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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hadina, Emil

Schriftsteller

* 1885, 16.11.
Wien

† 1957, 07.08.
Ingolstadt

Leben

Wofür schaffen? Wofür streben?
Unerlösbar rollt das Leben,
Stets von neuem, stets von vorne,
Bald in Freude, bald im Zorne,
Um nach kurzem Sonnetrinken
Wunderahnend zu versinken.
Ewig Anfang, ewig Ende,
Ewig heiße Fieberhände,
Die nach Licht und Sternen fassen
Und verwelken und verblassen,
Ewig Golgatha und Hohn,
Ewig Kreuz und Menschensohn–
Und doch schaffen wir und streben,
Teufel-, tod- und notumgeben,
Denn wir leben, leben, leben!

Dieses Gedicht aus dem Band „Neue Dichtungen“ von Emil Hadina, wie das meiste bei L. Stackmann in Leipzig erschienen, ist bezeichnend für die geistige Welt, den idealistischenDuktus und die sich an zeitlosen und immer wieder aktuellen Problemen orientierende literarische Arbeit des Dichters. Der als Sohn sudetendeutscher Eltern (der Vater kam aus dem ostschlesischen Teschen) in Wien geborene studierte am traditionsreichen Troppauer-Gymnasium (er hat den Prolog zur 300-Jahr-Feier des Troppauer deutschen Staatsgymnasiums 1930 verfaßt) und danach Philosophie in Wien. Die längste Zeit seines Lebens hat er in Troppau gewirkt, u.a. als Mittelschulprofessor und Schuldirektor – Schultätigkeit in Bielitz und Iglau und die Mitwirkung am österreichischen Schulbücherverlag waren vorausgegangen. Troppau hat er stets als seine geistige und auch seine eigentliche Heimat empfunden. Nach einem Refugium in Nordmähren gegen Schluß des Krieges ging der Vertriebene nach Wien und schließlich nach Ingolstadt, wo er, fast vergessen, gestorben ist. Emil Hadina, der Lyriker, der Essayist und vor allem der Romancier, ist in den 20er und frühen 30er Jahren einer der beliebtesten und mit hohen Auflagen geradezu verwöhnten Autoren gewesen.

Die Romane, die er in jener Zeit schrieb, waren vornehmlich in eigener Deutung den Lebensschicksalen der Frauen großer deutscher Dichter oder diesen selbst in ihren Verhältnissen zur Frauenwelt gewidmet. Gleich der erste dieser Romane „Die graue Stadt – die lichten Frauen“, mit Theodor Storni im Mittelpunkt (1922), machte ihn berühmt. Diese dichterischen Biographien, in denen zugleich die literarische und gesellschaftliche Welt jener Zeit verarbeitet war, wurden zu so etwas wie einem Markenzeichen, mit dem Emil Hadina – heute fast unbeachtet – einen breiten Raum in der Aufmerksamkeit der Leser einnehmen konnte. Er entsprach damit auch der idealistischen Anschauung der Bürgerkreise. Der Storm-Roman fand seine Fortsetzung in dem drei Jahre später erschienenen „Kampf mit den Schatten“. Weitere Werke dieses Typus, jeweils individuell und aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen abgewandelt, wurden Gottfried August Bürger („Dämonen der Tiefe“), der Karoline Schlegel („Madame Luzifer“), Goethes Charlotte von Kalb („Ihr Weg zu den Sternen“), Wilhelm Hauff („Götterliebling“) zugedacht. Der 1931 erschienene Roman „Friederike erzählt“ ist ein simuliertes Tagebuch aus Sesenheim, das Emil Hadina gewissermaßen einer Nachfolgerin dieser Friederike, gleichfalls einer Pfarrerstochter aus der evangelischen Gemeinde in der Landeshauptstadt Troppau, in die Feder diktiert. Er gibt sich als Herausgeber dieser Aufzeichnungen in einer Art mystischer Verwandlung und Anverwandlung über die Generationen hinweg.

