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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Grzesinski, Albert

Politiker

* 1879, 18.07.
Altentreptow/Treptow an der Tollense

† 1947, 31.12.
New York

Albert Grzesinski wurde als uneheliches Kind eines Hausmädchens im vorpommerschen Altentreptow geboren. 1894 heiratete seine Mutter den Stellmacher Thomas Grzesinski, der ihn später adoptierte, und zog mit der Familie nach Spandau bei Berlin um. Nach einer Lehre als Metalldrücker und Gürtler ging der Sohn nach Offenbach, wo er sich 1897 dem Deutschen Metallarbeiterverband und der SPD anschloß. Hier stieg er zum Kreisvorsitzenden auf, und seit 1906 arbeitete er hauptberuflich als Gewerkschaftssekretär. 1913 wurde er Vorsitzender des Kasseler Gewerkschaftskartells. Als die Gewerkschaften während des Ersten Weltkriegs in die Sicherung der Zivilversorgung eingebunden wurden, erlaubte ihm seine Position, erste Erfahrungen in der öffentlichen Verwaltung zu sammeln. In der Revolution wurde er Vorsitzender des lokalen Arbeiter- und Soldatenrats, als der er im Sinne der gemäßigt-sozialdemokratischen Linie auf einen raschen Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie hinwirkte. Daß es damit aber nicht genug sein sollte, mußte Grzesinski ab Herbst 1919 als Reichskommissar des Reichsabwicklungsamts erfahren, das den Abbau der kaiserlichen Heeres durchführte: Die Militärs wehrten sich erfolgreich gegen die Abrüstung und die Bindung der neuen Reichswehr an die republikanische Verfassung. Trotz seiner Mißerfolge bei der Republikanisierung des Heeres galt Grzesinski – einer der wenigen Sozialdemokraten, die sich in Fragen der Militärverwaltung auskannten – als der richtige Mann dafür. 1920 schlug ihn sein alter Freund aus Kasseler Tagen, der ehemalige Ministerpräsident Philipp Scheidemann, vergeblich als Reichswehrminister vor. 1922 wechselte Grzesinski in die preußische Innenverwaltung, wo er als Präsident des Landespolizeiamts für Preisüberwachung und ab 1925 als Berliner Polizeipräsident tätig wurde.

Als Ministerpräsident Otto Braun (SPD) ihn 1926 zum preußischen Innenminister machte, begann der bedeutsamste Abschnitt in Grzesinskis Karriere. Sein Ziel war es, in dem größten deutschen Land das zu erreichen, was die Revolution von 1918/19 nicht geschafft hatte: Er strebte eine Republikanisierung und Demokratisierung des öffentliches Dienstes an und erwies sich dabei als deutlich zupackender als sein Vorgänger Carl Severing (SPD). So setzte er die Abschaffung der ostdeutschen kreisfreien Gutsbezirke durch, ein Relikt der Feudalzeit, das den Grundbesitzern die Verwaltungshoheit über ihre Ländereien gab und die dort lebende Bevölkerung von jeder demokratischen kommunalen Selbstverwaltung ausschloß. Außerdem machte sich der Innenminister daran, die Spitzen der preußischen Verwaltung von Gegnern der Republik zu säubern, und förderte die Karrieren von verfassungstreuen Beamten. Diese republikanische Patronagepolitik trug dem bulligen Pommern nicht nur die Feindschaft der Rechten ein; selbst in der eigenen Partei stieß sie auf Widerstand, weil Grzesinski bei seiner Personalpolitik auch vor ihr nicht haltmachte. Da er an das Beamtenrecht gebunden blieb, gelang die Republikanisierung der Beamtenschaft allerdings nur teilweise.

Die Verteidigung der Republik gegen Extremisten von rechts und links war eine weitere Aufgabe, der sich Grzesinski stellte. Seit 1928 trat er für das Verbot des weit ins rechtsradikale Lager abgedrifteten Veteranenverbands ”Der Stahlhelm”, der NSDAP und des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes ein. Dessen Auflösung konnte Grzesinski im Frühjahr 1929 reichsweit durchsetzen, nachdem es in Berlin auf Grund eines von ihm verhängten Demonstrationsverbots am 1. Mai zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Die Polizei schoß scharf gegen die Kommunisten und wen sie dafür hielt, so daß am Ende 33 Tote zu beklagen waren, darunter kein einziger Polizist. Diese Überreaktion der auf den Bürgerkriegsfall gedrillten Polizei zeigte, daß Grzesinskis Reformen nicht weit genug gegangen waren. Der Verzicht auf eine Entmilitarisierung der Polizeiausbildung schadete der Republik: Nach dem ”Blutmai” waren die Brücken zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die Thälmann und seine Anhänger auf ihrem ”ultralinken” Kurs schon zuvor nicht hatten betreten wollen, endgültig abgebrochen. Auch gegen die Rechtsradikalen ging Grzesinski mit großer Schärfe vor: So behinderte er im Herbst 1929 mit Haussuchungen und disziplinarrechtlichen Maßnahmen ein Volksbegehren, das die Rechtsradikalen gegen den Youngplan anstrengten, und verbot den ”Stahlhelm” im Rheinland und in Westfalen wegen Verstoßes gegen die Entmilitarisierungsbestimmungen des Friedensvertrags. Hintergrund war Preußens Konflikt mit der Reichswehr wegen der Einbeziehung rechtsradikaler Wehrverbände in illegale Aufrüstungsmaßnahmen. Unter dem ultimativen Druck von Reichspräsident von Hindenburg wurde das Verbot im Sommer 1930 wieder aufgehoben.

