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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hagen, Karl Gottfried

Chemiker, Physiker

* 1749, 24.12.
Königsberg i.Pr.

† 1829, 02.03.
Königsberg i.Pr.

Karl Gottfried Hagen war der letzte Universalgelehrte an der Albertus Universität in Königsberg für die Fächer Physik, Chemie, Botanik, Zoologie und Mineralogie. Von Haus aus Apotheker, richtete er in seiner vom Vater übernommenen Apotheke ein experimentelles Laboratorium für Chemie und Pharmazie ein, das er der Universität für Forschung und Lehre zur Verfügung stellte. Bereits während der ersten Unterrichtsjahre ab 1775 störte es ihn, daß die Pharmazie quasi nur ein Anhängsel der Medizinischen Fakultät war. Er strebte danach, der “empirischen Pharmazie, also der traditionellen Apothekerkunst– eine wissenschaftliche, rationelle Pharmazie an die Seite” zu stellen. Hierzu erhob er den Experimentalunterricht für Chemie und Pharmazie auf ein bisher in Deutschland nicht bekanntes Niveau.

An dieser Entwicklung hatte Immanuel Kant einen nicht unbedeutenden Anteil genommen. Er erkannte früh die hoheBegabung des Studenten K. G. Hagen und bedauerte, daß dieser1772 das Medizinstudium abbrechen mußte. Hagens Vater war gestorben und der Sohn mußte nach bestandenem Apothekerexamen in Berlin als ältester Sohn die Hofapotheke in Königsberg übernehmen, damit er die verwitwete Mutter und seine Geschwister ernähren konnte.

1775 trat der Dekan der Medizinischen Fakultät an Hagen mit der Aufforderung heran, er möge über die Ausarbeitung einer Dissertation die Lehrbefugnis als “Professio Botanici et materiae medicae” erlangen, um Studenten in weiteren naturwissenschaftlichen Fächern zu unterrichten. Hagen schrieb daraufhin eine Dissertation über das Zinn. Es folgten erstmals an der Universität Vorlesungen über Mineralogie und das Linné’sche Pflanzensystem, bis er schließlich die genannten fünf Fächer an der Universität vertrat. 1779 wurde Hagen außerordentlicher, 1788 ordentlicher Professor, wieder auf Fürsprache von Kant beim damaligen Minister von Zedlitz hin.

Zwischen Kant und Hagen entspann sich, trotz des Altersunterschiedes, eine freundschaftliche Beziehung. Beide trafen sich nicht nur regelmäßig bei der Kant’schen Tischgesellschaft, sondern auch etwa alle 14 Tage abends gesellig in der Küche der Hofapotheke (Chronik) zu schlichtem gemeinsamen Essen im Kreise der Familie. Beide verband das Interesse an der naturwissenschaftlichen Denkweise. Zudem bewunderte Kant den Werdegang des Freundes, der imstande war, Studenten völlig neuartig und anschaulich anhand von Experimenten zu unterrichten. Dabei gab Hagen ihnen die von ihm selbst geschriebenen Bücher an die Hand, wie dasLehrbuch der Apothekerkunst und denGrundriß der Experimentalpharmazie. Letztere Schrift nannte Kant ein “logisches Meisterwerk”. Auch weitere Veröffentlichungen wurden zu Standardwerken des Unterrichtes, die der Pharmazie den Weg zur wissenschaftlich anerkannten Disziplin ebneten. Neben der Pharmazie galt Hagens Liebe der Botanik. Er führte Exkursionen ein und gab erstmals den Anstoß zur Einrichtung eines Botanischen Gartens, den dann A. F. Schweigger eröffnete.

Bemißt man das Lebenswerk Hagens, so dürften die überlieferten Schriften in ihrer Bedeutung gleichgestellt werden mit einem zunächst nicht direkt ins Auge fallenden Verdienst Hagens, das die Amerikanerin Olesko schlicht beschreibt: “The focal point of the evolution of the natural sciences at Königsberg in the early nineteenth century was the chair held by K. G. Hagen”. Königsberg wurde eine Generation nach Hagens Wirken zum deutschsprachigen Zentrum der Ausbildung in dennaturwissenschaftlichen Fächern (Königsberger Schule der Astronomieund der Mathematischen Physik). Letztendlich nahm daher auch die auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauende industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts im höchstem Maße ihren Ausgang von Königsberg.

Für diese Entwicklung stellte der Wissenschaftler Hagen die Weichen. Er erkannte bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, daß die Universität reformiert werden mußte, zumal besonders Frankreich, aber auch England, schon längere Zeit einen größten Wert auf die naturwissenschaftliche Ausbildung legten. Alle neuen Erkenntnisse, die sich international durchsetzten, wurden mit I. Kant erwogen. Beide Denker versuchten, jeweils von der Philosophie und der experimentellen Erfahrung ausgehend, “durch Grübeln und Nachdenken eine gewisse Klarheit zu erreichen” (H. Valentin).

