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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Campenhausen, Hans Freiherr von

Theologe

* 1903, 16.12.
Schloß Rosenbeck/ Livland

† 1989, 06.01.
Heidelberg

Hans von Campenhausen entstammte einer adeligen Familie von Großgrundbesitzern in Livland, deren Vorfahren im Hochmittelalter mit der „Aufsegelung“ (Besiedlung) aus Deutschland ins damals noch heidnische Baltikum gekommen waren. Sein Vater wurde, als Vertreter der „Feudalklasse“, während der Revolutionswirren 1919 umgebracht. Die beiden baltischen Staaten Estland und Lettland waren 1721, nach der Beendigung des „Nordischen Kriegs“ zwischen Schweden und Russland, im Frieden von Nystad Teil des Zarenreiches geworden, was sie bis 1919 blieben. Die deutsche Oberschicht in beiden Staaten war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs tonangebend in Wirtschaft, Politik und Kultur.

Das Schicksal Hans von Campenhausens gleicht dem des in Dorpat, der zweitgrößten Stadt Estlands, geborenen Theologen Wilhelm Hahn (1909-1996), dessen Vater gleichfalls 1919 von „Rotarmisten“ erschossen worden war. Auch er floh mit seiner Familie ins Deutsche Reich, wo er Theologie studierte und von 1964 bis 1978 als Kultusminister in Baden-Württemberg wirkte.

Hans von Campenhausen wiederum floh mit seinen Angehörigen 1919 aus dem Baltikum nach Deutschland und legte 1922 in Heidelberg das Abitur ab; dort und in Marburg/Lahn studierte er Theologie und Geschichte. Seine akademischen Lehrer in Theologie waren die Neutestamentler Hans von Soden (1881-1945), Martin Dibelius (1883-1947) und Rudolf Bultmann (1884-1976). Hans von Campenhausen wurde 1926 in Heidelberg promoviert und 1928 habilitiert. Nach 1933 trat er der „Bekennenden Kirche“ bei.

Seine Distanz zum Nationalsozialismus verhinderte auch, dass er im „Dritten Reich“ zum Professor berufen wurde. Die beiden Berufungen 1935 nach Gießen als Nachfolger Heinrich Bornkamms (1901-1977) und 1937 nach Heidelberg als Nachfolger Walther Köhlers (1870-1946) scheiterten an seiner politischen Einstellung. Stattdessen musste er Lehrstuhlvertretungen und Lehraufträge in Gießen, Greifswald, Göttingen, Kiel, Heidelberg und Wien übernehmen. Erst 1945 wurde er auf den Lehrstuhl Hans von Schuberts als Professor für Kirchengeschichte nach Heidelberg berufen, wo er 1946 zum Rektor gewählt wurde. Dort entstanden auch seine beiden wichtigsten Werke Kirchliches Amt und geistliche Vollmacht in den ersten drei Jahrhunderten (1953) und Die Entstehung der christlichen Bibel (1968). Seine Monografien Griechische Kirchenväter (1955) und Lateinische Kirchenväter (1960) erlebten zahlreiche Auflagen. Seit der Gründung der „Patristischen Kommission“ 1960 war er deren Vorsitzender, was er bis 1980 blieb.

Aus seiner Lehrtätigkeit gingen 15 Hochschullehrer hervor. Das war die größte Schülerschar eines protestantischen Kirchenhistorikers im 20. Jahrhundert nach der des in Dorpat geborenen Adolf von Harnack (1851-1930). Hans von Campenhausens wissenschaftliches Arbeiten wurde im Alter zunehmend durch eine starke Sehbehinderung erschwert und machte es schließlich ganz unmöglich.

Lit.: Bernd Möller, Nekrolog Hans Freiherr von Campenhausen, 16.12.1903-6.1.1989, in: Historische Zeitschrift 249, 1989, S. 740-743. – Adolf Martin Ritter, Hans Frhr. von Campenhausen, in: Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht 34, 1989, S.113-116. – Adolf Martin Ritter, Hans von Campenhausen (16.12.1903-6.1.1989) – ein protestantischer Kirchenhistoriker in seinem Jahrhundert, in: Heidelberger Jahrbücher 34, 1990, S. 157-169. – Gottfried Seebaß, Hans Frhr. von Campenhausen, 16.12.1903 – 6.1.1989, in: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 1991, S. 86-88. – Christoph Markschies (Hrsg.), Hans Freiherr von Campenhausen. Weg, Werk und Wirkung, 2008.

Bild: www.edicionescristiandad.es.

Weblink: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Campenhausen

Jörg Bernhard Bilke

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