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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Guenther, Johannes Ferdinand von

Verleger, Lyriker, Übersetzer, Schriftsteller

* 1886, 26.05.
Mitau/Kurland

† 1969, 29.04 oder † 1973, 28.5.
Kochel bzw. München

Der Schriftsteller und Übersetzer Johannes von Guenther, der 65 Jahre deutscher und russischer Literatur mitgestaltet hat, stammte väterlicherseits aus Pommern. Sein Urgroßvater war Ende des 18. Jh. aus Pommern in das Baltikum eingewandert und Bürgermeister der Stadt Tukkum in Kurland geworden. Als Kurländer bezeichnete sich der Urenkel, am 26. Mai 1886 in Mitau als Sohn des dortigen Gefängnisdirektors geboren. In ihm regte sich schon früh der Drang nach literarischer Betätigung. Die Mitausche Zeitung veröffentlichte eine Humoreske, die er als Schüler verfaßte; es entstanden Dramen, ein Versbändchen „Schatten und Helle“ erschien im Jahre 1905, nachdem im Jahre zuvor seine erste Übersetzung aus dem Russischen entstanden war. Schon als Schüler suchte er nach Menschen mit gleichen Neigungen, stand er im Briefwechsel mit namhaften deutschen und russischen Lyrikern seiner Zeit, von denen er die meisten später auch persönlich kennengelernt hat. Er bereiste Deutschland, besuchte Dresden und München; im Jahre 1906 folgte seine erste Reise nach Rußland, wo ihn in St. Petersburg sein Weg zu Alexander Blok führte, der als bedeutendster russischer Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt. Guenther nahm regen Anteil am literarischen Leben der Zarenmetropole und kehrte auch später wiederholt zu längeren Aufenthalten dorthin zurück. Bei der Gründung der literarischen Monatsschrift „Apollon“ im Jahre 1909 übernahm Guenther, der in jenen Jahren im Banne Stefan Georges stand und ein russisch geschriebenes Buch über George veröffentlichte, die Berichterstattung über die deutsche Gegenwartsliteratur. Von St. Petersburg aus besuchte er auch Moskau, doch „Moskau gefiel mir nicht. Mein Rußland heißt Petersburg.“ Als eine russische Schriftstellerin damals äußerte, Guenther sei eigentlich ein russischer Dichter, der nur zufällig deutsch schreibe, habe der Dichter Wjatscheslaw Iwanow zu ihm gesagt: Russen haben wir genug; Gott sei Dank, daß Sie ein Deutscher sind.

Und als deutscher Schriftsteller hat sich Johannes von Guenther in der Folgezeit auf vielfältige Weise bewährt. Seit 1914 lebte er ganz in Deutschland, in München, in Leipzig und Berlin. Er nahm Verbindungen zu Zeitschriften und Verlagen auf. Als Georg Müller zum Kriegsdienst einberufen wurde, übernahm er die Leitung seines Münchener Verlages und gründete 1919 den Musarion-Verlag. Er stand in Fühlung mit allen namhaften Persönlichkeiten des literarischen Lebens, von Binding und Dehmel bis Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder, ganz zu schweigen von den baltischen Dichtern, von Bruno Goetz bis Paul Graf Keyserling; mit dem Balten Herbert von Hoerner und dem Petersburger Henry von Heiseler war er befreundet. Zur Hauptaufgabe seines Lebens aber wurde die  Einbürgerung  der  russischen  Literatur aller Sparten  in Deutschland. Es heißt, sein übersetzerisches Lebenswerk habe den Umfang einer gar nicht einmal so kleinen Bibliothek. Er erschloß der deutschen Leserwelt die wesentlichsten Werke der russischen Literatur. Er übertrug die Werke von Dostojewski, Gogol, Lermontow, Lesskow, Puschkin, Tolstoi, Turgenew und Tschechow, den Dramatiker A.N. Ostrowskij und mehr als 3000 russische Gedichte mit rund 60000 Versen, wobei ihm meisterhafte Gedichtübertragungen gelungen sind. Guenther war nicht nur ein Meister des Wortes, „seine besondere Stellung unter den Übersetzern beruhte auf reicher literarischer Erfahrung und seiner Verflochtenheit mit der Gegenwartsliteratur“ (F.W. Neumann). „Selbstverständlich hätte ich nie mein Riesenwerk beginnen und vollenden können, die russischen Klassiker ins Deutsche zu übersetzen, wenn ich nicht als Balte schon früh mit der russischen Sprache in Berührung getreten wäre“, sagte Johannes von Guenther einmal. Sein eigenes Werk umfaßt fünf Lyrikbände, siebzehn Dramen und Lustspiele, darunter den viel gespielten „Kreidekreis“ und den „Don Gil von den grünen Hosen“, sowie drei Romane, unter ihnen den „Rasputin“. Sein Erinnerungsbuch „Ein Leben im Ostwind“ (1969) ist das Selbstbildnis einer Vollblutnatur. Johannes von Guenther starb in München am 28. Mai 1973 im Alter von 87 Jahren.

Lit.: Friedrich Wühelm Neumann: Johannes von Guenther. Zu seinem 85. Geburtstag. Jahrbuch des baltischen Deutschtums. Bd. XVIII/1971, Lüneburg 1970; Johannes von Guenther. Baltisches Erbe, 65 Beiträge in Berichten und Selbstzeugnissen, hrsg. v. Erik Thomson, Frankfurt/Main, 1964.

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