In der Einleitung schreibt Hadina: „Friederike Brion, die blondzöpfige Pfarrerstochter aus Sesenheim, deren kurzer Liebestraum in schwindelnder Dichterhöhe mit einem langen, glücklosen Leben der Entsagung, beides aber mit der rührendsten Unsterblichkeit vergolten wurde, hat seither neben zünftigen Gelehrtenfedern auch Bleistift und Schreibmaschine poetischer Gemüter reichlich genug in Bewegung gesetzt. Nahezu alle Dichtungsarten haben sie besungen und beklagt, gefeiert und zu verklären gesucht: Vers, Epos, Roman und Drama. Zuletzt auch die Operette. Und damit schien ihr Schicksal besiegelt. Wenn ich trotzdem darangehe, hier eine Art neuer Friederike-Dichtung der Öffentlichkeit bekanntzugeben, so hat dies seine wohlabgewogenen Gründe. Die Umstände, die zu der Abfassung dieser Aufzeichnungen führten, die ganze Person der jugendlichen Dichterin oder Seherin – welcher Name berechtigter ist, überlasse ich den Lesern zur Entscheidung –, die Betrauung mit dem weiteren Schicksal des Manuskriptes, das völlig meinem Gutdünken freigegeben wurde, all dies trägt nach meinem Empfinden so ungewöhnlichen, geradezu singulären Charakter, daß ich mich verpflichtet sah, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf diese eng und sorgsam beschriebenen Blätter zu lenken, deren Besitz immer zu den erlesensten Kostbarkeiten meiner Bücherschränke zählen wird. Daß die Schriftzüge hier von der sonstigen Schreibart der Verfasserin trotz aller unverkennbaren Identität der gleichen Hand in nicht unwesentlichen Punkten abweichen, ja, daß namhafte Graphologen und Kenner der wenigen von Friederike Brion stammenden Zeilen eine verblüffende Ähnlichkeit der beiden Handschriften feststellen mußten, sei nur nebenbei vorweggenommen.

Nun bitte ich, ehe ich meiner jungen Freundin das Wort lasse, um kurzes Gehör, wie diese ,Dichtung’ entstand und wie ich dazu kam, sie heute herauszugeben. In der sudetendeutschen Stadt, in der ich jahrzehntelang lebte, steht neben der in schmucklosem Rohziegelbau freundlich voll gotischer Frömmigkeit aufsteigenden evangelischen Kirche ein altes Haus mit weiten Räumen und eigentümlich duftenden Korridoren. Das Pfarrhaus, worin vor dem Bau des Kirchleins auch der Gottesdienst abgehalten wurde und das sonntägliche Harmonium spielte, dessen verträumte Andacht in die hohen Bäume und Fliederkronen schwoll, die damals noch an der Stätte der heutigen Kirche vor den Fenstern des Betsaales rauschten und mitsangen. Dieses Haus und sein unvergeßlich würdiger Pfarrherr, eine hohe, männlich stolze Erscheinung mit geteiltem Pastorenbart, aber frei von jedem Schatten pastoralen Dünkels und kirchlicher Engherzigkeit, ein Weiser im Geiste, aber ein Kind im Herzen, boten mir von den wild durchstürmten, welträtselgepeinigten Studentenjahren an oft die letzte und einzige Zuflucht, wo ich immer Verstehen, immer Freundschaft, immer die Nähe zeitlosen Friedens finden konnte.“

Neben den oft sehr lyrisch vorgetragenen Prosawerken erschienen eine Reihe von gern gelesenen, heute leider etwas in den Hintergrund gedrängten Gedichten, ferner Novellen, so etwa mit dem bezeichnenden Titel „Kinder der Sehnsucht“ oder „Das andere Reich“, der heimatbezogene Band „Heimat und Seele“, „Lieder und Legenden“. Gleichfalls summarisch sei hingewiesen auf den Bildungs- und Entwicklungsroman „Advent. Roman einer Erwartung“ oder auf die „Geschichte zweier Frauen und einer Liebe, Maria und Myrrha“. Hadina hat sich auch als Anthologist betätigt, so u.a. mit seinem Trostbuch „Von deutscher Art und Seele“ und dem auch heute noch eine Fundgrube darstellenden Buch „Großböhmerland. Ein Heimatbuch für Deutschböhmen, Nordmähren und das südöstliche Schlesien“, zusammen mit Wilhelm Müller-Rüdersdorf, Leipzig 1923.

Werke: G.: Alltag und Weihe (1914); Nächte und Sterne (1917); Himmel, Erde und Frauen (Sonette; 1926). E.: Die graue Stadt – die lichten Frauen (Storm-R.; 1922); Großböhmerland (zusammen mit W. Müller-Rüdersdorf; 1923); Kampf mit den Schatten (Storm-R.; 1925); Dämonen der Tiefe (Burger-R.; 1925); Madame Luzifer (Karoline-Schlegel-R.; 1926); Ihr Weg zu den Sternen (Charlotte-von-Kalb-R.; 1926); Götterliebling (Hauff-R.; 1927); Friederike erzählt (R. um Friederike Brion; 1931).

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