Bald nach Kants Tod schien das preußische Staatsgebilde dem Untergang nahe. Friedrich Wilhelm III. weilte mit seiner Familie in Memel und Königsberg. Durch seine Vertretung einer Vielzahl naturwissenschaftlicher Fächer wurde Hagen mit der Königsfamilie bekannt. Er unterrichtete im Jahr 1808/09 in seiner Hofapotheke den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dessen Bruder Wilhelm in den naturwissenschaftlichen Fächern. Das Königspaar nahm an Experimenten, etwa der Erleuchtung des Hauses mittels eines Gases, teil.

Als sich der Krieg zu Preußens Gunsten wendete, erfolgte der Aufruf seitens der Regierung, die geistigen Kräfte des Landes zu reaktivieren. Nur die beiden alten Universitätsstädte Königsberg und Frankfurt/Oder waren dem Staate verblieben. Als Wissenschaftler und als Persönlichkeit verehrt, wurde Hagen nun im Rahmen der Humboldt’schen Bildungsreform zur Leitfigur der Universitätsreform in Königsberg.

Hagens Lehrtätigkeit für Physik, Chemie und Naturgeschichte wurde auf Anregung des Juristen Heidemann 1807 in die Philosophische Fakultät verlegt. Damit erhielt Hagen auch die Professur der philosophischen Fakultät, in die nach und nach einzelne Disziplinen der Medizinischen Fakultät eingegliedert wurden.

Gegen den Widerstand der Mehrzahl der Professoren setzte Hagen für die naturwissenschaftlichen Fächer seine Reformideen durch. In diesem Zusammenhang gab er sein Amt als Universalgelehrter auf, um junge Gelehrte nach Königsberg zu holen. Gemeinsam mit Friedrich Wilhelm Bessel, dem Mathematiker und später weltberühmten Astronomen an der neu errichteten Sternwarte in Königsberg, gründete er ein erstes “Königsberger Archiv für Naturwissenschaft und Mathematik”. Weiterhin erlangte die Physikalisch-Ökonomische Gesellschaft unter der Präsidentschaft Hagens eine wissenschaftliche Aufwertung. Hagen setzte durch, daß auch von der Universität unabhängige Kaufleute und Entdecker, wie der Klavierbauer Marty oder der Kunstgärtner Senff, aktive Mitglieder werden konnten.

Die vorrangige Förderung der naturwissenschaftlichen Fächer in Königsberg seitens der Regierung– selbst gegenüber der neu gegründeten Universität Berlin– hatte zur Folge, daß neben F. W. Bessel mehrere Naturwissenschaftler nach Königsberg berufen wurden. Die bekanntesten sind K. E. v. Baer, K. F. Burdach, C. G. Jacobi und schließlich Franz Neumann, der spätere Schwiegersohn Hagens (über ihn siehe OGT 1995, S. 143-146). Neumann errichtete in Königsberg das erste mathematisch-physikalische Institut auf deutschem Boden und wurde somit zum Begründer der Mathematischen Physik in Deutschland. Hagen selbst behielt die Chemie und Pharmazie als sein ureigenes Gebiet, dessen Entwicklung er so maßgeblich förderte, daß er von vielen Autoren als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Pharmazie angesehen wird. Die Hofapotheke hatte einen so vorzüglichen Ruf, daß der gesamte russische Hof– Zar und Großfürsten– ihre Medikamente nur von dort bezogen.

Auch das Privatleben Hagens spielte sich in dieser Hofapotheke ab. Vor der Eheschließung mit Johanna Marie Rabe (1764-1829) modernisierte Hagen das Haus. Im Erdgeschoß, in einem Durchgangszimmer zwischen Wohnung und Offizium, richtete er eine “Vorstube” ein, die zugleich Arbeitszimmer und Eßzimmer für die Bediensteten und für die Familie war. Das experimentelle Laboratorium war im Keller untergebracht. Der theoretische Unterricht der Studenten erfolgte im Obergeschoß. In der Apotheke herrschte zeitgemäß ein hierarchisches Reglement. Dagegen war Hagen privat ein gütiger Vater der fünfKinder Carl (1785-1856), Johann-Friedrich (1788-1865), Johanna, verheiratete Bessel (1794-1885), Ernst August (1797-1880) und Florentine, verheiratete Neumann (1800-1838).