Zu dieser Zeit war Grzesinski schon nicht mehr Innenminister. Er war im Februar 1930 zurückgetreten, weil ihn seine zerrüttete Ehe und seine Lebensgemeinschaft mit einer kanadischen Schauspielerin gegenüber der Rechtsopposition und dem Zentrum, dem katholischen Koalitionspartner der preußischen SPD, angreifbar gemacht hatten. Grzesinski ordnete seine privaten Verhältnisse und kehrte im Herbst 1930 an die Spitze der Berliner Polizei zurück. Seine Aktivität richtete sich nun vor allem gegen die Nationalsozialisten. Doch behinderte die Reichsregierung unter Kanzler Brüning seine Maßnahmen. Im Dezember 1931 plante Grzesinski, Hitler vor den Augen von Journalisten festnehmen und als unerwünschten Ausländer aus Preußen abschieben zu lassen. Brüning stand aber gerade in Verhandlungen mit der NSDAP und verhinderte diesen Schritt. Grzesinski griff nun zu öffentlichen Reden: Im Februar 1932 rief er zum Beispiel aus, man solle Hitler ”mit der Hundepeitsche aus Deutschland heraustreiben”, was ihm nicht nur den bleibenden Haß der Nationalsozialisten, sondern wiederum harsche Kritik aus der Reichsregierung eintrug. Als Brünings Nachfolger Franz von Papen die preußische Regierung am 20. Juli 1932 absetzen ließ, weigerte sich Grzesinski, seinen Posten zu verlassen, und wurde für anderthalb Stunden festgenommen; doch für einen breiten, republikanischen Widerstand gegen den ”Preußenschlag” von Hitlers späteren Steigbügelhaltern sah er angesichts der militärischen Überlegenheit der Reichswehr keine Chance. Nachdem sich Grzesinski in den Wahlkämpfen 1932/33 engagiert hatte und dabei von einem nationalsozialistischen Schlägertrupp fast verprügelt worden war, reiste er am 5. März 1933 in die Schweiz aus. Sein Name stand auf der allerersten Ausbürgerungsliste der nationalsozialistischen Machthaber, seine Pension wurde gestrichen, sein Besitz beschlagnahmt. Ein Beratervertrag mit der nationalchinesischen Regierung kam nicht zustande, weshalb Grzesinski im September 1933 nach Paris übersiedelte, wo er sich in verschiedenen Exilantengremien betätigte und 1936 schließlich Sekretär des ”Comité Consulatif” des französischen Innenministeriums für Immigrationsfragen wurde, ein Problemfeld, das ihm aus seiner Tätigkeit als preußischer Innenminister vertraut war. Im Jahr darauf ging er nach New York, wo er sich wiederum in führender Position in verschiedenen Organisationen engagierte. Auch hier nahm er Kontakte zu staatlichen Stellen auf und arbeitete als Informator des OSS, der Vorgängerorganisation des CIA. Nach teils politisch, teils persönlich bedingten Streitfällen zog er sich aus der Verbandsarbeit zurück, weswegen der über Sechzigjährige seit 1943 sein Brot wieder als Metalldrücker verdienen mußte. Die Rückkehr nach Deutschland war ihm nicht vergönnt. Kurt Schumacher wollte den fähigen Verwaltungsfachmann für seinen Mitarbeiterstab haben, doch kurz vor seiner geplanten Abreise erlag Albert Grzesinski 68jährig einer Lungenentzündung.

Werke:Verwaltungsarbeit im neuen Staat, Berlin 1928. – La Tragi-Comédie de la République de I’Allemagne, Paris 1934. – Inside Germany, New York 1939.

Lit.: Neue Deutsche Biographie, Bd. 7, Berlin 1966. – Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, München 1988. – Werner Roeder und Werner A. Stauss (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. 1, München 1990. – Uwe Puschner (Hg.): Handbuch der preußischen Landtagsabgeordneten 1919 – 1933 (erscheint voraussichtlich 1997). – Erich Matthias (Hg.): Mit dem Gesicht nach Deutschland. Eine Dokumentation über die sozialdemokratische Emigration, Düsseldorf 1968. – Joachim Radkau: Die Deutsche Emigration in den USA, Düsseldorf 1971. – Anthony Glees: Albert C. Grzesinski and the Politics of Prussia, in: English Historical Review 89 (1974),  S. 814 – 834. – Hans-Peter Ehmi: Bollwerk Preußen?, Bonn 1975. – Hagen Schulze: Otto Braun oder Preußens demokratische Sendung, Berlin 1977. – Christoph Graf: Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur, Berlin 1983. – Horst Möller, Parlamentarismus in Preußen 1919 – 1932, Düsseldorf 1985. – Thomas Kurz, ”Blutmai”, Bonn 1988.

Bild: Aus "Inside Germany" (s. o.)

  Philipp Heyde

 

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