag, Jestetten 1986, 240 S., 4. überarb. u. erw. Aufl. Ditzingen 1994, 256 S.

Bild: Autor.

Stefan P. Teppert

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