In Gesellschaft hielt Hagen mit Scharfsinn und Witz die Gespräche stets im Fluß. Das galt sowohl für familiäre Veranstaltungen als auch für die Kant’sche Tischgesellschaft oder hochoffizielle Zusammenkünfte in akademischen Gesellschaften. Im Jahre 1800 wurde Hagen “Wirklicher Geheimer Rath” und bekam 1825, in Verbindung mit seinem 50. Doktorjubiläum, den Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub verliehen. Zum selben Anlaß ließen die Apotheker des ganzen Königreiches eine Silbermedaille nach einem Wachsmodell Wichmanns in der Berliner Prägeanstalt anfertigen, und die Universität Königsberg ließ in Verbindung mit den Apotheken der Provinz Preußen eine Marmorbüste von Prof. F. K. Wichmann gestalten. Schließlich wurde Hagen dadurch geehrt, daß eine ihn darstellende Scudelle an der Stirnseite des Stüler’schen Universitätsgebäudes angebracht wurde, die von Schindler geschaffen worden war.

Mit 67 Jahren übergab Hagen die Apotheke seinem Sohn Johann-Friedrich und kaufte sich ein Haus in der Zieglerstraße am Burgfriedenplatz. Er richtete auch hier eine Studierstube ein, in der die Regale mit den Büchern hoch an den Wänden hinaufreichten. “Unter ihnen bildete die alte alchymistische Bibliothek ein Curiosum, die Hagen sehr schätze, weil sie die Anfänge der Scheidekunst enthielt” (H.M. Mühlpfort). Von der Studierstube gelangte man in ein “Auditorium”, in dem er nach wie vor Studenten unterrichtete. Diesem Raum schloß sich ein aus der Küche umgebautes Laboratorium an, das weiterhin der experimentellen Forschung diente. Im Auditorium waren seine Sammlungen aufgestellt, die bedeutenden Herbarien, die Bernsteinsammlung, die entomologische Sammlung, welche die von ihm gefangenen Insekten in selbstgebauten Glaskästen beherbergte.

Hagen starb nach kurzer Erkrankung in seinem 80. Lebensjahr. Er wurde auf dem heute nicht mehr bestehenden Altroßgärter Friedhof beigesetzt, unter einem aus Berlin gelieferten Granitwürfel, an dessen Ecken vier kleine klassizistische Urnen das Grab schmückten. Die Stadt Königsberg ehrte Hagen ein letztes Mal mit der Namensgebung einer “Hagenstraße”.

Lit.: Caesar, W.: Karl Gottfried Hagen (1749-1829), in: Die Albertus-Universität zu Königsberg und ihre Professoren, Hsg.: Rauschning, D. v. Nerée, D. Berlin: Duncker und Humblot 1995, S. 389-396. – Matthes, H.: Pharmazie und Pharmazeuten in Ostpreussen. Pharmazeutische Zeitung, 73. Jg. Nr. 69 (1928), S. 1041-1055. – Valentin, H.: Das Lebenswerk K. G. Hagens.– Anläßlich des 400 jährigen Bestehens der Königsberger Albertusuniversität. Die Pharmazeutische Industrie, 111. Jg./4 (1944), S. 367-373. – Mühlpfort, H. M.: Königsberger Leben im Rokoko. Bedeutende Zeitgenossen Kants. Schriften der Herder Bibliothek, Bd. 7 (1981), S. 53-72. – Hein-Schwarz: Hagen, Karl-Gottfried, Deutsche Apothekerbiographien, Stuttgart 1975, S. 22. – Wimmer: Kant und die Pharmazie, Süddeutsche Apotheker-Zeitung, Jg. 89/16 (1949), S. 263-265. – Schmitz, R.: Die Deutschen Pharmazeutisch-Chemischen Hochschulinstitute, Ingelheim: C. H. Boehringer u. Sohn, 1969. – Hagen, S.: Dreihundert Jahre Hagen’sche Familiengeschichte Familienchronik, Selbstverlag, Bd. 2, 1938 (div. Bibliotheken). – Müller-Jahncke, W.-D.: Apothekerbildnisse auf Plaketten. Wiss. Verlagsgesellschaft Stuttgart 1980 (Veröff. der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Bd. 48 [1980], S. 47-50). – Olesko, K. M.: Physics as a calling; Discipline and Practice in the Königsberg Seminar of Physics; Cornell Hist. of Science Series; Univers., Ithaca and London 1991. – Neumann-Redlin von Meding, E.: F. W. Bessel im Kreise der Königsberger Naturwissenschaften. Sein Zusammenwirken mit K. G. Hagen, C. G. Jacobi und F. Neumann, F. W. Bessel-Festschrift, Minden (1996), S. 67-80 (Besselgymnasium). – Trunz, H.: Apotheker und Apotheken in Ost- und Westpreußen 1397-1945. Quellen, Materialien, Sammlungen, Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Bd. I, Nr. 5, und Bd. II, Nr. 5/2, Hamburg: Selbstverlag, 1992 und 1996.

Bild: Kupferstich nach einer Zeichnung von Dähling.

 

Eberhard Neumann-Redlin von Meding
 

 

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